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6.3 Minangkabau: Rechtstraditionen, Islam und Kolonialismus

Geht man von der Annahme aus, daß Adityavarman der erste Minangkabau-Chief war, so würde dies bedeuten, daß die aristokratische Lineage über 450 Jahre ihren Einfluß über die Minangkabau-Bevölkerung ausgeübt hätte, und erst mit den Padri-Kriegen beendet wurde. Die entscheidenden Veränderungen dürften mit den Rechtstraditionen der aristokratischen Lineage stehen, die im späten 16. Jahrhundert engere Kontakte mit muslimischen Händlern und ihren islamischen Ideen hatten. Danach werden die politischen Funktionen auf drei Mitglieder verteilt: (1) Daulat Yang Dipertuan Raja Alam (,,Herrscher der Minangkabau Welt``), als Inhaber des höchsten Status und dem politischen Zentrum in Pagarruyung, (2) Raja Adat (,,Herrscher der adat-Traditionen``) in Buo; (3) Raja Ibadat (,,Herrscher der Religion``) und den Basa nan Empat Balai (den großen Männern der vier Council Halls). Die Funktion des Raja Ibadat war am engsten mit dem Handel verbunden und hatte in Sumpur Kudus seinen Sitz. Sumpur Kudus dürfte sehr früh islamisiert worden sein und war zugleich der erste Hafen der Minangkabau an der Westküste.6.48

Nach Edwin M. Loeb kann generell angenommen werden, daß die Minangkabau Rajas keine Autorität über die ,,Minangkabau Welt`` ausüben konnten, sondern sie wurden geehrt und respektiert und nichts weiter.


11only authority the radja had was that of intermediary in the petty wars fought between the negari. When such a war had lasted a long time without a decisive victory, the radja sent a messenger with a yellow umbrella to the struggling negaris. This emblem was planted on the battlefield for the purpose of establishing peace. If both parties continued the struggle, however, the radja did nothing further in the matter. He had no army to enforce his power, nor did he try to arbitrate.
The Hindu line of radjas appeared satisfied with the honor paid them, and the taxes. They were kings without soldiers: the poorest pretense of monarchs the world has known. With their disappearance, the actual government of the negari went on quite as before.6.49

Die Vermutung, daß der Raja kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Minagkabau-Dörfern durch ein symbolisches Zeichen beenden konnte, erscheint nicht sehr plausibel, wie überhaupt Feindschaft zwischen den Dörfern. Merkwürdig ist, daß es in der Literatur kaum Hinweise über die Bedeutung der Kriegführung der Minangkabau gibt.

Aus den Beschreibungen über die Autorität der Minangkabau Rajas entsteht nach Kato folgendes Bild:


11gets the impression that kingship lasted for a long time precisely because the raja had no strong authority or power, and because there was no external or internal aggression threatening to overthrow kings. Together with its historical inception, the nature and function of Minangkabau kingship ought to be an important topic of historical studies in the future.6.50

Der Einfluß der aristokratischen Familien dürfte durch die Wahl neuer Handelsrouten und dem Aufstieg des Sultanats von Malakka im 15. Jahrhundert zurückgegangen sein. Die portugiesische Eroberung von Malakka betraf auch den Goldhandel der Minangkabau; darauf beruhte das Prestige der aristokratischen Lineages. Die Dörfer mit den Goldvorkommen im Tanah Datar Distrikt und an den Hauptexportrouten unterstützten die aristokratischen Lineages (d.h. sie folgten den Kota-Piliang Rechtstraditionen). Ab den 1780er Jahren waren die Goldvorkommen erschöpft und die alte Ordnung veränderte sich. Zu den neuen Handelswaren zählten Kaffee, Salz, Gambier und Textilien. Mit dem internationalen Kaffeeboom ab 1800 wurde Kaffee zur wichtigsten Einnahmequelle der Hügeldörfer von Agam und Limapuluh Kota. Hauptabnehmer dieser cash crops waren die Briten und Amerikaner, die in Penang 1786 eine Handelsrevolte stimulierten. Die holländische Expansion traf mit der ersten islamischen Erneuerungsbewegung ,,Indonesiens`` zusammen. Das Minangkabau-Gebiet war das Zentrum des sozialen, religiösen und politischen Wandels seit dem späten 18. Jahrhundert und hatte damit nachhaltigere Auswirkungen auf das übrige ,,Indonesien`` als alle anderen Regionen. Neben den Handelsaktivitäten entstand eine islamische Reformbewegung, die von Agam in den 1780er Jahren ausging und um 1803/04 als Padri-Bewegung bekannt wurde. Der Name leitet sich von den Anführern, den orang Pidari, den ,,Männern von Pedir`` ab, die nach Mekka über den Hafen von Pedir pilgerten. Eine Gruppe von drei hajis (Pilger) kehrte 1803/04 ins Minangkabau-Gebiet zurück und war von der puritanischen Wahhabi-Reform stark beeinflußt. Die Reformbewegung richtete sich zu Beginn gegen die Spielleidenschaft, Stockkämpfe, das matrilineare adat, insbesondere die Vererbung, das Opiumrauchen, starke alkoholische Getränke, Tabak, Betelnuß, insgesamt gegen den freien Umgang mit Genußmitteln. Die Reformbewegung war aber nicht mit der arabischen Wahhabi-Bewegung vergleichbar, sondern die wichtigsten Padrianführer erhielten Minangkabau-Titeln des Respekts, z.B. für religiöse Lehrer ,,tuanku``, der berühmteste wurde Tuanku Imam Bonjol (1772-1864).6.51

