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5.4.4 Zigua und Ngulu in Ost-Tanzania

Die Zigua und Ngulu in Ost-Tanzania sind Teil der nordöstlichen Fortsetzung des matrilinearen Gürtels der Kongo-Zambesi-Region. Die ursprünglich sehr ausgeprägten matrilinearen Merkmale erfuhren bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Abschwächung, die sich mit der fast vollständigen Islamisierung zwischen 1916 und 1926 weiter fortsetzte. Dadurch wurde unter anderem die traditionelle Erziehung der Knaben im Pubertätsalter durch die jando-Riten (Rundbeschneidung) ersetzt. Den Frauen werden aber innerhalb des Islams Rechte zugestanden, die sie an der Küste nicht hätten: z.B. ist ihnen der Besuch der Moscheen erlaubt sowie die Zubereitung der gemeinsamen Mahlzeit bei hohen islamischen Festtagen.5.119

Das Siedlungsgebiet der Zigua und Ngulu bildet ein welliges Flachland, das mit Hügeln durchzogen ist; wobei die Ngulu-Berge eine Höhe von 1500 m erreichen und das östliche Flachland etwa 200 m über dem Meeresspiegel liegt. Die Landwirtschaft ist durch teilweise geringe Niederschläge und unzureichende Wasserläufe eingeschränkt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Viehzucht in den Tsetse-freien Gebieten intensiviert. Nach Elisabeth Grohs war die Stellung der Frau in der Vorkolonialzeit den Männern ebenbürtig. Als Bäuerinnen und Besitzerinnen des Viehs verfügten sie über das Land und vererbten es an ihre Kinder, oder häufiger über den mütterlichen Onkel.5.120

In der deutschen Kolonialzeit war das Erbrecht bereits auf den Vater übergegangen und zur Regel geworden. Obwohl der Handel von den Männern monopolisiert war und ist, profitierten die Frauen früher davon: sie erhielten aus den Einkünften Geschenke wie Schmuck, Körperöle und Baumwollstoffe für die Frauenkleidung, die sie bei Hungersnöten wieder in Nahrungsmittel tauschen konnten. Heute sind diese Geschenke nicht mehr vorhanden oder nicht bezahlbar und die Frauen müssen vermehrt auf ihre persönlichen Ersparnisse an Ziegenherden zurückgreifen, um die Grundnahrung bezahlen zu können. Die traditionelle Arbeitsteilung veränderte sich durch die relativ häufige Abwesenheit der Männer, die unter anderem durch die Vermarktung der Ernte bedingt ist. Früher war es in den traditionellen Dörfern üblich, daß sich bestimmte Einheiten des Dorfes zusammenschlossen, die Frauen gemeinsam die Nahrung zubereiteten und verteilten sowie die Feldarbeit gemeinsam verrichteten. Mit dem Verschwinden der Einrichtung des kiwiri (Nachbarschaftsorganisation für die Feldarbeiten) sind die einzelnen Familien auf sich gestellt. Ein Versuch der Wiedereinführung der kommunalen Strukturen scheiterte am Mißtrauen, der willkürlich zusammengefaßten Dorfbewohner.5.121

Im 19. Jahrhundert bildeten die Matrilineages noch autarke Einheiten. Der Mutterbruder (der Mwegazi) vertrat die Lineage nach außen und verteidigte die Rechte der Frauen seiner Lineage. Mit dem Übergang des Erbrechts vom Mutterbruder auf den Vater verloren die Frauen den Einfluß und Schutz durch ihren Lineageältesten. Die Frauen hatten im religiösen Bereich wichtige Funktionen übernommen, so konnten sie z.B. das Amt des obersten Regenmachers ausüben oder es wurde weiblichen Lineagevorfahren durch Ahnenopfer gedacht; aber auch die Durchführung des Mnkinda-Ritus, um die Verlobungsfähigkeit der Tochter bekanntzugeben, lag in ihren Händen, wie auch die Riten, die nach der Geburt des ersten Kindes durchgeführt werden mußten.5.122

Heute zählen zu den wichtigsten rituellen Aufgaben der Frauen die Gestaltung der Initiationsriten der Mädchen und die Teilnahme an den Todesriten; oder Frauen werden in den Kisasa-Ritus initiiert, d.h. es wird ein Ahnenopfer zelebriert, wenn es schwerwiegende Probleme innerhalb der Gemeinschaft oder der Familiengruppe gibt. Grohs geht in ihrem Aufsatz vor allem auf die Reiferiten der Mädchen (kisazi) ein, die sie während verschiedener Feldaufenthalte zwischen 1969 und 1987 dokumentiert hat. Die Popularität der Initiationsriten der Mädchen war 1985 außerordentlich groß, obwohl bereits 1973 prognostiziert worden war, daß sie sehr bald aussterben würden.5.123

