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5. Regionalgebiet Afrika: ,,Der matrilineare Gürtel``

Für die Erklärung des Vorkommens von matrilinearen und uxorilokalen Gesellschaften in Afrika südlich der Sahara ist in Übereinstimmung mit William Tulio Dival, Gerhard Kubik und George Peter Murdock vor allem die Migrationsbewegungen der bantu-sprachigen Bevölkerung ausschlaggebend.

Die wahrscheinlichste Erklärung für das Entstehen der regionalen Ausdehnung der matrilinear und uxorilokal organisierten Gesellschaften im südlichen Afrika steht in enger Verbindung mit vermehrten Wanderungsbewegungen größerer Bevölkerungsgruppen, die aber zeitlich unterschiedlich bezeichnet und datiert werden, z.B. als Dritte-Bantu-Wanderung, deren Ausgangspunkt zu Beginn der späteren Eisenzeit (ab ca. 1000 n.Chr.) Nord-Katanga gewesen sein könnte und es gäbe Anhaltspunkte, daß sie über Angola, zum Malawi-See bis ins Ruvuma-Tal verlief.5.1 John A.R. Wemba-Rashid vermutet ebenso, daß der heutige matrilineare Gürtel kein historischer Zufall ist, sondern im Zusammenhang mit der generellen Wanderungsbewegung der Bantu-Bevölkerung steht, deren Ausgangspunkt Nord-Katanga sein dürfte.5.2

Die Übernahme einer anderen als der bisherigen Maritalresidenz ist nach Murdock die Voraussetzung für die Neuorganisation der gesamten Sozialordnung einer Gesellschaft. William Tulio Divale geht von der Hypothese aus, daß die Migrationsbewegung einer größeren Bevölkerungsgruppe unter bestimmten Bedingungen die Entstehung der uxorilokalen Maritalresidenz fördert. Durch die Migration und die Neuansiedlung in einem bereits bewohnten Gebiet verändert sich die Form der Kriegführung: eine ursprünglich patrilineare Gesellschaft mit internaler Kriegführung (d.h. Kriegführung zwischen benachbarten Dörfern) verändert sich in ihrer sozialen Organisation durch die Migration und richtet ihre kriegerischen Auseinandersetzungen gegen außenstehende Bevölkerungsgruppen (d.h. gegen die im neuen Siedlungsgebiet ansässige Bevölkerung). Dies wiederum habe zur Folge, daß sich die bevorzugte virilokale Maritalresidenz durch die kriegführungsbedingte Abwesenheit der Männer zur uxorilokalen Residenz veränderte. Die Veränderung der bevorzugten Maritalresidenz führt in der Folge zur Anpassung der gesamten Sozialorganisation einer Gesellschaft. Diese Aussage beruht sowohl auf George Peter Murdock als auch auf William Tulio Divale, mit seiner Erklärung über das Entstehen von matrilokaler/uxorilokaler Residenz. In den folgenden Abschnitten wird auf diese Thematik in bezug auf den sogenannten ,,matrilinearen Gürtel`` Afrikas näher eingegangen. Weiters wird vermutet, daß nach der Veränderung der Kriegführung in Verbindung mit der Übernahme der bevorzugten uxorilokalen Maritalresidenz die Wiederanpassung der Sozialorganisation der eingewanderten Bevölkerungsgruppen stattgefunden hat und diese wiederum in enger Verbindung mit dem Entstehen von matrilinearer Deszendenz, Maskentraditionen und/oder Geheimgesellschaften stehen könnte.

Um Gesellschaften als Gesamtheit zu definieren, gibt es unzählige Möglichkeiten. Sicher sei nach Melville J. Herskovits5.3, daß die Formen der Sozialorganisation einer Gesellschaft ,,gelernt``, oder besser durch Sozialisation und Enkulturation geprägt wird. Der Mensch muß sich sowohl an die natürlichen Gegebenheiten - Bodenqualität, Wasservorkommen, klimatische Bedingungen, die vorgegeben sind - als auch an die Anforderungen, die sich aus dem Zusammenleben von Gruppen von Menschen ergeben und die situationsabhängig sind, anpassen. Jede Gesellschaft, die gezwungen wird, ihr bisheriges Siedlungsgebiet zu verlassen, wird mit einer neuen Situation konfrontiert. Deshalb werden sie sich vor allem in jenen Regionen ansiedeln, wo zumindest ähnliche oder günstigere Umweltbedingungen vorherrschen. Die Migrationsbewegung kann folgende Ursachen haben: Bevölkerungsanstieg, Verknappung der Nahrungsressourcen, klimatische Veränderungen wie Trockenheit, Segmentation, Überschwemmungen oder das Vordringen anderer Bevölkerungsgruppen. Findet unter diesen Bedingungen eine Migrationsbewegung statt, dann werden jene Bevölkerungsteile, die in ein neues Siedlungsgebiet einwandern, ihre bisherigen Traditionen als Erinnerung und Andenken an ihre Vorfahren weiter pflegen und wenn nötig, an die neuen Gegebenheiten anpassen. Dadurch finden die in der Ursprungsregion manifestierten Institutionen, die geistigen Vorstellungen (thought pattern) und materiellen Objekte (wie Masken: Gesichtsmasken aus Holz und Körperbedeckungsmaterial, Farben für Gesichts- und Körperbemalung, etc.) auch im neuen Siedlungsgebiet eine Weiterverbreitung. Herskovits bezieht sich in diesem Zusammenhang auf E.B. Tylor, der eine einfache, aber ,,klare`` Definition von ,,culture`` zusammenfaßt ,,... who described culture as:``


