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4.1 Ursachen für die Aufgabe der bevorzugten Maritalresidenz

Die Veränderungen der postmaritalen Residenz haben Auswirkungen auf die Wirtschaft, Technologie, Erbschaft, politische Organisation und Religion, aber bevor sich diese vollziehen, verändern sich die strukturellen Beziehungen der miteinander verbundenen Individuen, ausgehend von fünf möglichen Residenzformen. Für den Ehemann bedeutet patrilokale, matrilokale, bilaterale, neolokale oder avunkulokale Residenz folgendes:

1.
patrilokale Residenz schließt ein, daß ein Mann lebenslang mit seinem Vater und seinen patrilinearen Verwandten im selben Dorf lebt und auf ihre soziale Unterstützung vertrauen kann;
2.
matrilokale Residenz4.18 verbindet ihn mit den matrilinearen Verwandten seiner Mutter vor der Heirat und danach mit denjenigen seiner Frau;
3.
bilaterale Residenz bringt ihn in Kontakt mit einer ausgewählten Gruppe von bilateralen und/oder affinalen Verwandten;
4.
neolokale Residenz isoliert ihn vor seiner Heirat von seiner Verwandtschaft und danach durch seine neu gegründete Familie;
5.
avunkulokale Residenz verbindet ihn physisch und sozial mit seinen männlichen matrilinearen Verwandten und ihren Familien.4.19
Die postmaritalen Residenzregeln legen fest, wer von den beiden Ehegatten entweder den Wohnort wechseln muß bzw. gründen beide gemeinsam einen von ihren Eltern unabhängigen Wohnort. So unterschiedlich die Lebensumstände für das einzelne Individuum in Bezug auf den Wohnort auch sein mögen, so bedeutet die Übernahme einer anderen Residenzregel als der bisherigen normalerweise eine neuerliche Wiederanpassung der gesamten Sozialstrukturen.4.20

Es kann davon ausgegangen werden, daß die Existenzbedingungen jeder Gesellschaft ständigen Veränderungen unterworfen sind; aber wodurch beschleunigt oder verlangsamt sich dieser Prozeß? Murdock nennt dazu folgende Gründe:

So unterschiedlich die kausalen Faktoren im Sozialwandel auch sein mögen, so stehen bei der Wahl der bevorzugten Residenz nur wenige Alternativen zur Verfügung. Meist treffen eine Reihe von - in direkter Beziehung zueinander stehende - Umständen zusammen, die zur Bevorzugung einer der fünf möglichen Residenzregeln führt. Es entsteht z.B. neolokale Residenz dort, wo durch einen bestimmten Einfluß eher isolierte, einzelne Individuen oder Kernfamilien mit bevorzugter Monogamie die Regel sind.4.21

Ein weiterer wesentlicher Faktor, der zur Veränderung der Residenzregel führen kann, ist - nach Murdock - im Zusammenhang von Überbevölkerung in Verbindung mit anderen Faktoren zu sehen, die wiederum Migration fördern, oder das ,,Pionierleben`` in einem bereits bewohnten neuen Territorium zur Folge haben. Aber auch die Ausweitung von Handelsbeziehungen und Industrie, sowie städtische Entwicklungen können zu Veränderungen in der Erbfolge führen, z.B. Primogenitur wird durch Teilung des Erbes auf eine bestimmte Anzahl von Erben ersetzt und kann dann ebenso zur bevorzugten Wahl der neolokalen Residenz beitragen. Es können sogar Veränderungen in der Architektur Auswirkungen auf die Residenzregel ausüben; z.B. führte das Verschwinden des Langhauses bei den irokesischen Stämmen gemeinsam mit anderen Faktoren zur Auflösung der Arbeitsgemeinschaft der Frauen.4.22

Kathleen Gough stellte in ihrer Hypothese einen Zusammenhang zwischen der Dominanz eines Geschlechts in der Subsistenzwirtschaft und der Wahl der postmaritalen Residenz fest, den aber William Tulio Divale anhand seiner statistischen Überprüfung nicht belegen konnte. Ebenso behauptet Lippert, daß matrilokale Residenz häufig in Verbindung mit der Dominanz der Frauen in der Subsistenzwirtschaft stehe. Dabei bezieht sich Lippert auf Lowie und folgert, daß beim Übergang zum beginnenden Bodenbau eher Frauen den größeren Anteil der Arbeit übernehmen, d.h. einfacher Bodenbau sei eher Frauenarbeit und deshalb entwickle sich bei ,,niederem`` Bodenbau eher matrilokale Residenz und matrilineare Deszendenz.4.23

