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5.2.3 Migration, Kriegführung und Matrilinearität

In Kapitel 3 haben wir bei der Rezeption von Otterbein und Otterbein (1965), Divale und Harris (1976) sowie Divale (1975) auf den wahrscheinlichen kausalen Zusammenhang von Migration, der Art der Kriegführung und dem Auftreten von matrilinearen Sozialstrukturen hingewiesen. Die obige Diskussion der Wanderungsströme im zentralen und südlichen Afrika deutet in dieselbe Richtung, allerdings scheint uns die Bedeutung der Matrilinearität als Abstammungsregel weniger wichtig zu sein als die Matri-/Uxorilokalität: wahrscheinlich ist die Residenzregel zeitlich der Umstellung der Abstammungsregel vorangegangen. Wir können uns den Ablauf dieses Prozesses schematisch etwa folgendermaßen vorstellen:

Erstens, Migration eines größeren Teils von seßhaften Bodenbauern einer Region in ein neues Siedlungsgebiet; ihr Abstammungssystem ist patrilinear, die Maritalresidenz patri-/virilokal.

Zweitens, Bildung von Krieger-Camps (z.B. der Imbangala) zum Zwecke der Verteidigungsbereitschaft bzw. der Bekämpfung und/oder Verdrängung der umliegenden Bevölkerung. Dies bedingt wiederum die häufige Abwesenheit der Männer von den Herkunftsdörfern, verbunden mit einer höheren Sterblichkeitsrate für die Männer. Daraus resultiert in den Dörfern eine gestiegene Unsicherheit über die Rückkehr der Männer, welche ja nicht nur Ehemänner, Väter von Kindern, sondern auch Vertreter von Lineages sein können.

Drittens, diese neue Situation verlangt nach Maßnahmen zur Absorption von Unsicherheit: der Wohnort der Frauen wird zum stabilen Faktor der Verhaltensorientierung - wahrscheinlich waren es sogar in erster Linie die Männer/Krieger, welche zum Ort der Frau zurückkehrten und damit die Bedeutung der Lokalität aufwerteten. Aus dieser Situation ist es durchaus vorstellbar, daß sich die Uxorilokalität als bevorzugte Residenzregel durchsetzte.5.59

Viertens, Uxorilokalität bedeutet per definitionem, daß die Männer im Falle einer Heirat - zumindest formell, d.h. in Friedenszeiten - ins Haus der Frauen ziehen. Dies wiederum hat zur Folge, daß sich die engeren patrilinearen Verwandten des Mannes über mehrere umliegende Dörfer verteilen. Aus diesem Grund zerfällt die Blutrache- und Fehdegemeinschaft der Männer, die sich ursprünglich quasi natürlich ergeben hatte, zumal ja alle männlichen Verwandten einer Lineage im selben Dorf wohnten. Folglich bedarf es sowohl neuer Konfliktregulierungsmuster in und zwischen den - nunmehr bevorzugt uxorilokal organisierten - Dörfern (Verfahren der Streitschlichtung und des Aggressionsabbaus, in denen Maskentraditionen und Geheimbünde eine Rolle spielen), als auch eine Umstellung bei den Zielen der Kriegführung: da sich die Verwandten der Männer (Brüder) in den benachbarten Dörfern befinden, muß sich die Feindschaft gegen Gruppen in einer größeren Entfernung richten.

Fünftens, externale Kriegführung erfordert eine ,,bessere`` Organisation: die Krieger brauchen größere Mengen an Nahrungsmittelvorräten, weil sie für längere Zeit versorgt sein müssen und sich nicht im ,,eigenen`` Land befinden. Externale Kriegführung bedingt eine längere zeitliche Abwesenheit der kriegführenden Männer, d.h. die Hauptverantwortung für die Produktion von Nahrungsmittel liegt bei den Frauen, die nun mehr oder weniger eine solidarische Produktionsgemeinschaft bilden. Es sind dann natürlich auch die Frauen, welche die Nahrungsmittelvorräte anlegen. Der Zugriff der Männer auf diese Nahrungsreserven steht nun unter dem Vorbehalt der Frauen, d.h. eine Entscheidung der Männer für einen Kriegszug ist aus diesem Grunde ohne die Billigung der Frauen kaum mehr möglich. Damit rücken die Frauen auch bei politischen Entscheidungen in den Mittelpunkt, wenngleich in der Regel ,,nur`` mitberatend, aber nicht mitentscheidend; hier sind wohl verschiedene Grade der Partizipation der Frauen anzunehmen.

Sechstens, die Aufwertung des Wohnortes der Frau nach der Heirat, also die bevorzugte Uxori-/Matrilokalität, war folglich die Voraussetzung für die Umstellung zur matrilinearen Deszendenzregel, denn auch hier diente der Wechsel demselben Zweck, nämlich der Absorption von Unsicherheit bzw. der Restabilisierung in einer wichtigen Dimension der Sozialstruktur.

Siebtens, diese Umstellung zur bevorzugten Uxorilokalität und Matrilinearität erzeugt neue, gesellschaftsstrukturelle Spannungen: da sich die Männer ja nicht immer auf Kriegszügen befinden, sondern auch in das Dorfleben integriert sein müssen, entsteht bei den Männern das Gefühl der Dominanz der Frauen, welches bei den Männern zu einem zentralen Thema der Kommunikation wird und einen ,,Bedarf`` an Männersolidarität hervorruft. Bei Abnahme der Häufigkeit oder gänzlichem Verschwinden von Kriegszügen verstärkt sich dieses emotionale Empfinden der Männer und genau in diesem Zusammenhang sieht auch Kubik (1987) die weite Verbreitung von Maskentraditionen und Geheimbünden in matrilinearen Gesellschaften. Die Maskentraditionen und/oder Geheimbünde stellen also eine Art Kanalisation von inneren sozialen und psychologischen Spannungszuständen dar. Diese Kanalisierung wird wohl nur dann auf Dauer genügen, wenn die Rahmenbedingungen für die externale Kriegführung fortbestehen. Verändern sich diese - aus welchen Gründen auch immer -, dann befinden sich matrilineare Gesellschaften in einem strukturell bedingten Ungleichgewicht. Ein naheliegender Schritt wäre z.B. der Übergang zur bevorzugten Avunkulokalität. Wie das Beispiel der Bemba zeigt, ist der Übergang zur bevorzugten Virilokalität nur dann möglich, wenn es für die Mehrheit der Männer Ressourcen gibt, die für die Zahlung eines Brautpreises eingesetzt werden können; da solche Ressourcen bei den Bemba in den 1930er Jahren fehlten, war dieser Übergang nur beschränkt möglich - für Chiefs, bzw. ,,chiefly``-Lineages etc. stand dieser Weg offen, für die Mehrzahl jedoch nicht und wenn, nur mit Zustimmung der Frau.

Diese schematische Darstellung des Zyklus von bevorzugter Virilokalität und Patrilinearität zu bevorzugter Uxorilokalität und Matrilinearität paßt insofern zumindest im großen und ganzen zu den oben beschriebenen Daten, da sich zwischen 1500 und 1800 derart viele Migrationsbewegungen vollzogen haben dürften, daß gewissermaßen alle Populationen einen Ortswechsel vollzogen haben mußten. Nach Divale (1975) sollte die Migration nicht länger als 500 Jahre zurückliegen und keine Verbindung zwischen der Sprache der Migranten und der Sprache der ansässigen patrilinearen Bevölkerung bestehen; auch diese beiden Kriterien dürften wohl auch für den ,,matrilinearen Gürtel`` Afrikas zutreffen.


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Isabella Andrej
1999-03-04