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1.1.1 Unterschiedliches Sozialverhalten bei Primaten

Die Primatenforschung hat eine gewisse Bedeutung für die Beurteilung der Entwicklung der Hominiden. Das Beispiel der Paviane, die eine natürlich gegebene Rangordnung der männlichen Tiere aufweisen, wird immer wieder genannt, um die männliche Dominanz zu erklären. Der dabei unterstellte Dimorphismus   als geschlechtliches Unterscheidungsmerkmal trifft aber nicht auf alle Primaten und nicht einmal für alle Pavianarten zu, sondern nur auf diejenigen, die in der Savanne leben. Irven DeVore und Sherwood L. Washburn (1961) beschreiben Paviane, die in Wäldern leben, bei welchen der Größenunterschied zwischen Männchen und Weibchen wenig impossant ist.1.9

Vor allem die Begründung über die Rangordnung und den Geschlechtsdimorphismus bei den Primaten habe immer wieder dazu geführt, die Benachteiligung der Frau in der menschlichen Gesellschaft zu erklären. Danach sei die Unterlegenheit der Frau biologisch begründbar und sozusagen ein Erbe aus unserer Primatenvergangenheit. Nach Gough wurde lange Zeit angenommen, daß die Dominanz der Männer durch ihre größere Bereitschaft zur Kooperation und Solidarität untereinander entstanden sei, also eher durch Instinkt erworben, als kulturell erlernt worden sei. Im Gegensatz dazu gebe es bei den Frauen eher die Tendenz, sich mit einem Mann zu verbinden als mit anderen Frauen zu kooperieren.1.10

Gough lehnt dies entschieden ab und kommt zu einer interessanten Unterscheidung zwischen Primatenarten. Sie weist darauf hin, daß der geschlechtliche Dimorphismus bei den Primaten unterschiedlich ausgeprägt ist:
(1) Bei den baumbewohnenden Primaten sind die Größenunterschiede zwischen Männchen und Weibchen kaum vorhanden. Als Erklärung nennt Gough, daß diese Primaten (wie Gibbons) kaum Zeit für die Verteidigung aufwenden mußten. Dadurch ist die männliche Vorherrschaft innerhalb einer Gruppe nicht für das Überleben dieser Art entscheidend. Bei Angriffen flüchten z.B. Gibbons sofort auf die Bäume.
(2) Für die bodenbewohnenden Primaten ist die Verteidigung ein wesentliches Kriterium ihres Überlebens. Hier setzte eine natürliche Selektion ein. Die großen und starken Männchen waren für die Gruppe wichtiger. Es entstand eine Hierarchie unter den Männchen und eine Dominanz über die Weibchen. Als Beispiele für diese Art gelten die Gorillas. Die Weibchen sind um die Hälfte kleiner als die Männchen.1.11

Bei den ost- und südafrikanischen Pavianen erreichen die Gruppen eine Größe von bis zu 200 Mitgliedern, wobei einige erwachsene Männchen und eine viel größere Anzahl von Weibchen die Kleingruppe bilden. Die Männchen sind hierarchisch organisiert. An der Spitze jeder dieser Pavianhorden steht das körperlich stärkste und aggressivste männliche Tier. Der Vorteil des dominierenden Männchens ist die häufigere Paarung mit den Weibchen der Gruppe.1.12

Gibbons haben ein ,,rudimentäres Inzestverbot``, d.h. einzelne Männchen und Weibchen leben mit ihren Jungen zusammen. Das Männchen vertreibt andere Männchen ebenso handelt das Weibchen gegenüber anderen Weibchen. Erreicht der männliche Nachwuchs die Pubertät, wird er von den Eltern ausgestoßen und muß die Gruppe verlassen.1.13

Die in der Savanne lebenden Paviane werden erstmals in der anthropologischen Literatur von DeVore und Washburn (1961) beschrieben (cynocephalous baboons). Sie leben in der Savanne in großen, friedlichen und ziemlich stabilen Gruppen.

