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1.1.3 Sprachfähigkeit

Obwohl es zwischen Primaten und Jäger- und Sammlergesellschaften auch Ähnlichkeiten im Sozialverhalten gibt, unterscheiden sie sich doch gravierend. Der wesentlichste Unterschied ist die Kommunikationsfähigkeit des Menschen. Kein anderes Tier ist dazu fähig! Tiere kommunizieren zwar miteinander durch Mimik oder Gestik und drücken auf ihre Art Emotionen aus, aber nur der Mensch kann lernen, symbolische Dinge entstehen zu lassen und sein Verhalten durch Kommunikation zu verändern. Dabei spielen in allen menschlichen Gesellschaften kulturelle Regeln, Tabus, Zeremonien, Rituale, Kunst und Ideologien eine Rolle.1.27

Wann die Sprachentwicklung in der Evolution zum Homo sapiens einsetzte, führte zu sehr unterschiedlichen Vermutungen. Früher wurde von einigen Anthropologen angenommen, daß sogar der Australopithecus eine Sprache vor nahezu zwei Millionen Jahren hatte. Heute wird eher vermutet, daß die Sprachfähigkeit eine späte Entwicklung ist und erst vor ca. 70.000 bis 50.000 Jahren einsetzte.1.28 Gough (1975) neigte noch eher zur Annahme, daß die Sprachfähigkeit mit dem Entstehen des Familienlebens, in Verbindung mit Werkzeuggebrauch, Kochen und geschlechtlicher Arbeitsteilung zwischen 500.000 und 200.000 Jahren entstand. Diese Annahme einer gemeinsamen Entwicklung ist heute überholt! In der Linie der Hominiden war die Sprachfähigkeit z.B. beim Neandertaler - wie Christopher B. Stringer1.29 (1991) in seinem Monogenesemodell annimmt - nicht vorhanden.

Das ,,Monogenesemodell`` besagt:


11..., daß der moderne Mensch einen einzigen Ursprung hatte, und zwar in Afrika, daß er zunächst noch rassisch undifferenziert war und erst relativ spät, als er sich von dort in andere Erdteile verbreitete, Unterschiede zwischen verschiedenen Linien ausgebildet haben.1.30

Stringer hält dieses Modell aus evolutionsbiologischer und anthropologischer Sicht für die ,,überzeugendste Lösung``. Im Falle des homo sapiens neanthalensis betraf die natürliche Selektion sogar eine echte menschliche ,,Art``. Der Neandertaler hatte die Widrigkeiten der letzten Eiszeit überstanden, war ein erfahrener Großwildjäger, körperlich kräftiger als der moderne Mensch und ihm technologisch gleichwertig.1.31 Der Neandertaler entwickelte sich aus einer Seitenlinie des Homo erectus vor rund 500.000 Jahren und starb vor 34.000 Jahren aus. Zwischen zwei Millionen und einer Million Jahren existierten wahrscheinlich 3 Hominiden-Arten nebeneinander, die körperlich kräftigeren und größeren Arten (wie der Neandertaler) starben aber merkwürdigerweise aus.1.32 Nach Philip Lieberman (1984) hätte das Größenwachstum des Gehirns für die Evolution der gesprochenen Sprache allein nicht ausgereicht; und er geht davon aus, daß heute mit einiger Sicherheit behauptet werden kann, daß der Neandertaler trotz seines Gehirnvolumens nicht sprechen konnte (Respirationstrakt, Kiefer- und Kauapparat hatten es ihm nicht ermöglicht).1.33 Für Christopher B. Stringer (1991) hat der Neandertaler nicht zur Homo sapiens Linie gehört und ist deshalb ,,nur`` als Homo neanderthalensis zu bezeichnen. Als Gründe für seine Annahme nennt er Fossilfunde die zeigen, daß der Neandertaler im Nahen Osten neben dem modernen Menschen lebte und dennoch seine Verschiedenheit bewahrte.1.34

