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5.2.1 Die Entstehungsgeschichte einzelner Chiefdoms

Die politische Zentralisierung in Chiefdoms entstand vermutlich durch die Unterscheidung verschiedener Abstammungsgruppen, die häufig in der Oraltradition begründet wird, wie z.B. die ersten Siedler, oder die Abstammung von irgendeiner Person, die eine außergewöhnliche Leistung vollbracht hat (ein großer Krieger oder Jäger). - Dadurch empfindet diese Abstammungsgruppe sich gegenüber anderen als übergeordnet und wird als die aristokratische Gruppe idealisiert. Hannes Wimmer geht auf diese Thematik ein und führt die politischen Veränderungen darauf zurück, daß sich erbliche Rangpositionen innerhalb einer segmentären Gesellschaft entwickeln, wenngleich die Tendenz zur Segmentierung bestehen bleibt. Die entstehende Ranggesellschaft in Chiefdoms bildet eine hierarchische Organisation, die zwischen hohem und niedrigem Status unterscheidet. Der hohe Status kann dabei meist nur durch Geburt erlangt werden und die Ideologie, die sich auf das aristokratische Blut begründet, wird in vielen Bereichen ausschlaggebend. Heiratsbeziehungen müssen deshalb innerhalb der Verwandtschaftsgruppe geschlossen werden, um das Blut ,,rein`` zu halten. Damit wird die ,,chiefly lineage`` zu einer geschlossenen Gruppe, die ihre Vorrangstellung innerhalb der Gesellschaft weiter ausbauen kann.5.21

Das Problem dieser Ranggesellschaft liegt darin, daß die Hierarchie nur solange besteht, solange keine Gegnerschaft auftritt (z.B durch die Organisation von untergeordneten Chiefs aufgrund von Unzufriedenheit, Nichterfüllung der magisch-religiösen Aufgaben des Paramount Chief). Deshalb ist der Paramount Chief ständig damit beschäftigt, seine Akzeptanz gegenüber dem ,,einfachen`` Volk zu bewahren, d.h. er muß großzügig sein, nicht unbedingt in Form von Geschenken, sondern vor allem als Kreditgeber. Die Gewährung von Krediten führt aber auch zur Verschuldung einzelner Familien, die dadurch in einen ,,sklavenartigen`` Status absinken können. Eine weitere Form wäre die Zahlung eines ,,Brautpreises``: sollte ein Mann diesen nicht aufbringen können, wendet er sich an seinen Chief, der ihm aushilft und dadurch wird der Mann zum Klienten seines Chiefs, der bestimmte Ansprüche an ihn stellen kann, z.B. seine zukünftigen Kinder. Zwischen Chief und Klient entsteht ein Abhängigkeits-, aber auch Schutzverhältnis. Solange die Position des Chiefs nicht in Frage gestellt wird, können alle untergeordneten Personen auch mit seinem Schutz rechnen.5.22

Warum manche Gesellschaften sich zu Chiefdoms zusammenschließen und andere wiederum zu einer Konföderation (wie z.B. die irokesischen Stämme), ist bis heute nicht geklärt, muß aber mit den jeweiligen Gegebenheiten zusammenhängen. Bei Konföderationen, die meist militärische Funktionen innehaben, bleibt - nach Wimmer - die Autonomie oder Koordination von Entscheidungen der kleinsten Einheit (dem Dorf oder der Lineage) unangetastet. Charakteristisch für ein Chiefdom sind im wesentlichen größere Machtunterschiede, die durch symbolische Zeichen (Insignien der Macht) für alle Mitglieder sichtbar sind.5.23 Konflikte zwischen den Chiefdoms waren häufig und führten zum Aufstieg oder zum Verfall der politischen Einheit. In den folgenden Abschnitten soll die Entstehung von Chiefdoms im südlichen Afrika an Beispielen dargestellt werden. Dabei konnte anhand des Maravi-Chiefdoms die Bedeutung einer übergeordneten Lineage besonders deutlich gezeigt werden.



 
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Isabella Andrej
1999-03-04