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5.3 Initiationszeremonien

Die Analyse von Zeremonien steht im Zusammenhang mit individuellen ,,Lebenskrisen``, die von Arnold van Gennep (1873-1957) als ,,rites de passage`` bezeichnet werden. Darunter ist die Aufeinanderfolge von bestimmten Zuständen zu verstehen, die ein Individuum während seines Lebens durchläuft; die Zeremonien symbolisieren dabei die Übergänge. Die Riten haben während der Übergangsphase die Aufgabe, das Individuum vor feindlichen Mächten zu schützen. Drei Hauptphasen können bei allen Übergangsriten unterschieden werden: (1) Trennung (séparation), (2) Übergang (marge) und (3) Inkorporation (agrégation).5.64 Van Gennep beschränkt sich nicht nur auf die Religion, sondern schließt die Natur, die Funktion des Symbolismus und die Beziehung zum sozialen und individuellen Verhalten ein. Er zählt zu den Rites de Passage alle periodischen Veränderungen im Zusammenhang von natürlichen Gegebenheiten, wie der Wechsel des Jahres, der Jahreszeit oder der Monatszahl. Danach enthält z.B. die Neujahreszeremonie: die Austreibung des Winters, die Übergangsphase und die Inkorporation des Frühlings, d.h. der Winter stirbt und der Frühling wird geboren. Van Genneps Theorie schließt sowohl Varianten des Volksglaubens als auch der Psychoanalyse ein.5.65

Victor Turner (1989) beschäftigte sich mit den von van Gennep beschriebenen Formen der Übergänge, den ,,Riten, die einen Orts-, Zustands-, Positions- oder Altersgruppenwechsel begleiten.`` Das Individuum geht von der Trennungs-, über die Schwellen-, in die Eingliederungsphase über. Während der Trennungsphase setzt die Loslösung eines Individuums oder einer Gruppe von einem früheren fixierten Punkt einer Sozialstruktur und/oder gesellschaftlichen Bindung ein. In der anschließenden Schwellenphase ist das rituelle Subjekt (der ,,Passierende``) von Ambiguität gekennzeichnet. Es wird ein Bereich durchschritten, der weder mit dem früheren noch mit dem zukünftigen in Verbindung steht. Mit der Angliederungs- oder Wiedereingliederungsphase hat das rituelle Subjekt den Übergang vollzogen und befindet sich wieder in einem neuen stabilen Zustand. Durch die Anpassung an die traditionellen Normen erhält das Individuum eine neue Position innerhalb der Gesellschaft. Der Schwellenzustand ist besonders gefährlich, da sich das Schwellenwesen weder hier noch dort befindet, weder das eine noch das andere ist. Die Übergangsphasen werden fast überall durch Symbole ritualisiert, die diese Unbestimmtheit des Schwellenzustands zum Ausdruck bringen.5.66

Nach van Gennep ist jede größere Gesellschaft in getrennte soziale Gruppierungen untergliedert. Die Unterscheidungs- und Abgrenzungsmerkmale sind dabei vielfältig und werden in jeder Gesellschaft durch soziale, religiöse, ökonomische, geschlechtliche und altersabhängige Faktoren bestimmt. Die individuellen Übergänge sind mit dem territorialen Überschreiten einer Staatsgrenze vergleichbar, z.B. werden in segmentären Gesellschaften geographische Zonen, z.B. Wüstengebiete, Sümpfe oder unberührte Wälder als neutrale Zonen bezeichnet, die jeder ungestraft durchwandern kann. Das Land auf beiden Seiten der neutralen Zone ist aber ,,heiliges Land``. Verläßt jemand sein ,,heiliges Land`` und durchschreitet das neutrale, so befindet er oder sie sich für einen bestimmten Zeitraum in einer physikalisch und magisch-religiösen besonderen Situation, d.h. die Person steht zwischen zwei Welten.5.67

