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6.2.4 Erste Erwähnung einer Minangkabau-Identität

Nach Elizabeth E. Graves beruht die traditionelle Geschichte der Minangkabau auf einem uns überlieferten aristokratischen Epos, genannt ,,Kaba Cindua Mato``. Die Erzählung setzt mit dem ersten hindu-javanischen Raja Adityavarman ein. Viele Fragen zur historischen Person Adityavarman konnten aber bis heute nicht zufriedenstellend geklärt werden.6.27

Srivijaya hatte sechs Jahrhunderte den Buddhismus gefördert, zerfiel im 12. Jahrhundert und fand in Malayu seine Fortsetzung, dessen Zentrum im heutigen Jambi liegt, das zu Beginn des 14. Jahrhunderts an die Westküste verlegt wurde. In Westsumatra erscheint zwischen 1347 und 1379 der Name Adityavarman. Es wird angenommen, daß er mit der aristokratischen Lineage des Chiefdoms Dharmasraya auf Sumatra verbunden war, zumindest teilweise eine javanische Abstammung hatte und in Majapahit auf Java aufwuchs, wo er seine ersten (kriegerischen) Erfolge erlangte. Von Beginn an dürfte der Handel eine wichtige Rolle für die Minangkabau gespielt haben. Warum Malayu-Jambi während der Regierungszeit von Adityavarman in ein Abhängigkeitsverhältnis der Minangkabau geriet, konnte bis heute nicht erklärt werden.6.28

Christine Dobbin vermutet, daß Adityavarman die Kontrolle über die goldexportierende Region Dharmasraya des oberen Batang Hari Flusses übernommen hat. Seit den 1270er Jahren sei diese Region gegenüber Majapahit tributpflichtig gewesen. Adityavarman konnte die Vasallenschaft abschütteln und gelangte in das zentrale Tanah Datar Gebiet (Kernland der Minangkabau) über den Inderagiri Fluß an der Ostküste flußaufwärts in die Region Buo.6.29 In der Umgebung von Bukit Gombak und Suruaso gründete er sein Chiefdom und übernahm die Titel Maharajadiraja und Kanakamedinindra (Sovereign des Goldabbau-Gebietes). Dies sei durch zahlreiche Steininschriften belegt. Dobbin schreibt weiters:


11...the Minangkabau element in the Kingdom remained extremely important, and it was under the rule of Adityavarman that Minangkabau began to develop its own higher culture, with its own art, language and script in which Javanese and Malay elements were synthesized.6.30
Weitere Inschriften stützen die Annahme, daß Adityavarman einflußreiche Berater hatte. Über den patih (,,Chief Minister``) wird berichtet, daß er Reichtum erlangte und eine Inschrift bezieht sich in einer Übersetzung von Dobbin auf seinen Einfluß:

11...prays that he may `injoy the treasure which he has amassed for himself by his conduct on the warrior's path of the Ksatriyas ....'6.31
Casparis und Mabbett hingegen weisen auf die Problematik der Übersetzung der Inschriften aus dieser Zeit hin. Zahlreiche Inschriften in lokalem Sanskrit und Altmalaysisch - sowie eine in Tamilisch - beziehen sich auf Adityavarman, deren Bedeutung teilweise bis heute unklar ist, da ungrammatische Formen des Sanskrit und eine esoterische tantristische Terminologie verwendet wurde. Adityavarman hatte zumindest 32 Jahre lang seinen Einfluß geltend gemacht, aber es sind keine Tempelanlagen erhalten. Eine einzige große Statue (4,41 m) aus dieser Zeit wurde bisher entdeckt: ein großer zweiarmiger Bhairava, der als eine dämonische Form von Siva gilt. Hingegen wurden in Padang Lawas in Süd-Tapanuli Ruinen von zuminest 16 Ziegeltempeln und Stupas in den Ebenen ausgegraben, mit Darstellumgen von tanzenden Yaksas und anderen Dämonen. Nach Adityavarman verschwindet der buddhistische Einfluß gänzlich.6.32

Die geographische Lage von Majapahit mit seinen fruchtbaren Ebenen und ausreichenden Niederschlägen ist mit den Gegebenheiten im Kernland der Minangkabau vergleichbar. Dies könnte für die Wahl des Siedlungsgebietes von Adityavarman und seiner Gefolgschaft ausschlaggebend gewesen sein. Es dürfte aber auch ein Zusammenhang mit der erfolgreichen Politik des Gaja Mada (1330-1364) von Majapahit bestehen, der wahrscheinlich verantwortlich war, daß das verfeindete Srivijaya überfallen und ausgeplündert wurde und einzelne Nachkommen der ,,Herrscher`` als Geißeln nach Majapahit gebracht worden sind. Sobald sich diese aber von der Umklammerung von Majapahit lösen konnten, verfolgten sie eigene Ziele, die nicht mit denen von Majapahit vereinbar waren. Eine Parallele scheint zwischen Adityavarman und Paramsvara zu bestehen, denn beide fliehen von den Zugriffen aus Majapahit und folgten hindu-buddhistischen Traditionen: Paramsvara mit einer malaysischen Herkunft war aus der Vasallenschaft Majapahits in Srivijaya in den 1390er Jahren nach Singapore geflohen und wird später als Gründer von Malakka genannt, der die malaysischen Traditionen von Srivijaya fortsetzte. Nach Ricklefs war Paramsvara ursprünglich ein hindu-buddhistischer Chief, der durch die Handelskontakte in Malakka am Ende seiner politischen Laufbahn (1390-1413/14) zum Muslim wurde und den Namen Iskandar Syaha angenommen hatte. Alle nachfolgenden Regenten in Malakka besitzen jedenfalls muslimische Namen.6.33


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Isabella Andrej
1999-03-04