Die Sprachfähigkeit des modernen Homo sapiens begründete seine Überlegenheit. Sie führte zum System schneller Kommunikation, aber auch zur Ausbildung eines Kurzzeitgedächtnisses, damit reagierten die Sprachzentren des Gehirns wesentlich rascher auf Sprechsequenzen. Die Bedeutung der Sprache liegt vor allem in der Negation, dadurch wird Kommunikation in der Ja-/Nein-Form erst möglich, die wesentlich für die gesellschaftliche Evolution ist. Bei der tierischen Kommunikation gibt es nirgends eine Negation! Für humane Gruppen bis zu 150 Mitgliedern konnte ein ,,Nein`` in der Kommunikation sehr gefährlich werden und Konflikte auslösen. Aggressionskontrolle ist deshalb in der gesellschaftlichen Entwicklung von entscheidender Bedeutung.1.35

Das Aneignen von Sprache ist geschlechtsunabhängig. Beide Geschlechter lernen in der frühen Kindheit die Sprache ihrer unmittelbaren Umgebung. Die unterschiedlichen Bedeutungen in der Gewichtung von Sprache werden in den folgenden Ansätzen kurz dargestellt.

Von fundamentaler Bedeutung für die Sprachwissenschaft waren im 19. Jahrhundert die Erkenntnisse der Biologie. Dadurch konnte die statisch traditionelle Interpretation ersetzt werden. Denn Ähnlichkeiten zwischen Sprachen entstehen nicht nur aufgrund historischer Beziehungen. Vier Klassen dienen zur Erklärung: (1) der Wandel, (2) der Symbolismus, (3) die Genetik, und (4) die Übernahme. Die ersten beiden beinhalten keine historischen Beziehungen im Gegensatz zu den restlichen. Diese vier Klassen haben aber auch Parallelen in den non-verbalen Aspekten einer Gesellschaft. Genetische Beziehungen entstehen in Verbindung mit der inneren Evolution, der Übernahme, des Ausborgens und der Diffusion.1.36 Greenberg erkannte, daß Sprachen nie isoliert betrachtet werden dürfen, sondern ausschließlich die jeweiligen Sprachgruppen. Die konventionelle Klassifikation der afrikanischen Sprachen basiert auf formalen Kriterien: Ton verbunden mit einfacher Semantik.

Joseph Greenberg beschäftigt sich in seiner Arbeit ,,Historical Linguistics and Unwritten Languages`` (1953) mit den bisherigen Forschungen zu diesem Thema. Er schreibt, daß in den letzten Jahrzehnten erste Methoden zur Rekonstruktion von mündlichen Überlieferungen entstanden sind (Algonkian von L. Bloomfeld, Bantu-Sprachen von C. Meinhof und Malayo-Polynesisch von O. Dempwolff). Diese Methoden beschäftigten sich vorwiegend mit der Aussprache.1.37 Im 19. Jahrhundert dominierte noch die synchrone Beschreibung. Später beschäftigten sich die Strukturalisten mit den grundlegenden Einheiten, dem Wandel im System und teilweise mit der Erklärung der Unterschiede in der Aussprache. Jakobson (1931) stellte fest, daß sich zwar die Aussprache verändert, nicht aber die Aussprachestruktur. Bei der synchronen Beschreibung wurde klar zwischen phonetischen und phonemischen Lautunterschieden differenziert.1.38

Beim Menschen läßt sich zeigen, daß die Sprache nicht die einzige Äußerung der Intelligenz ist und ihr Gebrauch nicht einfach mit anderen Aspekten der Intelligenz korreliert. L.S. Wygotski (1962) etwa hält fest:


11 Wir können uns Denken und Sprache schematisch als zwei sich überschneidende Kreise vorstellen. Im überlappenden Bereich fallen Denken und Sprache zusammen; sie bringen das hervor, was man verbales Denken nennt. Verbales Denken schließt jedoch in keiner Weise alle Formen des Denkens oder alle Formen des Sprechens ein - ein weiter Bereich des Denkens hat keine direkte Beziehung zur Sprache. Das Denken, das sich im Werkzeuggebrauch äußert, gehört zu diesem Bereich, wie überhaupt der praktische Intellekt im allgemeinen.1.39