Eine Gesellschaft sei - nach van Gennep - einem Haus ähnlich, das in Räume und Korridore unterteilt ist. Gerade in segmentären Gesellschaften sind die Sektionen sorgfältig getrennt und Übergänge nur möglich, wenn bestimmte Rituale durchgeführt werden. Fremden Personen wird meist ein Raum außerhalb einer geschlossenen Gemeinschaft zugewiesen (wie z.B. Händlern). Bei der Ankunft von einer größeren Anzahl von Fremden verstärkt sich die lokale soziale Zusammengehörigkeit; dabei können drei verschiedene Verhaltensweisen unterschieden werden: (1) alle Bewohner verlassen das Dorf und flüchten an einen gut geschützten Ort; (2) sie schließen die Tore, bewaffnen sich und senden Signale (z.B. Feuerzeichen, akustische Zeichen mittels Musikinstrumenten) zum Sammeln aus; (3) der Chief allein oder mit seinen Kriegern tritt als Repräsentant vor die Fremden, denn er ist besser immunisiert gegen den Kontakt als seine Gefolgschaft; oder eine gewählte Delegation wird geschickt. Zusammenfassend - obwohl es Ausnahmen politischer Natur gibt - können Fremde uneingeschränkt ein besetztes Gebiet einer Gesellschaft betreten; sie werden aber aus der Ferne ihre Absicht prüfen und durchlaufen einen Zustand, der in Form des afrikanischen ,,Palavar`` gut bekannt ist - so jedenfalls van Gennep. Diese Übergangsperiode setzt sich aus bestimmten Ereignissen zusammen, wie der Austausch von Geschenken, Anbieten von Nahrung durch die Bewohner, oder dem Anbieten einer provisorischen Unterkunft, z.B. das ,,Gemeinschaftshaus`` der jungen Männer oder Krieger, oder ein besonderer Ort, der dem Chief gehört oder einem Edlen. Manchmal wird sogar ein Raum in einem lokalen Familienhaus angeboten. Dabei wird der Fremde durch Inkorporation Teil der Familie und zugleich der Gesellschaft.5.68 Trifft eine Gruppe von Kriegern während einer Rache-Expedition auf ein Camp oder eine Siedlung, mit der Absicht einige Bewohner zu töten, dann werden ihnen häufig Frauen angeboten. Wenn die Angreifer sexuelle Beziehungen mit ihnen eingehen, sind die Streitigkeiten beendet; die Annahme der Frauen bedeutet, daß sie das Zeichen der Freundschaft akzeptieren. Würden sie die Frauen akzeptieren, aber trotzdem angreifen, wäre dies ein schweres Vergehen gegen das intertribale Brauchtum, so van Gennep.5.69

In der vorliegenden Arbeit wird vor allem auf die Initiationsriten von Mädchen näher eingegangen. In diesem Zusammenhang unterscheidet van Gennep zwischen ,,physiologischer Pubertät`` und ,,sozialer Pubertät``. Dabei ist die beginnende physiologische Pubertät der Mädchen ein individuelles Ereignis, das mit der ersten Menstruation einsetzt und den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenstatus einleitet.5.70

Durch diese Riten wird ein asexuelles Individuum in die Welt der Sexualität übergeleitet. Der Zeitpunkt des Beginns der Pubertät bei Knaben ist nicht durch ein Einzelereignis gekennzeichnet, sondern die Öffentlichkeit bemerkt Veränderungen, wie z.B. den Bartwuchs. Insgesamt ist aber die körperliche Pubertät für beide Geschlechter ein Ereignis, das das Ende der Kindheit signalisiert. Dafür entwickelten sich unterschiedliche Pubertätsriten, die den Übergang in den Status des Erwachsenen erleichtern und gleichzeitig für die Öffentlichkeit sichtbar machen sollen.5.71 Variationen beim Alter, wann eine Zirkumzision durchgeführt wird, zeigen, daß dieser Akt eher soziale Bedeutung hat als physiologische. Beschneidungen werden in größeren Abständen durchgeführt, sodaß Kinder unterschiedlichen Alters (im Sinne von sexueller Entwicklung) zur gleichen Zeit in einer Gruppe zusammengefaßt werden. Der Zeitpunkt des Eingriffs variiert sogar innerhalb einer einzigen Region unter derselben Ethnie zwischen 7 bis 8 Tagen nach der Geburt bis über das 12. oder 13. Lebensjahr hinaus. Welche Art der Beschneidung gewählt wird und ob Mädchen und Knaben davon betroffen sind, steht im gesellschaftlichen Zusammenhang des Sozialsystems und darf nicht getrennt betrachtet werden.5.72

