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5.4.1 Maskentraditionen und Geheimbünde

Nach Kubik könnten die Gründe für das Festhalten an den Maskentraditionen durch die regionalen Gegebenheiten begünstigt worden sein. In den angrenzenden Regionen, wie z.B. das ostafrikanische Zwischenseengebiet, der größte Teil Ostafrikas und auch in Südafrika, sind keine Maskentraditionen vorhanden. Diese Gesellschaften sind aber auch nicht nach matrilinearen Abstammungsgruppen organisiert und bevorzugen virilokale Maritalresidenz. Als Gründe für das Fehlen von Maskentraditionen könnten nach Kubik folgende genannt werden:

1.
Es gab auch in diesen Gebieten Maskentraditionen, die aber durch den Einfluß von Hirtennomaden aus dem nilo-saharanischen und dem afro-asiatischen Sprachraum - die eine bedeutende Migrationsbewegung ins südliche Afrika ausgelöst haben - verschwunden sein könnten.
2.
Die zwischen 1000 und 400 v.Chr entlang des nördlichen zentralafrikanischen Waldrandes von Westen nach Osten vordringende bantu-sprachige Bevölkerung bestand aus Gruppen, die innerhalb des sogenannten Bantu-Nukleus in Ostnigeria und Westkamerun zur Zeit der Auswanderung keine Maskentraditionen besaßen. Das würde bedeuten, daß die Maskentraditionen überhaupt erst mit den späteren ,,Migrationen oder Wellen kultureller Diffusion aus dem südnigerianischen Raum langsam in das bantu-sprachige Afrika eingeflossen`` sei könnten.
3.
Eine Bevölkerungsexplosion in Katanga um ca. 1000-1100 n.Chr. könnte die Wanderungsbewegung einerseits in Richtung Ostangola (Lunda/Cockwe-Komplex), andererseits in Richtung des Malawi-Sees bis ins Ruvuma-Tal ausgelöst haben. Daraus bildete sich nach Adaption der eingewanderten Bevölkerung das heutige Bild des matrilinearen Gürtels in Verbindung mit den Maskentraditionen.5.76

Bei der Diskussion über das Entstehen von Geheimbünden kann festgestellt werden, daß sie ganz bestimmte Funktionen innerhalb einer segmentären Gesellschaft erfüllen. Von Kubik wurde die Entstehungsgeschichte des akulavye-Geheimbundes der Mädchen im Dorf Bigene, welches im Nola-Distrikt der Zentralafrikanischen Republik nahe der Grenze zu Kamerun liegt, zusammengefaßt. Dieser Geheimbund wurde erst 1965 aus Kamerun übernommen. Die ethnische Gruppe der Mpy $\varepsilon$m $\tilde{\small\supset}$ lebt sowohl diesseits als auch jenseits der Kameruner Grenze und zählt zur Northern Bantu Borderland-Gruppe.5.77

Über die Entstehung des akulavye-Tanzes wird erzählt, daß eine Frau im Südwesten Kameruns durch die Trauer um den Tod ihres Mannes in große Not geraten sei. In den Träumen erschien er ihr immer wieder und gab ihr die Anweisung zur Begründung des akulavye-Tanzes und Instruktionen für die Mitgliedschaft, um ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. Diese Gemeinschaft der Mädchen wird im öffentlichen akulavye-Tanz, der im Sitzen ausgeführt wird, dargestellt. Die Initiationshaltung der Mädchen ist gekennzeichnet durch gesenkten Blick, stummer und unansprechbarer Haltung, im Kreis auf Raphia-Stühlchen um die Leiterin der Zeremonie sitzend. Dabei werden Schüttelbewegungen der Beine und Schultern durchgeführt. Die Gruppenidentität entsteht durch die Abgrenzung von den übrigen Teilen der Gesellschaft, die durch die öffentlichen Auftritte gestärkt wird. Gleichaltrige Jungen sind als Instrumentalisten beteiligt.5.78

Die Kontakte zwischen den Dörfern haben zum Wunsch der Übernahme dieser Institution im Dorf Bigene geführt. Die Kameruner Mädchen übernahmen die Initiation und Instruktion in die Geheimnisse und die einzuhaltenden Tabus für die Mitglieder, nachdem jedes der zu initiierenden Mädchen einen bestimmten Betrag bezahlt hatte. Die Initiation erfolgte durch ,,Impfung`` der Initiandinnen: durch Einschnitte an verschieden Stellen der Rückseite der Arme und durch Auftragen einer schwarzen Masse auf die Wunden. Das Ertragen von Rauch in einem abgeschlossenen Raum ohne Abzug war eine weitere Prüfung und gleichzeitig eine Phase des Überganges.5.79

Als Körperdekoration verwenden die Mädchen Fellstreifen einer Raubkatze und das Verhalten dieses Tieres wird im Tanz dargestellt. Damit verbunden ist das weiße Puder im Gesicht und die Rotfärbung der Lippen. Taschentücher werden um die Arme und je eines um den Kopf und den Körper gebunden. Der Kopfschmuck besteht aus Federn von einem großen Vogel namens und Federn vom Hahn, die mit Stoff umwickelt und mittels eines Holzgerüstes am Kopf befestigt werden. Aus Konservendosen werden Rasseln hergestellt und an den Beinen befestigt, im Inneren befinden sich erbsengroße Samen von einem Strauch.5.80

Die Mitgliedschaft ist mit einer Reihe von Tabus verbunden, auf deren Einhaltung geachtet und Vergehen durch die Bestrafung aus der ,,anderen`` Welt (durch Verstorbene) zur Folge hätte. Von den initiierten Mädchen wird erwartet, daß sie sich diszipliniert verhalten, Streitigkeiten innerhalb der Gruppe vermeiden, strenge sexuelle Vorschriften einhalten und sich höflich gegenüber Außenstehenden verhalten. Durch das gemeinsame Ertragen von physischen Schmerzen soll die Gruppensolidarität gestärkt werden und die Achtung gegenüber nicht-menschlichen Wesen wird erwartet. In den öffentlichen Auftritten spiegelt sich das Verhältnis des Bundes zur Dorfgemeinschaft wider. Im Zentrum befindet sich die Leiterin, die Mädchen bilden sitzend einen Kreis um sie. Von der weiblichen Gruppe im Zentrum hebt sich die Gruppe der Jungen ab, die eine assistierende Rolle als Trommler einnehmen. In einem größeren Abstand befinden sich die Zuschauer, die ihre Bewunderung über den Bund äußern und damit die Solidarität der initiierten Mädchen stärken.5.81


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Isabella Andrej
1999-03-04