next up previous contents
Next: 4.3 Die Konföderation der Up: 4.2 Veränderungen in der Previous: 4.2 Veränderungen in der

4.2.1 Externale Kriegführung als mögliche Ursache für das Entstehen von Matrilokalität

William Tulio Divale stellt in seinem Artikel: ,,An Explanation for Matrilocal Residence`` (1975) die Hypothese auf, daß bestimmte Formen der Kriegführung in der Folge zum Entstehen von matrilinearen Systemen führen. Bei der Überprüfung der vorhandenen Theorien stellte er fest, daß es bis heute keine einzige zufriedenstellende Hypothese zur Erklärung für das Entstehen von Matrilokalität gibt.4.78

Die erste Erwähnung von matrilinearen Systemen geht auf Bachofen zurück, weitere folgten: McLennan, Tylor, Morgan und Engels wiesen den matrilinearen Systemen eine Stufe in der Evolution der Menschheit zu. Die Grundlage dieser Theorien waren die gesellschaftlichen Übergänge von einem zum anderen Stadium, die heute überholt sind. Aber auch neuere Theorien, die einen Zusammenhang zwischen Geschlecht, Subsistenz und Umweltbedingungen in Verbindung mit dem Entstehen von matrilinearen Systemen annahmen, konnten - nach Divale - statistisch nicht nachgewiesen werden. Die häufigste Erklärung bezog sich auf das Geschlecht, nämlich dasjenige, das die Nahrungsgrundlage sichere, sei für den postmaritalen Wohnort ausschlaggebend. Eine andere Erklärung setzte auf Umweltbedingungen: nach David Aberle und Elman Service begünstigen tropische Regenwälder das Entstehen von matrilinearen Systemen. Kathleen Gough vermutet, daß die Art der Subsistenzwirtschaft einen Einfluß auf die Wahl für ein bestimmtes unlineares Abstammungssystem ausübe; danach seien Gesellschaften mit matrilinearer Abstammung eher Gartenbauern als Ackerbauern. Sie setzt in ihrer Argumentation fort, daß bei matrilinearen Gesellschaften mit matrilokaler Residenz die Produktivität geringer sei als bei avunkulokaler Residenz.4.79

Divale stellte sich folgende Fragen: warum 14 % der Weltgesellschaften nach matrilinearer Abstammung organisiert sind und wie matrilokale Residenz entstehe? Patrilineare Systeme sind fast immer mit Patrilokalität verbunden, matrilineare Gesellschaften weisen hingegen wesentlich unterschiedlichere postmaritale Residenzformen auf. Daraus schließt Divale, daß sich matrilineare Abstammung erst dann entwickeln kann, wenn bereits matrilokale Residenzmuster vorhanden sind. Um diese Schlußfolgerung statistisch zu überprüfen, verwendet er Cross-Cultural Untersuchungen am Beispiel von 43 Gesellschaften: davon bevorzugten 33 patrilokale und 10 matrilokale Residenzregeln; weitere Daten lieferte der Ethnographische Atlas über 1200 Gesellschaften, soweit sie für seine Untersuchungen verwendbar waren. Diejenigen Variablen, die noch nicht im Ethnographischen Atlas benutzt wurden, codierte er selbst und ließ sie von einem unabhängigen Statistiker, der die von Divale aufgestellte Hypothese nicht kannte, testen. Die daraus resultierenden unabhängigen Testergebnisse wiesen keine signifikanten Abweichungen auf.4.80