In den Augen der Holländer bestand ein Konflikt zwischen Islam versus adat und den tuanku (religiöse Führer) versus penghulu (tradtionelle Klanoberhäupter des Adat). Die Padris wurden im Tanah Datar Gebiet mit erheblichem Widerstand konfrontiert. Um 1825 war die Mehrheit der aristokratischen Familienmitgliedern ermordet, der endgültige Padri-Sieg stand kurz bevor. Padris drangen in Süd-Tampanuli ein und setzten die Islamisierung bei den ,,heidnischen`` Batak fort. Als die Holländer wieder ihre Vorherrschaft in der Region sicherten und 1819 die Anti-Padri Bewegung der penghulu und Überreste der aristokratischen Familien unterstützten, waren die militärischen Erfolge der Padris beendet. Die Minangkabau unterzeichneten einen Vertrag mit den Holländern und anerkannten damit deren Souveränität über ihr gesamtes Siedlungsgebiet. Der Padri-Krieg konnte endgültig erst 1838 durch einen Sieg der Holländer beendet werden. Die Padri-Kriege hinterließen in der Minangkabau Gesellschaft tiefe Spuren, sowohl im Verhältnis zwischen adat und Islam, als auch durch die Anerkennung der Holländer als Kolonialmacht. Die Holländer schlossen einen Vertrag mit Aceh (1838), okkupierten Singkil und Barus (1839-1840) und dehnten ihren Einfluß ins Gebiet der Batak-Bevölkerung aus. Die Batak galten als gefürchtete und gewalttätige ,,Heiden``; ihr religiöses Leben sei durch eine Kombination von Animismus, Magie und altem Hindu (oder Hindu-Javanischem) Einfluß gekennzeichnet. Von den Batak wird berichtet, daß sie keine zentralistische politische Struktur entwickelten, sondern sich auf ein Art Loyalität gegenüber einem mit übernatürlichen Kräften ausgestatten Chief, genannt Si Singamangaraja, in Bangkara, beschränkten. Dennoch konnte das Batak-Land von den Holländern nicht ohne weiteres erobert werden. 1872 galt der Batak-Krieg von den Holländern aus gesehen als siegreich beendet; die Widerstandsbewegung der Batak dauerte aber bis 1895 an. Die Padri-Bewegung hatte auf Sumatra die Verbreitung des Islam gefördert. Die Holländer setzten ab den 1850er Jahren mit der Verbreitung des Christentums fort.6.52

Richtig ist, daß durch die Padri Kriege eine neue Beziehung zwischen Islam und den matrilinearen Adat-Rechtstraditionen entstand. Es wird berichtet, daß vor der islamischen Bewegung ,,adad was based on appropriateness and propriety``, diese Formulierung ändert sich durch die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Minangkabau adat und wird zu: ,,adat is based on Islam, Islam is based on adat``. Hier sei die Unabhängigkeit von adat und Islam enthalten und es wird in diesem Sinne angenommen, daß es keine parallele Beziehung gibt. Während der Padri Kriege tritt eine weitere Veränderung ein und es heißt: ,,adat is based on Islam, Islam is based on the Holy Text``. Diese Version wird seither akzeptiert und beinhaltet, daß der Islam über dem adat steht und sich die Kuriosität von matrilinearem adat und patrilinear-orientierten islamischen Rechtstraditionen entwickelte. Es heißt heute, ein guter Muslim sollte sowohl ein Vertreter des Adat sein, aber auch ein Vertreter des Adat sollte ein guter Muslim sein. Die Manifestation dieser Idee konnte aber auch bei einzelnen Batak-Gruppen festgestellt werden.6.53 Kato bezieht sich auf zwei Informationen während seines Forschungsaufenthalts, wo es heißt:


11of this idea can be clearly observed in two instructive historical incidents. One is the existence of two purely Batak yet matrilineal nagari (Simpang Tonang and Cubadak) near the border of the Minangkabau and the Southern Batak. According to my interview with a village head of Simpang Tonang (February 1973), the Batak migrated from Pidoli-Penyabungan in South Tapanuli about 400 years ago. See also Datuk Batuah (pp.166-171). Apparently, these originally patrilineal villages became matrilineal after conversion to Islam during the Padri wars. The other is the conversion of the Rejang people to Islam by Minangkabau and Kerinci migrants and their subsequent shift from patriliny to matriliny. According to Jaspan (1964), this took place around the 1920s and 1930s when the Kaum Muda (Young Group), Islamic reformists from West Sumatra and Kerinci, were active in the Rejang area. Despite these examples, we should be aware that the relation between adat and Islam has not always been void of tension.6.54

Heute wird - nach Informationen von Kato - von den Minangkabau selbst gesagt, daß der Islam (Syarak) von der Küste gekommen ist, während das Adat vom Berg Merapi abstammt. Generell wird angenommen, daß der Islam über die Westküste ins Kernland der Minangkabau eindrang, das erste islamische Zentrum sei im späten 17. Jahrhundert im Küstendorf Ulakan gegründet worden.6.55

Die entscheidenden Veränderungen haben sich aber vor allem im 20. Jahrhundert vollzogen. Als Ursachen für den Wandel innerhalb der traditionellen Dorfgesellschaft nennt Kahn folgende: eine Antisteuerrebellion in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts, ein gescheiterter kommunistischer Aufstand in den 1920er Jahren, die Phase des Nationalismus während des Unabhängigkeitskrieges und die regionalen Bewegungen der späten 1950er Jahre.6.56 Von den Minangkabau wurden während des Kolonialismus die Chancen des holländische Bildungswesens und der neuen Märkte genutzt. Dabei wurde die traditionelle Eigenständigkeit aber immer betont, wie die Synthese von Islam und dem Zugang der Frauen zu Bildungseinrichtungen, eigenem Einkommen und die matrilineare Vererbung von Land bis heute zeigt.6.57



 
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Isabella Andrej
1999-03-04