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3.3.1 Sozialorganisation

Nach Judith Brown ist vor allem die Trennung der Geschlechter bei der wirtschaftlichen Organisation für die hohe Stellung der Frauen verantwortlich, der besondere Vorteile für die Mädchen mit sich brachte. Die Männer waren häufig abwesend, entweder auf der Jagd oder in kriegerische Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen verwickelt. Zwischen den Geschlechtern gab es wenig Solidarität, dafür waren die Frauen wie die Männer als Kollektiv mehrheitlich zusammen. Die lange Abwesenheit der Männer (manchmal Jahre) stärkte sowohl die Solidarität zwischen den Männern als auch zwischen den Frauen.3.109

Bei allen irokesisch-sprachigen Völkern Nordamerikas kann der Status von Frauen bzw. Männern am ehesten durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung erklärt werden. Dadurch wurden zunächst Männer und Frauen von einander getrennt, gleichzeitig waren sie durch ihre Verwandtschaftsstrukturen in wirtschaftlichen, politischen und sozialen Einheiten verbunden. Die Gesellschaftsform war egalitär organisiert, d.h. es gab keine Befehlsgewalt. Die verwandtschaftlichen Beziehungen bestimmten die Produktionsverhältnisse, die jeder Person ergänzende Pflichten und Rechte zuordnete. Anderson zeigt am Beispiel der Wendat/Huronen-Konföderation, daß jede einzelne Person auf sechs Ebenen in die Gesellschaft eingebettet war: (1) die Kernfamilie; (2) das Langhaus, eine erweiterte matrilineare, uxorilokale Einheit; (3) der matrilineare Klan; (4) das Dorf; (5) der Stamm; (6) die Konföderation.3.110

(1) Die Kernfamilie: Keines der beiden Geschlechter wurde als stärker, rationaler oder moralischer veranlagt angesehen; vielleicht waren die Frauen etwas höher angesehen, denn sie gebaren und ,,bevölkerten das Land``, wie Anderson über die Frauen innerhalb der Konföderation der Wendat schreibt.3.111 Durch die uxorilokale Residenz und die häufige Abwesenheit der Männer wurde die Solidarität unter den Frauen gestärkt: die enge Beziehung zur Mutter und zu den Schwestern war stärker als die zum Ehemann.

Heirat, Scheidung, Adoption, Geburt und Tod waren wichtige Einschnitte im Leben des Einzelnen, denn sie führten zu Veränderung in den Verwandtschaftsbeziehungen. Die Heiratsallianzen begründeten zwei wichtige wirtschaftliche Beziehungen: die Verbindung zwischen zwei Klanen und ihren Langhäusern. Die Klanführer hatten kaum Einfluß bei der Partnerwahl ihrer weiblichen Verwandten. Die einzige - unbedingt einzuhaltende - Regel bei der Wahl des Sexual- oder Ehepartners war die Klanexogamie. Die Mütter organisierten die Ehen, die Kinder erhielten den Namen der Frau und die Vorräte wurde von den Frauen verwaltet. Marianne Weber bemerkt in diesem Zammenhang, daß man von einer ,,Ehe`` nach Mutterrecht sprechen könne, denn Ehestiftung war ausschließlich Sache der Frauen. Die Ehe war rechtlich von beiden Seiten jederzeit löslich, aber die Sippe mißbilligte willkürliche Scheidungen.3.112 Polygynie wurde bei den Seneca toleriert, wie Mrs. Mary Jemison erzählt, denn ihr Sohn John hatte zwei Ehefrauen.3.113 In Scheidungsfragen waren beide Ehepartner persönlich autonom, obwohl der elterliche Rat vorhanden war und die Annahme gewünscht wurde. Niemand konnte zur Heirat gezwungen werden, denn sie wurde gesellschaftlich nur anerkannt, wenn beide Ehepartner freiwillig zugestimmt hatten. Die Voraussetzung für das relativ unkomplizierte Wechseln des Ehepartners beruhte auf der stabilen wirtschaftlichen und politischen Grundlage des Langhauses. Niemand mußte in einer Ehe leben, genausogut konnte die Frau oder der Mann ohne Partner bleiben, da sie keine Belastung für das Langhaus darstellten. Die Geburt eines Kindes gewährleistete den Fortbestand des Klans, aber die Männer identifizierten sich eher mit den Kindern ihrer Schwester, als mit ihren eigenen. Weiters war die Geburt von Kindern zur wirtschaftlichen Absicherung nicht zwingend, da es genügend weibliche oder adoptierte Verwandte gab, die die Existenz sicherten.3.114 Mrs. Jemison schildert uns die Geburt ihres ersten Kindes, das zwei Tage lebte und danach starb - es war ein Mädchen. Aus ihrer Erzählung geht nicht hervor, ob es sich dabei um eine Form der Geburtenkontrolle handelte oder nicht. Ihr zweites Kind war ein Sohn, dieser überlebte und erhielt den Namen ihres Vaters, Thomas Jemison.3.115

