next up previous contents
Next: 6. Regionalgebiet Südostasien: Minangkabau Up: 5.4 Charakteristische Institutionen Previous: 5.4.5.3 Chisungu: Mädcheninitiation bei

5.4.6 Zur Bedeutung der weiblichen Initiation

Wie die vorhergehenden Beispiele gezeigt haben, gibt es bei der Mädcheninitiation eine relativ reichhaltige Vielfalt an Ritualen und symbolischen Ausdrucksweisen; die konkreten Inhalte oder die Deutung dieser Symbolik ist hier aber nicht Gegenstand der Untersuchung. Worauf es mir vor allem ankommt, ist der Stellenwert der Mädcheninitiation im Gesamtgefüge matrilinearer Gesellschaften. In dieser Hinsicht erscheinen mir drei Punkte besonders wichtig:

(1) Matrilineare Gesellschaften in Afrika haben elaborierte Formen der Mädcheninitiation entwickelt, die meines Wissens in patrilinearen Gesellschaften - jedenfalls in dieser Ausprägung - so nicht vorkommen. Die Initiationsriten dauern relativ lange, weisen verschiedene Abschnitte auf und erfordern einen vergleichsweise großen Aufwand. Allein schon daraus läßt sich schließen, daß die Bedeutung der weiblichen Pubertät bzw. das Erwachsenwerden des Mädchens und die Eingliederung derselben in die Gesellschaft als vollwertige Frau ungleich wichtiger ist als in patrilinearen Gesellschaften. Erstaunlich ist auch der Sachverhalt, daß die Initiationsrituale - oder jedenfalls die damit verbundenen Festivitäten - alle Dorfbewohner einschließen, also nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. Während die Initiationsrituale für Knaben in patrilinearen Gesellschaften doch in der Regel eine Exklusivität aufweisen, also die Frauen ausschließen. Mein Eindruck ist, daß matrilineare Gesellschaften eine höhere Flexibilität aufweisen - beide Geschlechter einschließen können, gleichzeitig aber auch getrennte Organisationsformen zulassen, die bei den Abschlußfesten der Initiation häufig kooperieren. Ebenso erstaunlich ist die relative Offenheit bestimmter Phasen des Initiationsprozesses auch für Männer, was durch die lange Dauer und die Vielfalt des Ablaufs ermöglicht wird.

(2) Anhand von van Gennep habe ich versucht, die allgemeine Bedeutung von Initiationsritualen darzustellen. Aus den Beispielen ist ersichtlich, mit welchem Ernst in der Tat die Übergangsphasen bzw. traditionellen Rituale beachtet werden: auch in matrilinearen Gesellschaften kommt es offenbar darauf an, der Initiandin die Wichtigkeit des Ereignisses vor Augen zu führen. Sie selbst steht zwar im Mittelpunkt, gleichzeitig aber wird sie in eine relativ starke passive Rolle gedrängt; häufig sitzt sie und läßt etwas über sich ergehen, sie muß eine demutsvolle und oft geradezu unterwürfige Haltung einnehmen, sie muß in der ,,neutralen Zone`` (außerhalb des Dorfes) vor Gefahren geschützt werden etc. Offenbar dient die Dramatik der Inszenierungen dazu, der Initiandin klar werden zu lassen, daß sie sich von ihrer Kindheit verabschieden und die Verantwortlichkeit der erwachsenen Welt annehmen muß. - Dies dürfte allerdings für Knaben und Mädchen in gleicher Weise gelten. Der Unterschied für Mädchen in matrilinearen Gesellschaften dürfte wohl darin liegen, daß die aufwendigen Initiationsprozeduren unter anderem dazu genutzt werden, der Initiandin spezifisches Frauenwissen zu vermitteln. Dieser Punkt ist deshalb wichtig, weil über dieses Wissen in der Öffentlichkeit normalerweise nicht gesprochen wird. In patrilinearen Gesellschaften wird vermutlich die Mutter des Mädchens diese Aufgabe irgendwann zu übernehmen haben, ob dies dann gut gelingt, hängt vom Einfühlungsvermögen der Mutter ab. In den besprochenen Beispielen scheint es jedoch so zu sein, daß diese Wissensvermittlung zu den ,,Pflichten`` der Lehrerin gehört, die meist eine ältere, in den Traditionen erfahrene Frau ist.

(3) Im Unterschied zu patrilinearen Gesellschaften - gerade in Afrika - kennen die matrilinearen keine schmerzhaften ,,Behandlungen`` der weiblichen Genitalien. Dies ist unter anderem eine Voraussetzung dafür, daß die Mädchen eine positive Einstellung zur Sexualität gewinnen können. Die oben genannten Fallbeispiele lassen ganz generell darauf schließen, daß die Frauen keine negative Selbsteinschätzung der weiblichen Sexualität entwickeln bzw. stehen wahrscheinlich selbstbewußte Sexualität und allgemeines Selbstbewußtsein der Frauen in einem Zusammenhang. Und dennoch, wie das Beispiel der Bemba zeigt, gibt es auch in matrilinearen Gesellschaften vielfältige Formen der ,,Unterwürfigkeit`` der Frauen, teils bedingt durch hierarchische Strukturen (nach Alter und Abstammung), teils aber auch geschlechtsspezifisch, d.h. der Frauen gegenüber Männern. Auch dafür scheinen die Initiationsriten funktional zu sein. Im Unterschied zu den patrilinearen Gesellschaften besitzen die Frauen jedoch durchwegs das Recht, die Grenzen der Erträglichkeit einer Ehe selbst festzulegen und sind für die Entscheidung einer Trennung letztlich nicht vom Ehemann abhängig. In diesen Kontext gehören auch die Maskentraditionen hinein, wie Gerhard Kubik gezeigt hat: sie dienen dem Ausdruck geschlechtsspezifischer Spannungen und kanalisieren Aggression, insbesondere für Männer. Bei den Bemba fehlen derartige Maskentraditionen und deshalb finden wir hier sehr stark formalisierte Formen der Respektbezeugung, Unterwürfigkeit, Anerkennung des Ranges, aber auch zwischen den Geschlechtern. Deshalb müssen bei den Bemba bereits bei den Initiationsritualen solche Formen verinnerlicht werden. Im Grunde genommen kopieren aber schon die Kinder diese Welt der Erwachsenen und werden von den Eltern darin bestätigt.

[]Regionalgebiet Südostasien [Kapitel 5:]


next up previous contents
Next: 6. Regionalgebiet Südostasien: Minangkabau Up: 5.4 Charakteristische Institutionen Previous: 5.4.5.3 Chisungu: Mädcheninitiation bei
Isabella Andrej
1999-03-04