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5.4.5.2 Spannungsverhältnisse im Eheleben

Die Wahl des Wohnortes ist eine individuelle Entscheidung, die nach der Heirat und der Geburt des ersten Kindes getroffen wird. Entweder erhält der Ehemann die Erlaubnis, seine Frau ins Dorf seiner eigenen Matrilineage zu bringen oder er entscheidet sich für immer mit seiner Frau und ihren Verwandten zu leben. Meist ist die Entscheidung damit verbunden, welchen Status der Schwiegervater oder der Schwiegersohn innehat. Ein Chief lebt fast immer virilokal und polygyn. Nach Richards gibt es Beweise, daß in alten Tagen, wo Kriegszüge und Fehdeführung häufig auftraten, die Väter unwillig gewesen seien, ihre Töchter wegzugeben. Während des Aufenthalts von Richards lebte jedenfalls die Mehrheit der Männer uxorilokal. Die ersten Jahre einer Ehe sind die schwierigsten für den Ehemann: durch die Heirat wird er von seiner matrilinearen Verwandtschaft getrennt, d.h. auch von seinem Mutterbruder, dessen Position er einmal einnehmen wird. Er ist ökonomisch von der Verwandtschaft seiner Frau abhängig, für die er arbeitet und wird von ihnen kontrolliert. Manchmal wird diese Situation so belastend empfunden, daß der Ehemann sich für die Auflösung der Ehe entscheidet und in sein Dorf zurückkehrt. Diese schwierige Situation des Ehemannes ist innerhalb der Dorfgemeinschaft bekannt; um sie erträglicher zu gestalten, werden darüber häufig Scherze gemacht. Dem Ehemann wird dadurch ein gewisses Mitgefühl vermittelt. Übersteht er das erste Jahr, wird die Ehe als stabil angesehen. Beide Ehepartner haben dann bewiesen, daß sie fähig sind, ein gemeinsames Eheleben zu führen und steigen damit in der Achtung beider Familien. Eine dauerhafte Ehe wird innerhalb der Gesellschaft sehr geschätzt. Deshalb besteht auch nach der Probezeit eine gewisse Wahlfreiheit über den zukünftigen Wohnort des Paares. Sollte die Ehefrau ins Dorf des Mannes ziehen, dann bedeutet das, daß ihre verheirateten Töchter später auch bei ihr leben werden, also matrilokal. Da aber ein Ortswechsel für beide Ehepartner mit der Trennung der eigenen matrilinearen Verwandtschaft verbunden wäre, wird die Kreuzcousinenheirat bevorzugt, d.h. die Heirat der Tochter der Schwester des Vaters schließt einen Wohnortwechsel für beide aus.5.147

