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1.1.5 Erklärungen für die männliche Dominanz

Sally Slocum1.55 (1975) weist in ihrem interessanten Artikel ,,Woman the Gatherer: Male Bias in Anthropology``, auf die Überbewertung der Jagd hin. Mit der Jagd der Männer seien viele Irrtümer verbunden. Die Jagd diente bis vor kurzem immer noch dazu, die heutige Sozialorganisation, und damit die Überlegenheit der Männer, zu erklären. Diesen Mythos der Überbewertung der Jagd versucht Sally Slocum zu entkräften. Sie schrieb ihren Artikel nach der Veröffentlichung des Sammelbandes von Richard B. Lee und Irven DeVore ,,Man the Hunter`` (1968) mit einer Kritik an einigen zentralen Themen dieser Publikation. Am Beitrag von Sherwood L. Washburn und C.S. Lancaster ,,The Evolution of Hunting`` kritisiert sie vor allem die westlich männlich dominierte Ausrichtung bei der Erforschung der Evolution des Homo sapiens.1.56 Nach ihrer Ansicht wurde der Aggression zu große Bedeutung zugemessen. Sie ist nur ein Faktor des menschlichen Lebens. Ihre Kritik war und ist berechtigt und brachte in diese Diskussion neue Aspekte ein. Sally Slocum beschäftigt sich mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Protohominiden und des Homo sapiens: Daten sind Fossilien, archäologische Materialien, Kenntnisse des Lebens von nicht-menschlichen Primaten und von lebenden Menschen. Vor allem den Unterschieden widmet sie ihre Aufmerksamkeit.

Es stellt sich die Frage, wodurch unterscheiden wir uns von den protohominiden Ahnen?

Über den Hand-Auge-Gehirn-Feedback Prozeß wurden Koordination, Effizienz und Kenntnisse entwickelt, die zu einem neuen Verhalten führten. Bisher wurde angenommen, daß mit der Vergrößerung des Gehirns die Neotenie des Kleinkindes im Zusammenhang steht, damit verbunden eine größere Lernfähigkeit: Vernetzungen im Gehirn, die sich erst nach der Geburt entwickeln und in enger Verbindung mit der Umwelt stehen. Es konnte wesentlich mehr in derselben Zeit erlernt werden. Der vermutete Zusammenhang von Gehirnwachstum und Neotenie war eine theoretische Falle, so die These von Slocum. Die von Washburn und Lancaster (1968) angenommene Vorstellung, daß die Frau wegen ihrer abhängigen Kinder nicht an der Jagd teilnehmen konnte und dadurch in ihrer Bewegungsfreiheit eingeengt war, habe dazu geführt, daß an sie kaum gemeinschaftliche Anforderungen gestellt wurden. Die Männer aber bildeten Gemeinschaften für die Jagd. Sie verbesserten ihre Techniken und ihre kommunikativen und organisatorischen Fähigkeiten, und nicht zuletzt brachten sie das Fleisch zu den ,,abhängigen`` Frauen und Kindern. Inzestverbot, Ehe und Familie entstanden durch das Bedürfnis, die Konkurrenz zwischen Mann und Frau auszuschalten, wie Washburn und Lancaster es formulierten. Sie stellten sich aber nicht die Frage, was taten die Frauen, während ihre Männer auf der Jagd waren? Es kann doch nicht angenommen werden, wie Slocum es nennt: daß die Frauen sich zurücklehnten und auf die Rückkehr der Männer warteten und ein Kind nach dem anderen (viele starben) zur Welt gebracht hätten. Das würde heißen, daß für die menschliche Evolution nur die Aktivitäten der Männer ausschlaggebend gewesen wären! Es könne sich deshalb nur um einen schwerwiegenden Fehler in der Rekonstruktion handeln.1.59 Soweit Slocum.

Auf der Familie ruhte aber noch nicht der gesellschaftliche Durck, der sich später mit der Seßhaftigkeit der Bodenbauern entwickelte. Der Zweck der Familie war deshalb nicht das Gebären von Kindern, sondern die Überlebenschancen zu verbessern. Es bestand eher eine ziemlich freie Verbindung von Mann und Frau, die ohne besondere Zeremonien geregelt wurde. Die Trennung eines Paares ohne Kinder war unkompliziert. Diese Form der Verbindung entspricht nach Wesel derjenigen, die Morgan als ,,syndiasmische`` bezeichnet hatte. Es gab nur wenige Sexualtabus: das Inzestverbot zwischen Mutter und Sohn und Vater und Tochter war vorhanden, aber nicht aus genetischen Gründen der Zuchtwahl, wie Morgan, Engels und viele andere vermuteten, sondern dafür seien gesellschaftliche Normen ausschlaggebend gewesen.1.60

