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6.2.5 Islamische Chiefdoms in Nordsumatra

Ein halbes Jahrhundert vor Adityavarman entstand ein muslimisches Chiefdom in Pasai an der Nordostküste von Sumatra, wo ein Grabstein den ersten muslimischen ,,Herrscher``, genannt Sultan Malik al-Salih auf Sumatra bezeichnet, datiert mit 696 (1297 n.Chr.). Zahlreiche weitere Grabsteine belegen die Existenz einzelner muslimischer Dynastien im indonesisch-malaysischen Gebiet ab dem 13. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert berichtet ein marokkanischer Reisender namens Ibn Battuta, der ebenfalls nach China zwischen 1345 und 1346 reiste, von einem Chief, der der Shafi'i Rechtsschule folgte. Weitere muslimische Chiefdoms und Sultanate entstanden im östlichen Sumatra während des 15. Jahrhunderts.6.34

Marco Polo war der erste Europäer, der Sumatra 1292 besuchte. Er berichtet über acht kleine Chiefdoms in Nordsumatra, davon erwähnt er sechs namentlich: Ferlec (Perlak), Basma (Pase), Samara (Samudra), Dagroian (Indragiri), und Lambri (Lamuri, als Groß Aceh). Ein Besuch in Malayu wird beschrieben, aber keiner in Srivijaya. Nach Loeb dürfte dies darauf zurückzuführen sein, daß das Chiefdom Malayu von Java aus als Opposition zu Srivijaya wieder etabliert wurde. Malayu sei zwar von Java unabhängig gewesen, war aber gleichzeitig ein Ort, von dem der javanische Einfluß auf Sumatra ausging. Bereits 1281 sandte Malayu eigene Botschafter nach China, darunter waren zwei Muslime für die Mission ausgewählt worden, deren Namen uns überliefert sind: Sumayman und Chamsu'd-din. Zur selben Zeit formierten sich die kleinen muslimischen Chiefdoms an der Küste Nordsumatras, davon waren - nach Marco Polo - Samudra und Perlak die bedeutendsten. 1292 sandte Malayu eigene Truppen als Unterschützung von Majapahit nach China. Von diesem Kriegszug wurden zwei sogenannte ,,Prinzessinnen`` als Beute mitgebracht, die mit den Chiefs von Majapahit und Malayu verheiratet wurden. Eine Art Heiratspolitik, die künftige Kontroversen zwischen China, Majapahit und Malayu vorbeugen sollte. Als 1301 erneut Botschafter von Malayu nach China gesandt wurden, konnte durch die geschlossenen Übereinkünfte der Einfluß Malayu auf der malaysischen Halbinsel ausgedehnt werden.6.35

Vor 1500 war Aceh ein unbedeutender Ort. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts setzt eine Expansion ein, die mit der Erwähnung des ersten Sultans von Aceh, genannt Ali Mughayat Sayah (1514-1530) zusammenfällt. Sein Name ist auf einem Grabstein belegt, der mit 936 (1530 n.Chr.) datiert ist. Der Grund für den wirtschaftlichen Aufstieg der Region Aceh in Nordsumatra dürfte die portugiesische Eroberung Malakkas gewesen sein. 1518 überließ der Sultan Mahmud von Malakka den Portugiesen die Stadt und setzte seine dynastische Linie in Johor fort. Zahlreiche Angriffe der Portugiesen auf Johor folgten und endeten 1536 mit einer schweren Niederlage des Sultans, der einen Großteil seiner Truppen verlor und einen Kompromiß mit den Portugiesen schließen mußte. Diese Auseinandersetzungen auf der malaysischen Halbinsel dürften den Aufstieg Acehs gefördert haben. Ali Mughayat Sayah nutzte seine Chance und übernahm Daya an der Nordwestküste Sumatras, das nach Tomé Pires Bericht ,,The Suma Oriental`` noch nicht islamisiert war. Er setzte seine erfolgreiche Expansionspolitik an der Ostküste Sumatras fort und konnte die Kontrolle über die pfeffer- und goldproduzierenden Regionen übernehmen. Der Konflikt mit den portugiesischen Interessen war vorprogrammiert und zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen folgten, aber ohne endgültige Entscheidung.6.36

In die Geschichte von Aceh ging als erfolgreichster Krieger-Sultan Alauddin Riayat al-Kahar (1537/9-1571) ein. Über ihn wird berichtet, daß er 1539 die südlich von Aceh lebende Batak-Bevölkerung angriff, weil sich deren Chiefs weigerten, den Islam zu übernehmen. Der Batak Bevölkerung gelang es großteils - bis ins 19. Jahrhundert - sich gegen eine Islamisierung oder Christianisierung erfolgreich zu wehren. Insgesamt waren seine militärischen Erfolge eher gering, aber der Sultan soll die Teilung der Gesellschaft in administrative Lineage-Gruppen (genannt kaum oder sukuë) etabliert haben. Es blieb bisher unklar, ob diese Überlieferung den historischen Tatsachen entspricht.6.37 Interne Nachfolgestreitigkeiten folgten zwischen 1571 und 1607. Die religiöse Identität dürfte während dieser Phase der Kriegführung eine untergeordnete Rolle gespielt haben, denn Aceh und Johor waren Erzfeinde.6.38