Die Initiationsriten der Mädchen beginnen am Tag der ersten Menstruation und noch am selben Tag finden die Riten der Trennung statt, die kibwembwe genannt werden. Während der Seklusionsphase befindet sich das Mädchen möglichst im Haus der mütterlichen oder väterlichen Großmutter. Die gesamte Initiationsphase setzt sich nach Grohs aus 20 rituellen Sequenzen zusammen, wobei die Entlassungs- oder Kisazi-Riten den dichtesten Teil der rituellen Praktiken darstellen und zugleich den Abschluß der Seklusion bilden, die ursprünglich in die Hochzeitsriten übergegangen sind. Die Novizin wird von einer rituellen Spezialistin (Kungwi) und einer Betreuerin (Mbuya) während ihrer Übergangsphase begleitet. Die Aufgabe der Kungwi ist die Vorbereitung der Riten: dazu gehört das Formen von Tonfiguren (vihiri, Sing. ki), die mit weißen und roten Maiskörnern nach festgelegten Mustern dekoriert werden. Weiters sorgt sie dafür, daß Gräser, Pflanzen, Samenkörner, rote Erde und zahlreiche andere Gegenstände vorhanden sind. In der Vergangenheit dauerte die Seklusion ungewöhnlich lange, nämlich zwischen ein oder mehreren Jahren. Anfang der siebziger Jahre war eine dreimonatige Seklusion üblich, doch auch hier finden sich Unterschiede zwischen Dorf- und Stadtbevölkerung, wo z.B. einer siebentägigen strengen Absonderung des Mädchens einige Wochen einer teilweisen Seklusion folgen konnte.5.124

Die Novizin oder mwali (Plur. wali) muß während der Seklusion strenge Regeln einhalten: sie darf weder sprechen noch nach oben schauen, nicht ihren Körper waschen, noch ihre Haare oder Nägel schneiden. Es ist ihr verboten, Feuerholz zu machen oder zu arbeiten; ihre Kontakte sind auf die Großmutter und auf unverheiratete Mädchen beschränkt. Der Kontakt zu ihrem Vater, den Vätern und den Brüdern des Vaters oder ihrem zukünftigen Ehemann, aber auch zur Mutter unterliegt einem strengen Verbot. Die Körperhaltung der mwali drückt ihre Passivität aus, wie Grohs und andere das Verhalten beschreiben. Die Novizin muß sich der rituell geforderten Unterordnung anpassen und sich dem höheren Wissen der erfahrenen Frauen fügsam zeigen. Bei den Ngulu wird häufig zu Beginn der Seklusion eine Labiadectomie (Beschneidung der Schamlippen) durchgeführt, während bei manchen Zigua-Gemeinschaften diese Operation erst nach der Geburt des ersten Kindes stattfindet. Beide Bevölkerungsgruppen legen darauf Wert, daß diese Form der Beschneidung ,,nur`` ein kleiner Eingriff sei, im Gegensatz zu den Massai, die eine Klitorisbeschneidung vornehmen.5.125

Grohs analysierte etwa 100 Liedtexte, die während der Initiationsphase gesungen wurden und versuchte den ,,Zusammenhang zwischen Sexulatität und Menstruation, Sexualität und sinnlicher Wahrnehmung, Sexualität und Fruchtbarkeit sowie Sexualität und Geschlechterdichotomie`` darzustellen. Die symbolische Bedeutung der Farben Rot, Weiß und Schwarz wird in den einzelnen Abschnitten der Initiationsphase und in den Texten der Lieder unterstrichen. Der Symbolismus der Farben ist dabei nicht statisch, sondern steht immer im Zusammenhang mit dem jeweiligen Abschnitt der Initiaton.5.126

Die mwali lernt die Grundregeln des Verhaltens, die von ihr erwartet werden, um im Bereich der erwachsenen Frauen als vollwertiges Mitglied akzeptiert zu werden. Wesentlich ist vor allem die Fruchtbarkeit des Mädchens, die den Fortbestand der Matrilineage sichert und mit der Farbe Weiß verbunden ist. Der Sero-Tanz wird der Novizin von einem männlichen Spezialisten beigebracht und ist Teil der Entlassungszeremonie, die sich aus besonders vielen einzelnen rituellen Abschnitten zusammensetzt. Im Anschluß an die Riten beim heiligen mgongo-Baum findet die folgende Szene im Dorf statt, die von Grohs beschrieben wird:


