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Next: 6.4.1 Migration Up: 6. Regionalgebiet Südostasien: Minangkabau Previous: 6.3.1 Mythen zur Genesis

6.4 Die Basis des matrilinearen Sozialsystems

Die lokale territoriale Einheit ist das Nagari (Dorf), das in der Vergangenheit mit eigenen politischen, rechtlichen Einrichtungen als Idealform erachtet worden war. Im späten 17. Jahrhundert berichtet Tomas Dias über 8.000 Menschen, die im Dorf Pagarruyung vorwiegend vom Naßreisanbau lebten. Die Dorfgröße im Hochland schwankte zwischen 1.000 bis höchstens 10.000 Bewohnern.6.74

Die Entstehung zweier unterschiedlicher Rechtstraditionen bei der Minangkabau Bevölkerung wird auf ihre Genesis zurückgeführt. Die Abstammung und die Abstammungsgruppenbildung erfolgt über die weibliche Linie - mit Ausnahme der Adoption. Jede Person definiert sich über eine Sublineage (paruik), Lineage (payung) und den Klan (suku) der Mutter. Paruik bildet eine kooperierende Abstammungsgruppe mit einem zeremoniell eingesetzten männlichem Oberhaupt, dem penghulu. Die Autorität innerhalb einer Lineage oder Sublineage bildet der mamak (Mutterbruder, mütterlicher Onkel, oder ein klassifikatorischer mütterlicher Onkel, dies gilt ebenso für den penghulu oder den tungganai). Die soziale Stratifikation der traditionellen Gesellschaft auf der Dorfebene wird durch die Erbfolge erklärt: an der Spitze des Dorfes (nagari) stand der Raja, gefolgt vom matrilinearen Klan (suku) und der Position des Penghulu suku, sowie der Lineage (payung) mit dem Lineagevorstand Penghulu, weiters der Sublingeage (Paruik) mit dem Sublineagevorstand Tungganai. Die Kinder der Schwester eines männlichen Ego werden Kemanakan genannt, das sind die sororalen Nichten und Neffen. Der Lineagebesitz ist kommunales Eigentum, dazu zählten vor allem das Erbe der Ahnen: Reisfelder, wertvolle Erbstücke und Adat-Titeln. Alle Männer hoffen, daß sie nach der Heirat einen dieser Adat-Titel erben werden.6.75

Kahn zeichnete anhand seiner Forschungen im Dorf Sungai Puar (in der Nähe von Bukit Tinggi, der Distrikthauptstadt von Agam) die Verwandtschaftsbeziehungen auf. Die matrilinearen Abstammungsgruppen (suku) beziehen sich auf unterschiedliche Bereiche der Verwandten. Meist wird ein Suku mit einer der vier pan-Minangkabau Phratrien verbunden, die sich von den matrilinearen Deszendenten der zwei Kulturheroen ableiten: (1) Datuk Parpatiah nan Sabatang und (2) Datuk Katumangguangan. Namentlich werden diese überregionalen vier Suku-Einheiten oder vier pan-Minangkabau Phratrien als Koto, Piliang, Bodi und Caniago bezeichnet, die in zwei Moieties (lareh oder lara) zusammengefaßt werden (siehe dazu die beiden Adat-Rechtstraditionen: Koto-Piliang und Bodi-Caniago). Weder die Moieties noch die Phratrien korrespondieren mit einem territorialen Gebiet. Aber gleichzeitig ist jedes Minangkabau-Dorf mit einer der beiden Moieties verbunden und setzt sich aus einer bestimmten Anzahl von Suku (Klans) zusammen, die im engeren Sinne die Segmente der vier Phratrien repräsentieren. Nach den Forschungsergebnissen von Kahn gibt es auf der Dorfebene in Sungai Puar fünf Suku (Klans), die als Koto, Piliang, Sikumbang, Pisang und Malayu bezeichnet werden. Der Klan Koto wird in drei Subklans unterteilt: in Koto Gobah, Koto Musajik und Koto Salek Batang. Jede Sektion des Dorfes (Jorong, Dorfteil) besitzt repräsentative Segmente von jedem der fünf Dorfklans und jeder Dorfbewohner fühlt sich mit einer der vier Phratrien verbunden. Die Rekonstruktion dieser Verbindung ist heute von den Dorfbewohnern selbst nur mehr zur Koto und Piliang Phratrie nachvollziehbar. Die Anzahl der Klans variiert von Dorf zu Dorf, z.B. das Küstendorf Bungus bilden sieben Klans, das Dorf Sungai Puar hingegen nur fünf, wobei Koto und Piliang die mitgliederstärksten Klans sind.6.76