Und weiters heißt es bei Wygotski (1962):


11 Ein gedankenleeres Wort ist etwas Totes, und ein Gedanke, der nicht in Worte gefaßt wird, bleibt ein Schatten. Die Beziehung zwischen den beiden ist freilich nicht vorgegeben und nicht konstant. Sie erscheint im Laufe der Entwicklung und entwickelt sich selbst. Auf das ,,Im Anfang war das Wort`` der Bibel läßt Goethe seinen Faust entgegnen ,,Im Anfang war die Tat``. Damit soll der Wert des Wortes herabgesetzt werden. Man kann jedoch diese Version akzeptieren, wenn man den Satz anders betont: Im Anfang war die Tat. Das Wort war nicht der Anfang - die Aktion kommt zuerst; es ist das Ende der Entwicklung, die Krönung der Tat.1.40

Für Hallpike bildet die Entwicklungspsychologie (vor allem die Analyse des Werkes von Jean Piaget) die Grundlage für seine Theorie über die unterschiedlichen Formen des Denkens. Nach Piaget, Wygotski und anderen Entwicklungspsychologen haben die Sprache und das Denken nicht dieselben Wurzeln in ihrer Entwicklung. Es gibt in der Sprache ein vorbegriffliches Stadium und im Denken ein vorsprachliches Stadium. Das Kind beherrscht im Laufe seiner Entwicklung die Grammatik viele Jahre vor der formalen Logik (falls es, durch seine Erfahrungen in seiner Ausbildung, überhaupt so weit kommt).1.41 Die Sprachbeherrschung ist ein Entwicklungsprozeß, der die gesamte Erfahrung des Individuums einbezieht.


11 Der ,,Sinn`` von Wörtern ist fließend, ist die Summe aller psychologischen Ereignisse, die durch das Wort in unserem Bewußtsein wiedererweckt werden. Er ist ein dynamisches, fließendes, komplexes Ganzes; die Bedeutung ist nur die stabilste Zone des Sinnes, und der Sinn verändert sich je nach dem Kontext.1.42

Nach Hallpike ist die Sprache nicht bestimmend für das Denken, denn gewisse Kategorien werden überhaupt nicht sprachlich formuliert und andere sind in einer Vielfalt von Gebräuchen und Institutionen verankert. Eine Idee kann in jeder Sprache auf unendlich viele Weisen ausgedrückt werden, und weil das Denken auch auf der Ebene des Handelns und des Bildes geschieht, ist die Annahme, Kategorien und Vorstellungen würden schon durch den Erwerb der Sprache gelernt (wie Durkheim, Lévi-Bruhl, Whorf, Leach und andere postulierten) offensichtlich falsch. Die Sprache ist ein wesentliches Mittel, um Kategorien und Vorstellungen einer Gesellschaft zu erlernen; in Gesellschaften, in denen das Denken in Handlungen, Symbolen und Ritualen eingebettet ist, genügt die Sprache allein nicht, sondern die Erfahrungen des Volkes in seiner Gesamtumwelt müssen mitberücksichtigt werden.1.43


11Kosmologien von Primitiven können wichtige Wahrheiten in bezug auf die Stellung des Menschen und der Gesellschaft zur Natur zum Ausdruck bringen. ... die sich ergänzenden Rollen von Männern und Frauen innerhalb der Sozialordnung, Macht gegen Recht, Zerstörung und Erschaffung und vieles andere in Form von Sprichwörtern, Rätseln und Mythen. Das will nicht heißen, daß wir diese Wahrheiten nicht auch in abstrakter und allgemeiner Form formulieren könnten; nur weil Primitive in verhältnismäßig einfachen kognitiven Formen denken, sollten wir jedoch nicht meinen, ihre Vorstellungen seien an sich falsch oder könnten nicht in die Tiefe gehen.1.44