Thurnwald geht in seiner Arbeit ,,Die menschliche Gesellschaft in ihren ethnosoziologischen Grundlagen`` davon aus, daß Jäger und Sammler bilateral organisiert sind, denn Söhne erben die Jagdgeräte ihrer Väter und Töchter erben diejenigen, die ihre Mütter zum Kochen und Nahrungsammeln verwenden; übernehmen aber Sammlerinnen eine Form des Bodenbaus, dann gewinnt die unilineare Vererbung an Bedeutung und dabei finde die Anerkennung von matrilinearer Deszendenz weite Verbreitung. Murdock findet, daß Thurnwald dies sehr klar auf den Punkt gebracht habe.4.24

Ein relativ hoher Status der Frauen, bzw. die Gleichstellung von Frauen und Männern beim Eigentum und anderen Rechten, führe zur Bevorzugung der bilokalen Residenz, welche wiederum uxorilokale Residenz einleiten kann. Die Abwesenheit von beweglichem Besitz wie Herden, Sklaven, und andere Prestigegüter sind dabei ein wesentlicher Faktor und fördere die relative ,,Friedfertigkeit``. Kriegführung verstärke die Bedeutung der Männer, die häufig mit Beute und Gefangenen zurückkehren und damit den Kauf von Ehefrauen ermöglichen. Eine weitere Vorbedingung ist der relativ niedrige Grad an politischer Integration, der nicht über die lokale Gemeinschaft hinausreicht, wie z.B. in Melanesien und bei den Pueblo-Indianern. Weitreichende politische Autorität bringt den ,,Besitzern``, welche dann fast überall Männer sind, mehr Macht, Eigentum und Prestige, was in der Folge zur Zurückdrängung des matrilokalen Prinzips führe.4.25

Die Besonderheit der Avunkulokalität soll hier im Zusammenhang von matrilinearen Systemen genauer dargestellt werden. Die avunkulokale Residenz entwickelt sich niemals aus neolokaler, bilokaler oder patrilokaler Residenz, sondern ersetzt ausschließlich uxorilokale Residenz. Sowohl bei patrilokaler Residenz als auch bei avunkulokaler Residenz leben die Männer mit ihren unilinearen männlichen Verwandten an einem Ort und ihre Frauen sind aus anderen Wohnorten zu ihnen übersiedelt und wurden von ihren Verwandten getrennt. Die Vorteile die sich bei patrilokaler Residenz für die Männer ergeben, sind: Polygynie, Anhäufung von Besitz durch Vererbung, politische Macht, kriegerisches Ansehen (durch Kriegsgefangene, Beutegüter) und diese Vorteile der Männer bestehen ebenso bei avunkulokaler Residenz. Der Grund, warum Avunkulokalität weniger häufig auftritt als Patrilokalität, dürfte sich - nach Murdock - durch den ungewöhnlichen Wohnortwechsel der Knaben und Jugendlichen bei oder vor der Heirat ergeben. Sie müssen den Wohnort ihrer Eltern verlassen und durch das Domizil des Bruders der Mutter ersetzen, dadurch wird der männliche Einfluß innerhalb einer matrilokalen Vereinbarung verstärkt. Bei den Haida Britisch Columbiens, den Longuda Nigerias und bei den Trobriandern Melanesiens ist diese Art des Wohnortwechsels üblich und müßte eigentlich im Laufe der Zeit zur patrilokalen Residenz führen. Der Ehemann bringt seine Ehefrau nicht zum Wohnort seiner Eltern, sondern zum Wohnort des mütterlichen Onkels des Vaters, wo das Paar nach der Heirat gemeinsam leben wird.4.26

