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6.1 Minangkabau-Kernland

Das Kernland der Minangkabau ist Teil der Bergkette Bukit Barisan, die sich von Norden nach Süden entlang der Westseite der Insel erstreckt. Neben den günstigen Bedingungen für den Naßreisfeldbau der Region auf beiden Seiten des Äquators dürfte einerseits die relative Sicherheit in den Hochebenen für die Wahl ihres Siedlungsgebietes ausschlaggebend gewesen sein, andererseits auch die vulkanischen Böden und die ausreichende Bewässerung durch zahlreiche Flüsse, die im Hochland entspringen. Einige Flüsse des Hochlandes münden in die Straße von Malakka und bilden damit eine Kommunikations- und Handelsverbindung. Nach einer Legende lag die erste Ansiedlung am Südhang des Vulkans Merapi. Diese erste Ansiedlung soll aus drei Gemeinschaften bestanden haben und davon leiten sich die ursprünglichen drei Distrikte (Luhak nan Tigo) ab: Luhak Agam, Luhak Tanah Datar und Luhak Lima Puluh Kota. Alle nachfolgenden Ansiedlungen haben Legenden, die sich auf ihre Ahnen beziehen, die von einem der drei genannten Distrikte kamen.6.3

Ilse Lenz bezeichnet die ,,Minangkabau Welt`` als ein typisches Rückzugsgebiet, das von externen Eroberungszügen weitgehend verschont worden ist und dennoch war es nicht isoliert. Es bestanden Handelsverbindungen über die abschüssigen Wege zur Westküste und über einige Flüsse zur Straße von Malakka an der Ostküste.6.4 Das Hauptsiedlungsgebiet bildeten vier Täler im Hochland, die besonders gut für den Reisanbau geeignet und von Hügeln umgeben sind, die die Minangkabau von ihren Nachbarn trennten. Diese gesamte Region wird als Padang- oder Minangkabau-Hochland bezeichnet. Jedes der vier Täler ist getrennt durch Hügeln und charakterisiert durch einen Vulkan (Gunung): (1) Agam, am Fuß des Gunung Singgalang (9.400 ft.) liegt direkt am Äquator; (2) südöstlich davon liegt Tanah Datar, getrennt durch den Gunung Merapi (9.500 ft.), der legendäre Berg auf den die erste Ansiedlung zurückgeführt wird; (3) parallel zu Tanah Datar, aber getrennt durch niedrige Hügel, liegt das Singkarak-Solok Tal mit dem See Singkarak und dem Gunung Talang (4.500 ft.); (4) weiter östlich und parallel zur Agam-Ebene liegt das Tal Limapuluh Kota, das niedrigste der Täler (unter 1.500 ft.) mit dem Gunung Sago (5.000 ft.). Die Bevölkerung jedes Tales pflegt ihre eigene Identität, die aber historisch als eine Einheit wahrgenommen wird und gemeinsam bildeten sie das Kernland der Minangkabau, das als darat oder die Welt der Minangkabau (alam Minangkabau) bezeichnet wird. Die Gebiete, die außerhalb des Kernlandes liegen, aber ebenfalls Minangkabau-Siedlungsgebiet sind, werden als rantau bezeichnet. Die vier Täler bildeten die Basis der Minangkabau Gesellschaft, vor allem wegen ihres agrarischen Potentials.6.5

Das Vorkommen von Mineralien ist in Sumatra auf die Bergkette Bukit Barisan sowie auf das Zentralhochland um den Äquator, dem Siedlungsgebiet der Minangkabau, begrenzt. Kleine weit verstreute Lager von Gold und Eisen geben Aufschluß über die Entwicklung im Kernland der Minangkabau. Eisen wurde für den Bodenbau (Pflug mit Eisenspitze) und für die politische Formation genutzt, während das Gold die Kontakte zur Außenwelt bildete. Die Handelskontakte der Minangkabau zur Ost- und Westküste, aber auch die Migration zu den Häfen und die individuelle Zuwanderung aus weit entfernten Regionen dürfte zur Vermischung mit anderen Ethnien geführt haben. Historisch wurde die Ostküste Sumatras von der Minangkabau Bevölkerung zumindest bis ins 16. Jahrhundert eher gemieden. Die Küstenregion ist nur begrenzt für den Reisanbau geeignet und war lange Zeit als ein endemisches Malaria-Gebiet6.6 bekannt. Die Ostküste Sumatras bildete die wichtigste natürliche Verbindung mit der Außenwelt, die nur während politischer Turbulenzen unterbrochen war.6.7

Alle großen Flüsse Ostsumatras entspringen in der Bukit Barisan Bergkette und fließen langsam ostwärts zur Straße von Malakka. Damit bildeten die Flüsse für die im Kernland lebenden Minangkabau ein wichtiges Wassernetz vom Hochland zur Ostküste. Die drei wichtigsten Flüsse sind der Siak, Kampar und Inderagiri. Die Dualität von Hochland und Küstenregion muß bei einer historischen Betrachtung der Minangkabau-Bevölkerung beachtet werden. Ohne Zweifel waren die Niederungen an der Küste für viele Jahrhunderte Zentren der malaysischen Handelsaktivitäten, zumindest vom 7. Jahrhundert aufwärts. Das Minangkabau Hochland wird von Fernand Braudel erwähnt und als ,,a world apart from civilizations, which are an urban and lowland achievement. Their history is to have none, to remain almost always on the fringe of the great waves of civilization ...`` bezeichnet.6.8 Diese Annahme wird heute nicht mehr geteilt, da jede Bevölkerung, auch in den entlegendsten Regionen auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Grund für die Annahme, daß es geschichtslose Völker gäbe, war meist auf die Unkenntnis der Betrachter und die nichtvorhandenen schriftlichen Quellen zurückzuführen. Obwohl es zahlreiche Inschriften, Grabsteine, in arabisch verschriftlichte Legenden (tambo genannt) gibt, kann die Vergangenheit der Hochlandbevölkerung nicht ausreichend rekonstruiert werden.

Bis zu den Padri Kriegen im frühen 19. Jahrhundert wußten die Europäer wenig über die Bevölkerung der Hochebenen, danach erschienen zahlreiche Arbeiten, die sich insbesondere mit den Minangkabau auseinandersetzen.6.9

Die historische Dynamik der handelsorientierten Bevölkerungsguppen auf Sumatra dürfte die heutige Minangkabau-Bevölkerung als geistiges Erbe in ihre Traditionen integriert haben. Besonders günstige Bedingungen in ihrem Siedlungsgebiet nördlich und südlich des Äquators hatten zur Folge, daß sie außergewöhnliche agrarische Kenntnisse entwickelten. Beachtenswert ist ihre Anpassungsfähigkeit an neue Verhältnisse, die grundlegende Offenheit, neue Möglichkeiten zu übernehmen, die aus China, Indien, dem Mittleren Osten oder aus Europa auf sie kamen, und gleichzeitig ihre eigene Identität zu bewahren. Die Häfen an der West- und Ostküste Sumatras führten über Jahrhunderte zum Austausch religiöser und kultureller Elemente, die auf das kaufmännische und intellektuelle Verhalten der Minangkabau einwirkten.6.10


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Isabella Andrej
1999-03-04