Die Basis einer stabilen Ehe bildet eine ausgeglichene Beziehung zwischen den beiden Verwandtschaftsgruppen der Ehepartner. Das Verhältnis beruht auf der Teilung von ökonomischen Aufgaben. Einerseits unterstützt der Bräutigam die Familie seiner Braut durch seine Arbeitsleistungen, andererseits wird er von dieser Familie ernährt und muß mit Respekt behandelt werden. Einer Ehe gehen Verhandlungen zwischen den beteiligten Familien voraus. Üblicherweise bezahlt der Bräutigam die Organisation von chisungu seiner Braut: entweder übergibt er ein Rindenkleid oder übernimmt die Bezahlung der Lehrerin für das ,,Eintanzen seiner Braut``. Es werden nur kleine Geldbeträge gegeben, keine Rinder wie bei den südlichen und östlichen Bantu-Gruppen. Nach Richards gibt es für die erste Ehe eines Mädchens sechs zeremonielle Abschnitte als Vorbereitung: (1) Verlobung (ukukobeka): sie stellt noch keine feste Verbindung dar und wird häufig in der Kindheit geschlossen. Es wird ein Verlobungsgeschenk (nsalamo) erwartet (früher war es ein Kupferarmreifen, danach eine kleine Münze). Während der Verlobungsfeier tauschen die beiden Familien Bier und gekochtes Essen aus. (2) Umwerbungsbesuch (ukwishisha): die Braut besucht mit Freunden das Dorf des Bräutigams. Ihr sind strenge Verhaltensregeln auferlegt, wenn sie kurz vor der Pubertät steht. Dem Bräutigam wird ein kleines Geschenk übergeben; erhält sie ein Gegengeschenk, darf sie mit ihm sprechen. (3) Wohnortwechsel des Knaben: mit dem Eintritt der physischen Pubertät übersiedelt der Knabe ins Dorf der Braut. Er baut sich eine eigene Hütte und arbeitet für die Brautfamilie. (4) Zeremonielles Anbieten von gekochter Nahrung: unter gebührendem Respekt und Einhalten strenger Vorschriften wird dem Bräutigam Nahrung angeboten. Beide Familien beobachten diesen Vorgang, um die Respekterweisung einschätzen zu können. Sollte es seine erste Ehe sein, unterliegt er strengen Nahrungstabus und muß das Essen an Freunde verteilen. Dies ist wiederum ein Hinweis für die Brautfamilie, ein Fest vorzubereiten und den Vorgang der Nahrungsübergabe zu wiederholen. Erst dann kann die Brautfamilie zur Mutter des Bräutigams sagen: ,,We have shown the son-in-law the fire, now he will eat food with us.`` (5) Die Übergabe der Braut ist ebenfalls durch mehrere Schritte gekennzeichnet. Der Bräutigam fragt nach jemandem, der seine Hütte reinigt und für ihn Wasser holt. Erlaubt er dies seiner Braut, erhält er das Recht über ihre Hausarbeit und nach der Bezahlung darf er mit ihr schlafen. Diese Phase der Ehe dauert bis kurz vor dem Eintritt der Pubertät des Mädchens an, denn sie darf vor der chisungu-Zeremonie kein Kind bekommen. (6) Chisungu Zeremonie: Erst danach kann von einer geschlossenen Ehe gesprochen werden: die Braut erhält wieder Geschenke und darf erneut die Hütte des Ehemanns betreten. Wenn die beiden die Ehe akzeptieren, wirft der Bräutigam einen brennenden Holzstock auf die wartende Menge der Verwandten zu. Dies gilt als Beweis seiner Männlichkeit. Der Braut wird ein Hochzeitstopf von der Schwester ihres Vaters übergeben. In weiteren Zeremonien werden die Braut und der Bräutigam der Gemeinschaft präsentiert. Erst nach ein oder zwei Jahren Ehe erhält der Schwiegersohn eine eigene Kornkammer und seinen Garten.5.148

Bemba-Frauen haben im Kupfergürtel Nord-Rhodesiens den Ruf, daß sie von Männern anderer Ethnien nicht ,,bewältigt`` werden können: ,,These Bemba women! My word! They are fierceness itself.`` Die Erziehung der Bemba-Mädchen sieht aber ganz anders aus: als Mädchen ist sie scheu und zurückhaltend, erst als Großmutter erlangt sie Ansehen, überwacht die Verteilung der Nahrung und organisiert die Arbeiten der Frauen. Diese übergeordnete Stellung kann aber nur durch eine aufrechte Ehe erreicht werden. Im täglichen Leben sind Männer und Frauen getrennt, beide Gruppen sind hierarchisch nach Abstammung und Alter organisiert. Die persönlichen Beziehungen sind durch zeremonielles Verhalten festgelegt: Vorschriften der Anrede, Anerkennung der sozialen Vorrangstellung und die damit verbundenen Rechte, Ablehnung von Streit, Unfreundlichkeit und Szenen, die das sensible Gleichgewicht der Dorfbeziehung stören könnten. Umgänglichkeit und Selbstkontrolle in persönlichen Beziehungen wird geschätzt und hervorgehoben. Männer schlafen in eigenen Unterkünften, essen nur unter Männern und arbeiten gemeinsam. Die Männer sind den Frauen ,,übergeordnet`` und Frauen begegneten ihnen kniend als formelle Begrüßung. Dies konnte Richards noch während ihres Aufenthalts beobachten. Eine Ehe kann für ein junges Mädchen sogar bedeuten, daß sie von ihrem Mann geschlagen wird. In der Öffentlichkeit ist es sogar dem Ehemann verboten, Zuneigung gegenüber seiner Frau zu zeigen.5.149


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Isabella Andrej
1999-03-04