11Vertreterin des zukünftigen Ehemannes, die Sekilozi heißt, trägt das Mädchen, das auf ihren Schultern sitzt, in die Mitte des Hofes. Gibt es noch keinen Freier, was heutzutage oft der Fall ist, übernehmen die Verwandten von der Seite des Vaters die Rolle des zukünftigen Ehemannes und seiner Gruppe. Der Vater des Mädchens stellt sich ihr gegenüber auf und hält in der rechten Hand die weiße Perlenkette, die während der Riten im allgemeinen von der rituellen Expertin getragen wird. Er hält diese Kette dicht an die rechte Seite des Kopfes der Novizin und, wie während ritueller Opfer, wirft weißes Hirsemehl über das Mädchen, wobei er von rechts nach links zu werfen beginnt. Die Brüder des Vaters wiederholen diese Handlung in derselben Reihenfolge. Dann kommen die Mutter des Mädchens und ihre Schwestern, und sie führen die gleiche Zeremonie in der gegensätzlichen Richtung aus, d.h. sie beginnen von links nach rechts das Hirsemehl zu werfen. Danach steht das Mädchen auf der Erde, und ein männlicher Vertreter des zukünftigen Ehemannes steht ihr gegenüber. Ein Bogen wird auf die linke Schulter des Mädchens und die rechte des Mannes gelegt, und beide stehen für einige Zeit unbeweglich. Dann wird das Mädchen nach Hause zurückgebracht und für ihren offiziellen Auftritt im Sero-Tanz zurechtgemacht.5.127

In der folgenden Nacht muß die mwali als Zeichen ihrer Fruchtbarbeit durch einen tunnelähnlichen Eingang aus weißen Tüchern ins Innere des Hauses kriechen, wo ein Orakel mit einem schwarzen Huhn stattfindet. Das Huhn wird auf die am Boden kniende Novizin gesetzt und es wird angenommen, daß das Huhn durch die Art wie es herunterhüpft, entscheidet, ob das erste Kind der mwali ein Mädchen oder ein Junge sein wird; oder es hüpft über den Kopf des Mädchens, dann wird dies als Zeichen der Disharmonie zwischen den Eltern des Mädchens interpretiert, was wiederum die Fruchtbarkeit des Mädchen gefährden würde. Sollte dies der Fall sein, dann müssen die Konflikte öffentlich gemacht werden. Wenn das Orakel positiv ausgegangen ist, dann wird der Myungu-Ritus durchgeführt. Dabei wird das aus weißem Hirsemehl zubereitete Essen den Vertretern und Vertreterinnen des zukünftigen Ehemannes angeboten. Die Fruchtbarkeit des Mädchens steht im Vordergrund der rituellen Handlungen und wird durch den Farbsymbolismus deutlich. Bei der Durchführung des zagala-Ritus setzt die rituelle Spezialisten mehrere Gegenstände in eine mit roter Erde gefüllte Worfel, unter anderem sind es je zwei Kerne der Wassermelone (schwarz) und des Kürbis (weiß). Dabei symbolisiert die Wassermelone als nicht besonders begehrte Frucht die zukünftigen Jungen, die die Novizin gebären wird und der Kürbis die zukünftigen Mädchen, die die Kontinuität der Lineage sichern.5.128 Sowohl bei der Durchführung des Orakels als auch beim zagala-Ritus findet sich die Kombination der Farben weiß-schwarz und bei letzterem sind alle drei rituellen Farben vertreten: rote Erde, schwarze Kerne der Wassermelone sowie die weißen Kerne des Kürbis.

Nach Grohs wird Aggressivität im rituellen Kontext meist mit männlichem Verhalten assoziiert. Deshalb treten die Vertreter und Vertreterinnen des zukünftigen Ehemannes mit aggressiven Gesten und Geräuschen auf und tragen häufig echte oder imitierte Gewehre, Bogen und Pfeil, lange Buschmesser, Stöcke, Äxte oder Hacken. Dabei wird die nach außen gerichtete Aggression kanalisiert, z.B. Hacken und Äxte werden am Vorabend von kisazi für die Säuberung des Platzes rund um den rituellen Baum benutzt, wo die beiden Verwandtschaftsgruppen erstmals zusammentreffen und in einem Wechsel von Gesängen mit aggressiven Gesten sich gegenseitig die eigene Überlegenheit vorführen. Die Vertreterin des Ehemannes (Sekilozi) tritt dabei als Jäger verkleidet auf und unterstreicht ihr Äußeres durch aggressives Verhalten. Die Verkleidung als Jäger soll in Verbindung mit den in der Umgebung lebenden Dorobo stehen, die bis vor kurzem noch Jäger und Sammler waren. Danach glauben die Zigua und Ngulu, daß eines ihrer wichtigsten rituellen Ahnenopfer, das mviko kisasa, von den Dorobo überliefert wurde, die als spirituelle Meister angesehen, deshalb auch teilweise mit der Durchführung der Ahnenopfer betraut werden. Gleichzeitig werden sie als die ersten Menschen bezeichnet, die das Land besiedelten, denen auch mystische Qualitäten zugeschrieben werden. In einer Version wird von einem mythologischen Helden, namens Seuta (,,einer, der Bogen und Pfeil hat``) berichtet, der den Zigua und Ngulu Bogen und Pfeil brachte.5.129

