next up previous contents
Next: 5.2.1.2 Religiöse Gemeinsamkeiten Up: 5.2.1 Die Entstehungsgeschichte einzelner Previous: 5.2.1 Die Entstehungsgeschichte einzelner

5.2.1.1 Das Maravi-Chiefdom

Die Oraltraditionen Malawis sind ab dem 15. Jahrhundert wesentlich besser erforscht und geben Aufschluß über die Verhältnisse dieser Zeit. Die uns bekannte traditionelle politische Geschichte Malawis setzt mit der chewa-sprechenden Bevölkerung ein, vor allem mit dem Phiri Klan, der dem Feuer große symbolische Bedeutung widmete. Die erste Dokumentation über ein Maravi oder Malawi-Chiefdom geht auf die Portugiesen des frühen 17. Jahrhunderts zurück und lag im Südwesten des Malawi-Sees. Das Chiefdom wurde von einem Herrscher, der kalonga genannt wurde, ,,regiert``.5.24

Die Region wurde von einer eisenverwendenden, nahrungsproduzierenden und wahrscheinlich bantu-sprechenden Bevölkerung erstmals um 300 n.Chr. besiedelt. Für die ersten Ansiedlungen der modernen bantu-sprechenden Bevölkerung wird angenommen, daß diese in der Zeit nach 1200 n.Chr. entstanden sein könnten. Die neuen Immigranten aus dem Norden dürften die früheren Bantu-Gruppen, die Vor-Bantu-Bodenbauern sowie die Jäger- und Sammlergesellschaften vertrieben oder assimiliert haben. In Nord-Malawi bestanden die ersten modernen Bantu-Siedler aus einer Anzahl von autonomen Gruppen, wie z.B. den Sikwese, Chilima, Silumbu, Simwayi, Namwenes (der Karonga Ebene), Chiluba, Mzembe, Luhanga, Nyanjagha, Nyirongo, Kanyinji, Mtonga und weiteren Untergruppen. Die vordringenden Immigranten versuchten, mit unterschiedlichem Erfolg, diese kleinen Gruppen zu einer einzigen Einheit zu verbinden. Von der Katanga-Bevölkerung im östlichen Zambia (östlich vom Luangwa Fluß) wird angenommen, daß sie die ersten modernen bantu-sprechenden Siedler gewesen seien. In Zentral-Malawi werden die einzelnen Gruppen der Banda, Mbewe und Zima zur ,,Proto-Chewa``-Bevölkerung gezählt, die in den Oraltraditionen als ,,Path-makers`` bezeichnet werden; sie dürften die nomadisierenden Batwa und Kafula verdrängt haben.5.25

Generell wird heute angenommen, daß die Maravi-Bevölkerung   als Immigranten zum Malawi-See kamen und ihr Ursprung im Luba-Gebiet, im Südosten Za $\ddot{\imath}$res lag. Sie erreichten Zentral-Malawi vom Westen, nachdem sie das große Plateau von Nord-Ost-Zambia durchwandert hatten. Als sie den Süden des Malawi-Sees erreichten, setzten sie sich als dominante Gruppe gegenüber den frühen Proto-Chewa-Bewohnern durch, bis sie im frühen 17. Jahrhundert eine Konföderation von Chiefdoms bildeten, die den größten Teil von Ost-Zambia, Zentral- und Süd-Malawi und das nördliche Moçambique einschlossen. Der politische, militärische und ökonomische Einflußbereich des Maravi-Chiefdoms umfaßte ein riesiges Gebiet. Den einzigen Hinweis auf das Datum der Maravi-Invasion am Malawi-See gibt uns die C-14 Methode, zwischen 1420 und 1480.5.26

Die chewa-sprechende Bevölkerung mit ihren Untergruppen, den Mang'anja des oberen Shire Tales und den Nyanja, die am südlichen Ende des Malawi Sees siedelten, dominierten in der südlichen Zone. Westlich der Chewa-Bevölkerung dürften die Nsenga und im Osten die Lolo-Makua-Lomwe sowie die Yao-Sprachgruppen dominiert haben. Um 1500 gehörten alle Bevölkerungsgruppen der südlichen Zone und die Tumbuka (am Westufer des Malawi-Sees) dem ,,matrilinearen Cluster der zentralen Bantu-Sprachgruppen`` an, der sich vom südlichen Za $\ddot{\imath}$re im Westen zum Indischen Ozean im Osten erstreckte. In den Jahrhunderten nach 1500 übernahmen die Tumbuka die patrilineare Deszendenz, die Ngonde-Nyakyusa und Sukwa-Lambya-Nyiha waren, wie von Phiri, Kalinga und Bhila vermutet wird, immer patrilinear. Im 15. Jahrhundert hatte die Maravi-Bevölkerung die Region Zambia, das gesamte Gebiet Malawis und den Norden Moçambiques unter ihre Kontrolle gebracht und ein mächtiges Chiefdom errichtet, dessen Einflußbereich sich während des 16. und 17. Jahrhunderts über Nsenga im Westen und Lolo-Makua-Lomwe im Osten weiter ausdehnte. Der Norden blieb im 16. Jahrhundert durch autonome Klans organisiert, mit Ausnahme des Simbowe und Mbale Chiefdoms in der Karonga Ebene und den Phoka Hochland. Am Ende dieses Jahrhunderts begründete eine Immigrantengruppe - die Ngulube - weitere größere Chiefdoms: Lambya, Ngonde, Chifungwe, Sukwa sowie eine Anzahl von Nyakyusa-Chiefdoms. Die Expansion der Maravi-Bevölkerung in die Tumbuka-Chewa Randzone ließ weitere Chiefdoms entstehen: wie das Kanyenda, Kabunduli, Kaluluma und Chulu. Die Balowoka, eine Gruppe von Immigranten vom Nyamwezi Land, erlangte ökonomischen Einfluß, eventuell als politische Einheit im Gebiet der Tumbuka.5.27

Für die Chewa-Maravi-Bevölkerung war das 17. Jahrhundert ein ,,Goldenes Zeitalter``. Ihre territoriale Expansion veranlaßte selbst die Portugiesen zur Kooperation. Von den Portugiesen wurden Maravi-Krieger angeheuert, um gegen die Karanga oder Shona im Süden des Zambezi und andere lokale Feinde zu kämpfen. Durch diese Kriegszüge wurde ihr Ruhm noch vermehrt und es wird berichtet, daß die Maravi-Krieger mit Gold und Rindern beladen zurückkehrten. Die Maravi-Expansion war verbunden mit der Entstehung des Lunda-Chiefdoms östlich des unteren Shire Tales und ermöglichte die Weiterverbreitung des Mbona Kults und die Erweiterung des Einflußbereiches der Mang'anja. Die ökonomische Basis der Maravi-Bevölkerung bildete ein florierender Handel mit Eisen.5.28


next up previous contents
Next: 5.2.1.2 Religiöse Gemeinsamkeiten Up: 5.2.1 Die Entstehungsgeschichte einzelner Previous: 5.2.1 Die Entstehungsgeschichte einzelner
Isabella Andrej
1999-03-04