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5.4.2.1 Der nyau-Bund der Männer

Die Bevölkerung des alten Maravi-Chiefdoms präferierte uxorilokale Residenz in Verbindung mit matrilinearer Deszendenz. Gerhard Kubik vermutet, daß der nyau-Bund bei seiner Entstehung eine exklusive männliche Geheimgesellschaft gewesen sei.5.87 Sollte dies der Fall sein, dann wird weiters vermutet, daß der ursprüngliche Zweck des Bundes in einer militärischen Gemeinschaft der Männer gelegen hat, wobei die Geheimhaltung und Abgeschiedenheit der heutigen Maskentraditionen und ihre öffentlichen Auftritte dafür ein wesentlicher Anhaltspunkt sein könnte. Die Exklusivität der männlichen Mitgliedschaft im nyau-Bund ist heute nicht mehr gegeben, ebensowenig wie die mehrheitlich eingehaltene uxorilokale Residenz.

Die wesentlichen Merkmale, die im Zusammenhang mit dem nyau-Bund stehen, sind nach Kubik und anderen Autoren vor allem die gesellschaftlichen, erzieherischen und religiösen Funktionen: Bei der Maravi-Nachfolgebevölkerung - den -Chewa, -Nyanj, -Mang'anja usw. - stellt der nyau-Bund die zentrale Institution der formalen männlichen Erziehung dar und ersetzt gleichzeitig die Beschneidungsschulen für Knaben im Pubertätsalter. Die Mitgliedschaft im nyau-Bund ist freiwillig, kann unabhängig vom Alter erfolgen und ist jederzeit mit der Bitte um Aufnahme und dem Ablegen bestimmter Prüfungen möglich.5.88 Im Gegensatz dazu sind im westlichen Ostangola und Nordwest-Zambia-Kulturraum die Beschneidungsschulen von Jungen mit den Geheimbünden mit Masken zu einer Einheit verschmolzen, d.h gleichzeitig auch, daß in der zuletzt genannten Region ein Mitglied der nyau-Institution ohne Genitaloperation die mukanda-Beschneidungsschule (wo die Masken hergestellt werden) nicht betreten darf. In Ostangola werden die ,,rites de passage`` auf der männlichen Seite nach Altersklassen durchgeführt, zuerst erfolgt die obligatorische Initiation in der mukanda-Beschneidungsschule mit Maskentraditionen und eine mehrmonatige Seklusion. Im folgenden Altersgrad kann die freiwillige Initiation in die Kenntnisse der vandumbu (die Stimme der toten Könige) und letztlich die freiwillige Mitgliedschaft in den mungongi-Geheimbund erfolgen.5.89 Die Voraussetzung für die Aufnahme in den mungongi-Geheimbund sind folgende: frühestens im Alter von 14 bis 16 Jahren (nach oben gibt es keine Altersgrenze), das Absolvieren von mukanda sowie von kutsimpwa makisi, das Initiiertwerden in die Masken.5.90

Eine weitere Besonderheit des nyau-Bundes ist das ausgeglichene und wohlwollende Verhältnis zur Frauenwelt. Es werden nicht nur einzelne Frauen in den Bund initiiert, sondern auch Frauen - zwar in untergeordneter Stellung - als Chor und zum Klatschen bei öffentlichen Auftritten der kapoli-Maske zugelassen, wohingegen den nicht-initiierten Männern die Teilnahme strengstens verboten ist. Wenn der Titel nánkungwi innerhalb eines nyau-Bundes vorkommt, dann ist diese Person immer eine Frau, die in den Bund initiiert wurde. Vereinzelt sind weitere Frauen zugelassen, die aber eher genau festgelegte assistierende Funktionen übernehmen, z.B. holen sie Wasser für das Vermischen mit Lehm, um die Körperbemalung der kapoli-Maske vorzubereiten. Die Anzahl der Frauen variiert in den vielen bestehenden nyau-Zellen, z.B. im Amang'anja-nyau-Bund von Singano gibt es - nach Kubik - eine Reihe von weiblichen Mitgliedern.5.91

Aufgrund der Forschungen, die von Kubik in der Süd-Region Malawis durchgeführt wurden, konnten über 100 Orte mit nyau-Vereinigungen gezählt werden. Bereits im 18. Jahrhundert dürften die nyau-Traditionen aus Malawi in die heutige Ostprovinz Zambias und nach Nord-Moçambique ,,exportiert`` worden sein. Der Ersatzausdruck für das Wort ,,nyau`` (,,Maskenbund der Männer``) ist gule wankulu.5.92

Die sozialgeschichtliche Erklärung für das Entstehen dieser Solidaritätsgemeinschaft von Männern dürfte im engen Zusammenhang mit der matrilinearen Sozialordnung in Verbindung mit der bevorzugten uxorilokalen Residenzregel stehen. Gerade bei dieser Sozialorganisation sind die Männer mehrheitlich von der eigenen Verwandtschaftsgruppe getrennt und leben in einem Dorf mit nicht-verwandten Männern zusammen. Die Mitgliedschaft im nyau-Bund könnte als Ersatz für die männliche Verwandtschaftsgruppe bei virilokaler Residenz angesehen werden. Die Gemeinschaft der Männer übernimmt soziale, erzieherische und religiöse Funktionen. Die öffentlichen Auftritte der Masken repräsentieren die Stärke des Bundes und vermehren das Gemeinschaftsgefühl der Männer. Die Frauen sind davon nicht ausgeschlossen, sondern sie sind diejenigen, die die Darstellung der einzelnen Masken anerkennen und wahrscheinlich auch bewundern. Gleichzeitig versuchen die Maskendarsteller den Frauen Furcht einzujagen, um die von den Männern als weibliche Dominanz empfundene Sozialordnung innerhalb der Gemeinschaft des Dorfes abzuschwächen.5.93

