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5.4.5 Traditionen der Bemba-Bevölkerung

Als ein Beispiel einer dominanten Gesellschaft mit zentralisierter Herrschaft durch einen Paramount Chief gelten die Bemba im nordöstlichen Hochplateau von Nord-Rhodesien (im heutigen Zambia). Richards führte in den Jahren zwischen 1931 und 1934 umfangreiche Feldforschungen durch. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie erst 20 Jahre später. Damals lebte die Bevölkerung in kleinen Gruppen in weit auseinanderliegenden Dörfern (zwischen 5 bis 20 Meilen), mit 30 bis 50 Hütten. Die Gesamtzahl der Bemba-Bevölkerung in den 1930er Jahren wurde auf ca. 140.000 bis 150.000 Menschen geschätzt. Die Grundlage der Subsistenzwirtschaft bildete der Brandrodungswanderfeldbau vor allem von Mais, Hirse, Kassava und Bohnen. Alle vier bis fünf Jahre mußte jedes Bemba-Dorf verlegt werden. Von den Männern wurden die Felder angelegt, die anschließend von den Frauen bepflanzt und bis zur Ernte betreut wurden. Trotz der guten Bewässerung der Felder waren die Erträge gering, da der Boden nährstoffarm ist. Deshalb kam es immer wieder zu ernsten Versorgungsschwierigkeiten. Die Kontrolle der Produktion und Verteilung der Nahrungsmittel lag in den Händen der Frauen, dadurch sei - wie Richards noch annahm - die außergewöhnliche Stellung der Frauen zu erklären. Mit der Nahrungsproduktion und dem Jahreszyklus der Feldarbeit sind viele Riten verbunden, z.B. bei der Aussaat, Ernte der ersten Früchte, vor Anlegen eines Gartens, etc.5.134

Bemba-Frauen sichern durch ihre Kenntnisse über die Ressourcen des Waldes das Überleben der Familie in Hungermonaten; z.B. kann ein Mädchen im Alter zwischen 10 und 11 Jahren zwischen 30 bis 40 Arten von Pilzen (genießbar/giftig) unterscheiden. Wie in anderen Bantu-Sprachen wird das Wort für Baum muti auch für Medizin verwendet. Den Bäumen werden magische Kräfte zugesprochen und 40 bis 50 Baumarten sind gut bekannt, aber auch ihr ökonomischer Wert wird geschätzt. Von den Bemba wird die Welt in Dörfer (mushi) und Busch (mpanga) eingeteilt, wobei das Dorf mit Sicherheit und Schutz, der Busch als gefährlich, der Ort wo die Geister leben, empfunden wird. Eine Spezialisierung im Wirtschaftsverhalten konnte nicht beobachtet werden. Von den Männern werden Kleider, Körbe, Matten, Einrichtungsgegenstände, Trommeln und andere Holzarbeiten hergestellt. Das einzige Handwerk der Frauen ist die Töpferei, die wesentlich für die Chisungu-Zeremonie ist.5.135

Das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Bemba liegt nach ihren eigenen Erzählungen im Beligsch-Kongo und sie seien die Nachkommen der ,,großen`` Luba-Menschen, die den Kasai-Distrikt bewohnten. In diesem Kontext steht auch die Abstammung über den ersten Ahnen, den Citi Muluba (`Citi the Luban'). Eine Verbindung wird durch die Traditionen der beiden Bevölkerungsgruppen bestätigt. Nach Audrey I. Richards verwendet die Bemba-Bevölkerung Luba-Wörter in den religiösen Ritualen und bei Gericht, deren Inhalt aber nicht mehr verstanden wird. Es gibt zahlreiche Legenden über die Immigration, z.B. heißt es, daß die ersten Ankömmlinge den Lualaba-Fluß (heute die westliche Grenze) ungefähr Mitte des 18. Jahrhunderts überquert hätten und danach nord- und ostwärts wanderten, bis sie ihr erstes Hauptquartier nahe Kasama errichteten, das heute das administrative Zentrum des Bemba-Landes bildet. Weiters wird berichtet, daß ihre Vorfahren ein unbesiedeltes Land vorgefunden hätten, sicher ist aber, daß es zu keiner besonderen Gegenwehr der ansässigen Bevölkerung gekommen ist. Das kriegerische Verhalten der Bemba dürfte sich erst später entwickelt haben, als sie ihr Siedlungsgebiet weiter ausdehnten und die ansässige Bevölkerung verdrängten, die Lungu nach Westen und Süden, die Chewa nach Osten. Richards bezeichnete die Bemba als homogene Gruppe, die eine politische Einheit bildete und sich deutlich von den Bisa-, Lala-, Lunda-Bevölkerungen und weiteren benachbarten Gruppen abgrenzten. Ihre Dominanz gründete sich im 19. Jahrhundert auf dem Import von arabischen Gewehren, die die militärische Überlegenheit verstärkte. Die Nachbarn wurden zu Tributzahlungen gezwungen und ihr Einflußgebiet reichte in den Kongo bis zum Tanganyika-See. Mit der Ankunft der Europäer Ende des 19. Jahrhunderts zerbrach ihre Autorität über die benachbarte Bevölkerung.5.136



 
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Isabella Andrej
1999-03-04