11 ... that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society.5.4

Danach setzt sich die Bedeutung von culture - im Sinne von Herskovits - aus einer Reihe von Paradoxien, die nicht ignoriert werden können, zusammen:

1.
Die Gesellschaftsorganisation ist eine universelle Erfahrung der Menschheit und jede Gesellschaft hat ihre eigenen regionalen und lokalen Manifestationen in ihrer Einzigartigkeit.
2.
Gesellschaftliche Normen sind in mancher Hinsicht stabil - vor allem solange sie für die jeweilige Gesellschaft von Bedeutung sind - aber ebenso dynamisch und unterliegen ständigen Anpassungs- und Veränderungsprozessen.
3.
Die gesellschaftlichen Normen bestimmen alle Bereiche einer Gesellschaft und inkludieren sowohl bewußte als auch unbewußte Handlungen und Verhaltensweisen.5.5
Die Psychologie und vor allem die Psychoanalyse von Siegmund Freud untersucht die Verhaltensmuster, die innerhalb einer Gesellschaft erlernt und weitertradiert werden. Ab 1920 griffen vor allem anglo-amerikanische Anthropologen - wie Franz Boas, A.A. Goldenweiser, C.G. Seligman, W.H.R. Rivers und andere - diesen Forschungsansatz auf und führten psychologische Untersuchungen durch. Die behavioristische Schule gab den Anthropologen eine methodische Grundlage und diente in vielen Bereichen zur Erklärung von Gesellschaftsnormen. Die Erkenntnisse Freuds wurden nach Herskovits nur langsam, wenn überhaupt, akzeptiert. Der Grund dafür war, daß Freud dem Symbolismus des Traums zu große Bedeutung geschenkt hatte. Freud hatte sich in ,,Totem und Tabu``5.6 mit dem vorhandenen anthropologischen Material auseinandergesetzt und damit dazu beigetragen, daß seine psychoanalytischen Untersuchungen von vielen Anthropologen rezipiert wurden. Freud begründete in der Untersuchung der menschlichen Psyche die Anziehungskraft zwischen der Mutter und ihrem Sohn mit dem Unbewußten, das durch eine zweifache Einstellung dem Vater gegenüber entsteht. Freud nannte es den Ödipus-Komplex nach dem griechischen Drama des Königs Ödipus.5.7

Als Resultat stellte Freud eines seiner wertvollsten Konzepte auf, nämlich die Ambivalenz bei irgendeinem gegebenen Zeitpunkt, zu dem jemand zur gleichen Zeit von irgendeiner gegebenen Person oder eines Objektes angezogen und gleichzeitig abgestoßen sein kann, mit anderen Worten Lieben und Hassen zur selben Zeit. Im Sinne von Freud bestanden die Vorstellungen der Konkurrenz zwischen Vater und Sohn schon in der frühesten Menschheitsgeschichte. Herskovits schreibt darüber folgendes:


11the Urfamilie, the primaeval family, the `Old Man' by right of brute force, ruled unquestioned, and all the women of the horde where his. As his sons grew older, they rebelled, and one day combined forces to murder their progenitor. Moreover, they made on his body a cannibalistic feast so as mystically to take his power for themselfes. Returning to the women, now available to them, they held to their pact not to reveal what they had done. Their food, they said, had been an animal that was from then on to be so sacred that it must not be eaten. Hence the phenomenon of ambivalence in the human mind manifested in the wider social scene by the totemic symbols of many peoples, since the totem is a symbol at once sacred and loved, and yet tabooed and thus to be avoided.5.8

Malinowski (1927) übernahm den psychologischen Ansatz Freuds im Zusammenhang mit den Gegebenheiten bestimmter Typen von familiaren Beziehungen und stellte fest, daß es den Ödipus Komplex, wie ihn Freud definiert hatte, nicht überall gibt. Malinowski arbeitete auf den Trobriand-Inseln Melanesiens, wo die Verwandtschaft auf matrilinearer Abstammung beruht. Dabei fand er viele Beispiele in unbewußt gesagten Statements und in den Träumen der Trobriander, wo die Reaktionen des Ödipus in eine andere Richtung zeigten, nämlich gegen den Mutterbruder gerichtet war und nicht gegen den Vater.5.9

Dies zeigt uns, daß nicht die Person des Vaters selbst im Zusammenhang mit dem Ödipus-Komplex steht, sondern diejenige Person, die die Autorität gegenüber dem klassifikatorischen Sohn vertritt. Freud hat insgesamt recht, nur muß der Begriff ,,Vater`` erweitert werden. Der Mutterbruder übernimmt in einer matrilinearen Gesellschaft häufig bestimmte Aufgaben des Vaters: er wird für die Erziehung eines seiner Autorität unterstellten Kindes von der Gesellschaft verantwortlich gemacht; für das Kind ist er die übergeordnete Autorität, die geliebt und gehaßt wird. Wahrscheinlich ist, daß die Ausprägung des Ödipus-Komplexes in matrilinearen Gesellschaften durch die Aufteilung der Autorität zwischen Genitor und Mutterbruder abgeschwächt wird, vor allem weil die männlichen Solidaritätsgruppen bei uxorilokaler Residenz nicht auf Verwandtschaft beruhen.



 
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Isabella Andrej
1999-03-04