next up previous contents
Next: 5.4.5.2 Spannungsverhältnisse im Eheleben Up: 5.4.5 Traditionen der Bemba-Bevölkerung Previous: 5.4.5 Traditionen der Bemba-Bevölkerung

5.4.5.1 Politische Organisation

Die politische Organisation der Bantu-Bevölkerung - hier vor allem der Bemba - wird häufig als ,,tribal Organization`` bezeichnet. Darunter versteht man kleine Lineage Gruppen, die sich entweder von einer größeren Hauptgruppe abgespaltet haben oder durch fremde Bevölkerungsgruppen aus ihrem ursprünglichen Gebiet verdrängt wurden. Nach Audrey I. Richards beruht die Autorität einer ,,tribal society`` meist auf Verwandtschaft und Abstammung, entweder innerhalb einer Familie, eines Dorfes, Distrikts oder der ,,Nation``. Die politische Organisation steht im Zusammenhang mit den Verwandtschaftsbeziehungen, die sich über Abstammung ableiten und der Chief ist der lebende Repräsentant der ,,ersten Lineage``, der exklusiv rituelle und gerichtliche Funktionen ausübt. Von der ersten Bantu-Gruppe, die in das heutige Territorium kam, werden alle nachfolgenden Gruppen abgeleitet, d.h. die Gesamtzahl der einzelnen Lineages innerhalb der Gemeinschaft beruft sich auf Traditionen, die auf die ursprüngliche Migration in dieses Gebiet zurückzuführen sind: (1) Wielange die Gruppe das heutige Territorium bewohnt; (2) die Art der Immigration, entweder durch friedliches Eindringen, Verdrängung von anderen Bevölkerungsgruppen oder ihre Verschmelzung; (3) die Bedeutung der unterschiedlichen Prinzipien der sozialen Gruppierungen nach Abstammung, Geschlecht, Alter oder lokale Verbindungen, durch die die Gruppe integriert sein mag, die wiederum das Entstehen von Autorität bestimmt; (4) die wirtschaftliche Grundlage der Aktivitäten der Menschen legt den Grad und die Häufigkeit der Segmentierung fest; (5) Einflüsse von außen durch Fremdherrschaft, die die politische Entwicklung beeinflußt haben.5.137

Die Kennzeichen der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Bemba sind nach Richards Informationen folgende:

1.
Der gemeinsame Name: ,,Bemba``, `Fwe Bemba', (`We, the Bemba') als Abgrenzung gegenüber den Nachbarethnien, die manchmal noch als Sklaven (bashya) bezeichnet wurden.
2.
Die gemeinsame Sprache - Cibemba: von ihnen selbst als eigenständiger Dialekt bezeichnet, obwohl er kaum Unterschiede aufweist zu Cibisa oder Cilala. Kennzeichnend ist für alle ein kompliziertes System von Hauptwortklassen mit unterschiedlichen Präfixen bei Verben, Hauptwörtern und Adjektiven, die eine Anzahl vokalischer Veränderungen beinhalten.
3.
Ein äußeres Zeichen der Zugehörigkeit: ein vertikaler, 1 cm langer Schnitt auf jeder Schläfe, neben den Augen.
4.
Die gemeinsamen historischen Traditionen: Junge Männer sprachen mit Respekt über die Ankunft ihrer Vorväter vom Luba-Land und sind stolz auf deren militärische Heldentaten. In alten Tagen hatten die militärischen Erfolge einen hohen Stellenwert, denn daraus ergaben sich Tributzahlungen und Sklaven. Nach Richards wird dies in der folgenden Phrase ausgedrückt: ,,We Bemba cultivate with the spear and not the hoe!``5.138
5.
Ihr Treueeid zu einem gemeinsamen Paramount Chief, dem Citimukulu, dessen Autorität über das Bemba-Territorium - zumindest bis 1934 - nicht hinterfragt wurde.5.139