Im frühen 17. Jahrhundert konnte sich der Sultan von Aceh Iskandar Muda (1607-1636), durch seine straff organisierten Truppen (Galeeren, Kavallerie mit persischen Pferden, Elefanten, Artillerie und Infanterie) für kurze Zeit eine militärische Vormacht in der Nordregion Sumatras sichern. Er eroberte kleine Handelszentren, attakierte 1613 Johor und nahm Mitglieder der Sultanfamilie und eine Gruppe von VOC-Händlern (Vereenigde Oost-Indische Compagnie, 1602-1799) gefangen. Johor leistete weiter Widerstand und bildete eine Allianz mit Pahang, Palembang, Jambi, Inderagiri, Kampar und Siak. 1629 wurde die Expansionspolitik von Aceh endgültig von den Portugiesen gestoppt. Nach einem portugiesischen Bericht sei die gesamte Flotte des Sultans von Aceh Iskandar Muda mit 19.000 Mann verloren gegangen. Kleinere Angriffe aus Aceh gegen Revolten in Pahang folgten. Ab 1629 konnte Johor seinen Einfluß wieder ausbauen, ohne Angriffe aus Aceh fürchten zu müssen. Iskandar Muda etablierte Aceh als permanenten Handelshafen von Nordsumatra. Sein Hauptproblem lag in der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmittel. Das Hinterland war kaum zu kontrollieren und konnte die Stadt nicht ausreichend versorgen. Durch die Kriegszüge konnten zwar Kriegsgefangene für die Landwirtschaft rekrutiert werden, aber die Probleme verstärkten sich mit dem Anstieg der Bevölkerungszahlen. Die dominierende Sprache der Stadt Aceh war Malaysisch und die Bevölkerung war ,,international`` zusammengesetzt. Ab dem späten 17. Jahrhundert verlor Aceh wieder an Bedeutung.6.39

Iskandar Muda von Aceh sicherte sich durch das Handelsmonopol die Macht in der Region, schwächte damit die aristokratischen Familien und gleichzeitig schuf er eine neue Art von Nobilität, die ,,war leaders``, die im Malaysischen als hulubang und in Aceh als uleëbalang bezeichnet wurden. Diese erhielten nach erfolgreich geschlagenen Schlachten Distrikte (mukim), die sie als Grundherren verwalteten. Iskandar Muda ließ seinen eigenen Sohn töten und setzte seinen Schwiegersohn als Nachfolger ein: Iskandar Thani Alauddin Mughayat Syah (1636-1641), ein Sohn vom Sultan von Pahang. Dieser vertrat nicht die Angriffspolitik seines Schwiegervaters, sondern er schuf ein Zentrum für islamische Lehren. Nach seiner kurzen Regentschaft konnte die Elite von Aceh ihren Einfluß wieder geltend machen und verhinderte erfolgreich bis ins 19. Jahrhundert eine Machtkonzentration unter der Person eines Sultans. Sie bestimmten als Nachfolgerin die Witwe (Tochter) von Iskandar Thani, Taj ul-Alam (1641-1675), deren Einflußbereich auf die Stadt Aceh beschränkt blieb. Das Hinterland kontrollierten die uleëbalang und religiöse Führer (iman oder ulama). Zwischen 1699 bis 1838 folgten elf unbedeutende Sultane, darunter befanden sich drei Araber (1699-1726), zwei Malayen (beide 1726) und sechs Bugis (1727-1838).6.40 Die Buggis kamen aus Süd-Sulawesi, die im 17. und 18. Jahrhundert eine große Expansionsbewegung begannen, nicht wie vermutet werden könnte, innerhalb Sulawesis, sondern per Schiff.6.41

Im 19. Jahrhundert etablierten sich die Kolonialmächte; im Vertrag von London 1824 wurden die britischen und holländischen Interessensphären festgelegt: die Briten erhielten die malaysische Halbinsel, die Holländer Sumatra. Das holländische Malakka fiel an die Briten und das bisher britische Bengkulu auf Sumatra erhielten die Holländer und die Unabhängigkeit von Aceh wurde im Vertrag garantiert. Die holländische Expansionspolitik wurde fortgesetzt: Bali, Nusa Tenggara, Kalimatan, Sulawesi, die Inseln von Nias. 1825 wurde ein Vertrag gegen den Sklavenhandel unterzeichnet, trotzdem wurden vor allem in Padang und Singapore weiterhin Sklaven verkauft. Aceh erweiterte seinen handelspolitischen Einfluß vor allem durch Pfeffer, der von hier aus die Hälfte des Weltpfefferbedarfs deckte. Viele kleine Häfen und Chiefs waren Vasallen von Aceh. Die zahlreichen ,,Pfeffer Rajas`` verfolgten eigene Interessen und Nordsumatra galt als Zentrum der politischen Desintegration. Erst als der Sultan von Aceh die ,,Pfeffer Rajas`` gegeneinander ausspielte und eine Expedition an die Ost-Küste Sumatras sandte, kam es zum Zusammenstoß mit den Holländern. Die Holländer versuchten Verbündete unter den europäischen Kolonialmächten gegen das militärisch mächtige Sultanat Aceh zu gewinnen, aber ohne Erfolg. Ebenso erging es dem Sultan von Aceh, der die Türken gewinnen wollte. Das Hauptinteresse an Aceh hatten aber die Briten, die den Pfefferhandel kontrollierten. Deshalb entschied sich die Politik in London, daß die Holländer Aceh übernehmen sollten. Die Holländer intervenierten und bombadierten im März 1873 die Hauptstadt Banda Aceh (Kutaraja). Im April landeten 3000 Mann, die militärisch von Aceh geschlagen wurden. Eine holländische Blockade des Hafens, eine Seeschlacht mit schweren Verlusten und weitere holländische Truppen konnten den Widerstand von Aceh nicht wirklich beenden. Erst ab 1903 konnte eine relativ stabile holländische Kolonialregierung etabliert werden. Von den Holländern wurden um 1910 die heutigen Staatsgrenzen Indonesiens festgelegt.6.42


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Isabella Andrej
1999-03-04