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6.2.6 Islam und die Folgen

Das Eindringen des Islam ist der signifikanteste Prozeß der indonesischen Geschichte. Muslimische Händler erschienen bereits Jahrhunderte an der Küste ,,Indonesiens`` bevor der Islam in die lokalen Gemeinschaften integriert wurde. Wann und warum die Mehrheit der Bevölkerung der indonesischen Inselwelt den Islam übernommen hat, dafür wurden zwei Prozesse als wahrscheinlich angenommen: (1) die ,,indonesische`` Bevölkerung kam in Kontakt mit dem Islam und konvertierte; (2) fremde Asiaten (Araber, Inder, Chinesen, etc.) die bereits in ,,Indonesien`` permanent siedelten, hatten den Islam übernommen. Interethnische Ehen und die Übernahme des lokalen Lebensstils führten dazu, daß sie zu Javanern, Malayen oder was immer wurden. Beide Prozesse dürften häufig zusammengetroffen haben, jedoch erscheint diese Erklärung nicht ausreichend zu sein. Die Ausbreitung des Islam kann durch die weite Verbreitung von islamischen Inschriften und einigen wenigen Reiseberichten nachgewiesen werden. Der älteste muslimische Grabstein wurde in Leran in Ostjava gefunden und erinnert an eine Frau, Tochter von jemandem der Maimun genannt wurde. Der Grabstein ist mit 475 nach Mohammed (entspricht 1082 n.Chr.) datiert. Ungeklärt ist dabei, ob das Grab sich tatsächlich auf Java befand, oder der Grabstein aus irgendeinem Grund nach Java gebracht wurde (wie z.B. als Ballast für ein Schiff). Mit Sicherheit kann aber gesagt werden, daß es sich um eine nicht-indonesische Muslimin gehandelt hat. Der Stein sagt aber nichts über die Etablierung des Islam auf ,,Indonesien`` aus.6.43

Es kann bis heute nicht eindeutig gesagt werden, woher der Islam nach Indonesien gebracht und warum er zur dominierenden Religion wurde. Betrachtet man die Legenden, die die Indonesier selbst über die Konvertierung zum Islam erzählen und die teilweise in Malaysisch aufgeschrieben wurden, dann beziehen sich diese Versionen vor allem auf das 18. und 19. Jahrhundert und stehen im Zusammenhang mit einer Prophezeihung Mohammeds. Heute wird mehrheitlich angenommen, daß dieser Prozeß mehrere Jahrhunderte andauerte und es scheint, daß der islamische Einfluß sowohl von den Indonesiern selbst ausging, insbesondere von malaysischen und javanischen muslimischen Reisenden in ,,Ostindonesien``, und von muslimischen ,,Herrschern``, die nicht-islamische Gebiete eroberten. Warum der Islam gerade im 13., 14. und 15. Jahrhundert von einer besonders großen Anzahl ,,Indonesier`` übernommen wurde, kann heute nicht mehr auf Eheschließungen zwischen muslimischen fremden Händlern und Nicht-Muslimen zurückgeführt werden. Die Handelsbeziehungen brachten zwar den Islam nach ,,Indonesien``, diese reichen aber nicht für eine Erklärung für die Ausbreitung des Islam aus. Vermutet wird, daß in Regionen, die vor dem ersten islamischen Kontakt bereits Zentren gebildet hatten, die Übernahme des Islam eher abgewehrt wurde. Ein Beispiel dafür wäre Bali, das bis in die Gegenwart seine hinduistische Vergangenheit bewahren konnte. Über andere Regionen, wie Teile von Sumatra und Java, weiß man vor der Islamisierung überhaupt nichts und die ersten Erwähnungen gehen auf fremde muslimische Siedlungen zurück. Ab dem 13. Jahrhundert erscheint der Titel Sultan in Nordsumatra. Die erste Einflußnahme des Islam dürfte ein friedlicher Prozeß gewesen sein, da es keine Beweise für eine militärische Intervention gibt. Jedoch dürfte die weitere Verbreitung des Glaubens sehr wohl auf Kriegführung zurückzuführen sein. Ricklefs nennt als Beispiel dafür - im 16. Jahrhundert - Sumatra und Java, im 17. Jahrhundert Sulawesi, wobei der Krieg aber nicht in erster Linie für die Ausbreitung des Islam geführt wurde. Die Hauptursache der Kriegführung dürften eher dynastische, strategische und handelsorientierte Gründe gewesen sein. Der Islam wurde in ,,Indonesien`` nicht nur durch Überzeugung und durch Druck des Handels übernommen, sondern auch mit dem Schwert erzwungen.6.44

