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3.3.4 Politische Organisation und Rechte der Frauen

Das Friedensamt war innerhalb der Matrilineage erblich und lag in der Hand des Sachem, also eines Mannes. Der große Rat der irokesischen Föderation bestand aus 50 Sachems, die ständige Mitglieder waren. Jeder Stamm der Irokesen-Konföderation bestand aus mehreren matrilinearen Klans (ohwachiras) und innerhalb jedes einzelnen wurde ein Sachem von den Frauen in den großen Rat als Vertretung gewählt: die Onondaga hatten 14, die Seneca 8, die Mohawk/Oneida 9, die Cayuga 10 Sachems. Der große Rat der Liga berät über Krieg und Frieden und entscheidet bei Streitigkeiten zwischen den Stämmen. Es gab zahlreiche Ämter, aber keine unmittelbare Herrschaft, sondern viele gemeinsame Beratungen zur Problemlösung und Vorschläge für Entscheidungen. Nach Uwe Wesel ist damit der Beweis erbracht, daß es auch bei den irokesischen Stämmen niemals irgendeine Form des Matriarchats gegeben hat; sondern eine Form von Matrifokalität, bei der die Selbstbestimmung der Männer erhalten blieb. Es könne nicht einmal von einer Gleichberechtigung der Irokesenfrau gesprochen werden: denn weder die Frauen besaßen die gleichen Rechte wie die Männer, noch hatten die Männer die gleichen Rechte wie die Frauen, sondern jedes Geschlecht hatte in getrennten Bereichen der Gesellschaft ,,seine`` Rechte.3.134

Für Morgan war, wie er in ,,The League of the Iroquois`` (1851) schreibt, die politische Macht der Irokesenfrau nicht feststellbar. Es blieb für ihn unklar, ob sie ein Stimmrecht im Rat hatte oder nicht. In seinen späteren Arbeiten bezieht sich Morgan auf einen Brief des Reverent Ashur Wright, der 40 Jahre als Missionar bei den Irokesen gelebt hatte. Reverent Wright schrieb, daß die Frauen nicht zögerten, wenn es die Situation forderte, ,,die Hörner herunterzunehmen``, d.h. den Sachem abzusetzen.3.135 Morgan nahm an, daß es zwischen den Geschlechtern keine Gleichberechtigung gab (,,absence of equality between the sexes``), sondern die Frauen waren den Männern untergeordnet: sie aßen nach den Männern, die Kriegführer (tribal chiefs) und die Oberhäupter der matrilinearen Lineages (sachems) waren ebenfalls Männer. Die Frauen hatten zwar bei den Beschlüssen innerhalb der Langhäuser die wichtigsten Entscheidungsbefugnisse, wie auch im Bereich der matrilokalen erweiterten Familie (matrilocal extended family), aber bei Entscheidungen des Rates hatten sie keinen Einfluß.3.136

George Peter Murdock hat erkannt, daß es gravierende Unterschiede zwischen den Geschlechtern gab und schreibt 1934 über die Irokesen folgendes:


11 The women work long and hard, and associate very little with the men. A menstruating woman is considered unclean and dangerous. She must not engage in agricultural operations, or come in contact with food and medicines, or touch the implements belonging to the men. Facts like these led one early observe to call the Iroquois woman ,,the inferior, the dependent, and the servant of man.`` Nothing could be farther from the truth. A husband has no authority over his wife. One woman, urged by her spouse to do something against her will, replied: ,,I am my own mistress, I do what I choose; and do thou what thou choosest.`` The wife enjoys strictly independent property rights. She alone exercises authority over the children. She is the mistress of the apartment in the long house occupied by the family. The husband always goes to live with his wife, and he is present in the home only on sufferance. ,,No matter how many children, or whatever goods he might have in the house, he might at any time be ordered to pick up his blanket and budge; and after such orders it would not be healthful for him to disobey.`` When he leaves, he can take nothing with him except his clothing, weapons, and pipe, for the house and all its utensils and furniture, stores of food, and land belong exclusively to the women. From these and other social, political, and religious rights, the native women may be said to enjoy a status at least equal, if not superior, to that of the men. Indeed, of all the peoples of the earth, the Iroquois approach most closely to that hypothetical form of society known as the ,,matriarchate``.3.137

Lange Zeit war das Fehlen von Besitz und Eigentum im europäischen Denken kaum vorstellbar, ebenso das Fehlen von politischen Machtstrukturen. Wilhelm Schmidt zitiert z.B. in diesem Zusammenhang J.N.B Hewitt, der die Darstellungen von Morgan über das Besitzrecht der Frau an Grund und Boden in den wesentlichen Punkten bestätigt:


11Stück Land, das von einer owacira für den Pflanzenbau gehalten wurde, und auf dem Feuerholz, Beeren, Nüsse, Wurzeln, Rinde, Medizinen und Gifte gesammelt wurden, gehörte ausschließlich den Frauen ,,der owacira.3.138

