next up previous contents
Next: 5. Regionalgebiet Afrika: ,,Der Up: 4.3 Die Konföderation der Previous: 4.3.5.2 Umgang mit Aggression

4.3.6 Gründe für das Verschwinden der alten Ordnung

Durch die Niederlage der irokesischen Konföderation 1779 und die nachfolgende Umsiedlung in Reservate veränderte sich gravierend die bisherige Sozialorganisation. Ab 1800 gab es die klassische Form der irokesischen Gesellschaft nicht mehr. Die Frauen verloren ihre unabhängige Stellung, die sie durch: Produktion, Verteilung, Matrilinearität, Uxorilokalität und Arbeitskollektive innehatten. Anthony Wallace4.169 (1971) nennt einen weiteren Aspekt, der die Veränderungen beschleunigte: als die Irokesen in Reservate umgesiedelt wurden, gewannen die Männer an Einfluß. Die Ursachen dafür waren äußerlich kaum erkennbar, denn die Frauen lebten weiter in Dörfern, bauten Mais, Bohnen und Kürbisse an und die Männer jagten, allerdings in der Nähe ihrer Dörfer; Kriegführung mit anderen Stämmen gab es nicht mehr. Die Männer waren nicht mehr Wochen oder Monate von den Frauen getrennt, sondern nur wenige Stunden, vielleicht ein paar Tage. Dadurch verstärkte sich die Bindung zwischen Mann und Frau und die Einheit zwischen den Frauen zerbrach. Das Arbeitskollektiv der Frauen verschwand durch die Beteiligung der Männer an den Feldarbeiten der Frauen. Die Verbindung zwischen Mann und Frau war bisher bestimmt durch die gegenseitige Achtung in distanzierter Form: durch die Teilung in Männer- und Frauenwelt. Gleichzeitig mit der ständigen Anwesenheit der Männer im Dorf verstärkten sich die Konflikte zwischen den Männern: Schlägereien, sogar Todschlag dienten zur Konfliktlösung innerhalb der Familie und der Verwandtschaft. Vorher wurde die Aggression ausschließlich gegen Nicht-Verwandte und Nicht-Angehörige der Konföderation gerichtet. Durch die Kriegs- und Jagdzüge bildeten die Männer untereinander eine Einheit, welche Aggressivität nicht billigte. Die Trennung der Geschlechter durch die vorwiegend seßhaften Frauen und die nomadisierenden Männer veränderte sich nach der Übersiedlung ins Reservat: mit der ständigen Anwesenheit der Männer verstärkte sich ihr Interesse an der Ehe, an ,,ihren`` Frauen und Kindern, am Besitz und an der Vererbung. Dies führte zur Übernahme der virilokalen Residenz.4.170

Durch die Teilung in Männer- und Frauenwelt und den verbundenen Arbeitskollektiven bildeten sich zwei Teile der Gesellschaft, die ziemlich im Gleichgewicht waren, vielleicht mit einem leichten Übergewicht der Frauen durch die häufige Abwesenheit der Männer. Mrs. Jemison erzählt uns: ,,Kein Volk kann glücklicher leben als die Indianer in Friedenszeiten``, und weiters heißt es: ,,Ihr Leben war eine andauernde Folge von Vergnügen. Ihre Bedürfnisse waren gering. Ihre Sorgen galten nur der Gegenwart``.4.171

Die alte Ordnung zerfiel; folgende Gründe können zusammenfassend genannt werden:

1.
Bereits 20 Jahre nach der Umsiedlung ins Reservat war das Langhaus verschwunden. Damit änderten sich die gesamten Wohnverhältnisse: die Art der Kinderbetreuung, die Organisation des Haushalts, der Vorräte und ihre Verteilung, sowie die bevorzugte Uxorilokalität, etc.
2.
Die Trennung der Frauen- und Männerwelt verschwand durch die ständige Anwesenheit der Männer im Dorf.
3.
Die Arbeitskollektive der Frauen, auf denen sich ihre Solidarität gründete, gab es nicht mehr. Die Männer übernahmen die wichtigen Arbeiten auf den Feldern. Es entstand eine Familienwirtschaft, beruhend auf der Hausgemeinschaft zwischen Mann und Frau als Wirtschaftseinheit, die gemeinsam ,,ihr`` Feld bestellten.
4.
Die Mutter-Tochter-Beziehung wurde durch die Mann-Frau-Beziehung abgelöst.
5.
Die Matrilinearität blieb bestehen, aber die matrilinear zentrierte Gesellschaftsform ging verloren (ebenso die Matrilokalität).
6.
Durch den übermäßigen Konsum von Branntwein stieg die Aggressivität zwischen den Männern und wahrscheinlich auch zwischen Frauen und Männern. Die Aggression der Männer konnte nicht mehr durch Jagd- und Kriegszüge kompensiert werden.

Bisher wurde immer wieder betont, daß durch das Seßhaftwerden einer Gesellschaft sich die Situation der Frauen meist verschlechtert hatte. Die irokesischen Frauen bildeten dabei eine Ausnahme: die Geschlechter gehörten getrennten Lebens- und Arbeitsbereichen an; die Nachteile der Kinderbetreuung hatten die Frauen durch die Wohnform des Langhauses gelöst, oder besser vollständig beseitigt; gleichzeitig waren beide Geschlechter - wie bei nomadisierenden Jäger- und Sammlergesellschaften - voneinander abhängig. Das Kollektiv der Frauen und ihre Solidarität beim gemeinsamen Arbeiten auf den Feldern, im Haushalt und bei der Kinderbetreuung waren die Grundlagen ihres Selbstbewußtseins gegenüber den irokesischen Männern. Die Männer fanden wiederum ihre Bestätigung durch Erfolge bei der Jagd und/oder Siegen bei militärischen Auseinandersetzungen, die die männlichen Solidaritätsgruppen gleichzeitig stärkten.

[]Regionalgebiet Afrika: Der ,,matrilineare Gürtel`` [Kapitel 4:]


next up previous contents
Next: 5. Regionalgebiet Afrika: ,,Der Up: 4.3 Die Konföderation der Previous: 4.3.5.2 Umgang mit Aggression
Isabella Andrej
1999-03-04