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5.4.2.2 Mädchen-Initiationsriten

Chinamwali cha akazi bedeutet in wörtlicher Übersetzung die ,,Initiation der Frauen`` oder die ,,weibliche Initiation`` und die Initiandin selbst - wie auch ein männlicher Initiand des nyau-Bundes - wird namwali genannt. Kubik konnte durch vergleichende Analysen der Terminologie, Organisation und Struktur von chinamwali cha akazi und der nyau-Gemeinschaft feststellen, daß beide zueinander Parallelinstitutionen darstellen, die einen hohen Stellenwert innerhalb der Gesellschaft einnehmen. Vor allem die weiblichen Initiationsriten im Pubertätsalter sind in dieser Region hoch organisiert.5.100

Die einzelnen Schritte der Mädcheninitiation werden von Gerhard Kubik kurz zusammengefaßt:

1.
Dem dramatischen Ereignis der ersten Menstruation folgt eine sofortige Isolation des Mädchens; die Leiterin der Zeremonie ( nánkungwi) wird informiert und von ihr wird eine Betreuerin (phungu) ernannt. Während der gesamten Initiationsphase darf das Mädchen nur von diesen beiden Personen angesprochen werden.
2.
Das Mädchen wird in ein eigenes Initiationshaus (tsimba) gebracht, wo sie unterrichtet wird. Sie sitzt in schweigender Haltung auf einer Matte und wird besungen und eingetanzt. Die wesentlichen Inhalte der Erziehung sind Disziplin, Zurückhaltung, Höflichkeit und Arbeitseifer.
3.
Nach einigen Wochen oder längstens einem Jahr findet ein spektakuläres Abschlußfest oder Heimkehrfest statt. Dabei tritt ein kapoli-Maskentänzer des nyau-Bundes als Verbindungsglied zwischen der ,,Institution der Frauen`` und der ,,Institution der Männer`` auf.5.101

Das Ziel der weiblichen Initiation ist das Erlernen der gesellschaftlich gewünschten Verhaltensweisen der Mädchen und das Vorbereiten auf ihre zukünftige Position als Mutter und Ehepartnerin. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang vor allem der Widerspruch, daß die Männer die Frauen innerhalb der Gesellschaft als dominant empfinden, aber gleichzeitig die Erziehung der Mädchen von den Frauen zur Passivität und Disziplin erfolgt. Kubik konnte aber auch beobachten, daß von den Frauen eine ,,Maske`` - atsikupinimbira genannt - hergestellt wird, die bei einem chinamwali-Abschlußfest eingesetzt worden ist. Dabei bemalte sich eines der Mädchen vom Lehrpersonal den Körper mit weißen Tupfen aus Maismehlkleister (auch Lehm sei möglich) und bedeckte den Kopf bis zum Hals völlig mit Blättern; wobei das Aussehen an die kapoli-Maske erinnerte. Gemeinsam mit der atsikupinimbira-Maske liefen die Mädchen und Frauen in der Nacht - eine von ihnen war mit einer Glocke oder einem klingenden Eisengegenstand bewaffnet - durch das Dorf. Dabei wagte sich kein Mann aus dem Haus, denn die Frauen würden auf jeden Mann mit Stöcken einschlagen, der sich ihnen entgegenstellte.5.102

Eine ähnliche Form der ,,Masken der Frauen`` gibt es auch in Ostangola. Der Auftritt der ,,Frauenmasken`` ist gleichzeitig die Vergeltung, die als Ausgleich der Sozialordnung zwischen den Geschlechtern dient. Es scheint, daß die Maskentraditionen insgesamt die Aufgabe übernehmen, durch die Verkleidung der jeweiligen Person, sowohl auf der Männer- als auch auf der Frauenseite, als ,,ausgleichende Gerechtigkeit`` bzw. als Kanalisation eines Spannungszustandes zu fungieren. Die Maskenfigur sollte für jeweils die andere Seite nicht identifizierbar sein und damit fällt es wesentlich leichter, Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern symbolisch aufzuzeigen und sogar zu sanktionieren, ohne daß die Person erkannt oder die Gemeinschaft des Dorfes dagegen Schritte unternehmen könnte. Das traditionelle Wissen der Frauen, das sie während der Initiationsphase erlernen, sollte - meines Erachtens - eigentlich ihr Selbstbewußtsein stärken und die theatralische Demutshaltung nur dazu dienen, daß sie grundsätzlich gute Ehefrauen und Mütter sein wollen, aber nur dann, wenn auch die Ehemänner die gesellschaftlich festgelegten Regeln einhalten. Die Ehefrau ist von ihrer gesamten weiblichen Verwandtschaft umgeben, dies dürfte die Haltung des Ehemannes gegenüber seiner Frau wesentlich beeinflussen. Ihm muß bewußt sein, daß er derjenige ist, der als Fremder integriert wurde. Durch die Mitgliedschaft des Mannes in einem Geheimbund verstärkt sich die Solidarität der nicht-verwandten Männer untereinander, aber wie weit diese Solidaritätsgruppe auch im täglichen Leben präsent ist, konnte aus der Literatur nicht erschlossen werden.

Die Sozialordnung basiert in matrilinearen Gesellschaften wesentlich häufiger auf einem Gleichgewicht der Geschlechter. Wie bereits Divale (1975) bzw. Otterbein und Otterbein (1965) bemerkten, sind diese Gesellschaften - trotz der Spannungszustände - vor allem durch innere Harmonie gekennzeichnet und Feindschaft wird fast ausschließlich nach außen gerichtet. Die matrilineare Sozialordnung, verbunden mit uxorilokaler Residenz, bleibt aber flexibel und paßt sich an die jeweilige Situation an, d.h. es kann nur von einer ,,bevorzugten`` uxorilokalen Residenz der Gesellschaft gesprochen werden, da es immer Ausnahmen gibt (wie z.B. der Dorfvorsteher oder das männliche Oberhaupt einer matrilinearen Abstammungsgruppe nach der Heirat kaum die Residenz wechseln wird). Die Toleranz gegenüber Abweichungen, solange sie in einem von der Gesellschaft selbst festgelegten Rahmen bleibt, ist dabei groß. Wo nun die Grenze des Übergangs von einer zur anderen Residenzregel liegt, ist deshalb auch nicht sofort erkennbar. Wenn aber mit der Zeit die Ausnahme zur Regel wird, ist der Übergang von einer zur anderen Residenzregel abgeschlossen.


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Isabella Andrej
1999-03-04