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5.2.1.2 Religiöse Gemeinsamkeiten

Kennzeichnend für die Einheit der Region um den Malawi-See sind vor allem die Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen matrilinearen Bevölkerungsgruppen der nördlichen Zambezi-Region, die sowohl dieselben Klannamen als auch ein gemeinsames Abstammungssystem besaßen. Weiters besteht eine soziale und religiöse Verbundenheit bei der Ahnen- und Geisterverehrung, den Regenzeremonien und bei den Chewa-Gruppen der Nyau-Geheimbund, über welchen Phiri, Kalinga und Bhila folgendes annehmen:


11the Chewa-speaking peoples, for example, the Nyau Secret Society (Plate 21.I) was an important vehicle for expressing and dramatizing ethnic creation myths, the moral code, and so on. Among other things, a Nyau performance dramatized the interdependence of the natural and spirit worlds, and the Chewa creation myth according to which man, animals and spirits once lived together in harmony.5.29

Nach Gerhard Kubik werden bis heute in Malawi, Ost-Zambia und den angrenzenden Gebieten die nyau-Maskentraditionen gepflegt. Diese Traditionen dürften innerhalb des matrilinearen Gürtels auf gemeinsamen Wurzeln beruhen, die sich trotz der Jahrhunderte zurückreichenden Abwanderungs- und Abspaltungsbewegungen erhalten haben. Durch unterschiedliche Einflüssen haben sich im Laufe der Zeit Veränderungen in den Maskentraditionen durchgesetzt, sodaß wir heute drei Gruppen unterscheiden können: (a) makishi/makisiTradition von Ostangola/Nordwest-Zambia und Süd-Za $\ddot{\imath}$re; (b) nyau in Malawi, Ost-Zambia und angrenzenden Zonen; (c) midimu und isinyago im nördlichen Moçambique und südlichen Tanzania. Die Vermutung der gemeinsamen Wurzeln dieser drei Gruppen beruht sowohl auf strukturellen Identitäten in der Organisation dieser ,,Geheimbünde``, Parallelen bei der Wahl bestimmter Code-Wörter, -Phrasen und -Handlungen sowie bei der Bezeichnung der beteiligten Personen bei der Initiationsphase und den Kategorien der Masken.5.30 Nyau bezeichnet die Institution des Maskenbundes der Männer; dabei ist die Mitgliedschaft freiwillig und erfolgt durch Initiation. Obwohl der Nyau-Bund eine Geheimgesellschaft darstellt, haben die öffentlichen Auftritte der Masken zentrale Bedeutung.

Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Geheimbünden ist die Möglichkeit der Aufnahme einzelner Frauen in den Nyau-Bund. Das Wort nyau ist wahrscheinlich auf die Grundbedeutung von ,,Initiation`` zurückzuführen, z.B. ist -nyau im Wortstamm der Sprachen Chichewa, Chimang'anja usw. enthalten, oder das Chiyao-Wort unyago, das die Initiation bezeichnet. Aus den bisherigen Forschungen geht hervor, daß die Motivation zur Bildung von Maskenbünden grundsätzlich in Verbindung mit matrilinearer Deszendenz und uxorilokaler Residenz steht.5.31

Im Vordergrund der öffentlichen Auftritte der nyau-Maskentänzer steht die Ehrung von verstorbenen Mitgliedern, z.B. das Auftreten der Masken zum Jahrestag des Ablebens eines Mitglieds. In der Tradition steckt der Glaube an eine Wiedergeburt, die in der symbolischen Weitergabe des Namens eines verstorbenen Mitglieds an einen Initianden ausgedrückt wird. Manche der anthropomorphen Figuren stellen Verstorbene dar; die Tiermasken sind als Symbol für die ,,Zähmung`` zoomorpher oft phantastischer Wesen im Busch durch den Menschen zu sehen. Dadurch begründe sich der Sieg des Menschen über die Natur, die die transhumane Welt bilde. Als religiöse und kultische Vereinigung können die nyau-Bünde jedoch ebensowenig angesehen werden wie Maskenbünde anderswo im matrilinearen Gürtel des südlichen Zentralafrika. Dieser Anschein entstand erst durch die christliche Mission, die vehement gegen den Bund auftrat und die Mitglieder als ,,Antichristen`` abstempelte. Als Reaktions- und Kompensationserscheinung entstand ein Synchretismus, der zur Aufnahme von Bibelgestalten in das Maskenrepertoire führte.5.32

Die Chewa-Bevölkerung begründete ursprünglich ihre Gemeinsamkeiten auf eine Organisationsform, die auf Schreinen beruhte (weniger auf Lineages oder Ahnenverehrung). Der Maravi-Kult hatte eine ähnliche Bedeutung wie der malunga von Angola, wie die Holzfiguren, die in kleinen Flußbetten gefunden wurden, vermuten lassen. Im Vordergrund des Kultes standen die Naturgötter, die um Regen, Begrenzung von Überschwemmungen, Jagderfolge und Fruchtbarkeit des Landes angerufen wurden. Die frühen Tumbuka von Zentralmalawi verehrten die Schlange, die Chikangombe genannt wurde und als Repräsentant eines übernatürlichen Wesens auf der Erde lebte. Diese Glaubensvorstellungen veränderten sich vermutlich während der lokalen ,,Späten-Steinzeit`` und ,,Frühen-Eisenzeit`` bei den Vorfahren der Tumbuku-, Chewa- und Mang'anja-Bevölkerung sehr langsam. Ein weiterer Trend ab dem 14. Jahrhundert war die Entwicklung von hierarchischen Beziehungen zwischen den Chewa-Schreinen, die den ,,Mutter-Schreinen`` eine übergeordnete Stellung zuwiesen, ihre Schreinwächter hatten politische Funktionen zu erfüllen, die später vereinzelt zu Grundbesitzrechten führten. Die rivalisierenden priesterlichen Traditionen mündeten häufig in Konflikten, die mehrheitlich über Jahrhunderte andauerten. Anders verlief die Entwicklung bei den südlichen Mang'anja, wo die Chiefs des Phiri Klans Autorität gewannen, der alte Kult abgeschwächt und die Grundlage für das sogenannte ,,Lunda-Reich`` am Shire-Fluß geschaffen wurde. In Verbindung mit der Feuer-Symbolik entstanden weitere Chiefdoms. Das Feuer symbolisierte das Leben und die Fruchtbarkeit, war Teil der Pubertätszeremonien und zugleich das Herrschaftssymbol. Die Maravi-Bevölkerung hatte eigene Herrschaftsrituale entwickelt, die sich im Feuer des Chiefs manifestierten. Die Verehrung des Feuers findet sich auch bei den südlichen Nachbarn, den Shona am südlichen Teil des Zambezi-Tales.5.33

Die Verbreitung der religiösen Praktiken dürfte in enger Verbindung mit den ständig wechselnden Allianzen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gestanden haben. Immer wieder wird von Immigranten berichtet, die ihre eigenen Traditionen mitgebracht haben, z.B. der Kyungu-Klan, der eine ,,göttliche Schlange`` verehrte.


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Isabella Andrej
1999-03-04