Die Initiation in den nyau-Bund zählt im Sinne von van Gennep zur ,,sozialen Pubertät``. Obwohl es Ähnlichkeiten bei der Initiation - wie aus der Literatur hervorgeht - zu den Totemgruppen Nordamerikas gibt, liegt der wesentliche Unterschied darin, daß die Geheimgesellschaften Ozeaniens (außer Australien) und Afrikas nicht den Zweck der Kontrolle der Natur haben wie bei den Totemklans oder Bruderschaften Nordamerikas, sondern ihr Inhalt sei eher im politischen und ökonomischen Sinne zu sehen. Trotzdem bestehen bei der Initiation in die Gemeinschaft große Ähnlichkeiten in den Details, die in Verbindung mit der Sozialorganisation stehen dürften.5.73

Die Grundstruktur der Initiation in eine Totemgruppe im Südosten Australiens unterscheidet sich kaum von anderen Geheimgesellschaften: für einen Knaben bedeutet es die Trennung von seiner gewohnten Umgebung, d.h. von der Welt der Frauen und Kinder. Der Initiand befindet sich in Seklusion im Busch, an einem ganz bestimmten Ort, in einer besonderen Unterkunft etc., dabei wird die Seklusion von verschiedenen Arten von Tabus begleitet. Die Vergangenheit wird abgeschlossen - die Spiele der Kindheit wie auch die Verbindung zwischen ihm und seiner Mutter und seinen Schwestern - es gibt keinen Weg zurück! Der Initiand wird zum Mann und lernt seine neuen Pflichten innerhalb der Gesellschaft.5.74

Ein Beispiel wäre die Initiation bei den Zuñi von New Mexiko in die Ko'tikili- oder Katchin-Gesellschaft: Dabei wird der Novize in das heilige Zeremonienhaus (Kiva) initiiert. In dieser Gesellschaft gehört sowohl jeder einzelne Mann als auch jede Frau zu mehreren Totemgruppen oder Bruderschaften, die immer mit unterschiedlichen Initiationsriten verbunden sind. Bei den Zuñi wird ein Novize z.B. von einem Sponsor ins Kiva eingeführt, wobei Frauen nicht ausgeschlossen sind, sondern eine festgelegte Funktion erfüllen. Zwei Frauen legen dem Novizen vier Decken, die in vier Teile gefaltet sind, auf den Rücken. Der Sponsor wickelt den Kopf des Novizen in ein Tuch, damit er nichts sehen kann, dann wird der Novize mit Yucca Blättern am Rücken geschlagen, viermal von jedem der Sayathlia Götter (die Männer, die die Götter vertreten, tragen dabei Masken) und zwei Frauen schlagen je einmal für jeden Sayathlia auf seinen Rücken. Danach wird er nochmals viermal von jedem Sayathlia geschlagen. Der Sponsor nimmt dem Novizen das Tuch ab und steckt in sein Haar eine Adlerfeder, als sakrales Zeichen. Die vier Götter nehmen ihre Masken ab und der Novize erkennt die Männer, die sich dahinter verborgen hatten. Es werden vier Novizen vor die vier Sayathlia gebracht und jeder von ihnen erhält eine Maske und einen Yucca-Zweig. Mit dem Yucca-Zweig schlägt jeder Novize jedem Saythila auf seinen rechten und linken Arm und rechten und linken Knöchel, danach geben die vier Novizen jedem Sayathlia seine Maske zurück.5.75 Bei dieser Darstellung der Initiation sind die Parallelen zum nyau-Bund unverkennbar und beweisen gleichzeitig, daß bestimmte Traditionen nicht unbedingt auf Übernahme zurückzuführen sind, sondern daß der Sozialorganisation größere Bedeutung zukommt.


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Isabella Andrej
1999-03-04