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5.2.1.5 Bedeutung der Kriegführung

Im 16. und 17. Jahrhundert waren kriegerische Auseinandersetzungen häufig, die wiederum die Bildung von zentralisierten politischen Herrschaftsbereichen ermöglichten. Grundlage der Kriegstüchtigkeit der Lunda-Chokwe-Bevölkerung, die Kontakte zur östlichen Kimbundu-Bevölkerung des oberen Kwanza Tales hatte, waren die Krieger-Camps, die kilombo genannt wurden. Die Form der Rekrutierung in die kinguri-Camps fand exklusive über eine Initiation statt und nicht über Status oder Geburt. Dadurch wurde die Macht der alten Lineages gebrochen und ersetzt durch erfolgreiche Anführer von Kriegszügen. Dieser Bruch mit der Tradition, aber auch das spartanische Leben in den Camps, veranlaßte Teile der Gefolgschaft wieder in den Familienverband zurückzukehren. Auf der Suche nach Ersatz von Kriegern mußte die Rekrutierung flexibler durchgeführt werden.5.36 Wieweit diese Traditionen der Initiation in Krieger-Camps die heute noch bestehenden Initiationsschulen beeinflußten, kann hier nur vermutet werden, aber gewisse Ähnlichkeiten sind unverkennbar. Beide dienen der Vermittlung von Traditionen, Disziplinierung, Trennung der früheren Familie und der Schaffung von Solidaritätsgemeinschaften der Männer. Daraus könnte geschlossen werden, daß die heutigen Initiationsschulen der Knaben als Tradition der kriegerischen Vergangenheit weiterbestehen.

Mitte des 16. Jahrhunderts entstand eine Militärgemeinschaft namens Imbangala, die erobernd durch das Kimbundu-Territorium bis zum Atlantik vorgedrungen war. Alle Imbangala erhielten ihren Namen durch Initiation, die mit militärischem Training verbunden war und gegenüber Fremden ein anti-soziales Verhalten, inklusive rituellem Kannibalismus, forderte. Durch die Isolation von ihren früheren Familien waren die Imbangala-Krieger untereinander eng verbunden, wenn aber einzelne Krieger besonders erfolgreich waren, führte dies häufig zur Segmentierung und Bildung neuer Krieger-Camps. Eines dieser Camps wurde 1601 vom englischen Seemann Andrew Battell beschrieben. Er verbrachte einige Monate als Gefangener im Camp, das - wie er schreibt - sehr gut gegen Attacken von außen geschützt war. Jede Abteilung war als Kampfeinheit organisiert und ihre Waffen waren immer griffbereit. Das Zentrum bildete ein Krieger-Chief, den eine Gefolgschaft von Frauen umgab, die ihn bei seiner Inspektion durch das Camp begleitete. Dabei trugen sie seinen Bogen und seine Weinschale. Der Chief war durch seinen ungewöhnlichen Haarstil aus Muscheln und seiner Haut, die mit kunstvollen Narbenornamenten geschmückt war, erkennbar.5.37

Ende des 16. Jahrhunderts erreichten die Imbangala-Krieger die Atlantikküste, wo sie sich mit dem Phänomen des Übersee-Sklavenhandels konfrontiert sahen. Ihre Eroberungszüge fanden ein jehes Ende und das Chiefdom der Ndongo zerfiel.5.38

Das Kongo-Gebiet wurde zum Schauplatz der Jaga-Kriege, die schließlich zum Zerfall des Kongo-Chiefdoms im Jahre 1569 führten. Die Jaga-Krieger richteten ihre Rebellion gegen jede Form von Autoritätsausübung: gegen Chiefs, Händler, Portugiesen und das Oberhaupt des Kongo-Chiefdoms. Die Folge der Jaga-Kriege war eine massive militärische Invasion der Portugiesen im westlichen Zentralafrika. Nach Beendigung der Kriege verwandelten sich die ehemaligen portugiesischen Soldaten in eine handeltreibende Mittelschicht. Die Periode zwischen 1570 bis ins 17. Jahrhundert stand im Zeichen des Gleichgewichts und der Stabilität in dieser Region, die im frühen 17. Jahrhundert durch die Rivalität unterschiedlicher Handelsinteressen wieder zur politischen Zersplitterung des Kongo-Gebietes führte. Angola wurde zur ersten tropisch-afrikanischen Kolonie erklärt und die ersten weißen Siedlungen entstanden an der Küste, deren Voraussetzungen zum Überleben eher ungünstig waren. Das europäische Vordringen ins Hinterland wurde durch massiven Widerstand zahlreicher Bogenschützen der Kimbundu-Bevölkerung verhindert. Die Europäer mußten zur Kenntnis nehmen, daß ihre Feuerwaffen den Anstürmen nicht gewachsen waren. Die Suche nach einer mythischen Silbermine endete nach 30 Jahren für die Portugiesen ergebnislos, wie auch der Versuch, die Kontrolle über den Salzhandel der Ndongo zu übernehmen. Die Ansiedlung von Jesuiten war im Interesse der Portugiesen am effektivsten, nicht unbedingt im Sinne der Missionierung, sondern sie wurden als Land- und Sklavenbesitzer zu einer einflußreichen Gruppe in Angola.5.39


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Isabella Andrej
1999-03-04