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4.3 Die Konföderation der Irokesen und der Huronen

In matrilinearen Gesellschaften besitzen Frauen normalerweise größere Unabhängigkeit als in patrilinearen Gesellschaften, die durch die Kombination von matrilinearer Abstammung und uxorilokaler Residenz noch verstärkt wird. Trotzdem bleibt in allen matrilinearen Gesellschaften - von denen uns Beschreibungen vorliegen - der Vorstand des Haushalts, der Lineage und der Lokalgruppe gewöhnlich ein Mann. Bis heute wird der Vorstellung, daß die irokesischen Stämme eine matriarchale Gesellschaftsordnung hatten, nachgehangen. - Tatsache ist und bleibt: es hat weder in früheren Gesellschaften noch innerhalb der irokesisch-sprachigen Bevölkerung im Norden Amerikas jemals ein Matriarchat gegeben!

Wenn es kein Matriarchat gegeben hat, dann bedeutet dies aber nicht, daß

1.
Frauen und Männer niemals zueinander Beziehungen hatten, die ausgeglichen und kreativ für beide Geschlechter waren. Vielmehr entwickelten beide Geschlechter geeignete Fertigkeiten, Fähigkeiten und Technologien in ihren Männer- und Frauengruppen - ihrer Zeit und den Umständen entsprechend.
2.
Weiters heißt es nicht, daß die Geschlechter in Zukunft nicht gleichgestellt sein können, oder geschlechtliche Arbeitsteilung als überholt angesehen werden wird. Kathleen Gough glaubt daran, daß sich die Gleichberechtigung der Geschlechter mit Sicherheit erst entwickeln wird. Der Glaube an den ,,Mythos des goldenen Zeitalters der Frauen`` ist aber überholt.4.93

Die ungewöhnlich gute Stellung der Frauen innerhalb der irokesisch-sprachigen Bevölkerung im Norden Amerikas wurde und wird immer wieder hervorgehoben. Im 19. Jahrhundert schrieb man ihnen eine ,,mutterrechtliche`` Gesellschaftsordnung zu; die nachfolgenden Autoren heben vor allem den ökonomischen Wert und damit die ökonomische Überlegenheit der ,,Irokesen``-Frau als Grundlage ihrer Stellung hervor, so z.B. Robert H. Lowie (1961). Diamond Jennees (1932) bezweifelt, daß die fast ausschließlich von den Frauen geleistete Arbeit des Bodenbaus im ökonomischen Leben der Irokesen ausreiche, um ihre Stellung zu erklären, sondern es seien weitere Faktoren notwendig, z.B. die Verteilung der Arbeit, die Kultivierung der Felder und der überdurchschnittlich hohe Anteil der Frauen bei der Nahrungsproduktion. B.H. Quain (1961) fügt noch Matrilinearität und -lokalität hinzu, die ebenfalls die Position der Frauen in der Gesellschaft stärkten.4.94

Schon die Evolutionisten des 19. Jahrhunderts haben sich ausführlich mit der Stellung der Frau bei den irokesischen Stämmen beschäftigt und ihnen eine Stufe innerhalb der gesellschaftlichen Evolution zugewiesen, wie z.B. Bachofen: Sumpfvegitation - Gynaikokratie - Patriarchat - Zivilisation. Trotz aller Unterschiede zwischen den Evolutionisten waren sie alle überzeugt, den Charakter der gesellschaftlichen und politischen Allianzen aufzeigen zu können, wenn sie nur die urprünglichen Formen und die Entwicklung der Verwandtschaftsstrukturen enträtseln könnten.4.95

Die Mehrheit der Autoren, die sich mit der Thematik der Gesellschaftsordnung der ,,Irokesen`` beschäftigt haben, sahen diese als homogene Gruppe an. In den Quellen wird meist der Sammelbegriff ,,Irokesen`` und ,,Huronen`` verwendet, obwohl beide Konföderationen aus mehreren Stämmen zusammengesetzt waren. Richtig ist, daß die Mehrheit der in dieser Region lebenden Gesellschaften eine gemeinsame Sprache, Parallelen in ihrer Sozialorganisation, gesellschaftlichen Entwicklung, Wirtschaft, Politik, Militärwesen und Religion hatten. Archäologische Funde weisen darauf hin, daß um ca. 500 n.Chr. die gesellschaftliche Entwicklung für alle ähnlich verlaufen sein dürfte, einschließlich eines raschen Wandels zu dörflichen Siedlungen und zum Gartenbau.4.96