Bei der Definition von Avunkulokalität treten immer wieder Unklarheiten auf, vor allem dadurch, daß nur vom ,,Mutterbruder`` gesprochen wird und daraus nicht hervorgeht welcher Mutterbruder gemeint ist. Frank Robert Vivelo definiert in seinem ,,Handbuch der Kulturanthropologie`` im Glossar die avunkolokale Residenz wie folgt:


11Avunkulokal bedeutet ,,Ort des Mutterbruders``; es bezieht sich auf eine Residenzform, bei der das Ehepaar als Einheit beim oder nahe dem Mutterbruder des Mannes lebt (aus diesem Grunde manchmal auch viriavunkulokale Residenz genannt). Es bezieht sich auch auf die in einigen Gesellschaften mit MATRILINEARER DESZENDENZ und VIRILOKALER RESIDENZ bei verheirateten Frauen vorkommende Praktik, nach welcher die Kinder einer Frau mit einem gewissen Alter ihren Geburtshaushalt verlassen und statt bei ihrer Mutter nunmehr bei ihrem Mutterbruder oder in dessen Nähe leben.4.27

Murdock nennt zwei Gesellschaften aus Afrika, die den Wechsel ihrer Sozialorganisation vor noch nicht allzu langer Zeit vollzogen haben. (1) Die Henga von Tanganyika, welche matrilinear und uxorilokal organisiert waren, übernahmen - fast gleichzeitig mit dem Eindringen der patrilinearen Ngoni - die patrilokale Residenz und patrilineare Deszendenz. (2) Ähnlich verlief der Übergang bei den Bena von Ubena, die zuerst die patrilokale Residenzregel übernahmen und danach veränderten sich ihre Matrisibs zu Patrisibs.4.28

Nach Murdock ist der Mechanismus des Übergangs von der matrilinearen zur patrilinearen Deszendenz kaum ausreichend erklärbar, außer in Bezug auf den fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Systemen. Anhand der Informationen über 224 Gesellschaften der Welt mit geschlechtlicher Arbeitsteilung versuchte Murdock die Ursachen für die mehrheitlich patrilineare Deszendenz zu erklären. Danach erfüllen Frauen bei mehr als 75 % der Gesellschaften folgende Tätigkeiten: Gartenbau, Getreideanbau, sammeln von Gemüse, Wurzeln, Wassertragen, vorbereiten und kochen von Fleisch, Fisch und vegetarischer Diät, herstellen und ausbessern der Bekleidung sowie von Matten und Körben, töpfern, weben. Diese Tätigkeiten werden vorwiegend im oder in der Nähe des Hauses erledigt. Deshalb hätten - so Murdock - die Frauen kaum ausreichende Kenntnisse ihrer nächsten Umgebung und schon gar nicht über das gesamte Jagdgebiet. Die Arbeiten der Männer hingegen sind bei mehr als 75 % der Gesellschaften vorwiegend Viehbetreuung (84 %), Fischfang (86 %), Holzfällen (92 %), Fallenstellen (95 %), Bergbau und Steinbruch (mining and quarrying) (95 %), Jagen (98 %) und das Erlegen von Meeressäugern (99 %). Diese Tätigkeiten - wie auch Kriegführung - entfernen die Männer von ihren Wohnorten und führen dazu, daß sie hervorragende Umwelt- und Orientierungskenntnisse hätten, die für ihr Leben entscheidend seien. Bereits im Kindesalter werden Knaben für ihre späteren Aufgaben vorbereitet: sie lernen die Umwelt besser kennen und eignen sich technische Kenntnisse an, die sie später im Erwachsenenalter in der gewohnten Umgebung nützen können.4.29 Mit anderen Worten, die Umweltkenntnisse der Männer seien ausschlaggebend für die Wahl der bevorzugten virilokalen Maritalresidenz.

