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1.1 Ursachen für die Familialisierung

Im Bezug auf das Verhalten der Primaten kann gezeigt werden, daß jedes erwachsene Individuum selbst seine eigene Nahrung beschafft und die Mutter-Kind-Beziehung   am stärksten ausgeprägt ist. Beim Menschen ist das Teilen der Nahrung nicht ausschließlich über die Jagd erklärbar, sondern eher durch eine längere Abhängigkeit des Kleinkindes, so auch Sally Slocum (1975):


11cannot explain its own origin. It is much more logical to assume that as the period of infant dependency began to lengthen, the mothers would begin to increase the scope of their gathering to provide food for their still-dependent infants.1.2

Kathleen Gough (1975) schrieb in ihrem Artikel ,,The Origin of the Family``, daß als Ursprung der Familie die Zeit zwischen 2 Millionen Jahren und 100.000 Jahren angenommen werden kann. Entscheidend ist vor allem, daß die Familialisierung bereits vor der Entwicklung zum Homo sapiens begonnen hat. Die in der Literatur angeführten biologischen Kriterien des Homo sapiens sind: der aufrechte Gang, Hände zum Tragen und damit verbunden die Möglichkeit des Werkzeuggebrauchs, die Größe des Gehirns und die Sprachfähigkeit.

Zur Rekonstruktion des Familialisierungsprozesses gibt es grundsätzlich drei Ansätze: (1) Die Sozialorganisation der Primaten (also nicht: vormenschliche Ahnen, da von fossilen Hominiden wenig über ihr soziales Leben ausgesagt werden kann); (2) älteste Funde von einfachen Werkzeugen, Waffen und Behausungen des vormodernen Menschen (vormodern bezieht sich hier ausschließlich darauf, daß diese noch nicht zur Art des Homo sapiens gehören, wie z.B. der Homo erectus!); (3) das Familienleben von rezenten Jäger- und Sammlergesellschaften. Alle drei genannten Ansätze sind problematisch und lassen keine direkten Rückschlüsse auf die Entstehung der Familie zu.1.3

Beim Vergleich zwischen Homo sapiens und Primaten sind folgende Aspekte für unseren Zusammenhang relevant:

1.
Der Vergleich der Chromosomen: fast 99 % des genetischen Materials sind beim Menschen und Schimpansen ident. Uns interessiert also nur dieses eine Prozent, das für das ,,Menschsein`` entscheidend ist.1.4
2.
Die soziale Interaktion: Primaten und ihre ,,Beziehungskiste``; Beobachtungen ergaben, daß Primaten zwischen 80 % und 90 % der Zeit mit sich und ihrer Gruppe beschäftigt sind. Daher kann man davon ausgehen, daß das Sozialverhalten in der Evolution des Homo sapiens eine entscheidende Rolle gespielt hat. Primaten haben ein ,,Interesse`` an gegenseitiger kontinuierlicher Fellpflege mit den ,,Händen`` und Zähnen, Verteidigung und Schutz durch die Männchen und Weibchen ohne Nachkommen. Die Beschäftigung mit dem Anderen vertieft die sozialen Beziehungen untereinander. Die Nachwuchspflege ist vor allem Aufgabe der Weibchen, aber auch Männchen beteiligen sich daran. Es kann also von einer Art geschlechtlicher Arbeitsteilung bereits bei den Primaten gesprochen werden.
3.
Das Sexualverhalten: Die sexuellen Aktivitäten der Primaten sind bestimmt durch den Jahreszyklus. Die Gruppenzusammengehörigkeit bleibt aber bestehen. Die Männchen werden durch bestimmte Zeichen von den Weibchen sexuell angezogen. Sexualität wird von den Bonobo-Weibchen1.5 aber auch bewußt in den sozialen Beziehungen eingesetzt und führt insgesamt zu einer höheren Sozialisierung bei Primaten als bei allen anderen Säugetieren. Beim Menschen wird die sexuelle Bereitschaft mental und emotional bestimmt. Es sind vor allem kulturelle Regeln und individuelle Präferenzen für die Wahl des Sexualpartners ausschlaggebend.1.6

Sozialverhalten ist bei allen Säugetieren zu beobachten und steht in Verbindung mit den hilflos geborenen Jungen. Die meisten Primaten erreichen die Pubertät im Alter von vier bis fünf Jahren und ihre Geschlechtsreife mit 5 bis 10 Jahren.1.7 Lange Kindheit und mütterliche Pflege erzeugen eine enge Beziehung zwischen den Kindern derselben Mutter. Sie spielen gemeinsam und helfen bei der Kinderbetreuung, bis sie selbst die Geschlechtsreife erreichen. Das Sozialverhalten hat damit einen wichtigen Stellenwert bei der Entstehung der Familie.

Das Einsetzen von Sexualität als Praktik bei einigen Primatenarten haben positive und negative Auswirkungen auf ihre Gruppengemeinschaft. (1) Der positive Effekt: die sexuelle Anziehung zwischen Männchen und Weibchen als absolute Basis für Gesellschaft, besonders für ihre biologische Reproduktion; (2) der negative Effekt: der anti-soziale Aspekt von sexueller Anziehung durch die männliche Konkurrenz. Die Primatenhorde ist eine geschlossene soziale Gruppe, die ihr Territorium verteidigt.1.8



 
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Isabella Andrej
1999-03-04