Die Rekonstruktion der irokesischen Gesellschaftsorganisation der ,,klassischen Zeit`` war bereits im 18. Jahrhundert schwierig. Zwei Quellen werden sehr häufig zitiert: die Berichte des Jesuitenpaters Père Joseph-François Lafitau (1681-1746) und die Lebenserinnerungen der Mrs. Mary Jemison (1742/43-1833), die als weiße Amerikanerin als Jugendliche entführt und später von zwei Seneca-Schwestern adoptiert worden war.4.97

Bereits im 18. Jahrhundert bezieht sich Père Joseph-François Lafitau (1681-1746) auf Beschreibungen anderer Missionare. Lafitau lebte fünf Jahre bei den ,,Irokesen``, von 1712-1717 und veröffentlichte 1724 vier Bände mit dem Titel: ,,Moeurs des Sauvages Amériquains, Comparées aux Moeurs des Premiers Temps``. Mehrheitlich sind diese beschreibenden Quellen über die irokesischen Stämme vor allem aus der Sicht der Missionare dargestellt, so wie sie die ,,Indianer`` sehen wollten, in ihren christlichen und männlich dominierten Vorstellungen.

In den meisten Quellen wird die Vorherrschaft der Frauen in der irokesischen Gesellschaft beschrieben, Theorien aber, die zur Entstehung ihrer angesehenen Position innerhalb der Gesellschaft geführt haben könnten, werden kaum, wenn überhaupt genannt. Ein Zitat von Lafitau soll dies veranschaulichen:


11, however, is more real than this superiority of the women. It is of them that the nation really consists; and it is through them that the nobility of the blood, the genealogical tree and the families are perpetuated. All real authority is vested in them. The land, the fields and their harvest all belong to them. They are the souls of the Councils, the arbiters of peace and of war. They have charge of the public treasury. To them are given the slaves. They arrange marriages. The children are their domain, and it is through their blood that the order of succession is transmitted. The men, on the other hand, are entirely isolated. ... Their children are stranges to them.4.98

Nach Judith K. Brown muß beim Zitat von Lafitau folgendes beachtet werden: Lafitau unterscheidet nicht zwischen Huronen und Irokesen und versuchte gleichzeitig, Ähnlichkeiten zwischen den Bräuchen der Indianer und der Antike aufzuzeigen. Grundsätzlich ist anzumerken: die ungewöhnlich hohe Stellung lag nur bei wenigen Frauen, denjenigen nämlich, die in der Literatur als ,,Matronen`` bezeichnet werden. Sie gehörten zu den ältesten Frauen und waren die Vorstände des Haushalts und der Arbeitsgruppen; jede Frau konnte diese Position im Alter anstreben. Wie die Matrone zur Matrone wurde, ist nicht klar, denn es gibt keinen Beweis für ihre Wahl. Die Informationen, die Lafitau vorlagen, müssen relativiert werden durch die Unterscheidung der ,,Irokesenfrau`` in Politik und Religion: die Matrone konnte den Ältesten ein- und absetzen; hatte die Möglichkeit der Einflußnahme auf Entscheidungen des Rates, gelegentlich sogar die ,,Macht`` über Kriegserklärungen; sie konnte Verträge, die geschlossen wurden, beeinflussen; aber sie konnte sich nicht am Rat der Ältesten selbst beteiligen. Goldenweiser (1912) beschreibt die sogenannte ,,Macht`` der Matrone bei der Ein- und Absetzung von Chiefs: sie hatte das Recht auf ein Veto bei der Wahl und konnte nach neuerlichen Zusammenkünften der Frauen einen neuen Kandidaten nennen, bei der Amtsübernahme eines neuen Häuptlings (sachem) wurde er von einer Frauendelegation genau in seinem Verhalten beobachtet, wenn seine Handlungen nicht den Vorstellungen der Frauen entsprachen, oder wenn er Normen verletzte, dann wurde von der Matrone eine Warnung ausgesprochen.4.99



 
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Isabella Andrej
1999-03-04