Von 25 matrilinearen und uxorilokalen Gesellschaften aus dem Sample von Murdock übersiedeln nur in drei Fällen die Männer zum Wohnort der Ehefrau: (1) die Dobunas, aber auch hier verbringt der Ehemann die Hälfte seiner Zeit im eigenen Dorf und nur die andere Hälfte mit seiner Frau; (2) die Vedda Ceylons; und (3) die Yarouro Venezuelas. Auffällig ist dabei, daß die beiden erst genannten Gesellschaften Migranten sind. Murdock erklärt den Vorgang der Migration folgendermaßen: Eine Gemeinschaft besteht aus mehreren Patri-Klans, besonders günstige Bedingungen führen zu einem Bevölkerungsanstieg und dieser wiederum führe zur Migration eines Teils der Bevölkerung, um in einer anderen Region eine neue Ansiedlung zu Gründen. Die Gruppe, die das ursprüngliche Siedlungsgebiet verläßt, folgt den üblichen Segmentierungstendenzen zwischen Abstammungsgruppen und gründet ein oder mehrere neue Segmente, d.h. nach dieser Abspaltung bilden beide - der Klan im ursprünglichen Dorf und derjenige, der ein Tochterdorf gegründet hat - eine unabhängige Gemeinschaftsgruppe. Daraus läßt sich erklären, warum von den 72 Gesellschaften mit Patri-Klans 45 Klangemeinschaften bilden im Gegensatz zu 27 Gesellschaften, die Klanschranken aufweisen. Dieser Teilungsprozeß würde bei Matri-Klans (matrilinearen und matrilokalen) völlig anders verlaufen, denn hier wäre die kleinste Einheit ,,Zwei-Matri-Klans`` und der Teilungsprozeß könnte nicht wirklich funktionieren. Diese Gesellschaften lösten das Problem durch das Bilden von Matri-Moieties; hier migrieren 2 Sibs der Elterngemeinschaft und dabei folgen die matrilinearen Verwandten beider in die neue Region. Matri-Moieties sind wesentlich häufiger als Patri-Moieties: Von 69 Gesellschaften mit matrilinearer Deszendenz bilden 24 Matri-Moieties; von 124 patrilinearen Gesellschaften bilden hingegen nur 17 Patri-Moieties.4.30

Murdock nimmt an, daß es einen ganz bestimmten Mechanismus für den Übergang von einer matrilinear und matrilokal organisierten Gesellschaft zu einem patrilinear organisierten System gibt. Für den Übergang sind folgende Faktoren ausschlaggebend: Reichtum in Form von Sklaven, Rindern, Muschelgeld usw., diese werden begleitet durch die Idee des persönlichen Prestiges, das gleichzeitig die Voraussetzung für eine polygyne Ehe bildet. Die Polygynie in Verbindung mit persönlichen Besitz überzeugt andere Männer, daß ihre Töchter nach der Heirat zum Wohnort des Mannes übersiedeln, und als Zahlung für den Wohnortwechsel der Frau wird der Brautpreis eingeführt. In der Folge vererben Männer immer häufiger ihren Besitz an ihre eigenen Söhnen und nicht wie bisher, an die Söhne der Schwester. Den kleinen Veränderungen zu Beginn des Übergangs folgt Schritt für Schritt der Wandel von einer matrilokal/matrilinear organisierten Gesellschaft zur patrilokal/patrilinearen Gesellschaft. Der Bevölkerung selbst werden diese Veränderungen - ausgehend vom Wandel des postmaritalen Wohnortes - nur langsam bewußt bis letztendlich die patrilineare Deszendenz als allgemein gültige Regel der Gesellschaftsorganisation in Verbindung mit der Manifestation der patrilokalen Residenz vollzogen ist.4.31

Murdock überprüfte seine Hypothese der Evolution der Sozialorganisation anhand seines Samples von 250 Gesellschaften, die er in 11 Hauptgruppen von Sozialstrukturen einteilte, jede davon mit mehreren Untergruppen. Letztendlich wurden ungefähr 2500 Einzeldaten zusammengestellt, davon konnten kaum ein Dutzend nicht für seine Theorie verwendet werden. Teilweise gab es Unklarheiten in bezug auf die avunkulokale Residenz bei den Tlingit und ihren Nachbarn, den Eyak, die - wie es schien - der gleichen Residenzregel folgten. Murdock stellte fest, daß auch die Hypothese selbst grundsätzlich dynamisch ist und deshalb sollten auch später manche Teilkorrekturen erfolgen, die aber keine signifikanten Auswirkungen auf die Gesamthypothese haben würden.4.32


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Isabella Andrej
1999-03-04