Während des Njeje-Ritus wird am frühen Morgen kisenga, eine Tonfigur vorgeführt; andere Figuren sind bereits in der Nacht gezeigt worden. Der Körper von kisenga ist mit roten und weißen Maiskörnern reich verziert. Die Anordnung der Maiskörner entspricht den runden und geraden Formen der früheren Kisenga-Figuren aus Holz, die mit Zweigen verziert waren. Die teilnehmenden Frauen freuen sich über den Auftritt von Kisenga, den sie mit Zweigen des Mhomba Baumes bewedeln. Die rituelle Spezialistin bewundert mit Gesten und Worten das Aussehen der Figur und erhält kleine Geldgeschenke. Zwei Frauen schlagen die Machindi-Trommeln und es werden Kisenga-Lieder gesungen, denen aus Begeisterung andere Lieder folgen können. Nach Grohs wird kisenga als das bedeutendste kihiri angesehen; gleichzeitig werden sehr unterschiedliche Versionen darüber erzählt sowie unterschiedliche Erklärungen der Symbolik gegeben, welche sich zum Teil widersprechen. Kisenga konnte sowohl eine Frau als auch einen Mann darstellen, wieder andere sahen in kisenga den Geist von der Matrilineage der Mutter. In der Figur werden männliche und weibliche Formen kombiniert. Dies könnte auf das erste Zusammentreffen der beiden Familien beim mgongo-Baum hinweisen: die Vertreterin des Bräutigams in männlicher Kleidung und aggressivem Verhalten, die Novizin mit gesenktem Blick und passiv. Grohs vermutet, daß die Aggressivität auf die Gefahren der Sexualität selbst hinweisen, denn wann immer weibliche und männliche Symbole zusammenträfen, wie Mörser und Stößel, Bogen und Pfeil, Kochtopf und Kochlöffel und in ungewöhnlicher Weise benutzt werden, dann symbolisieren sie die gefährlichen Aspekte der Sexualität, insbesondere des außerehelichen Kontakts.5.130

Der Umgang mit Aggressivität und die Einschüchterung durch bestimmte wilde Tiere finden sich in weiteren Szenen, z.B. im Ukala-Ritus; Kala in der Bedeutung eines wilden Tieres und ukala als das große Geheimnis der Frauen. Dabei sind zwei Frauen durch schwarze Tücher und weiße Blätter, die ein leopardenartiges Muster darstellen, bedeckt. Die Novizin wird mit drohenden Lauten empfangen und flüchtet entsetzt, wenn sie die Drohung ,,das wilde Tier frißt [die] Mwali`` hört. Die Frauen rufen ihr begeistert zu: ,,Sie hat es gesehen, sie hat das wilde Tier gesehen.`` Damit ist der Höhepunkt der Initiation erreicht. Darin spiegelt sich die Angst vor dem Ungeheuer, dem Tod und der Wiedergeburt wider, wiedergeboren zu werden als Person, die die Geheimnisse kennt.5.131

Nach Grohs konnte bei den Frauen keine negative Selbsteinschätzung der weiblichen Sexualität festgestellt werden, die von anderen Autoren angesprochen wurde. Frauen wie auch Männer sind verpflichtet, bestimmte Verhaltensregeln einzuhalten, was eben auch die Sexualität betrifft oder die Verhaltensnormen im Umgang mit Älteren.5.132

Die traditionelle Erziehung der Mädchen hat sich nach der vorliegenden Darstellung trotz des islamischen Einflusses ab dem frühen 19. Jahrhundert wenig verändert. Die Frauen konnten sich zumindest bei der traditionellen Erziehung der Mädchen einen eigenen Bereich bewahren. Früher sollen die Mädchen ein Maskenkostüm getragen haben, das heute durch eine minutiöse Körperbemalung ersetzt wurde. Die Expertinnen haben eine wichtige Stellung in der Gesellschaft und weisen darauf hin, daß sie die Traditionen bewahren und weitergeben. Die persönliche Ausstrahlung der Kungwi ist letztlich entscheidend für die Begeisterung oder nur Teilnahme der Mitwirkenden.5.133


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Isabella Andrej
1999-03-04