Die angenommene Hypothese, daß die Residenz matrilokal sei, wenn Frauen in der Subsistenzwirtschaft dominieren (z.B. bei Jägern und Sammlern, Hirtennomaden und Bauern), konnte mittels statistischer Überprüfung nicht bestätigt werden (weder anhand der Daten vom Ethnographischen Atlas noch anhand der von Divale verwendeten Daten von 42 bzw. 43 Gesellschaften nach Geschlecht, Subsistenzwirtschaft und postmaritaler Residenz). Bei 32 Gesellschaften seines Sampels lag die Subsistenzwirtschaft in den Händen der Männer und trotzdem folgten sieben Gesellschaften matrilokalen Residenzregeln. Die Hypothese eines Zusammenhangs zwischen geschlechtsspezifischer Dominanz bei der Produktion der Nahrung und Matrilokalität konnte als statistisch nicht nachweisbar ausgeschieden werden, denn es hätte bei den 32 Gesellschaften danach überhaupt keine matrilokale Residenz geben dürfen. Bei 10 Gesellschaften waren die Frauen für die Subsistenzwirtschaft verantwortlich, trotzdem bevorzugten nur drei matrilokale Maritalresidenz.4.81 Weitere Tests von Melvin Ember und Carol Ember (1971) und Divale (1974b) konnten dieses Ergebnis zusätzlich bestätigen: es gibt keinen statistischen Zusammenhang zwischen weiblicher Dominanz in der Subsistenzwirtschaft und matrilokale Residenz.4.82

Aber auch die Hypothese, daß Matrilokalität mit den Klimazonen der tropischen Regenwälder in Verbindung stehe, konnte nicht bestätigt werden. In der Arbeit von Herbert Barry (1967) wurden die ersten 410 Gesellschaften anhand einer Lochkartenversion des Ethnographischen Atlas codiert und getestet, ohne daß ein signifikanter Zusammenhang festgestellt werden konnte.4.83 Divale testete auch die Hypothese von Gough anhand des Ethnographischen Atlas, ohne daß eine ausreichende signifikante Korrelation zwischen Gartenbau und matrilokaler Residenz festgestellt werden konnte.4.84

Werden Gesellschaften nach matrilokalen und patrilokalen Residenzregeln gegenübergestellt, so sind nur 10 % matrilokal und 75 % patrilokal organisiert. Danach scheint es, daß Matrilokalität eigentlich ,,nur`` eine abweichende Form vom Normalfall darstelle. Doch gerade in diesem Zusammenhang konnte mittels der durchgeführten Tests eine strikte Trennung zwischen patrilokal und matrilokal organisierten Gesellschaften festgestellt werden, die für die Erklärung von Matrilokalität relevant ist. Divale bezieht sich dabei auf die Arbeiten von Keith Otterbein und Charlotte Otterbein (1965), sowie auf Keith Otterbein (1968), die herausfanden, daß Patrilokalität signifikant mit ausgeprägter Polygynie, häufig mit Fehdewesen und internaler Kriegführung verbunden ist. Die Gründe dafür sind, daß in Gesellschaften mit vorwiegend polygynen Ehen, vor allem bei den älteren Männern ein Interesse an erwachsenen Frauen besteht, dies führt zur Verknappung von heiratsfähigen Frauen und begünstigt Frauenraub, mit der Konsequenz zahlreicher Kriege. Divale sieht im ,,Kampf um Frauen`` gleichzeitig eine Form der Regulierung des Bevölkerungswachstums.4.85

Die Mehrheit der Autoren, die sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben - so auch Keith und Charlotte Otterbein - nehmen an, daß patrilokal organisierte Gesellschaften vorwiegend durch ständige Disharmonie charakterisiert werden können. Die häufigen Konflikte werden sowohl innerhalb der lokalen Gemeinschaft in Form von Fehden als auch durch internale Kriegführung gelöst. Van Velzen und Van Wetering (1960) fanden heraus, daß matrilokale Gesellschaften dazu im krassen Widerspruch stehen, denn Gesellschaften mit dieser Residenzregel tendiere eher dazu, kaum Fehden untereinander zu führen und scheinen innerhalb ein wesentlich friedlicheres Verhalten aufzuweisen als patrilokal organisierte Gesellschaften.4.86

Zusammenfassend kann aus der Literatur geschlossen werden, daß Gesellschaften mit vorwiegend uxorilokaler Maritalresidenz ihre Feindschaft fast ausschließlich gegen Außenstehende richten und kaum interne Kriege führen. Divale nimmt daher an, daß Gesellschaften mit bevorzugter Uxorilokalität durch innere Harmonie   zu charakterisieren seien, d.h. Fehdeführung zwischen Nachbarn nur in Ausnahmefällen vorkommt. Diese unterschiedlichen Formen der Austragung von Konflikten benutzte Dival als Grundlage für seine statistische Überprüfung.4.87

