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3.3.5.1 Die Adoption von Kriegsgefangenen

Mary Jemison3.155 schildert ihre eigene Adoption durch zwei Schwestern des Stammes der Seneca. Ein Bruder der beiden Schwestern wurde ein Jahr zuvor im Washingtoner Krieg getötet. Die Konsequenz seines Todes war, daß die beiden Schwestern zum Fort Pitt aufbrachen und versuchten, einen Gefangenen oder einen Feindskalp als Ersatz für den Verlust des Bruders zu erhalten. Sie entschieden sich für Mary Jemison, die als einzige ihrer Familie überlebt hatte, nachdem sie von Shwanee-Indianern und vier Franzosen überfallen und gefangen genommen worden war.3.156

In den Händen der Frauen lag die Wahl zwischen Adoption oder Tötung von Kriegsgefangenen wie Mary Jemison aus eigener Erfahrung erzählt.3.157 Gründe für die Adoption waren: der Ersatz für gefallene Krieger oder der Gefangene war alt, verwundet oder krank, dann behandelten sie ihn auf freundlichste Art. Wenn aber die mentalen Wunden des Verlustes frisch und sehr groß erschienen, dann gab es keine Tourtur, die nicht zu grausam gewesen wäre, um Genugtuung zu bekommen. Diese Ausnahmefälle der schlimmsten Art der Tötung von Kriegsgefangenen, wie Mrs. Jemison erzählt, führte dazu, daß die Indianer oft als ,,Barbaren`` bezeichnet wurden.3.158 Nach Anderson wurde jegliche Gewalt, die die Harmonie der Menschen störte, auf eine andere Person übertragen, die als Versöhnungsopfer galt, z.B. Kannibalismus oder Kriegsgefangene, die zuerst in Familien aufgenommen, später auf sadistische Weise umgebracht wurden.3.159

Mrs. Mary Jemison wurde 1758 im Alter von 15 Jahren, von Shawnee-Indianern entführt und im Ford Pitt den beiden Seneca-Schwestern übergeben. Sie brachten Mary Jemison in einem Kanu zu ihrem Dorf, wo sie zuerst neue traditionelle Kleider erhielt und erst dann in das Wigwam der Schwestern gebracht wurde. Die beiden Frauen setzten sie in die Mitte ihres Wigwams und riefen alle Frauen zusammen. Sie bildeten einen Kreis um Mary Jemison, die große Angst hatte und weinte. Eine Frau begann mit einer abwechselnd sprechend und singenden Stimme einige Worte zu rezitieren. Erst später erfuhr Mary Jemison, daß dies die Adoptionszeremonie für sie selbst war. Im Anschluß wird der Text dieser Zeremonie von Mrs. Jemison wiedergegeben:


11 Oh our brother! Alas! He is dead - he has gone; he will never return! Friendless he died on the field of the slain, where his bones are yet lying unburied! Oh, who will not mourn his sad fate? No tears dropped around him; oh, no! No tears of his sisters were there! He fell in his prime, when his arm was most needed to keep us from danger! Alas! he has gone! and left us in sorrow, his loss to bewail: Oh where is his spirit? His spirit went naked, and hungry it wanders, and thirsty and wounded it groans to return! Oh helpless and wretched, our brother has gone! No blanket nor food to nourish and warm him; nor candles to light him, nor weapons of war: - Oh, none of those comforts had he! But well we remember his deeds! - The deer he could take on the chase! The panther shrunk back at the sight of his strength! His enemies fell at his feet! He was brave and courageous in war! As the fawn he was harmless: his friedship was ardent: his temper was gentle: his pity was great! Oh! our friend, our companion is dead! Our brother, our brother, alas! he is gone! But why do we grieve for his loss? In the strength of a warrior, undaunted he left us, to fight by the side of the Chiefs! His war-whoop was shrill! His rifle will aimed laid his enemies low: his tomahawk drank of their blood: and his knife flayed their scalps while yet covered with gore! And why do we mourn? Though he fell on the field of the slain, with glory he fell, and his spirit went up to the land of his fathers in war! Then why do we mourn? With transports of joy they received him, and fed him, and clothed him, and welcomed him there! Oh friends, he is happy; then dry up your tears! His spirit has seen our distress, and sent us a helper whom with pleasure we greet. Dickewamis has come: then let us receive her with joy! She is handsome and pleasant! Oh! she is our sister, and gladly we welcome her here. In the place of our brother she stands in our tribe. With care we will guard her from trouble; and may she be happy till her spirt shall leave us.3.160  
Mrs. Jemison erhielt den Namen Dickewamis und wurde danach wie ein Kind behandelt, das lange als verschollen galt. Nach der Zeremonie war sie ein gleichberechtigtes Mitglied in ihrer neuen Familie und nahm das Verhalten und die Sitten der Seneca-Frauen an.

