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3.3.0.1 Gegenüberstellung der beschreibenden Quellen

In den beschreibenden Quellen von außenstehenden Personen werden vor allem für sie als ,,merkwürdig`` empfundene Verhaltensweisen beschrieben, wie die beiden nachfolgenden Zitate zeigen: (1) Der Händler und Abenteurer Samuel de Champlain3.100 und (2) Beobachtungen des Laienbruders Gabriel Sagard3.101 der von 1616 bis 1620 unter den Huronen lebte:

(1) Bei diesen Stämmen finden sich starke Frauen außergewöhnlicher Statur; denn sie bestellen den Boden, säen den Mais, bringen Holz für den Winter ein, hecheln und spinnen Hanf, fertigen aus dem Garn Netze für den Fischfang und erledigen andere notwendige Dinge; ihre Arbeit ist es auch, den Mais zu ernten, zu entkörnen, zu kochen und das Haus in Ordnung zu halten, außerdem müssen sie ihren Gatten von Ort zu Ort nachziehen; auf den Feldern dienen sie als Packesel und schleppen die Lasten neben Tausenden anderer Pflichten und Dienstleistungen, die den Frauen obliegen und die sie erfüllen müssen. Was die Männer betrifft, so tun sie nichts anderes, als Hirsche und andere Tiere zu jagen, Fische zu fangen, Häuser zu bauen und auf den Kriegspfad zu gehen.   (2) [Die] Beschäftigungen der Wilden sind Fischfang, Jagd und Krieg, Handel, die Herstellung von Unterkünften und Kanus oder die Fertigung des dafür benötigten Werkzeugs. Die restliche Zeit verbringen sie mit Müßiggang, Glücksspielen, Schlafen, Singen, Tanzen, Rauchen oder dem Feiern von Festen; wenn die Not es nicht gebietet, sträuben sie sich, irgendeine andere Arbeit zu verrichten, die zu den Pflichten der Frauen zählt.

Die vorhandenen Quellen über die nordamerikanischen Stämme wurden im 18. und 19. Jahrhundert von den anglo-amerikanischen Verhältnissen stark beeinflußt und dadurch kamen weitere Fehlinterpretationen zustande. Bereits im 18. Jahrhundert waren die sechs irokesischen Stämme (häufig werden sie heute auch ,,nations`` genannt) gravierenden Veränderungen in ihrem sozialen, gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen, kulturellen und religiösen Leben unterworfen. Sowohl die ökonomische Organisation als auch der Status der Frauen hatte sich bereits stark verändert.3.102

Ein zentrales Thema für Morgan war die Gentilgesellschaft: der Ursprung der Gens sei nicht mehr rekonstruierbar und die Entstehung völlig unbekannt und für immer verloren. Die Gentilgesellschaft sei danach die älteste und am weitesten verbreitete Institution der Menschheit und wird bei Morgan als universelle Organisation der antiken, der asiatischen, europäischen, amerikanischen und australischen Gesellschaft angesehen und begründe sich ausschließlich auf persönliche Beziehungen. Morgan glaubte, in Analogie zur griechischen Gens, Phratrie, Stamm und zur römischen Gens, Kurie, Stamm eine ähnliche Organisation bei den amerikanischen ,,Ureinwohnern`` gefunden zu haben.3.103

Danach hätte sich die Gens unaufhörlich weiterentwickelt, ausgehend vom (1) Wechsel der Abstammung: von der weiblichen (archaischen, z.B. bei den Irokesen) zur männlichen Abstammung (bei den Griechen und den Römern). (2) Wechsel der Vererbung von Eigentum: während der archaischen Periode wechselte das Eigentum nach dem Ableben eines Mitglieds der Gens auf die Gentilverwandten, zuerst auf die agnatische Verwandtschaft und am Ende auf die Kinder. Weiters merkt Morgan an, daß in der amerikanischen Ethnographie der Stamm und der Klan im Sinne der Gens verwendet werde; d.h. der amerikanische Klan entspricht der Gens der Griechen und Römer und sei nach Struktur und Funktion gleich organisiert. Die Regierungsform der amerikanischen Ureinwohner von der Gens zur Konföderation unterteilt Morgan in vier Gruppen: (1) die Gens: besteht aus Blutsverwandten mit gemeinsamen Gentilnamen; (2) die Phratrie: eine größere Verbindung, entsteht durch den Zusammenschluß mehrer Gentes für gemeinsame Unternehmungen; (3) der Stamm: alle Mitglieder, die den gleichen Dialekt sprechen; (4) die Konföderation von Stämmen: sprechen Dialekte der gleichen Sprachfamilie.3.104

Marianne Weber bezieht sich - wie viele andere - auf Morgan und schreibt:


