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5.4.3.1 Die Initiationsriten der Luvale-Mädchen

Die Initiation von Mädchen beginnt aus biologischen Gründen fast ausschließlich einzeln und nur in Ausnahmefällen fällt dieser Zeitpunkt bei zwei Mädchen derselben Matrilineage zusammen. Dann werden diese gemeinsam unterrichtet. Das ,,Hineinführen`` oder die erste Phase der Initiation stellt das Ereignis der ersten Menstruation (nakulu oder manyinga akulivanga) dar. Das Mädchen informiert die alten Frauen des Dorfes entweder verbal oder symbolisch - durch Übergabe einer mbambala-Nuß (Luchazi), die eine rote Flüssigkeit enthält -, daß sie das Alter erreicht hat, um in die Frauengemeinschaft eingeführt zu werden.5.106

Während sich das Mädchen im Haus ihrer Mutter auf ihre Initiationsphase vorbereitet und ein Schweigegebot einhält, wird für sie eine Lehrerin (chilombola) ausgewählt, die meist eine ältere und erfahrene Frau ist. Nach der Menstruation beginnt die eigentliche Initiation. Die Initiandin (mwali) wird von ihrer Lehrerin auf einen Platz außerhalb des Dorfes gebracht und unter einen Baum gelegt. Hier nimmt die mwali eine festgelegte Körperstellung ein: Fersensitz, den Oberkörper an den Oberschenkel gelegt und das Gesicht zum Boden gerichtet, die Hände hält sie vor ihre Augen oder Schläfen, wobei der Daumen von den übrigen Fingern umschlossen wird. In dieser Körperhaltung, die mit dem symbolischen Tod verbunden ist, verbringt sie den gesamten Tag, bewegungslos und ohne einen Laut von sich zu geben. Mit dem symbolischen Tod beendet die Initiandin die Kindheit und befindet sich im Übergangsstadium zur Erwachsenenwelt. Dabei begleiten sie die tanzenden Frauen. Die mwali und der Baum bilden das Zentrum und die Frauen beginnen mit rhythmischen Sätzen oder Wörtern die Männerwelt zu beschimpfen.5.107

Das Schlafhaus (litungu), der Tanzplatz chisevilo (Luchazi) oder mbumbulu (Luvale) sind Orte außerhalb des Dorfes, wo sich die mwali während ihrer Seklusionszeit aufhält. Das Schlafhaus wird häufig vom zukünftigen Bräutigam des Mädchens gebaut und sie teilt es mit ihrer Lehrerin und mit einer Gehilfin, die kosambijilo genannt wird. Dem Feuer wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt und es brennt sowohl am Schlaf- als auch am Tanzplatz und stellt die Verbindung zwischen den beiden Orten her. Es darf nicht vom Dorffeuer stammen und muß während der Nacht in der Schlafhütte der mwali brennen. Das traditionelle Wissen wird der Initiandin aus Liedern und Geschichten am abendlichen Feuer, dem mwali-Feuer, das nie ausgehen darf, vermittelt. Von diesem Feuer nimmt sie jeden Morgen einen brennenden Ast, den sie zum Tanzplatz trägt, um ein Tagfeuer anzuzünden.5.108 Die mwali muß ihr Feuer während der gesamten Übergangsphase pflegen, denn es spendet die Asche, mit der sie sich nach der täglichen morgendlichen Waschung am Fluß ihren gesamten Körper einreibt. Die weiße ,,Aschenmaske`` symbolisiert, daß das Mädchen nicht mehr die kleine Somo, Mahongo oder Chisange ist, sondern eine mwali, die in das Geheimwissen eingeweiht wird.5.109

Vier bis acht Tage nach Beginn der Seklusion findet die zweva-Zeremonie statt: Tangwa lya kutenga nzweva. Zweva wird die Decke genannt, mit der die mwali ihren nackten Körper verhüllt. An diesem Tag kommen die Frauen ins chisevilo und binden ein Stück von zweva zu einem ,,Knödel`` zusammen. Wenn Nägel, Haare, Hautstücke etc., von der mwali abfallen, müssen sie sorgfältig eingesammelt und in den zweva-Beutel gesteckt werden, damit der Schadenszauber abgewendet werden kann. Solange die mwali am Rande des Dorfes lebt, braucht sie besonderen Schutz vor bösen Geistern im Busch. Deshalb trägt sie immer ein Stoffsäckchen (lizaku) über dem Brustkorb, das der Medizinmann mit geheimen Substanzen gefüllt hat. Strenge Vorschriften bestimmen ihr Verhalten: tagsüber darf sich die Initiandin nur im Busch aufhalten; sie muß sich eigene Wege suchen; darf keinen Acker betreten; keinesfalls ins Dorf gehen, außer am Abend den kurzen direkten Weg zum litungu, der Schlafhütte am Rand des Dorfes. Das Fischen mit den großen geflochtenen Körben ist die einzige Tätigkeit, die sie weiterhin mit ihren Freundinnen tun darf, davon sind Männer immer ausgeschlossen.5.110

