next up previous contents
Next: 5.4.3.1 Die Initiationsriten der Up: 5.4 Charakteristische Institutionen Previous: 5.4.2.2 Mädchen-Initiationsriten

5.4.3 Traditionen der Lunda-Bevölkerung

Eva Rauter studierte im Jahr 1990 in der Nordwestprovinz Zambias die traditionelle Erziehung von Mädchen bei den -Luvale. Die -Luvale werden zur Großgruppe der Lunda-Bevölkerung gezählt und in dieser sind die -Luchazi, -Ndembu, -Chokwe, -Luimbe und -Luwa zusammengefaßt. Das Luvale-Siedlungsgebiet liegt vorzugsweise in den Grasebenen (chana) an Flüssen und Seen, die in der Regenzeit überflutet werden, aber in der Trockenzeit ein gutes Weideland für ihre Rinder darstellen. Der Brandrodungsfeldbau bildet die Grundlage für die Subsistenzwirtschaft der kleinen Dorfgemeinschaften. Es werden vor allem Mais, Kassava, Erdnüsse, Maniok, Kohl und Zuckerrohr angepflanzt. Ergänzt wird die Nahrung durch Kleintierzucht, Jagd und Fischfang sowie Honig für die Weinproduktion. Die Sozialorganisation beruht auf matrilinearer Abstammung bei bevorzugter virilokaler Residenz; d.h. die Ehefrau zieht in das Dorf des Ehemannes und lebt in einer Arbeits- und Lebensgemeinschaft im Dorf des Mannes. Ihre gemeinsamen Kinder werden aber der Matrilineage der Frau zugerechnet. Läßt sich die Frau von ihrem Ehemann scheiden, dann kehrt sie mit ihren Kindern ins Dorf ihrer Matrilineage zurück. In den Dörfern leben - aufgrund der Virilokalität - vor allem Söhne derselben matrilinearen Abstammungsgruppe. Die Familie des Chiefs oder Dorfvorstehers muß direkt von der ältesten Frau der angesehensten Matrilineage abstammen. Die einzelnen Lineages sind über die ,,Ideologie`` von Genealogien zurückzuverfolgen, die älteste und damit führende Lineage stellt den Chief, er übernimmt die Vertretung der Dorfinteressen nach außen.5.103

Der Wechsel der bevorzugten Residenz von uxorilokal zu virilokal dürfte im Zusammenhang mit der Einführung des Brautpreises stehen, den der Ehemann oder seine Verwandtschaft an die Eltern der Braut zu bezahlen hat. Die Einführung eines Brautpreises ist nur dann möglich, wenn auch die Mehrheit der Männer imstande ist, diesen zu bezahlen; dies setzt wiederum voraus, daß ein gewisser Überschuß an Nahrung, Haustieren etc. vorhanden sein muß. Wie wir bereits gesehen haben, leitet der Wechsel zur Virilokalität die Veränderung der gesamten Sozialorganisation einer Gesellschaft ein und die Kombination von Matrilinearität und Virilokalität stellt dabei eine Übergangsphase dar.

Eva Mahonge Rauter berichtet über die Initiationsphase, die ein Luvale-Mädchen durchlaufen muß, um als erwachsene Frau in der Gesellschaft anerkannt zu werden. Ihre Ergebnisse beruhen auf Feldforschungen, die sie im Juli und August 1990 bei den -Luvale in einigen Dörfern am Zambezi-Fluß und am Kabompo-Fluß durchgeführt hat.5.104

Die geschlechtsspezifische traditionelle Erziehung der -Luvale und verwandter Ethnien erfolgt durch die ,,Institution`` der Mädchen, litunga lya mwali und die ,,Institution`` der Knaben, mukanda. In den beiden Arbeiten von Rauter werden die Frauenwelt und die Organisation der Initiationsschulen für Mädchen dargestellt. Das tägliche Leben der Frauen ist durch harte Arbeit gekennzeichnet, dazu zählen die Feldarbeit wie auch die gesamte Hausarbeit. Bereits in jungen Jahren werden die Mädchen auf ihr zukünftiges Leben vorbereitet. Sie begleiten ihre Mütter beim Wasserholen, helfen bei allen Arbeiten im Haus und kümmern sich um ihre kleineren Geschwister. Durch die Mithilfe bei den Frauenarbeiten, die meist im oder rund um das Haus anfallen, sind die Mädchen wesentlich leichter den Zugriffen der Erwachsenen ausgesetzt als gleichaltrige Jungen. Beim Holzsammeln beteiligen sich sowohl Jungen als auch Mädchen. Beide - Mädchen und Jungen - haben aber genügend Freiräume zum Spielen, Singen und Tanzen.5.105



 
next up previous contents
Next: 5.4.3.1 Die Initiationsriten der Up: 5.4 Charakteristische Institutionen Previous: 5.4.2.2 Mädchen-Initiationsriten
Isabella Andrej
1999-03-04