Divale geht bei seiner Theorie davon aus, daß es in segmentären Gesellschaften immer wieder zu größeren Migrationsbewegungen gekommen ist, in welchen teils ganze Stämme oder auch nur Teile von diesen in andere Regionen zogen, welche jedoch ihrerseits nicht ,,menschenleer`` waren. Die Ursachen für eine Migration können vielfältig sein, Divale nennt folgende:

1.
Überbevölkerung: Bevölkerungsdruck, der sich auch auf die Nachbarethnien ausweitet, sei ein sehr wahrscheinlicher Grund.
2.
Neue Technologien: Die Einführung neuer Methoden der Subsistenzwirtschaft erlaubt die Ausnutzung von bisher ungenutzten Ressourcen.
3.
Die Europäische Kolonisation: Ausdehnung in neue Regionen der Welt zwangen die ansässigen Bevölkerungsgruppen, sich enger zusammenzudrängen, aber auch untereinander solidarischer zu handeln und Feindschaften eher gegen andere, z.B. auf Kolonialbeamte, zu richten.4.88
Wanderungen von großen Bevölkerungsgruppen in bereits bewohnte Gebiete sind immer mit Konflikten verbunden. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht zwischen ansässiger Bevölkerung und ihrer Umwelt, die wiederum von den lokalen Gegebenheiten bestimmt wird. Es können z.B. Engpässe von Wasser, Land und Nahrungsressourcen entstehen, die innerhalb einer segmentären Gesellschaft meist einzig und allein durch Kriegführung - bei Abwesenheit anderer Konfliktregulierungsmechanismen - gelöst werden können. Kriegführung wird als eine Form der Konfliktlösung gesehen, um die Balance zwischen Umweltressourcen und Bevölkerungsanzahl wieder herzustellen, so jedenfalls Divale. Dadurch wird entweder eine der Bevölkerungsgruppen verdrängt (die Neuankömmlinge oder die ansässige Bevölkerung) oder es ergibt sich eine kriegsbedingte Entvölkerung (depopulation) auf beiden Seiten der Konfliktparteien. Divale geht davon aus, daß die ansässige Bevölkerung in diesem Fall ihre gesamte Feindschaft gegen die Eindringlinge richtet und dies führe zum Wandel von internaler zur externalen Kriegführung. Wie bereits erwähnt, führen patrilokalorganisierte Gesellschaften vorwiegend internale Kriege (im Gegensatz zu matrilokalen, die vorwiegend externale Kriege führen). Dabei ergeben sich Vorteile bei derjenigen Gruppe, die sich als besonders anpassungsfähig erweist und ihre internale
Kriegführung durch externale Kriegführung ersetzt. Divale bezieht sich hier vor allem auf K. Otterbein (1968, 1970), welcher herausfand, daß Patrilineages - vor allem in Verbindung mit patrilokaler Residenz - durch internale Kriegführung charakterisiert sind, denn bei patrilokaler Residenz leben meist alle partilinearen Verwandten einer Gruppe ihr ganzes Leben im selben Dorf. Ein Mann ist immer in der Nähe seines Bruders, Onkels, Vaters, Großvaters, etc., deshalb kann er mit deren Unterstützung bei Konflikten mit nicht verwandten Personen innerhalb des Dorfes auf jeden Fall zählen. Die in Nachbardörfern lebenden Menschen werden insgesamt als Feinde angesehen, sogar wenn sie dieselbe Sprache sprechen und eine ähnliche Sozialorganisation aufweisen.