Besondere Bedeutung wird dem Eifer beim Tanztraining geschenkt. Es heißt, ,,Kukina!`` (tanzen) lernt die Initiandin während der Initiationsphase in die Frauenwelt. Dabei verbringt sie den Tag am Tanzplatz, der von einem Zaun als Sichtschutz umgeben ist. Wenn die Initiandin ihre Tanzvorstellungen gibt, werden ihre Fähigkeiten von den Zuschauern beurteilt - durch Anerkennung ihrer Fortschritte und kleine (Geld-)Geschenke -, um ihren Trainingsehrgeiz zu steigern. Für das Tanztraining wird ein Musiker (ngomba) ausgewählt, der den Rhythmus bestimmt und damit den Tanzstil vorgibt, wie auch Ruhepausen für die Initiandin festlegt. Es wird berichtet, daß diese wichtige Funktion früher eine Musikerin inne hatte. Die Zuschauer bilden beim Tanztraining einen Kreis mit festgelegter Sitzordnung nach Geschlecht und Alter. Der Tanzgürtel (chiwamba) muß von der mwali zum Schwingen gebracht werden. Dazu sind ganz bestimmte Beckenbewegungen notwendig, die nur durch häufiges Training erlernt werden. Das Gewicht des Tanzgürtels wird auf die Anatomie und die tänzerischen Fähigkeiten der Initiandin abgestimmt. Spielerisch wird ihre Konzentration auf die unterschiedlichen Tanzbewegungen gerichtet, die durch das häufige Üben die Muskulatur stärken soll und dadurch kann das Gewicht des Gürtels erhöht werden. Bereits Kinder basteln einen Tanzgürtel, um diese Bewegungen zu üben. Aber auch die Maske der jungen Frauen - Likisi lya mwana pwevo - tanzt mit einem chiwamba.5.111

Jeden zweiten oder dritten Nachmittag übt die Initiandin mit ihrem Musiker die unterschiedlichen Tanzstile wie chiyanda, kachacha, mungongi, fwapula, ulengo und weitere. Dabei wird den öffentlichen Tanzauftritten große Aufmerksamkeit geschenkt. Es gibt aber auch Tänze, die die Initiandin nur unter Frauen übt, denn diese sensibilisieren sie auf ihr zukünftiges Geschlechtsleben. Das intime ,,Tanzen`` zwischen Frau und Mann nachts im Bett wird mutenya genannt und zeigt die Korrelation zwischen Tanz und Sexualität. Die öffentliche Version des mutenya-Tanzes wird kachacha genannt, dabei entfällt die Ebene der Bodenlage. Die Übernahme des Christentums hatte zur Folge, daß der intime Tanzstil als ,,anstößig`` empfunden wurde. Deshalb entfällt bei den christianisierten Familien der gesamte Tanzunterricht und dadurch veränderten sich empfindlich die Lehrinhalte bei der traditionellen Mädchenerziehung.5.112

Das Tanzkostüm der Initiandin besteht aus: zwei Stofftüchern (vilondo), Beinrasseln an den Waden und alle unbekleideten Körperteile werden mit Kaolin (pemba) bestrichen. Bevor die mwali zu tanzen beginnt, wirft ihr der Musiker (ngombo) einen Tanzgürtel zu, der mit Sand und Stoffresten gefüllt ist (Gewicht von ca. 3 kg). Der Gürtel wird so um die Hüfte gebunden, daß der füllige und schwere Teil am Rückenboden aufliegt. Durch die außen angebrachten Utensilien wird der chivamba zu einem schwingenden und klingenden Tanzinstrument. Mit ausladender, differenzierter Beckenbewegung und dezent über die Schulter gesenktem, abgewendetem Blick, tanzt sie immer in gerader Linie auf die Männer zu, so jedenfalls die Beschreibung von Rauter. Während des gesamten Tanztrainings steht die mwali in konzentrierter und aufmerksamer Verbindung mit ihrem Musiker. Wird der Tanznachmittag beendet, so wirft die mwali ihren Tanzgürtel in den Sand und verläßt den Tanzplatz.5.113

