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3.3.5 Kriegführung und Adoption

Die häufigen externalen Kriege veränderten sowohl die Sozialorganisation als auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der irokesischen Stämme. Eine ursprüngliche Migrationsbewegung der irokesisch-sprachigen Bevölkerung dürfte die Ursache für die Bildung der militärischen Konföderationen in Nordamerika gewesen sein. Um ihre Schlagkraft gegen ihre äußeren Feinde zu verstärken, verbanden sich benachbarte irokesische Stämme einzelner Dörfer, z.B. in der ,,Liga der sechs Nationen``. Ab dem 17. Jahrhundert gewann der Krieg noch größere Bedeutung. Die irokesischen Männer waren über 100 Jahre hindurch gefürchtete Krieger und ihre vielen militärischen Erfolge hielten das Gleichgewicht zwischen Franzosen und Engländern gegenüber den amerikanischen Söldnern bis zu irokesischen Niederlage im Jahr 1779 stabil.3.145

Nach Keith Otterbein sind die militärischen Erfolge der irokesischen Konföderation auf folgende Faktoren zurückzuführen: (1) Ihre strategische Position zwischen den westlichen Pelzlieferanten und den östlichen Märkten; (2) ihre höhere politische Organisation gegenüber ihren Nachbarn; (3) später durch den Zugang zu Gewehren und Munition durch den Handel mit Europäern; (4) ihre Kriegstaktik, die während der kritischen Zeit des 17. Jahrhunderts durch ihr militärisches Handeln vor allem durch drei Faktoren bestimmt war: (a) Waffen, (b) Panzerungen und (c) Beweglichkeit.3.146

Otterbein bezieht sich bei seiner Analyse auf die Studie von Tom Wintringham3.147 (1943), der die europäischen Kriegstaktiken von der Antike bis zur Moderne untersuchte. Dabei wurde von Wintringham festgehalten, daß die Entwicklung des europäischen Militärwesens durch abwechselnde Perioden von ungepanzerter Kriegführung, der Wechsel zu neuen Waffen, widerstandsfähigere Panzerung oder größere Beweglichkeit der Truppen charakterisiert werden kann. War eine kriegerische Partei durch ihre Waffen der anderen überlegen, so konnte die zweite Partei nur durch großere Beweglichkeit die waffentechnische Unterlegenheit kompensieren. Ähnliche Taktiken verfolgten auch die irokesischen Stämme zu unterschiedlichen Zeiten, um bei den kriegerischen Auseinandersetzungen die Feinde zu besiegen. George T. Hunt weist darauf hin, daß sie bei den Feuerwaffen ihren Gegnern kaum überlegen waren.3.148 Ebenso heißt es bei George Snyderman, daß


11...in the formation of the war party, so in the war journey and encounter, the practices of the Iroquois were virtually identical with those of their neighbors.3.149
Aber dennoch war die irokesische Konföderation zu bestimmten Zeiten ihren Feinden überlegen wie eine Analyse der Mohawk (eine östliche Irokesennation) anhand der Quellenlage des 17. Jahrhunderts darüber Aufschluß gibt. Die Ausstattung der Krieger der Mohawks und ihrer Feinde im Jahr 1609 bestand aus dem Körperpanzer, Schild, Bogen und Pfeile. Während eines Kampfes standen sich die gegnerischen Parteien in zwei Linien gegenüber und beschossen sich mit Pfeilen. Diese ausgeglichene Kampftaktik änderte sich, als Champlain den Algonquins 1609 ,,matchlock`` Feuerwaffen verkaufte, damit waren die irokesischen Krieger technisch im Nachteil und ihre Feinde über 20 Jahre im Vorteil.3.150 Die Mohawk-Krieger lösten das Problem ihrer technischen Unterlegenheit durch List: kleine Gruppen von Kriegern lockten die Algonquins in Hinterhalte, wo sie leicht überrumpelt werden konnten.3.151 Das Allegheny Plateau und die Adirondack Berge im nördlichen Bereich des heutigen Bundesstaates New York waren für Hinterhalte hervorragend geeignet und durch überfallsartige Angriffe mit anschließendem Kampf Krieger gegen Krieger (hand-to-hand combat) war es den Algonquins unmöglich, die Feuerwaffen einzusetzen. Bei diesen Attacken trugen die Mohawk-Krieger keine Schilder oder Körperpanzer, die ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt hätten, sondern Speere und Kriegskeulen ersetzten Bogen und Pfeile.3.152

Erst ab 1641 erhielten die irokesischen Krieger von den Holländern eine begrenzte Anzahl von Musketen, die einen wesentlich besseren Feuermechanismus besaßen als die alten ,,matchlocks``. Während der Huronen-Kriege blieb aber die effektivste Waffe der Krieger der irokesischen Konföderation das Überfallen der Feinde in Hinterhalten. Der Handel mit Fellen war die Grundlage für den Kauf der Feuerwaffen, deshalb waren Überfälle auf Pelzhändler üblich. Durch den häufigeren Gebrauch von Feuerwaffen verschwand der Körperpanzer der Krieger und Angriffe erfolgten nicht mehr durch Gegenüberstellung der Feinde in Kampflinien. Ab 1666 trugen die irokesischen Krieger meist nur mehr einen Lendenschurz und Mokassins während der Kämpfe, um noch größere Bewegungsfreiheit zu erreichen. Kurz vor dem Ende des 17. Jahrhunderts hatte sich die Kampftaktik so weit verändert, daß sie nicht einmal mehr ihre Tomahawks und Keulen verwendeten. Ihre Feinde kämpften weiterhin mit Keulen, die ihnen zumindest Vorteile beim Kampf am offenen Land brachten. Die Krieger der irokesischen Könföderation schickten zahlreiche und stärkere Truppen ins Feld als ihre Nachbarn, besaßen bessere Waffen und hatten ausreichende Vorräte an Nahrung, während die Montagnais noch von der Jagd abhängig waren und die Algonquingruppen nur beschränkt Bodenbau betrieben.3.153

Die wesentlichsten Vorteile der irokesischen Krieger waren zusammenfassend folgende: die Möglichkeit der Vergrößerung des Heeres durch Adoption von Kriegsgefangenen (nach Schätzungen von Snyderman (1948) dürften im 17. Jahrhundert ca. 2000 Krieger durch Adoption ersetzt worden sein); und der irokesischen Taktik, die sich von ihren Feinden durch drei Punkte unterschied: In der ersten Periode, den frühen 1630er Jahren, als die Mohawk Panzer verwendeten und Schockwaffen, verbunden mit unberechenbaren überfallsartigen Angriffen (Guerilla-Kriegführung). In der zweiten Periode, den 1640er Jahren, besaßen sie ausgezeichnete Waffen, die aber nur wenige Jahre ihre Überlegenheit sicherten. Danach übten sie eine defensive Kriegstaktik und ihre Hauptangriffsziele waren die Kanus der Huronen-Händler. In der dritten Periode, die in den 1660er Jahren begann, besaß fast jeder irokesische Krieger eine Muskete und die Kriegstaktik paßte sich an die neuen Waffen an. Es scheint, daß die irokesischen Krieger häufig den Feinden an Taktik und Technik überlegen waren. Die Analyse der Kriegstaktik der Irokesen von Otterbein - wie er selbst zugibt - ist ausschließlich von der westlichen Militärgeschichte geprägt.3.154



 
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Isabella Andrej
1999-03-04