Wie bereits angemerkt, erfolgt die Aufnahme in den nyau-Bund freiwillig, sie erhöht aber den Status des einzelnen Mannes. Obwohl es kein bestimmtes Alter für die Initiation gibt, sind es meist junge Männer, die ihre Absicht der Aufnahme als Mitglied bekannt geben. Der Aufnahmewunsch wird dem Leiter und Inhaber des Bundes (nkulu wa gule) weitergeleitet und danach wird ein Betreuer gewählt, der den Initianden vor zu großen Übergriffen der Mitglieder schützt. Nach Bezahlung einer Aufnahmegebühr muß sich der Aufnahmewillige an einem bestimmten Tag zur festgelegten Stunde an einem Ort einfinden, wo ihn sein Betreuer empfängt und ihn zum Haus der Masken bringt. Hier werden sie von den Mitgliedern in völliger Dunkelheit mit Schreien und Schlägen erwartet. Der Betreuer versucht die Aggressionen auf sich zu lenken und den Initianden zu schützen. Nach dieser Art der ,,Begrüßung`` nehmen die Mitglieder ihre Kopfmasken ab und der Initiand wird in die Geheimnisse des Bundes eingeweiht. Zu den Kenntnissen eines Mitglieds zählen vor allem Lehrsätze, Code-Wörter, Gesänge, Jodeln, bestimmte Tanzbewegungen, wie auch das Herstellen von Masken und traditionelles Wissen.5.94

Die religiösen Elemente des nyau-Bundes sind mit den öffentlichen nyau-Festen verbunden, die zu drei Gelegenheiten stattfinden: (1) beim Tod eines Mitglieds versammeln sich die Masken beim Haus des Verstorbenen und tanzen während der gesamten Nacht. Am darauffolgenden Tag wird der Leichnam von den Masken zum Friedhof gebracht und begraben. (2) Gewöhnlich wird nach einem Jahr ein Erinnerungsfest für das verstorbene Mitglied von den Masken des Bundes veranstaltet. (3) Zum Abschluß der Mädcheninitiation werden nyau-Tänzer des Typs kapoli eingeladen.5.95

Von Kubik konnten in einem Dorf namens Singano bei Chileka zwei verschiedene nyau-Vereinigungen beobachtet werden: (a) Gule wa Achipeta, die häufig in der Region vorkommt und (b) Gule wa Chimang'anja. Beide bestehen völlig unabhängig voneinander und sind aus unterschiedlichen historischen Traditionen hervorgegangen. Der Grund für das Auftreten von zwei unterschiedlichen nyau-Zellen in einem Dorf dürfte mit der bevorzugten Uxorilokalität verbunden sein. Männliche Angehörige verschiedener ,,Ethnien`` wie den -Mang'anja vom Chikwawa-Distrikt, -Nyanja und Lomwe haben ihre eigenen Traditionen ins Dorf der Frauen mitgebracht.5.96 Zu den wesentlichen Unterschieden der nebeneinander existierenden nyau-Bünde zählen: daß beim gule wa Chimang'anja kein Gesang, keine vokale Aufführung, sondern rein instrumentaler Klang von acht becherförmigen Trommeln unterschiedlicher Größe dargeboten wird.5.97

Die Maskenbünde des matrilinearen Gürtels des südlichen Zentralafrika haben - trotz ihrer heutigen Unterschiede - vermutlich gemeinsame Wurzeln. Als Ausnahme gelten die -Yao, die als einzige ethnische Gruppe innerhalb des Nyasa/Ruvuma-Bevölkerungs-Clusters keinen nyau- oder analogen Maskenbund der Männer besitzen. Im Gegensatz dazu kann zwischen zwei Typen von Knaben-Initiationsschulen mit unterschiedlicher Genitalbeschneidung gewählt werden: (a) lupanda, mit Inzisions- oder Ritzbeschneidung; (b) jando, mit Rundbeschneidung. Einer der Gründe für das heutige Fehlen der Maskentraditionen könnte der islamische Einfluß seit dem späten 18. Jahrhundert gewesen sein.5.98 Der Islam konnte aber - wie vermutet wird - nur deshalb an Bedeutung gewinnen, weil die matrilineare Sozialorganisation nicht mehr ausreichend in der Gesellschaft verankert war. Die Veränderungen innerhalb der Maravi-Nachfolgebevölkerung setzten ab dem 19. Jahrhundert ein und führten teilweise zur Abschwächung der matrilinearen Sozialordnung und damit auch zum Bedeutungsverlust der nyau-Traditionen.5.99


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Isabella Andrej
1999-03-04