Im Dorf Sungai Puar werden die Klans und Subklans weiter segmentiert, aber nicht namentlich unterschieden. Alle bisher besprochenen Gruppierungen: Klans, Subklans und Segmente des Subklans werden nach Kahn von der Bevölkerung als suku bezeichnet. Insgesamt besteht eine große Flexibilität bei der Bezeichnung der matrilinearen Gruppen, wie auch bestimmter Positionen; z.B. hat das Dorf Sungai Puar keine Klanoberhäupter, sondern an der Spitze steht der Chief oder Penghulu, der mit Datuak angesprochen wird. Die Lineage-Segmente entsprechen der matrilinearen Gruppe, die in einem Adat-Haus zusammen wohnt. Das Dorf Sungai Puar setzt sich aus fünf Klans zusammen. Davon wird eine Sektion (Subklan, Jorong) des Dorfes Limo Suku genannt, die in 64 Lineage-Gruppen (oder genannt Suku, Pamili, Paruik) unterteilt sind. Sowohl der Chief als auch der Vorstand der Lineage-Gruppe erhält einen Ehrentitel (gala).6.77

Die höchste Autorität innerhalb des Dorfes besitzt die Adat-Ratsversammlung (,,nagari adat Council`` oder kerapatan adat nagari). Diese setzt sich aus den einzelnen penghulu (Lineageoberhäuptern) und anderen Funktionären - dem malim, manti und dubalang zusammen. Die Hauptaufgabe ist das Schlichten von Streitigkeiten, die sowohl strafrechtliche als auch zivile Angelegenheiten betreffen, die nicht auf einer unteren Ebene geschlichtet werden konnten. Die Zusammenkünfte (Nagari Adat-Treffen) finden im eigens für diesen Zweck errichteten Versammlungshaus (balai) statt, das wie ein traditionelles Adat-Haus aussieht und der Stil des Hauses reflektiert die beiden politisch-rechtlichen Traditionen. Nach der Beschreibung von Kato werden die Statusunterschiede der Koto-Piliang Tradition direkt in der Architektur des Versammlungshauses dargestellt. Nach seinen Informationen ist heute die Beziehung zwischen der Architektur des Versammlungshauses und der im Dorf vertretenen Adat-Rechtstradition nicht immer vorhanden, denn manche Dörfer wechselten von der einen zur anderen Rechtstradition ohne den Architekturstil des Versammlungshauses zu ändern.


11the Bodi-Caniago nagari, the council hall has a level floor, signifying that all council participants sit on the same level and that there are no status distinctions among the penghulu. The council hall of the Koto-Piliang nagari has the two ends of the building raised higher than the middle, indicating the status difference between those who sit above and below; penghulu of higher rank sit at the raised ends presiding over common penghulu who sit in the middle.6.78

Die Nagari-Mitglieder werden nach matrilinearer Abstammung in Gruppen unterteilt, d.h. ein Nagari besteht aus mehreren suku, ein Suku aus mehreren payung und ein Payung aus mehreren paruik. Jede matrilineare Gruppe wird nach außen von einem männlichen Oberhaupt vertreten, der eine politische und gerichtliche Funktion innehat, aber als primus inter pares handelt.6.79

Kato kam durch seine Forschungen zum Ergebnis, daß es in West-Sumatra 96 Suku gibt. Werden alle Suku mit gleichem Namen, aber in unterschiedlichen Dörfern zusammengezählt, erhält man eine Anzahl von 1.914 oder durchschnittlich 5,7 Suku pro Dorf. Nur eine kleine Anzahl von Suku waren weiter geographisch verbreitet und es ist signifikant, daß diese zu den fünf größten Suku (Caniago, Melayu, Piliang, Tanjung, Koto) zählten.6.80

Frederick K. Errington beschreibt die zeremonielle Einsetzung eines Penghulu im Dorf Bayur. Im Dorf gibt es sechs Suku und 44 zu vergebende Ehrenämter. Es wird ein Kandidat innerhalb der Abstammungsgruppe gewählt und nach einigen Tagen findet die Ratsversammlung statt. Während dieser zweiten Zusammenkunft wird geklärt, wieviel Geld zur Verfügung steht, und bestimmte Personen für Schlüsselrollen während der Zeremonie ausgewählt. Grundsätzlich muß aber entschieden werden, welche Form der Zeremonie gewählt wird: entweder nur die Nachbesetzung des Amtes oder eine elaborierte Einsetzung eines Penghulu. Die Form der Zeremonie bestimmt das Prestige des Penghulu, aber auch seiner matrilinearen Gruppe. Im Dorf Bayur wurde die prestigeträchtigere Art gewählt. Für die festgelegten zeremoniellen Rollen werden vier Frauen und vier Männer der Abstammungsgruppe des ins Amt einzusetzenden Penghulu ausgewählt. Die Frauen sind vor allem für die Bereitstellung, Vorbereitung und Verteilung des Festessens verantwortlich; die Männer für die Begrüßung, Sitzmöglichkeiten und die Betreuung der Gäste. Weiters werden zwei Redner gewählt, die eine alte ausgeschmückte traditionelle Ansprache (pasambahan) der ,,formellen Angelegenheit`` übernehmen. Zuletzt wird der Tag der Einsetzung des Penghulu festgelegt. Allein die Menge der vorzubereitenden Nahrung läßt die Bedeutung dieser Zeremonie erkennen. Nach Errington mußten 80 bis 100 kg Rindfleisch, 100 kg Fisch, 30 kg Pfeffer, 500 Kokosnüsse usw., vorbereitet werden.6.81