Die Sozialorganisation wird bestimmt durch die matrilineare Deszendenz und bevorzugte uxorilokale Residenz. Ein Mann identifiziert sich mit der Gruppe der Verwandten, die sich von seiner maternalen Großmutter ableiten, ihren Brüdern und Schwestern, seiner Mutter und ihren Brüdern und Schwestern, sowie seinen eigenen Geschwistern. Seine Mitgliedschaft in dieser Verwandtschaftsgruppe bestimmt seine nachfolgenden Positionen, seinen Status in der Gemeinschaft und manchmal auch seinen Wohnort nach der Heirat. Er ist Mitglied einer größeren Einheit, dem matrilinearen Klan oder umukoa (Plur. imikoa), der den Namen eines Tieres, einer Pflanze oder einer Naturerscheinung (z.B. den Regen) trägt und sich so von anderen unterscheidet. Jeder Klan beruft sich auf einen Ursprungsmythos, wodurch die Ankunft ihrer Ahnen im Land als Teil des nachfolgenden ersten Citimukulu erklärt wird, damit verbunden ist ein ehrenhafter Titel und die Form der Begrüßung. Als Ranggesellschaft unterscheiden die Bemba zwischen höherem und niedrigerem Status eines Klans; ausschlaggebend ist entweder der Zeitpunkt der Ankunft ihrer Vorfahren als Teil des nachfolgenden ersten Citimukulu, oder der Zeitpunkt der Abspaltung von diesem ersten Klan. Den höchsten Status besitzt der Krokodil-Klan, da der erste immigrierte Chief ihm angehört haben soll. Ein ähnliches Alter wird dem Fisch- und Hirseklan nachgesagt.5.140

Alle politischen Positionen sind mit der Abstammung vom Krokodil-Klan verbunden. Die Spitze der Ranggesellschaft der Bemba bildet der Citimukulu, als Chief seines eigenen Territoriums, Paramount über das gesamte Bemba-Land und Inhaber übernatürlicher Kräfte. Die Abstammung des Citimukulu ging in den 1930er Jahren auf 31 Generationen zurück. Er befehligte früher die Kriegszüge und leitete das oberste Gericht. Den erblichen Beratern oblag es, ihn zu unterstützen, aber auch zu kontrollieren, denn sie waren vertraut mit allen wichtigen Ritualen: Verbrennung aller Paramount Chiefs und seiner Erben (Prinzen, Prinzessinnen), Riten vor den Ahnen-Schreinen, Bewachung des Herrscher-Feuers, Entscheidungen über die Nachfolge. Unter dem Citimukulu stehen fünf oder mehr territoriale Chiefs, die alle Mitglieder des aristokratischen Krokodil-Klans sind - d.h. Brüder oder Parallelkousins des Citimukulu -, die aber nicht immer in einer Chieftaincy eingesetzt waren (Chief bedeutet, daß er ein Amt innehat). Starb ein Chief, folgte die nächste Person in der Genealogie nach. Jeder Chief erhält den Titel ,,mfumu``. Jeder Distrikt eines Chiefs ist mehr oder weniger ein Duplikat der Sozialstruktur jedes anderen. Unter den Chiefs stehen die Sub-Chiefs, die über kleinere Gebiete oder nur über ein paar Dörfer ihren Einfluß ausüben. Die Mutter des Citimukulu, bekannt unter Candamukulu, stand in einer Position eines Sub-Chiefs zu ihm und ,,besaß`` ein kleines Territorium innerhalb seines Distrikts.5.141

