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5.4.5.3 Chisungu: Mädcheninitiation bei den Bemba

Audrey Richards beschreibt in ihrem Buch die Situation, die sie zwischen 1930 und 1934 vorgefunden hat und einzelne Phrasen, wie ,,in alten Zeiten``, ,,früher`` weisen darauf hin, daß manche Traditionen damals nicht mehr existierten. Chisungu ist nach Richards mit den Institutionen von Matrilinearität und Häuptlingschaft verbunden und beinhaltet als Zentralidee die gefährliche Macht von Feuer, Sexualität und Blut. Wenn der magische Einfluß in falsche Hände gerät, dann besteht für jede Person Gefahr, vor allem für Babies und kleine Kinder; aber auch für den Chief, der für die Fruchtbarkeit und das Wohlbefinden seiner Leute und des Landes verantwortlich ist. Sexualität und Feuer bilden den Hintergrund der meisten rituellen Praktiken der Bemba-Bevölkerung. Die entscheidende Bedeutung des Rituals, die sich auf die Heirat und die Unterordnung des Mädchens gegenüber dem zukünftigen Ehemann bezieht, scheint als Gesamtheit nicht konsistent zu sein. Denn Frauen haben Wahlmöglichkeiten und Freiheiten, z.B. beim Wohnort.5.150

Richards lehnt die übliche Beschreibung von Mädchen-Initiationsriten in Zentralafrika ab, wie z.B. ,,Mädchen erhalten Instruktionen über Geschlecht und Mutterschaft``. Sie kam bei Chisungu zur Überzeugung: was die Mädchen tatsächlich lernen, sind Lieder, damit verbunden Moralbeziehungen und geheime Bedeutungen sowie Tanzbewegungen und geheimes Wissen. Viele Riten drücken die Hierarchie in einem Bemba-Dorf aus, dessen Kern die verwandtschaftlich verbundenen Frauen bilden, deren Beziehungen - hierarchisch nach relativem Alter geordnet - ihr tägliches Leben bestimmen, sogar das der Kinder beim Spielen. Der Mangel jeder Form von permanentem Besitz hatte zur Folge, daß die übergeordnete Person das Recht auf Arbeitsleistungen von untergeordneten Personen erhält. Dies drückt sich auch bei der Mädcheninitiation aus: die ,,Initiandinnen müssen zeigen, daß sie bereit sind für uns zu arbeiten``.5.151

Richards nahm 1931 beobachtend an einer Chisungu-Zeremonie teil, die innerhalb eines Monats durchgeführt wurde. Über 18 getrennte Rituale wurden im Initiationshaus und im umgebenden Busch durchgeführt (40 verschiedene Muster auf Tonwaren in den Farben Weiß-Schwarz-Rot, 9 unterschiedliche Designs für die Hauswände sowie 50 spezielle Chisungu-Lieder). Die Eltern des Mädchens organisieren die Zeremonie, die kurz nach der ersten Menstruation durchgeführt wird. Zu den handelnden Personen der Zeremonie zählen: (1) die Eigentümerin (mwine, Mann oder Frau, im beschriebenen Fall war es Richards selbst); (2) die Lehrerin (nacimbusa), sie muß detaillierte Kenntnisse der Traditionen, Erfahrung, Organisationstalent und Taktgefühl haben, insgesamt eine bedeutende Persönlichkeit sein; (3) eine Frau unterstützt die nacimbusa, sie wird makalamba genannt; (4) die Initiandin mit dem Titel nacisungu und ihr Bräutigam, dessen Titel shibwinga ist, den auch seine Schwester oder Kreuzcousine verwendet, die ihn bei bestimmten Abschnitten während der Zeremonie vertritt; (5) die Verwandtschaft: die Eltern der Initiandin (die Mutter sorgt für Essen und Bier) und die Schwester des Vaters.5.152

Die Durchführung der Chisungu-Zeremonie gilt als Voraussetzung für eine Ehe. Es heißt, niemand würde ein Mädchen heiraten, das nicht Chisungu getanzt hat. Denn sie hätte nicht das Wissen und könnte niemals zu anderen Chisungu-Zeremonien eingeladen werden; sie wäre unkultiviert wie ein ungebrauchter Topf und keine Frau.5.153 Die alten Frauen sagen, Chisungu wird getanzt, um ein Mädchen wachsen zu lassen und dafür sind Riten notwendig, z.B. der ,,jumping test`` zu Beginn, am 17. Tag und am letzten Tag. Mit Eintritt in die Initiationshütte beginnt die soziale Isolierung (schäbige alte Kleider, sie darf sich nicht waschen und das Essen muß auf einem separaten Feuer zubereitet werden). Mit dem Bestehen von Fruchtbarkeitstests erhält sie ,,ihren`` Garten und ,,ihr`` eigenes Feuer. Während der Zeremonie wird von der Initiandin erwartet, daß sie Dinge tut, die sie nie zuvor getan hat. Es heißt, daß durch Chisungu die Angst vor Blut sowie den Gefahren der Sexualität und dem Feuer genommen wird. Erst wenn die Initiandin selbst in den folgenden Jahren an anderen Chisungu-Zeremonien teilnimmt, wird sie die Inhalte und die Symbolik verstehen.5.154

Der Initiandin wird Wissen vermittelt: eine Geheimsprache, Chisungu-Lieder, Rhythmen und teilweise geheime Lieder; die Inhalte geben Hinweise auf korrektes Verhalten als Mutter zu ihren Kindern und der Gemeinschaft, oder über die Pflichten im Haushalt und Garten. Es besteht äußerlich kein Unterschied zwischen initiierten und nicht-initiierten Mädchen; der wesentliche Unterschied liegt in der formellen Begrüßung. Die Chisungu-Zeremonie dient auch der Unterhaltung, dem Zusammentreffen von Freunden, Verwandten; vor allem von Frauen, obwohl auch Männer ein Chisungu-Dorf besuchen. Die Mehrzahl der Riten wird von den Frauen als unterhaltende Darstellung von Spiel und Solotänzen gesehen. Die nacimubusa stellt mit großem Aufwand Modelle von Objekten/Tieren (wie z.B. Schlange und Krokodil) her. Auch sie versucht - wie ein Headman - Ansehen im Dorf zu erlangen, d.h. mit ihren besonderen Fähigkeiten, Kenntnissen und Überzeugungskraft will sie so viele Frauen wie möglich während der Chisungu-Zeremonie anziehen.5.155


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Isabella Andrej
1999-03-04