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6.2 Historischer Überblick

Im folgenden Abschnitt wird auf die historischen Ereignisse näher eingegangen, soweit sie für Sumatra und die Minangkabau von Bedeutung waren. Es werden die Einflüsse aus Indien, der malaysischen Halbinsel, Java, aber auch die Handelskontakte zu China und die Etablierung des Islam erörtert. Die Rekonstruktion der Vergangenheit wird durch die verschiedenen Sprachen zusätzlich erschwert: Sanskrit, Altmalaysisch, Arabisch, Altjavanisch, Holländisch und Bahasa Indonesia, die heutige Staatssprache Indonesiens. Trotz der zahlreichen schriftlichen Überlieferungen bleibt die Interpretation der Texte problematisch, da diese durch äußere Einflüsse immer wieder uminterpretiert und neu verfaßt wurden. Einzelne Namen von bedeutenden Personen sind überliefert, ebenso wie Monumentalbauten, aber sie sagen nichts über das Sozialsystem einer Gesellschaft aus, sondern beschränken sich im wesentlichen auf Aussagen über politische Strukturen. Legenden erzählen über eine Idealwelt der Vergangenheit, die verschlüsselt wichtige Hinweise geben könnten, aber nur durch zusätzliche Informationen erklärbar werden. Erschwerend kommt bei der Bevölkerung im Minangkabau Kernland hinzu, daß sie keine zentralistischen Strukturen entwickelt haben, sondern jedes Dorf eine eigenständige Einheit bildete.

In diesem Zusammenhang verweist Ricklefs auf die begrenzten Möglichkeiten der Chiefdombildung. Die lokalen Chiefdoms waren unbeständige Einheiten, die nur Bestand hatten, solange die Zentralinstanz eine tolerante Politik ausübte. - Wenn sie es nicht tat, wanderte die Bevölkerung ab. Für das Entstehen einer Zentralinstanz im indonesischen Raum nennt Ricklefs die folgenden drei Punkte:

1.
Regionale ,,overlords``, sogenannte ,,Prinzen`` als regionale Chiefs, die genug Autonomie besaßen und direkte Unterstützung in Form von Reichtum, Prestige und Schutz erhielten. Die ,,Prinzen`` würden einen höherstehenden Paramount Chief nur dann akzeptieren, wenn ihnen dadurch Vorteile zugute kämen;
2.
,,Herrscherkult`` einer Person, der übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden;
3.
am entscheidendsten war aber die militärische Stärke, jede ,,Opposition`` niederzuschlagen. Alle vorkolonialen Zentren ,,Indonesiens`` wurden letztendlich auf überlegene militärische Macht begründet.6.11

Militärische Überlegenheit als Voraussetzung der Einheit: gab es diese Überlegenheit nicht, zerfielen die zentralistischen Strukturen wieder in lokale Einheiten. Die häufigste Ursache des Zerfalls war der Streit um die Nachfolge. Standen sich zwei Anwärter als Nachfolger mit ähnlich starker kriegerischer Gefolgschaft gegenüber, so bedeutete das auf jeden Fall eine Spaltung der Gesellschaft in zwei Gruppen. Kämpften sie gegeneinander, so wurden beide Gruppen geschwächt und der Sieg konnte dennoch als Niederlage gewertet werden. Deshalb waren die Konfliktlösungsstrategien - wie schon erwähnt - Voraussetzung für eine dynastische Linie, die Bestand haben sollte.

Ein erfolgreicher Chief balancierte und manipulierte die Interessen seiner Gefolgschaft durch ,,übernatürliche`` Kräfte und besonderes kriegerisches Geschick. Ein Paramount Chief mußte ein Netzwerk von Spionen aufbauen, um über die Ereignisse in seinem Einflußgebiet informiert zu sein. Er ging politische Eheverbindungen ein, um seine Interessen mit anderen zu verbinden, damit sicherte er sich seine eigene Zukunft ab.6.12

Die malaysischen Chiefs verlegten häufig ihre Zentren und die gesamte Bevölkerung folgte der geographischen Mobilität an der Spitze. Nach Kato gibt es ein malaysisches Sprichwort mit folgenden Inhalt:


11is managed by the raja and it is the raja who follows adat. Where there is a raja, there adat exists. When the raja disappears, adat will die too.6.13

Es gibt nach Kato keinen Hinweis, daß der Raja der Minangkabau eine ähnliche Stellung gehabt hätte. Denn der Yang Dipertuan bildete nicht die Minangkabau Welt, sondern er war nur ein Teil davon. Daher wird die Vergangenheit der Minangkabau nicht über eine Reihe von Rajas erklärt, sondern durch tambo, die die Ursprungsgeschichten verkörpern, wie auch die geographische Expansion der Bevölkerung.6.14 Und weiters heißt es bei Kato:


11society never developed a centralized political power nor institution. Instead, strong autonomy characterized the nagari, a ,,village republic`` where the highest political and judical power was bestowed on the nagari adat council.6.15

Bei der Entstehung früher politischer und religiöser Zentren sind zwei markante Unterschiede zu beobachten: auf Java entwickelten sich die ersten agrarischen Zentren im Landesinneren, die malaysischen Zentren hingegen lagen an der Küste und orientierten sich am Handel. Die Minangkabau Welt dürfte eine Kombination aus beiden sein, aber ohne Ausbildung eines markanten Zentrums.



 
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Isabella Andrej
1999-03-04