Innerhalb des Klans werden keine Lineagegruppen mit Namen unterschieden. Von den Bemba selbst wird häufig von ,,houses`` innerhalb des Klans berichtet. Danach besteht ein ,,Haus`` aus direkten Nachkommen von einer bestimmten Ahnin, die drei oder vier (höchstens fünf) Generationen zurückreicht. Die Ämter innerhalb dieser kleinen Abstammungsgruppe sind begrenzt und Chieftainship wird innerhalb der dritten und vierten Generation vererbt. In diesem System werden Frauen als Trägerinnen vieler Kinder verehrt und es heißt, daß durch sie ein ,,Haus`` gegründet wird. Im Falle des aristokratischen Krokodil-Klans ist der Wunsch nach Kinder besonders groß: Frauen haben die Pflicht ,,edle`` Kinder zu gebären, um das Bemba-Land mit Chiefs zu versorgen.5.142 Zwei Senior-Frauen des aristokratischen Klans erreichen die Position eines Sub-Chiefs mit eigenen Territorien und stehen über den Junior-Frauen, die häufig als ,,Headwomen`` auftreten. In beiden Fällen besitzen sie politische Autorität, aber mit weiblichen Attributen: das bedeutet Gastfreundschaft gegenüber Bedürftigen und steht damit im Gegensatz zu den männlichen Mitgliedern des Krokodil-Klans, von denen arrogantes und rücksichtsloses Verhalten erwartet wird. Die Senior-Frauen des Chiefs übernehmen neben den realen politischen Pflichten auch wichtige rituelle Funktionen: sie sind verantwortlich für die Schreine der Ahnen, hüten das Herrscherfeuer und können dadurch seine übernatürlichen Kräfte stärken oder schwächen. Bei Gerichtsverhandlungen vertreten die Frauen ihre eigenen Fälle.5.143

Ein entscheidender Unterschied zu anderen matrilinearen Gesellschaften bildet eine weitere Verwandtschaftsgruppe, die nicht auf unilinearer Abstammung beruht, aber im täglichen Leben kooperiert. Diese Gruppe wird ulupwa genannt und hat eine bilaterale Basis, d.h. alle nahen Verwandten beider Abstammungsgruppen (der eigenen, aber auch angeheirateten). Die Stärke der bilateralen ulupwa beeinflußt auf zwei Arten das politische System der Bemba: (1) Sie erlaubt eine größere Variationsmöglichkeit bei der Zusammensetzung des Dorfes und ermöglicht den Wechsel der Mitgliedschaft. (2) Die ulupwa eines Chiefs bildet mit seiner eigenen matrilinearen Verwandtschaft eine wichtige Einheit: dadurch erhält der Sohn des Chiefs die Positionen oder ein Amt wie seine eigentlichen Erben, die matrilinearen Neffen; die Verwandten des Vaters, die durch die Heitrat miteinander verbunden sind, werden ebenfalls bevorzugt.5.144

Die lokale Einheit ist das Dorf (umushi, Plur. imishi), das durch Segementierung entsteht und durchschnittlich aus 30 bis 50 Hütten besteht. Die Dorfsegmentierung erfolgt über einen erfolgreichen Headman, der eine bestimmte Anzahl von seinen bilateralen Verwandten überzeugt, ihm zu folgen, um ein unabhängiges Dorf zu gründen. Polygynie ist selten, aber mit Prestige verbunden, deshalb nur dem Chief erlaubt, der aber bis zu 15 Frauen haben kann. Das offizielle Erbe eines Paramount Chiefs (bakabilo) bleibt immer im selben Dorf.5.145 Das Dorf eines Chiefs ist meist größer und setzt sich aus seinen matrilinearen Verwandten, seiner Gefolgschaft und einer Anzahl weiterer Familien zusammen. Das gesamte Bemba-Territorium ist in Distrikte (ifyalo, Sing. icalo) eingeteilt, wobei icalo eine geographische Einheit bildet, mit festen Grenzen und einem historischen Namen. Der Distrikt des Citimukulu wird Lubemba, das ,,Land der Bemba`` genannt und das von Mwamba, Ituna. Diese Distrikte waren immer in den Händen der ,,ersten`` Familie, die niemals mehr unterteilt wurden. Der icalo als politische Einheit wird von einem Chief mit einem festgelegten Titel ,,regiert``. Jedes Zentrum, so klein es auch sein mag, hatte seinen eigenen Gerichtshof. Jeder Chief hatte das Recht auf Arbeit in seinem Dorf, d.h. alle arbeiteten nur für ihn und nicht für den Paramount Chief. Der Distrikt ist aber auch eine rituelle Einheit: jedes Zentrum besitzt heilige Relikte (babenye) vom ersten Besitzer des Chief-Titels.5.146


next up previous contents
Next: 5.4.5.2 Spannungsverhältnisse im Eheleben Up: 5.4.5 Traditionen der Bemba-Bevölkerung Previous: 5.4.5 Traditionen der Bemba-Bevölkerung
Isabella Andrej
1999-03-04