Lila Leibowitz schreibt darüber in ihren Artikel ,,Perspectives on the Evolution of Sex Differences`` (1975) folgendes:


11 Active adolescent males circulate around the periphery of the closed moving troop, while females with infants stick to the central area and cluster around subgroups of ,,alpha``, or dominant, males. Alpha male subgroups involve alliances between several, mostly older, males, who reportedly rush to place themselves between threatening situations and the troop. Alpha males are chosen as sexual consorts by females at the height of estrus, displace other males and compete with or threaten them when they are offered delectable foods in limited quantities, and seem to set the direction of troop movements. In short, early studies of plains-living social adaptions among baboons provide a neat model which nicely correlates sex-role behavior and physical sex differences, corroborating the theory outlined above.1.14
Uwe Wesel schreibt über die Savannen-Paviane, daß die Männchen doppelt so groß sind, ein dickeres Fell, stärkere und größere Eckzähne als die Weibchen besitzen. Die männlichen Tiere verteidigen die gesamte Horde gegen Löwen, Leoparden und andere Raubtier und dominieren gegenüber den weiblichen Tieren. Die hierarchischen Strukturen zwischen den Männchen sind wesentlich stärker ausgeprägt. Der Kampf zwischen ihnen entscheidet, wer die Horde anführt, z.B. das Alphamännchen. Die kleinste Schwäche des ersten Tieres wird genutzt, um den ,,Pascha`` zu stürzen und selbst seine Position einzunehmen.1.15

Die in den Wäldern lebenden Paviane haben bestimmte Wanderungsmuster: ein männlicher Pavian an der Spitze und am Ende, alte Weibchen ,,wählen`` die Richtung der täglichen Wanderung, erwachsene und junge Männchen wechseln häufig die Gruppen. (Zumindest bei einem Beispiel konnte beobachtet werden, daß auch ein erwachsenes Weibchen die Gruppen wechselte.) Bei Gefahr warnen gewöhnlich die Männchen akustisch die Gruppe, positionieren sich so nahe der Bedrohung, daß sie gerade noch bei einem Angriff die Flucht ergreifen können. Ist die Gefahr unmittelbar vor Ort, dann flüchtet das erste Tier in die sicheren Baumkronen.1.16

Der Dimorphismus unter den Primaten führt aber nicht unbedingt zur Dominanz der männlichen Tiere, z.B. bei den Orang Utans sind die Männchen doppelt so schwer und haben viel größere Eckzähne, sind aber kaum aggressiv, haben untereinander keine Hierarchie entwickelt und dominieren nicht über die Weibchen.1.17

Vergleichen wir damit die menschlichen biologischen Größenunterschieden zwischen Mann und Frau, dann ist der   geschlechtliche Dimorphismus des Menschen gering und dem der Schimpansen ähnlicher. Schimpansen leben aber auf Bäumen, teilweise auch am Boden; sie fliehen bei Gefahr aber immer auf die Bäume. Sie bewegen sich meist auf allen Vieren. Die Dominanz des Männchens gegenüber den Weibchen ist gering. Die Hierarchie untereinander ist nicht stabil, die Männchen bewegen sich häufig zwischen Gruppen von 2 bis 50 Individuen. Ihre Hauptnahrung ist vegitarisch, Würmer und Larven sowie gelegentlich kleinere Tiere sind nur eine Ergänzung. Die sozialen Beziehungen sind kaum diskriminierend. Als Spekulation nimmt Gough an, daß unsere vormenschlichen Ahnen ein ähnliches soziales Leben geführt haben könnten.1.18

Die Ergebnisse der Primatenforschung sind nicht eindeutig, vor allem gibt es zu große Unterschiede im Verhalten der einzelnen Primatenhorden, besonders zwischen denjenigen, die in der Savanne leben, und denjenigen die im Busch leben. Lila Leibowitz (1975) berichtet über eine Untersuchung, die im trockenen Hochland Äthiopiens durchgeführt wurde, daß bei einer Primatenhorde sogar innerhalb einer Generation eine erstaunliche Veränderung in ihrem sozialen Verhalten festzustellen war: ein älteres Weibchen übernahm aktiv die Führerschaft, als alle älteren Männchen verendet waren.1.19

Charakteristisch für die One-Man-Group ist, daß sie sich häufig aus einem männlichen Jungtier sowie einem älteren Männchen zusammensetzt, das die Horde anführt und ein oder mehreren Weibchen mit oder ohne Jungtier besteht. Mit dem Älterwerden des Senior-Männchens verbringt es immer weniger Zeit mit der Horde und zuletzt übernimmt das jüngere Männchen seine Position. Diese Quasi-Familien-Arrangements zeigen substantielle Unterstützung für die Vorstellung der männlich-weiblichen Rollenunterschiede. Die physischen Geschlechtsunterschiede legen zusammenfassend nahe, daß eine Neigung (propensity) zum Harem- und zur Kern-,,familien``-Regelung (Vereinbarung, Absprache, Vorbereitung) als Überlebensstrategie anerzogen oder angeboren ist.1.20


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Isabella Andrej
1999-03-04