Die häufig zitierten Jägergesellschaften, die im wesentlichen aber vom Sammeln lebten, haben durch die Jagd der Männer und die Betreuung der Kinder durch die Frauen eine geschlechtliche Arbeitsteilung entwickelt. Die Frauen sammeln mit ihren Kindern pflanzliche Nahrung, die sie auch zubereiten, und zwar nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für den Mann. Daraus wurde geschlossen, daß die Familie als Folge dieser Arbeitsteilung entstanden sei - als kleinste Einheit, in der Arbeitsteilung stattfand, gemeinsame Verteilung und gemeinsamer Verzehr der Produkte.


11[die Familie] war nicht die logische, sondern die historische Folge dieser Arbeitsteilung. Sicher wäre es auch möglich gewesen, im Kollektiv der Horde gemeinsam zu verteilen und zu verbrauchen. In vielen Jägergesellschaften wird die Jagdbeute gemeinsam verteilt, wenn die Männer gemeinsam auf die Jagd gehen. Aber sie wird getrennt konsumiert, in der historischen Einheit der Familie, die sich überall findet. Hier wird die pflanzliche Nahrung eingebracht, die die Frau gesammelt hat. Hier wird gekocht und gemeinsam verzehrt.
Auf dieser Familie ruht noch nicht der gesellschaftliche Druck, der sich später in Ackerbaugesellschaften findet. Ackerbauern brauchen für ihr Überleben eine ausreichende Zahl ansässiger Kinder. Jägerhorden ergänzen sich nicht durch die Geburt von Kindern, sondern auch durch den verhältnismäßig leicht möglichen Zugang von außen. ... Ihr Problem ist selten der Mangel, sondern eher der Überfluß an Kindern, an überflüssigen Essern. ... Die Familie hat nicht den gesellschaftlichen Zweck der Erzeugung von Kindern, wie später. Ihre Entstehung ist nur die historische Folge der Erzeugung von Kindern, über Neotenie und Arbeitsteilung, nicht ihr Zweck. Sie ist eine ziemliche freie Verbindung von Frau und Mann, ihre ökonomische Grundlage nur individuell, nicht gesamtgesellschaftlich vermittelt.1.61

Während Sally Slocum ihre Kritik vor allem gegen die Überschätzung der evolutionären Bedeutung der Jagd richtete und Uwe Wesel die Familie primär im Kontext von Überlebenschancen durch geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sieht, gründet Kathleen Gough ihre Theorie wiederum auf die aus biologischen Bedingungen gestellten Anforderungen an die Sozialisation.

Der Ursprung der Familie sei mit dem aufrechten Gang verbunden gewesen.1.62 Er hatte zwei anatomische Folgen: im Laufe von Jahrtausenden wurden die Köpfe größer und die Becken kleiner. Die Kinder konnten deshalb nicht mehr so lang im Mutterleib bleiben und mußten zunehmend früher geboren werden. Sie waren bei ihrer Geburt weniger entwickelt, länger hilflos und abhängig von der Pflege und Ernährung durch ihre Mütter. Je länger ein Kind abhängig ist, desto länger ist es beeinflußbar, desto mehr kann es lernen. Die Neotenie, die längere Abhängigkeit von der Mutter, sei der Grund für die Zunahme menschlicher Intelligenz und kulturellen Verhaltens - Ursprung und Bedingung von Gesellschaft und Zivilisation - wohl der wichtigste Beitrag der Frauen zur Entwicklung von Humanität, denn sie waren es, die die Kinder ständig um sich hatten. Jedenfalls wurde der Beitrag der Frauen bisher von der männlichen Forschung stark unterschätzt.1.63

Slocum bezieht sich auf rezente Jäger- und Sammlergesellschaften, die in Randgebieten leben; trotzdem gelingt es den Frauen (mit Ausnahme der Arktis), genügend Nahrungsmittel zu sammeln, um ihre Familien zu ernähren. Das Sammeln der Frauen liefert die Hauptnahrungsgrundlage, und es gibt keinen Grund, warum es im frühen Pleistozän anders gewesen sein sollte. Daraus könnte man schließen, daß sich während der Evolution der Hominiden zum Homo sapiens dominante Männer (tapfere, aggressive Krieger und erfolgreiche Jäger) mit dominanten Frauen (kräftige, junge, schöne, fruchtbare Frauen) in unterschiedlichen Perioden der Zeit - Wechsel der Geschlechtspartner ist häufig und üblich - sich paarten und eine zeitlich begrenzte Gatten-Typ-Beziehung eingegangen sind.1.64 Haben die Evolutionisten des 19. Jahrhundert diese vormenschlichen Wesen gemeint, als sie von Promiskuität sprachen? Ihre Texte geben keinen Aufschluß darüber.

