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4.3.5.2 Umgang mit Aggression

Zu den Mechanismen für den Umgang mit Aggression und Angst gehörte früher das ritualisierte Glücksspiel; dabei traten ganze Dörfer gegeneinander an oder es fanden Rituale zur Wintermitte statt. Dabei wurden einzelne Teilnehmer ,,verrückt`` und ließen sich ihre Forderungen von anderen Mitgliedern des Dorfes erfüllen. Nach Anderson waren in allen Fällen Frauen und Männer gleichgestellt: weder in den Rollen als Aggressor noch als Opfer hatte ein Geschlecht Sonderrechte.4.164 Dies kann wohl kaum zutreffen, da ursprünglich die Knaben auch bei den irokesischen Stämmen zu aggressivem Handeln erzogen wurden - sie sollten tapfere Krieger werden! Richtig ist, daß beide Geschlechter den gleichen Spielregeln unterlagen, aber die Neigung zu Aggressivität war bei den Männern höher wegen ihrer Erziehung.

Solange externale Kriegführung geübt wurde, dürften die Aggressionen innerhalb der irokesischen Stämme soweit wie möglich unterdrück worden sein; dies sollte sich nach der Übersiedlung in die Reservate ändern. Ein Beispiel für die Veränderungen bei der Aggressionsaustragung zwischen Männern erzählt uns Mary Jemison in ihrer Lebensgeschichte: Sie schreibt, daß es wenige Frauen gibt, die keine Probleme mit ihren Kindern haben. Sie versuchte immer wieder auf ihre beiden ältesten Söhne einzuwirken, um sie zur Vernunft zu bringen. Die Konflikte begannen bereits in der Kindheit als Thomas, ihr ältester Sohn, seinen jüngeren Bruder John einen ,,Hexer`` nannte. Im Kindesalter unterstützte Thomas häufig seine Mutter bei der Arbeit, aber als er in der Kriegskunst unterwiesen wurde, veränderte sich sein Verhalten. Er verachtete die Grausamkeiten, die die Krieger gegenüber ihren unterworfenen Feinden übten. Obwohl er sich für den Frieden einsetzte, war er ein mutiger und geschickter Krieger und wurde von allen respektiert. Im Alter von 14 oder 15 Jahren nahm er erstmals an den Kriegsaktivitäten teil und konnte durch sein besonderes Geschick zwei Feinde gefangennehmen. Dadurch wurde er bereits in jungen Jahren als wichtiger Ratgeber und Chief anerkannt: z.B. nahm er zwei- oder dreimal in Philadelphia an Beratungen bei den Verträgen mit den Leuten des Staates teil.4.165

Der vorgeschobene Grund für den Konflikt zwischen ihren Söhnen war die polygyne Ehe von ihrem zweitgeborenen Sohn John. Mrs. Jemison erzählt darüber folgendes:


11polygamy was tolerated in our tribe, Thomas considered it a violation of good and wholesome rules in society, and tending directly to destroy that friendly social intercourse and love, that ought to be the happy result of matrimony and chastity. Consequently, he frequently reprimanded John, by telling him that his conduct was beneath the dignity, and inconsistent with the principles of good Indians; indecent and unbecoming a gentleman; and, as he never could reconcile himself to it, he was frequently almost constantly, when they were together, talking to him on the same subject. John always resented such reprimand, and reproof, with a great degree of passion, though they never quarrelled, unless Thomas was intoxicated.4.166
Mrs. Jemison schildert hier den wirklichen Grund für die vielen Auseinandersetzungen: ihr Sohn Thomas war häufig betrunken und verlor dabei jede Art von Selbstkontrolle. Immer wieder versuchte Mrs. Jemison ihre Söhne, vor allem Thomas, zur Vernunft zu bringen, aber ohne Erfolg. Als er eines Tages wieder betrunken zum Haus seiner Mutter kam, fand er dort nur John vor (am 1. Juli 1811) und begann erneut mit seinem Bruder John über das alte Thema zu streiten. Doch diesmal erfaßte John seinen Bruder Thomas entschlossen am Kopf und zog ihn an den Haaren vor die Tür, wo er ihn tötete. Mrs. Jemison mußte sich verzweifelt mit der Tatsache abfinden, daß ihr ältester Sohn von seinem Bruder ermordet wurde. Sie sandte einen Nachbarn (names Shanks) nach Buffalo, um die Nachricht der Ermordung ihres Sohnes Thomas ihren Freunden mitzuteilen und mit der Bitte, daß die Chiefs den Rat einberufen sollten, um über den Vorfall und über die Tat von John zu entscheiden. John war inzwischen nach Kanada geflohen. Der Rat entschied, daß Thomas der Angreifer war und John wurde von seiner Schuld freigesprochen. Sobald John die für ihn erfreuliche Nachricht des Rates erhielt, kehrte er zu seiner Familie zurück.4.167

Als Thomas getötet wurde, war er 52 Jahre alt und John 48 Jahre. Mrs. Jemison erzählt, daß sich seine umgängliche Art nicht verändert hätte, wenn er nicht Opfer des Branntweins geworden wäre - ein Gift, das bald die gesamten indianischen Stämme in diesem Teil des Landes ausrotten und ihre Namen ohne Wurzel und Zweig zurücklassen werde.4.168


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Isabella Andrej
1999-03-04