Von den Jesuiten wurde versucht, die christliche unauflösliche Ehe einzuführen: dies hätte bedeutet, daß die bestehende Familienstruktur - der egalitäre Status von Mann und Frau - aufgebrochen und die Autorität der Frauen im Langhaus gefährdet worden wäre. Deshalb waren vor allem die Frauen vehemente Gegnerinnen der Institutionalisierung der christlichen Ehe.3.116

(2) Das Langhaus war die wichtigste Einheit, die sich aus den weiblichen Nachkommen der ersten, zweiten und dritten Generation einer gemeinsamen ,,Ahnfrau`` und deren angeheirateten Gatten, sowie den meist unverheirateten Söhnen zusammensetzte. In Ausnahmefällen lebten auch einige verheiratete Brüder - wenn diese Klanführer waren - mit ihren angeheirateten Frauen im selben Langhaus ihrer Mutter und Schwestern. Das Langhaus konnte eine Länge bis zu 50 m erreichen und bestand aus mehreren Kammern, die links und rechts des Mittelganges angeordnet waren. Die Anzahl der Kammern war abhängig von der Anzahl der Kernfamilien, die sich über ihre matrilineare Abstammung verbunden fühlten. Im Normalfall bestand ein Langhaus aus zwei bis sechs Kernfamilien, davon besaß jede eine gemeinsame Feuerstelle im Mittelgang. In größeren Langhäusern wohnten bis zu 100 Menschen zusammen. Mit der Übersiedlung in die Reservate verschwanden um 1800 auch die Langhäuser.3.117

(3) Der matrilineare Klan: Weitere Bezeichnungen sind sowohl ,,matrilineare Lineage``, matrilineare Abstammungsgruppe, als auch nach Morgan die ,,irokesische Gens``; oder die ohwachira, wie sie von den Betroffen selbst bezeichnet wurde. Die Vorsteherin der ohwachira war meist eine ältere Frau, die in der ethnologischen Literatur als ,,Matrone`` bezeichnet wird. Sie war die Sprecherin der ohwachira und verkörperte nach außen die höchste Autorität des Langhauses. Sie koordinierte das wirtschaftliche und soziale Leben. Obwohl die Quellen nichts über die Einsetzung der ,,Matrone`` berichten, wird vermutet, daß sie von den Frauen gewählt wurde.3.118

(4) Das Dorf: Bis zur Zerschlagung der Konföderation der Wendat lebten diese in 18 bis 25 Dörfern von jeweils 300 bis 1.600 Menschen. Jedes Dorf bestand aus einer Ansammlung von Langhäusern, die manchmal von Palisaden umgeben waren. Die Dörfer waren durch dazwischenliegendes Agrarland und Wälder getrennt. Sie wählten den Ort ihres Dorfes nach den bestmöglichen natürlichen Verteidigungsverhältnissen aus, meist in der Nähe von Wasserläufen, die als Transportwege für ihre Kanus dienten, oder in der Nähe von sandigem, gut entwässertem Boden, der für den Maisanbau besonders gut geeignet war.3.119