Einige Tage vor dem Fest wird vor dem Ahnenhaus des Kandidaten ein zeremonieller Torbogen von ca. 30 Männern errichtet, die in irgendeiner Form mit den Sponsoren des Festes verbunden sind. Andere Penghulu machten ihre Aufwartung, gaben Anweisungen, aber übernahmen keine schweren oder schmutzigen Arbeiten. Der Kandidat selbst beobachtete den Vorgang aus der Ferne. Nach 1 1/2 Stunden war das Torbogen fertig, und alle Beteiligten wurden zum gemeinsamen Essen ins Haus eingeladen. Die Frauen waren außerhalb und innerhalb des Hauses mit den Vorbereitungen der Nahrungsmittel für das Festessen beschäftigt und hatten Freude an dieser Gemeinschaftsarbeit, die instrumental begleitet wurde.6.82

Zuletzt wird das Ahnenhaus des Kandidaten mit sechs roten, weißen und schwarzen Fahnen geschmückt, die Farben rot, weiß und schwarz gelten als Minangkabau Farben. Nach Informantenberichten entsprechen die jeweils sechs Fahnen den sechs Suku des Dorfes, teilweise wurde aber auch gesagt, sie hätten nicht mehr Fahnen von der Nachbarstadt borgen können. Der Bericht von Errington zeigt, welche Bedeutung den Adat-Traditionen innerhalb der Dorfgemeinschaft zukommt; er schreibt:


11was, of course, most heavily vested with Fridaus and his periuak, but it did extend to encompass the entire town of Bayur, and even in the most pervasive sense, as shown by the willingness of a neighboring village to cooperate, the community composed of all Minangkabau. It is after all, adaik that makes community life itself possible and adaik which makes it reasonable for Minang anywhere to live as Minang.6.83

Am Tag des Festes erhält der Kandidat am Morgen seine ,,Regalien``: Turban, Schärpe, kris (Dolch) und seine Festbekleidung; kurz danach treffen sechs weitere Penghulu mit derselben Ausstattung ein, die von den gewählten vier Männern empfangen werden. Einer der vier Männer präsentiert eine bronzene Urne. Der Kandidat sitzt unter dem zeremoniellen Tor, zu dem die sechs Penghulu und die nachfolgenden fünf Penghulu gebracht werden, wo sie die vorgesehenen Sitzplätze einnehmen. In einem respektvollen Abstand finden sich die übrigen Festgäste ein, Männer und Frauen, Knaben und Mädchen. Der Datuak Maleko, ein assistierender Penghule der Piliang Gastgeber, ist der Hauptorganisator und Koordinator des Festes, der für alle Belange der Gäste zuständig ist. An den äußeren Stiegen des Adat-Hauses wird ein Foto von den beteiligten Pengulu gemacht, danach führt der Sprecher, der die bronzene Urne trägt, die Pengulu zu den vorgesehenen Sitzplätzen. Die Sitzordnung der Penghulu ist hierarchisch nach Prestige und Ansehen festgelegt: den Ehrenplatz im Zentrum erhält der Datuak Mudo, das Oberhaupt der Bayur Penghulu, alle anderen folgen ihrem Status entsprechend. Danach beginnt der gewählte Sprecher (zeremonielle Experte) mit der formellen Begrüßung. Innerhalb des Dorfes Bayur gibt es nur drei oder vier dieser zeremoniellen Experten. Er wurde von den Gastgebern als Leiter der Zeremonie gewählt. Die Penghulu unterhalten sich leise und rauchen, nach einer halben Stunde öffnen die vier gewählten Männer die geschlossenen Vorhänge bei den Fenstern an der Vorderfront des Hauses, sowie diejenigen Vorhänge, die das geschlossene Innere des Hauses von der Allgemeinheit trennen. Danach begann die zeremonielle respektvolle Rede, die vor allem aus Phrasen und Metaphern zusammengesetzt war, mit Informationen, die allen bekannt waren. Es werden die Ahnen geehrte, über den Ursprung der Minangkabau Welt berichtet, des verstorbenen Mitglieds gedacht, dem der Kandidat nachfolgen wird. Der Datuak Sati, der älteste der Gast-Penghulu, spricht im Namen aller 44 Penghulu des Dorfes Bayur, des Iman Chatib, der Intellektuellen und aller Bewohner des Dorfes.6.84 Er spricht zum Kandidaten des nachzubesetzenden Penghulu, der zum Datuak Bandaro ernannt wird:


