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5.4.2 Traditionen der Maravi-Nachfolgebevölkerung

Die traditionelle politische Geschichte Malawis begann mit der chewa-sprechenden Bevölkerung, wobei der Phiri-Klan, der dem Feuer eine große symbolische Bedeutung schenkte, eine wichtige Rolle spielte.5.82 Aus alten Quellen (wie z.B. einer Karte von 1546) leitet sich der Name des heutigen Staates Malawi ab. Nach mündlichen Überlieferungen wird die enge Verbindung zum Phiri-Klan bezeugt und die Bedeutung malawi mit ,,Flammen`` gleichgesetzt.5.83

Die traditionelle Erziehung von Mädchen und Knaben bei der Nachfolgebevölkerung des alten Maravi-Chiefdoms wird von Gerhard Kubik in zwei Arbeiten analysiert. Die Bevölkerungesgruppen stehen kulturell und linguistisch in enger Verbindung und sind als Achewa, Anyanja, Achipeta, Amang'anja und weiteren Untergruppen in die Literatur eingegangen. Ihre Muttersprachen sind in Chichewa, Cinyanja, Cimang'ana und weitere Dialekte untergliedert, die im zentralen und südlichen Teil Malawis, sowie in Ost-Zambia und im nördlichen und zentralen Moçambique gesprochen werden. Diese Bevölkerungsgruppen sind überwiegend matrilinear und uxorilokal organisiert. Dieses Sozialsystem wird von den Männern als Vorherrschaft der Frauen empfunden und hat dazu geführt, daß beide Geschlechter eigene Bereiche entwickelten, z.B. der nyau-Geheimbund der Männer und die formale Erziehung der Mädchen.5.84

Bis zu 90 % der Gesamtbevölkerung Malawis lebt am Land fast ausschließlich von der Subsistenzwirtschaft. Die Siedlungsform der segmentierten Dorfgemeinschaften besteht aus einem Kern, um den sich Zusiedler gruppieren. Die einzelnen Hausgruppen verteilen sich geographisch in gleichmäßigen Abständen in unmittelbarer Nähe der einzelnen Felder.5.85

Die präferierte Uxorilokalität wird heute häufig durch Avunkulokalität ersetzt, wobei wirtschaftliche Erwägungen eine zentrale Rolle spielen. Dabei übernimmt der Mutterbruder das Amt eines Promotors (Sing. nkhoswe, Plur. ankhoswe), der ganz bestimmte familiäre Aufgaben zu erfüllen hat, wie z.B. als Zeuge einer Heirat, Promotor der Kinder, oder als Streitschlichter gewählt wird. Die Funktion eines nkhoswe kann sowohl von einer Frau als auch von einem Mann ausgeübt werden. Weitere Möglichkeiten der Umgehung der Uxorilokalität wären die beiderseitige Kreuzcousinenheirat; die Heirat und damit der Ortswechsel des Mannes ins unmittelbare Nachbardorf, dadurch können die Kontakte des Ehemannes mit seiner Verwandtschaft weiter gepflegt werden; oder der Ehemann bezahlt heute häufig einen symbolischen ,,Brautpreis``, entweder als ständige minimale Unterstützung der Eltern der Braut oder gelegentlich als ,,Brautdienst``, d.h. vor der Heirat arbeitet der Mann auf den Feldern der Eltern der Braut.5.86



 
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Isabella Andrej
1999-03-04