(5) Der Stamm: Die Stämme bildeten bereits ab dem 16. Jahrhundert - vor Ankunft der Europäer - Allianzen zur gemeinsamen Verteidigung, denn Kriegführung (wie wir später noch sehen werden ,,externale`` Kriegführung, nicht Stämme gegen Stämme, sondern Konföderation gegen Konföderation) nahm, trotz aller Gemeinsamkeiten (Sprache, matrilineare Deszendenz, uxoriloklae Residenz, Langhäuser, etc.), eine wichtige Stellung ein. Das Siedlungsgebiet zu Beginn des 17. Jahrhunderts der vielen nordamerikanischen Gruppen, die in Konföderationen organisiert waren, befindet sich im Norden des heutigen Bundesstaates New York (USA) und im Gebiet Ontarios (Kanada).

(6) Die Konföderation: Die beiden Konföderationen setzten sich aus mehreren Stämmen zusammen:

1.
Die vier Stämme der Konföderation der Wendat/Huronen: (1) Attignawantan, (2) Arendarhonon, (3) Attigneenongnahac, (4) Tahontaenrat; eine weitere Gruppe (5), die von den Jesuiten Ataronchronon genannt wurden, dürften höchstwahrscheinlich eine Untergruppe der Attignawantan gewesen sein.3.120 Die Konföderation der Wendat hatte die ersten Kontake mit den Franzosen um 1609; damals dürften ungefähr zwischen 18.000 bis 21.000 Menschen die Konföderation gebildet haben. Die von den Europäern eingeschleppten Epidemien dezimierten die Bevölkerung um 1630 auf etwa 9.000 Menschen.3.121 Die Konföderation der Wendat wurde 1648/49 von ihren Erzfeinden, den Kriegern der Konföderation der Irokesen vernichtend geschlagen. Der Name ,,Huronen`` wurde nach Berichten des Jesuitenpaters Lalement zufolge als Spitzname von den französischen Entdeckern, Soldaten, Missionaren, Seeleuten und Händlern für die irokesisch-sprachigen Indianer, die an der Küste der Georgian Bay Ontarios siedelten, verwendet. - Diese seien von der Ähnlichkeit des Haarschnitts mancher Huronenmänner mit dem Fell auf dem Kopf eines wilden Ebers dazu angeregt worden.3.122 Trigger (1976) nimmt an, daß Hurone ein Slangwort war, in der Bedeutung von ,,Rüpel`` oder ,,Bauer``. Die Bezeichnung Hurone ist jedenfalls erstmals bei Champlain im Juli 1623 schriftlich belegt.3.123 Die von den Indianern gebräuchliche Bezeichnung Wendat gilt für alle Stämme der gemeinsamen Konföderation der vier Stämme und entspricht dem irokesischen Ho-Do'No-Sau-Na-Volk des Langhauses. Wendat bedeutet möglicherweise ,,die eine Insel`` oder ,,ein Land für sich``.3.124
2.
Die sechs Stämme der Konföderation der Ho-Do'No-Sau-Na/Irokesen: (1) Mohawk, (2) Oneida, (3) Onondaga, (4) Cayuga, (5) Seneca bildeten im 16. Jahrhundert eine militärische Konföderation, der sich die (6) Tuscarova im 18. Jahrhundert angeschlossen haben. Insgesamt dürften ungefähr 15.000 Menschen in einem riesigen Gebiet (zehn Mal die Größe der BRD, ohne der ehemaligen DDR) gelebt haben. Ho-Do'No-Sau-Na bezog sich auf alle fünf ,,Nationen``, die sich zur gemeinsamen Konföderation zählten. Die Konföderation oder die ,,Liga`` der irokesischen Stämme hatte im Unabhängigkeitskrieg auf der Seite der Engländer gegen die Amerikaner gekämpft und wurde 1779 besiegt. Die Folge der Niederlage war die Umsiedlung in Reservate, dadurch veränderten sich ihre gesamten Lebensbedingungen: das Langhaus verschwand und damit die alte Ordnung, die Trennung in Männer- und Frauenwelt.3.125


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Isabella Andrej
1999-03-04