Gesellschaften mit patrilokaler Residenz bilden fast immer patrilineare Abstammungsgruppen, die ,,fremde`` Frauen heiraten und in ihre Familie integrieren; sie führen interne Fehden. Hingegen führen Gesellschaften mit uxorilokaler Residenz eher zur Beendigung von internalen Kriegen. Heiratet ein Mann, so muß er entweder in ein anderes Dorf oder zumindest in einen anderen Teil des eigenen Dorfes ziehen. Er kann also bei Konflikten nicht mehr auf die Unterstützung seiner männlichen Blutsverwandten zählen. Der postmaritale Ortswechsel des Mannes führt weiters dazu, daß der Ehemann mit einer Gruppe erwachsener Männer in seiner nächsten Umgebung lebt, die nicht mit ihm verwandt sind. Seine männlichen agnatischen Verwandten leben teilweise in anderen Dörfern und besitzen - wie er selbst - das Monopol der Kriegführung. Deshalb sinkt die Wahrscheinlichkeit, daß Krieg gegen ein Nachbardorf geführt wird, da in diesem Nachbardorf männliche Blutsverwandte leben und gegen diese zu kämpfen würde bedeuten, gegen den eigenen Bruder zu kämpfen, und scheidet deshalb aus. Ebenso werden auch politische Interessen auf mehrere - durch männliche Verwandtschaftsbeziehungen gekennzeichnet - Dörfer ausgeweitet.4.89

Sollte diese Theorie korrekt sein, dann wäre zu erwarten, daß ein Vergleich von patrilokalen Gesellschaften mit matrilokalen Gesellschaften, die vor nicht allzu langer Zeit in eine Region emigrierten, ihre Kriegführungsmuster von internaler zur externalen geändert haben müßten. Divale konnte an seinem Sampel von 43 Gesellschaften eine signifikante Verbindung feststellen. Diejenigen, die während der letzten 500 Jahre in ihr heutiges Siedlungsgebiet migrierten, wiesen alle vorwiegend matrilokale Residenz auf. Eine einzige Gruppe bildete eine Ausnahme: die Zuñi migrierten nicht während der letzten 500 Jahre, folgten aber trotzdem vorwiegend matrilokalen Residenzregeln. Diese Abweichung im postmaritalen Verhalten der Zuñi kann nach Divale dadurch erklärt werden, daß die benachbarten Navaho und Apachen erst vor kurzem in diese Region migrierten. Die Bedingungen des Ungleichgewichts, die für die Entwicklung von Matrilokalität ausgewählt wurden, hatten sich für beide, die Migranten und die ansässige Bevölkerung, durchgesetzt.4.90

Divale verwendet eine zweite Forschungsstrategie, um eine mögliche einseitige Ausrichtung seiner Untersuchung auszuschließen; er schloß einen Sprachvergleich ein. Er nahm hypothetisch an, daß, wenn eine Gesellschaft kurz vorher in eine Region immigrierte, dann dürfte sie sprachlich keine Beziehung zu der seit langem ansässigen benachbarten Bevölkerung haben. Die Überprüfung ergab, daß tatsächlich alle matrilokalen Gesellschaften des besprochenen Sampels keine sprachlichen Beziehungen zu den Nachbarethnien aufwiesen; damit konnten auch erstmals die Gruppe der Zuñi einwandfrei zu den übrigen matrilokalen Gesellschaften zugeordnet werden. Aber auch die Überprüfung der zweiten Annahme, daß matrilokale Gesellschaften nur externale Kriegführung üben, konnte ebenfalls bestätigt werden.4.91

Abschließend bemerkt Divale, daß wenn die strukturelle Instabilität von matrilinearen und matrilokalen sozialen Strukturen anhalten, die durch den Konflikt zwischen männlicher Autorität und frauenorientierter Residenz entstehen, sich nach der externalen Kriegführung wieder ein neues Gleichgewicht entwickeln kann. Dann aber unterliegen diese Gesellschaften einer Reihe von Veränderungen, die wieder zu einer bevorzugten patrilokalen Residenz und daran anschließend zur patrilinearen Deszendenz führen können. Dieser Übergang eines matrilokalen/matrilinearen Zyklus wird von Divale auf eine Periode zwischen 1000 bis 2000 Jahre geschätzt.4.92 Zu ergänzen ist in diesem Zusammenhang aber, daß der Übergang von einer uxorilokalen und matrilinearen Gesellschaft durch äußere Einflüsse beschleunigt werden kann. Als Beispiel sind die nordamerikanischen Indianer zu nennen, die im folgenden Abschnitt behandelt werden.


next up previous contents
Next: 4.3 Die Konföderation der Up: 4.2 Veränderungen in der Previous: 4.2 Veränderungen in der
Isabella Andrej
1999-03-04