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1.1.2 Biologische und soziale Evolution des Homo sapiens

Die klassische Evolutionstheorie nimmt an, daß bei der Entstehung der Bipedalität der Zufall eine entscheidende Rolle gespielt hat. ,,Der aufrechte Gang erfordert größere physiologische Veränderungen, als man gemeinhin annehmen möchte: ein Affe kann sich aus physiologischen Gründen nicht einfach aufrichten und gehen lernen.``1.21 Als Grobstruktur zur Rekonstruktion der Humanevolution dienen fossile Funde. Die ältesten Werkzeuge sind rd. 2,5 Millionen Jahre alt, hingegen wird der erste Nachweis des Homo erectus mit 1,5 Millionen Jahren angegeben. Damit kann angenommen werden, daß sich die Bipedalität bereits lange vorher entwickelt hat und eine Selektion auf der Ebene der ökologischen Konkurrenz zwischen den Gruppen ausschlaggebend war. Die Gruppen, die die Vorteile des aufrechten Ganges gemeinsam mit der Sozialorganisation verbinden konnten, waren erfolgreicher.1.22

Hier wiederum dürfte die Kooperation bei den Jagdzügen, die Versorgung mit Fleisch und der Werkzeuggebrauch bedeutend gewesen sein. Während der Jagdzüge der Männer lebten die Frauen mit ihren Kindern in temporären Lagerplätzen. Diese zeitweise Trennung der Geschlechter dürfte für die Familialisierung von entscheidender Bedeutung gewesen sein. Aber was war dafür ausschlaggebend? Beziehen wir uns nochmals auf die Primaten:


11Alpha-Männchen in der Schimpansengruppe z.B. ist normalerweise voll damit beschäftigt, seine Position zu sichern; die anderen Männchen sind ständig darauf aus, Koalitionen gegen ihn zu schmieden; das wirksamste Mittel, das er einsetzen kann, sind aggressive Drohgebärden, die vom Betroffenen mit der Status-Kommunikation der Unterordnung zu beantworten sind. Erfolgt die Unterordnung nicht, so ist es mit dem Gruppenfrieden zu Ende, und ein neuer Machtkampf beginnt. ... Diese Statuskämpfe dauern so lange, bis sich die alte oder eine neue Rangordnung ergibt; sie können sich längere Zeit hinziehen und können vor allem für einen der Hauptakteure plötzlich tödlich enden.1.23

Der frühe Werkzeuggebrauch der Hominiden im Gegensatz zu den geringen technologischen Fähigkeiten der Primaten dürfte nach Hannes Wimmer mit der Umstrukturierung ihrer sozialen Beziehungen im Kollektiv erklärbar sein: schrittweiser Abbau der Statusordnung, Solidargruppen der Jäger, die Familiarisierung der Sexualität und die damit verbundene relative Entspannung in den interpersonellen Beziehungen in der Gruppe haben die intensivere Beschäftigung mit ihrer ökologischen Umwelt ermöglicht.1.24

Am bedeutendsten für die Humanevolution ist aber das Gehirnwachstum, das sich seit dem Auftreten des Homo habilis vor 1,9 Millionen Jahren bis zur Ausformung des Homo sapiens mehr als verdoppelt hat. Mehrere Faktoren können heute für das Gehirnwachstum als wahrscheinlich angenommen werden:

1.
Aufrechter Gang: verbunden mit Veränderungen der Beckenstellung und dem Freiwerden der Arme;
2.
erhöhte genetische Variabilität, durch einen verlängerten intrauterinen und postnatalen Reifungsprozeß;
3.
vermehrter Werkzeuggebrauch, damit verbunden
4.
verbesserte Ernährung;
5.
Umstellung der Sozialstruktur der Primaten auf familienähnliche Einheiten, die erhöhte Anforderungen an die psychische Selbstkontrolle stellten;
6.
als wahrscheinlich kann angenommen werden: ,,Ablösung speziesspezifischer, ritualistischer Kommunikationsmuster durch flexiblere Verbindungen nonverbalen Ausdrucksformen und Vokalisierungen sowie neuronale Funktionen zur Steuerung entsprechender Feinmotorik.``1.25

Gehen wir zurück zu den fossilen Funden der frühen Hominiden (Ramapithecus, Australopithecus, Homo habilis, Homo erectus, etc.). Vor ca. 12 Millionen Jahren erscheint der Ramapithecus, der Vorfahr von beiden, der späteren Hominiden und den modernen Menschen. Die Art war klein und den Gibbons ähnlich, gingen aufrecht auf zwei Füßen, hatten eher menschliche als Affenzähne. Wahrscheinlich benutzten sie eher ihre Hände als ihre Zähne beim Aufreißen ihrer Nahrung. Zur Zeit des Ramapithecus kam es zu Klimaveränderungen, es wurde trockener und subtropische Wälder verschwanden in bestimmten Regionen. Gough stimmte jener Theorie zu, die annimmt, daß über Millionen von Jahren Gruppen von Primaten in Ostafrika ihre Lebensweise änderten: sie verließen die Bäume und entwickelten sich zu Bodenbewohnern. Warum sie es taten, kann bis heute nicht einwandfrei beantwortet werden, hatte aber tiefgreifende Folgen: der aufrechte Gang und damit verbunden, der Gebrauch ihrer Hände zum Tragen von Gegenständen (Nahrung, Werkzeuge, Waffen), die sie vorher nur sporadisch benutzten. Durch das Leben in der Savanne wurden neue Anforderungen an sie gestellt. Sie entwickelten sich zu aktiven Jägern, vorher wurden nur kranke, kleine oder tote Tiere als Eiweißquelle genutzt.1.26


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Isabella Andrej
1999-03-04