11...All of you sit equally low, all of you stand equally high with all the panghulu in the community of Bayur. If sick, sick together; if happy, happy together; if insulted, insulted together with the other forty-three panghulu. You have been elevated to become a panghulu, not just from suku Piliang alone. You must also join in the project of other suku, not just in the village of Bayur, but generally throughout the Minang world. The boundaries of the sea where waves break, up to the durian tree slashed by the raja at Aia Banngih - there you will be a panghulu [a panghulu throughout all of the Minangkabau world]. ...6.85

Es folgt ein langes arabisches Gebet. Danach werden die Gäste gefragt, ob sie nun essen wollen, nur wenn ein Konsens gefunden wird, verkündet der Datuak Mudo, daß die Gäste zugestimmt haben. Es werden Schüssel mit Wasser gebracht, um sich nach dem Essen die Hände waschen zu können und dann folgen die vorbereiteten Speisen. Die Vorhänge werden wieder geschlossen, damit die Penghulu vom ,,gemeinen Volk`` beim Essen nicht beobachtet werden können. Während des Essens schien es keine Statusunterschiede zu geben, z.B. aßen einige Penghulu von derselben Schüssel. Als Errington nachfragte, erhielt er die Antwort, daß es nur ein Adat gebe, und die Penghulu eine einzige Einheit bilden. Das Ritual der Nachfolge in einer Position ist insgesamt ein formaler und festgelegter Übergang. Die unterschiedlichen Verwandtschaftsgruppen, innerhalb der Gastgeber- und der Gast-Abstammungsgruppe, handeln in unterschiedlicher Weise nach Nähe und Ferne der Verwandtschaft mit dem Penghulu-Kandidaten. Am nächsten Tag finden weitere Zeremonien statt und die große Abschlußparade der Frauen, die den neuen Penghulu der Allgemeinheit vorstellen. Der Penghulu selbst reflektiert und schafft Ordnung und schafft die intellektuelle Basis dieser Ordnung.6.86

Als urang asa wird die älteste Abstammungsgruppe des Dorfes bezeichnet. Nicht jede urang asa hat aber das Recht, andere Adat-Funktionäre zu wählen oder gewählt zu werden. In manchen Dörfern werden die Adat-Funktionen von einer Sublineage innerhalb der Lineage monopolisiert. Der mit besonderem Status innerhalb der Elite ausgestattete ,,große`` Penghulu ergibt sich aus seinem Vermögen und seinen besonderen Kenntnissen. Gibt es eine Hierarchie zwischen den Penghulu im Dorf, dann kann er die einflußreichste (politisch und gerichtlich) sowie prestigereichste Person im Minangkabau Dorf sein und hat Zugang zum besonderen sawah, genannt sawah kagadangan, kann Steuern einheben für neues Agrarland oder für das Fällen von Bäumen, etc. Anders als der islamische Experte (alim ulama), ist der Penghulu die einzige Person im traditionellen Dorf, die das Wissen über das Adat monopolisiert. Das adat-Wissen ist die Basis für die politische und gerichtliche Entscheidungsfindung innerhalb der einzelnen Abstammungsgruppen und für alle Dorfangelegenheiten. Gemeinsam mit den islamischen Experten ist der Penghulu eine der respektvollsten Personen des Dorfes. Er wird häufig aufgefordert, eine zweite Frau zu heiraten, besitzt den Ehrentitel gala und darf nur mit seinem Titel angesprochen werden, jede andere Art wäre eine Beleidigung. Bei zeremoniellen Angelegenheiten trägt der Penghulu eine traditionelle schwarze Bekleidung, einen Hut (destar) und unterliegt strengen Verhaltensvorschriften: er darf nie die Geduld verlieren oder ärgerlich werden, nicht auf Bäume klettern, nicht laufen wie ein Kind und nicht fischen. Nach Kato kann eine Person riesige Reichtümer ansammeln, erhält aber erst einen höheren Status, wenn sein paruik von den Ahnen geerbtes Land und einen eigenen Friedhof (pandam pakaburan) besitzt, als Zeichen von urang asa.6.87



 
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Isabella Andrej
1999-03-04