J.A. Noon übernahm die Darstellungen von W.E. Conney und schreibt, daß während der Reservations-Periode, als die Indianer von den Weißen aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen entfernt und in den Reservationen angesiedelt wurden, die Verwandtschaftsgruppen einer radikalen Verwandlung unterlagen: in der Familienorganisation setzte sich die Tendenz zur patrilinearen Organisation durch und die Großfamilie wurde durch die Individualfamilie ersetzt.3.139

Nur an einer einzigen Stelle werden die Besitzrechte der Frauen angesprochen: Colonel Proctor i.J. berichtet 1791, daß bei den Verhandlungen um Land auch Frauen beteiligt waren und die Stimme einer Frau, die sehr energisch die Sache der Frauen vertreten hatte, blieb erhalten:


11müßtet hören und achten auf das, was wir Frauen sprechen werden, gerade so gut als auf das, was die Häuptlinge sprechen; denn wir sind die Eigentümer des Landes, und es ist unser. Denn da sprechen wir von Dingen, die uns angehen und unsere Kinder, und ihr dürft nicht gering von uns denken, wenn unsere Männer mehr zu euch sprechen, denn wir haben es ihnen eingesagt.3.140

Gerade die politischen Strukturen sind ein Schwachpunkt in der Literatur. Immer wieder wird darauf hingewiesen, daß egalitäre Gesellschaften zwar Beschlüsse gemeinsam fassen, niemand zu etwas gezwungen werden kann, aber dann folgen fast immer die Machtverhältnisse. Weder Judith Brown noch Karen Anderson konnten sich davon lösen. Ebensowenig wie Männer ,,Macht`` über die Frauen ausübten, konnten auch Matronen Entscheidungen nicht ohne Zustimmung der übrigen Frauen treffen - wie es eben in einer egalitären Gesellschaft sein muß, sonst wäre sie nicht egalitär.3.141

Nach Judith Brown hatte die Matrone das Monopol über die Nahrungsmittel und die Vorräte, sowie deren Verteilung. Damit konnte sie indirekt Kriegführung oder Friedensschluß beeinflussen. Denn die Krieger waren von den Nahrungsmitteln abhängig: weigerte sich die Matrone ihnen Vorräte an Nahrungsmitteln - aber auch z.B. Mokassins, die die Frauen herstellten - auszuhändigen, so konnten die Männer keine Kriege beginnen, oder mußten sie beenden, wenn die Vorräte zu Ende gingen. Die ökonomischen Realitäten waren institutionalisiert durch die ,,Macht`` der Matrone, dadurch hatten sie auch Einfluß auf Entscheidungen des Rates der Ältesten.3.142

Anderson schreibt zwar, daß die einzelnen Stämme egalitär organisiert seien, aber im Anschluß daran spricht sie von der Machtverteilung zwischen Männern und Frauen, die sie als eine Reihe von geschlechtsspezifischen ,,Verortungen`` bezeichnet, die auf einem komplizierten Verwandtschaftssystem beruhen, das in Beziehung zu den gesellschaftlichen Bräuchen gestanden habe.

Bis heute ist die Vorstellung einer egalitären Gesellschaft schwer vorstellbar geblieben. Gerade Anderson hat in ihrem Aufsatz darauf hingewiesen, daß sie einen neuen Ansatz wählte, um sich endlich vom evolutionistischen Denken zu lösen. Leider ist es ihr gerade an entscheidenden Stellen nicht gelungen: denn Machtausübung3.143 eines einzelnen kann es innerhalb einer egalitären Gesellschaft nicht geben; weder zwischen Männern, noch zwischen Frauen, sondern es gibt Beratungen zur Konsensfindung und Verpflichtungen, die auf Gegenseitigkeit beruhen.

Der Stammesrat war das wichtigste politische Organ und die Vorsteherin des Langhauses war an der Wahl des Sippenoberhauptes, des Sachem beteiligt. Für die Absetzung eines Sachems waren folgende Schritte notwendig: zuerst ermahnte eine Matrone der ohwachira ihn persönlich, er solle sich bessern; bei Nichtbeachtung sucht sie ihren Bruder oder ältesten Sohn auf, der als Vertreter des männlichen Teils der ohwachira mit ihr gemeinsam eine zweite Warnung aussprach; blieb diese wieder erfolglos, dann geht die Matrone zum Kriegshäuptling der ohwachira und schildert das Problem. Danach brechen alle drei gemeinsam (Matrone, Bruder, Kriegshäuptling) zum Sachem auf und teilen ihm mit, daß er an einem bestimmten Tag vor dem Stammesrat zu erscheinen habe. Dort wird er vom Kriegshäuptling kategorisch gefragt, ob er dem Willen seiner ohwachira nachkommen wolle oder nicht. Wenn nicht, wird er sofort abgesetzt und das Abzeichen seiner Würde wird der Matrone übergeben.3.144


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Isabella Andrej
1999-03-04