Die chilombola ist verantwortlich, daß die mwali die unterschiedlichen Tänze beherrscht und eine gute Tänzerin wird. Eine besonders gewandte und geübte Tänzerin erfreut die Eltern und bringt der chilombola Ehre und Anerkennung. Dies wirkt sich wiederum auf die Verheiratung aus: Männer wollen eine gute Tänzerin heiraten. Die mwali kann ihren Brautpreis durch ihren Trainingseifer beeinflussen und hofft, dadurch einen guten Mann zu bekommen, der einen entsprechenden Brautpreis bezahlt.5.114

Die Initationsphase kann ein halbes bis zu einem dreiviertel Jahr dauern. Heute steht die traditionelle Erziehung häufig in Konflikt mit dem englischen Erziehungssystem. Deshalb wird litungu lya mwali teilweise auch auf die Sommerferien verlegt und zeitlich beschränkt. Durchschnittlich lebt die mwale drei bis 8 Monate vom Dorf getrennt und lernt neben chiyanda- und mutenya-Tänzen die weiblichen Traditionen der Medizin, Kenntnisse über Heilpflanzen und Bäume. Dabei werden ihr die Orte genannt, wo sie wachsen und Kräfte und Gefahren bezeichnet, mit denen sie verbunden sind.5.115

Die Übergangssituation der mwali birgt sowohl für sie selbst als auch für das Dorf und ihre Verwandten Gefahren. Deshalb ist das Einhalten von besonderen Vorschriften besonders wichtig; wie z.B. Material-, Raum- und Speisetabus (die von Dorf zu Dorf variieren), sowie die rituelle Körperhaltung und ein Schweigegebot. Damit die Initiandin ein Bedürfnis - trotz verordneten Schweigens - artikulieren kann, bedient sie sich einer Pfeifsprache (chitwoli), die die notwendigen Codes enthält, um Wasser und Nahrung zu erbitten oder jemanden zu rufen. Kontakte zur Mutter und zu den übrigen Frauen bestehen trotz Seklusion: ihre Mutter bringt ihr das Essen, die übrigen Frauen besuchen sie tagsüber und geben ihr auf humorvolle Weise persönliche Ratschläge, die sie aus eigener Erfahrung besitzen.5.116

Die äußeren Zeichen der Initiation in die Luvale-Gesellschaft der Frauen stellen die Initiationsnarben dar. Dabei wird unterschieden zwischen den jichato-Narben, die im unteren Rückenbereich in üppigen, blumenähnlichen Mustern skarifiziert werden und den mikaka-Narben, als waagrechte schmale Linien knapp über den Schamhaaren. Die letztgenannten Narben sind die eigentlichen Initiationsnarben und entsprechen der Vorhautbeschneidung der Knaben.5.117

Stellt die chilombola fest, daß die mwali die notwendige Reife erreicht hat, dann wird mit den Vorbereitungen für das Abschlußfest begonnen. Die Frauen beginnen Bier zu brauen und ein Körperöl (maji amono) herzustellen. Das Abschlußfest findet bei Vollmond mit vielen geladenen Gästen statt. Am Abend vor dem letzten Tag tanzt die mwali zur Musik des ngomba ihre erlernten Tanzstile, dabei ist ihr Körper mit Kaolin und rotem Ocker in einem Muster aus Streifen und Punkten bemalt. In der Farbsymbolik steckt weiß für Kindheit (Muttermilch, Brüste, Luft, Leben, Wiedergeburt, Segen, Transzendenz) und rot für den Status der erwachsenen Frau (Uterus, Blut, Erde, Geburt). Die mwali wird durch rituelle Waschungen und andere Ereignisse von den Frauen auf ihren Auftritt vorbereitet. Sie erhält ein rotes ,,Ölkleid``, das jede Stelle ihres Körpers bedeckt. Während der Seklusionsperiode war ihr Körper mit weißer Asche verhüllt, nach Abschluß des alten und Übergang in den nächsten Lebensabschnitt erscheint sie von Kopf bis Fuß rot. Sie wird mit einer Beerenkette geschmückt und mit einem Lendenschurz bekleidet. Die Frauen breiten eine Decke als Prozessionsdach über sie und bewegen sich als Gruppe mit der mwali im Zentrum - singend, klatschend und mungongi-tanzend - auf die Dorfmitte zu, wo der ngomba und andere Musiker den Rhythmus mit den Trommeln vorgeben. Am Dorfplatz lüften die Mutter mit der Feldhacke und der Vater mit der Axt das Prozessionsdach der mwali; nun ist sie als Frau in die Luvale-Gesellschaft aufgenommen. Axt und Feldhacke sind die Insignien der höchsten Würdenträger der -Luvale. Das Ziel bildet das Haus der Eltern. Es wird eine Matte für die mwali ausgebreitet, wo sie sitzend kleine Geschenke entgegennimmt.5.118


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Isabella Andrej
1999-03-04