Viele Fragen, die die Übernahme des Islam betreffen, sind bis heute ungelöst. Mehrere Jahrhunderte der Einflußnahme von islamischen Fremden, die durch ihre Handelsbeziehungen zeitweise nach ,,Indonesien`` kamen oder sich ansiedelten, dürfte dazu geführt haben, daß mit Beginn des 13. Jahrhunderts von einer einsetzenden Islamisierung gesprochen werden kann, die sich insbesondere im 14. und 15. Jahrhundert fortsetzte. Dies dürfte vor allem Mitte des 15. Jahrhunderts von Malakka ausgegangen sein und diejenigen Chiefdoms betroffen haben, die mit Malakka Handelsbeziehungen hatten. Während des 15. Jahrhunderts entstanden muslimische Chiefdoms an der Westküste Malaysias in Perak und Kedah, aber auch in Pahang, Kelantan und Terengganu, wo sich bereits Ende des 14. Jahrhunderts muslimische Rechtsschulen verbreiteten, wie auch in Pattani im südlichen Thailand. Eine ähnliche Entwicklung fand auch in den Flußhäfen an der Ostküste Sumatras, z.B. in Siak und Kampar, statt.6.45

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts entwickelte sich Malakka zur Handelsmetropole mit einem Zentrum von fremden Muslimen, die nicht unwesentlich zur Ausbreitung des Islam beigetragen haben dürften. Außerhalb von Java, Sumatra und der malaysischen Halbinsel, gibt es keinen Beweis für die Übernahme des Islam von der ,,indonesischen`` Bevölkerung vor dem 16. Jahrhundert.

Die neuen Chiefdoms, die in ,,Indonesien`` entstanden, als die ersten Europäer ankamen, sind kaum dokumentiert. Die Rekonstruktion dieser Entwicklung ist auf drei Regionen mit relativ gesicherten Hinweisen beschränkt: Aceh, Java und Süd-Sulawesi. Über die Verhältnisse in der Küstenregion Sumatras gibt es für das 16. Jahrhundert, kurz nach dem Eintreffen der ersten Portugiesen (1511) eine Beschreibung von Tomé Pires.6.46 Der aus Lissabon stammende Pires lebte von 1512 bis 1515 in Malakka und zeichnete seine Erfahrungen und Informationen auf, die er von anderen Besuchern des 16. Jahrhunderts erhielt. Teilweise enthält sein Bericht Unstimmigkeiten, aber großteils konnte die Richtigkeit seiner Darstellung durch andere Fragmente nachgewiesen werden. Bezogen auf Pires, dürfte die Mehrheit der ,,Herrscher`` von Sumatra dieser Zeit bereits den Islam übernommen haben (von Aceh im Norden bis nach Palembang in Südostsumatra). Jedoch südlich von Palembang - um die Spitze herum die Westküste aufwärts - war die Mehrheit der Bevölkerung wahrscheinlich noch nicht islamisiert. Pasai entwickelte sich zu einer internationalen Handelsgemeinschaft, dessen ,,Herrscher`` zwar Muslime waren, aber die Bevölkerung im Hinterland des Einflußgebietes sei, nach Pires, noch nicht konvertiert. Ähnlich soll es den Minangkabau-Chiefs ergangen sein, die nur einige Hundert ihrer Gefolgsmänner zur Übernahme des Islam bewegen konnten. Gleichzeitig bemerkt aber Pires, daß der Islam täglich an Einfluß gewinnt.6.47


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Isabella Andrej
1999-03-04