Die früheste Form der Familie bestand wahrscheinlich aus weiblichen Hominiden und ihren abhängigen Kindern. Dabei festigten sich aber auch die Geschwisterbande untereinander. Es könnte sich bereits in dieser ,,Mutter-Kind-Familie``   ein universales Inzest-Verbot zwischen Mutter und Sohn entwickelt haben. Als Gründe dafür könnte die Verlängerung der Kleinkindabhängigkeit und die größere geschlechtliche Paarungsbereitschaft genannt werden. Bei den Primaten hat das Mutter-Sohn Inzestverbot biologische Ursachen: die Geschlechtsreife der männlichen Nachkommen tritt zu einem Zeitpunkt ein, wo die Mutter nicht mehr empfängnisbereit ist.1.65

Die Bedeutung der Jagd soll hier nicht geleugnet werden, aber gleichzeitig kooperierten auch die weiblichen Hominiden untereinander und das wurde häufig in der Literatur übersehen. Sie mußten ebenso komplexe soziale Bande eingehen und das Sammeln intensivieren. Nach Slocum waren dazu folgende Kenntnisse notwendig:

Nach Gough kam der Selektionsdruck zum größeren Gehirn aus mehreren Richtungen. Um die biologischen Wurzeln zur Erklärung der größeren Aggressivität der männlichen Hominiden zu verstehen, muß vor allem ihre Schutzfunktion betrachtet werden und nicht die Jagd. Männer, Frauen und Kinder bauten gelegentlich temporäre Unterkünfte, sammelten Wurzeln, Früchte, Beeren, jagten Wild, zerteilten Fleisch und gerbten Häute. Erst später wurde das Feuer zum Schutz gegen wilde Tiere, für Licht und eventuell fürs Kochen verwendet. Die Feuerstelle entwickelte sich zum Zentrum und zum Symbol für eine Art von zu Hause. Mit der Verwendung des Feuers und für die Zubereitung der Nahrung mußten vorwiegend Frauen - vielleicht auch einige Kinder und ältere Männer - immer mehr Zeit aufwenden. Dadurch sank aber der Aufwand für das Zerteilen des Fleisches und fürs Kauen. Die Mahlzeiten wurden durch den Wechsel zu fleischhaltiger Nahrung kürzer und ausgiebiger, d.h. sie mußten geringere Mengen an Nahrung zu sich nehmen, um satt zu werden.1.67

Durch den Feuergebrauch war es den Hominiden erst möglich, in Höhlen zu leben, denn vorher hätten Höhlen kaum Schutz vor Angreifern bieten können, und wurden deshalb eher gemieden. In der Zeit zwischen 1,5 Millionen Jahren und 100.000 v.Chr. wächst zwar das Gehirn und der Feuergebrauch setzt vor rund 350.000 Jahren ein, aber sonst verändert sich bei den Hominiden Arten kaum etwas.1.68

Nach Untersuchungen, die auf Sandra Witelson1.69 (1978) zurückgeführt werden, beruhen die unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Eigenschaften auf den besseren Fähigkeiten der Frauen zum sprachlichen Ausdruck und bei den Männern auf ihrer stärker ausgeprägten räumlichen Orientierung. Sandra Witelson führte dies auf die unterschiedliche Organisation der beiden Gehirnhälften bei Mann und Frau zurück, denn während der Jagd waren die Männer auf ihre Orientierungsfähigkeiten angewiesen. Dagegen spricht eine Untersuchung von J.W. Berry1.70 (1966) bei den Eskimos: bei diesen konnten keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Orientierungsfähigkeit nachgewiesen werden. Deshalb kann wahrscheinlich festgehalten werden, daß in Gesellschaften - vor allem bei Jägern und Sammlern - beide Geschlechter, wenn sie darauf angewiesen sind, dieselben räumlichen Orientierungsfähigkeiten besitzen.


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Isabella Andrej
1999-03-04