Jedoch nach dem Ansatz von Jack Goody und Ian Watt (1981) befähigte erst die Sprache den Menschen komplexere Formen sozialer Organisation zu entwickeln, denn die Sozialorganisation ist im wesentlichen erlernt und wird sprachlich, durch das kulturelle Erbe, weitergegeben.1.45 Die Weitergabe des kulturellen Erbes von einer zur anderen Generation wird durch drei Elemente bestimmt: (1) durch den materiellen Fundus, einschließlich der ihren Mitgliedern zugänglichen Ressourcen; (2) durch die überlieferten allgemeinen Handlungsmuster; die allgemeinen Verhaltensweisen werden nur teilweise durch sprachliche Mittel weitergegeben: Nahrungszubereitung, Getreideanbau, Kindererziehung, etc. werden unmittelbar durch Nachahmung überliefert; (3) und durch die Sprache werden die entscheidenden Elemente der menschlichen Gesellschaft sprachlich vermittelt.1.46

Durch die Sprache drücken sich die sozialen Erfahrungen der Gruppe am direktesten und umfassendsten aus. Es wird mit mündlichen Mitteln eine lange Kette miteinander verflochtener Unterhaltungen zwischen den Mitgliedern einer gemeinsamen, d.h. bekannten Gesellschaftsorganisation, veranschaulicht. Über alle Überzeugungen und Werte und alle Formen des Wissens kommunizieren Individuen von Angesicht zu Angesicht miteinander und Teile, die von sozialer Bedeutung sind, werden im Gedächtnis gespeichert, während das übrige in der Regel vergessen wird.1.47 Die Tatsache, daß orale Traditionen einem Assimilationsmechanismus unterworfen sind, veranlassen die Mitglieder einer Gesellschaft, Teile der Wiedergabe in Form von formalisierten Sprechmustern, wie z.B. rituelle Formulierungen, Verwendung von Trommeln und anderer Musikinstrumente, Vortrag durch professionelle Erzähler, etc. über Generationen zu bewahren.1.48 Das Verstehen der Inhalte ist aber kontextabhängig.


11 Die Bedeutung eines Wortes bestimmt sich vielmehr in einer Folge konkreter Situationen, mit denen stimmliche Veränderungen und körperliche Gesten einhergehen, die alle darauf zielen, seine spezifische Bedeutung und seine Nebenbedeutungen festzulegen. Dieser Prozeß direkter ,,semantischer Ratifizierung`` vollzieht sich natürlich kumulativ; und aus diesem Grunde wird die Totalität der Symbol-Referent-Beziehungen vom Individuum in einer ausschließlich oralen Kultur unmittelbar erfahren, so daß es gründlicher sozialisiert wird.1.49

In einer oralen Gesellschaft wird der gesamte Inhalt der sozialen Tradition - materielle Erbstücke sind davon ausgenommen - im Gedächtnis aufbewahrt. Woran sich das Individuum erinnert, ist im allgemeinen in seiner Erfahrung der Sozialbeziehungen von entscheidender Bedeutung. In jeder Generation dient das individuelle Gedächtnis als kulturelles Erbe. Durch den Interpretationsprozeß werden neue Elemente zu den alten eingefügt; alle anderen Elemente, die ihre individuelle Bedeutung verloren haben, werden durch das Vergessen ausgeschieden.1.50 Mündlich überlieferte Genealogien erfüllen oft dieselbe Funktion, die Malinowski dem Mythos zugeschrieben hat:


11 sie [Genealogien] sind nicht so sehr zuverlässige historische Berichte über vergangene Zeiten, sondern fungieren in erster Linie als ,,Verfassungen`` gegenwärtiger sozialer Institutionen.1.51

Mündlich überlieferte Traditionen passen sich automatisch an bestehende soziale Beziehungen an.


11 Eine der bedeutsamsten Folgen dieser Tendenz zur Homöostase zeigt sich darin, daß das Individuum in einer nicht-literalen Gesellschaft die Vergangenheit fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Gegenwart sieht, wohingegen die historischen Berichte einer literalen Gesellschaft ihrer Natur nach eine objektivere Erkenntnis des Unterschieds zwischen dem, was war, und dem, was ist, erzwingen.1.52


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Isabella Andrej
1999-03-04