Über das Recht der Adoption schreibt Morgan, daß Kriegsgefangene entweder getötet oder durch Adoption zu einem neuen Mitglied einer Gens werden konnten: ,,Gefangene Weiber und Kinder wurden gewöhnlich auf diese Form begnadigt``. Durch die Adoption erhielt die adoptierte Person sowohl Gentilrechte als auch die Nationalität des Stammes. Sklaverei war unbekannt. - Dies führt Morgan darauf zurück, daß diese erst in der ,,Oberstufe der Barbarei`` entstehe und die Irokesen diese Stufe noch nicht erreicht hätten, sondern noch in der ,,Unterstufe der Barbarei`` stehen würden.3.161

Lewis Henry Morgan beschreibt seine eigene Adoption in die Falkengens der Seneca, jedoch zu diesem Zeitpunkt waren bereits viele Veränderungen vollzogen: die Seneca lebten in Reservaten und das Langhaus war verschwunden. Zum Vergleich der beiden sehr unterschiedlich geschilderten Zeremonien wird auch seine Version in der Übersetzung zitiert:


11 Nachdem das Volk im Rathause sich versammelt hatte, hielt einer der Häuptlinge eine Ansprache, worin er über die Person des zu Adoptierenden Angaben machte, den Grund seiner Adoption, den Namen und die Gens des Adoptierenden, sowie den dem Novizen gegebenen Namen mitteilte. Darauf nahmen diesen zwei Häuptlinge unter dem Arm und schritten mit ihm durch das Rathaus und wieder zurück, wobei sie den Adoptionsgesang sangen. Am Ende eines jeden Verses fiel die Versammlung ein und sang den Chor mit. Der Marsch wurde fortgesetzt, bis die Verse ausgesungen waren, es erforderte dies drei Rundgänge. Damit schloß die Zeremonie. Weiße werden mitunter aus Höflichkeit adoptiert. So wurde ich auf diese Weise vor einigen Jahren in die Falkengens der Senecas aufgenommen, wobei diese Zeremonie auch mir widerfuhr.3.162
In Verbindung mit der Adoption stand nach Morgan das ,,Spießrutenlaufen``. Nur derjenige, der durch Unerschrockenheit oder Begünstigung mit heiler Haut davon kam, hatte die Chance, adoptiert zu werden. Weiters weist Morgan darauf hin, daß der Adoptierte häufig den Platz eines Verstorbenen oder Getöteten einnahm, um Lücken in der Verwandtschaft aufzufüllen. Dadurch konnte eine Gens vor dem Aussterben gerettet werden, wie z.B. die ,,Falkengens`` der Seneca: im gegenseitigen Einverständnis wurde die Anzahl der Personen festgelegt, die von der ,,Wolfsgens`` in die ,,Falkengens`` in corpore durch Adoption aufgenommen werden konnten.3.163

Es hat den Anschein, als würden Mary Jemison und Lewis Henry Morgan völlig unterschiedliche Vorgänge beschreiben. In seiner Version sind die Frauen überhaupt nicht beteiligt und werden nicht einmal erwähnt. Er stellt seine Version so dar, als wäre sie Teil der Tradition des Seneca-Stammes, die seit langem geübt werde. Allein an diesem Beispiel wird deutlich, wie schwierig es ist, aus den vorhandenen Quellen eine der Realität nahekommende Version zu finden. Die Sichtweise von Mary Jemison war vor allem vom Standpunkt der Frauen aus gesehen besonders wichtig.


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Isabella Andrej
1999-03-04