11Morgans eingehende, auf langjährigem Aufenthalt beruhende Studien, sind wir am besten über die soziale Verfassung und die Sitten der Irokesen unterrichtet. Ihre großen aus 10 - 12 Einzelfamilien bestehenden Hausgemeinschaften, oder - was auch und häufiger vorkommt - ihre aus einzelnen Haushaltungen bestehenden Dörfer schließen sich zu territorial gesonderten Stämmen und diese wiederum zum Irokesenbunde zusammen. Den Dörfern wird vom Stamm der Grund und Boden garantiert, den die Hausgemeinschaften oder Einzelfamilien zur dauernden Nutzung erhalten. Quer durchschnitten werden, wie bei den Jägervölkern, Stamm, Dorf, Hausgemeinschaft, Einzelfamilie von den mutterrechtlich organisierten Geschlechts- und Totemverbänden. Jedes Kind gehört zum Geschlecht und zum Totem der Mutter. Da aber in der Regel hier ebenso wie bei andren Indianern die Frau dem Mann in seine Hausgemeinschaft folgt, so sind auch hier innerhalb desselben Hauses Angehörige verschiedener Totems vereint. Mit Ausnahme der Rodung des Neulands liegt die Bewirtschaftung des Ackers und die Verteilung der Ernteerträge in Frauenhand. Die Männer treiben nur Jagd und Fischfang und gingen früher vor allem einen großen Teil des Jahres auf den Kriegspfad. Und da sie deshalb in ihrem eigenen Heim sozusagen nur auf Besuch waren, blieben die Frauen die allein Wirtschaftskundigen. Infolgedessen kann auch eine Frau zur Vorsteherin einer Hausgemeinschaft gemacht werden, und als solche darf sie sich an der Wahl des Sippenhauptes, des Sachem, beteiligen. Die zu einem Stamme gehörigen Sachems bilden teils allein, teils zusammen mit den für Kriegsfälle von den Dörfern gewählten Häuptlingen den Stammesrat, das einzige politische Organ.3.105

Aus diesem Zitat geht hervor, daß in der irokesischen Gesellschaft bereits viele Veränderungen stattgefunden haben. Davon sind die wichtigsten: die Frauen folgten bereits virilokaler Maritalresidenz und Kriegszüge der Männer gegen andere Konföderationen finden nicht mehr statt, d.h. die Männer leben wieder mehrheitlich im Kernfamilienverband. Morgan hat zu vielen Mißverständnissen beigetragen, da er die von ihm vorgefundene Situation - dabei vorwiegend die männliche Seite - beschrieben hat. Durch die Übersiedlung in die Reservate ist z.B. das Langhaus verschwunden (nach 1800 gab es kein einziges mehr), damit verbunden die Uxorilokalität und die Arbeitsgemeinschaften der Frauen.

Die Schilderung der Lebensgeschichte von Mrs. Mary Jemison stellt die weibliche Sicht dar, da sie selbst innerhalb des Stammes der Seneca gelebt hat und die euro-amerikanische Gesellschaft kannte. Sie erzählt ihre unterschiedlichen Lebensabschnitte: die Gefangennahme, ihre Adoption, die Ehe mit ihrem ersten Ehemann, She-nin-jee, die Geburt ihres ersten Kindes und dessen Tod, die Erziehung ihrer nachfolgenden Kinder, deren Konflikte untereinander und die beiden Ehen die sie nacheinander mit Seneca-Männern eingegangen war.

Im November 1823 erzählte Mary Jemison (1742/43-1833) im Alter von 80 Jahren - innerhalb von drei Tagen - ihre gesamte Lebensgeschichte, in einwandfreien Englisch, mit leichtem irischen Akzent dem örtlichen Arzt, James E. Seaver. Dieser lebte vier Meilen von Mrs. Jemisons Wohnort entfernt, in der Nähe von Gardeau beim Genesee River in Zentral New York.3.106

Ihre Lebenserinnerung umfaßt mehr als 70 Jahre; in der Reihenfolge der Ereignisse kommen kleine Fehler vor, wie Seavers anmerkt, aber sie sind für den Eindruck, den Mrs. Jemison vermittelt, unbedeutend. Mrs. Mary Jemison lebte fast ein Jahrhundert und starb im Alter von 90 Jahren als Großmutter in der Gemeinschaft der Seneca in der Buffalo Creek Reservation im nördlichen Bundesstaat New York. Sie lebte während großer historischer Veränderungen, durchlief zwei Ehen, gebar 8 Kinder und lebte in drei verschiedenen Gesellschaftsformen: (1) in Pennsylvania der Kolonialübergangszeit, (2) in der Mitte bis ins späte 18. Jahrhundert bei den Seneca, und (3) in der frühen industriellen amerikanischen Republik. James Everett Seaver (1787-1827) veröffentlichte die Monographie ,,A Narrative of the Life of Mrs. Mary Jemison`` 1824, die in 16 Kapiteln unterteilt ist. Seither sind unzählige weitere Auflagen von verschiedenen Herausgebern gefolgt. Die in dieser Arbeit verwendete Ausgabe wurde vom Historiker June Namis herausgegeben. Er schrieb seine Doktorarbeit über Erzählungen zum Thema ,,Gefangennahme und Eroberung``, in diesem Zusammenhang las er erstmals Mrs. Mary Jemisons Lebensgeschichte. Sein Ziel war es, ihre Erzählung einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Er beschäftigte sich ausführlich mit der Thematik und folgte der Ausgabe von 1824, einschließlich der ursprünglichen Orthographie, aber mit Korrekturen in der Rechtschreibung. Damit folgte Namias, so weit wie möglich, den von Mrs. Jemison selbst gewählten Worten. Frühere Ausgaben veränderten häufig die von Mrs. Jemison erzählte Version und stellten sie als weiße christliche Märtyrerin dar, um die Brutalität in der Indianer-Politik der Vereinigten Staaten von Amerika rechtfertigen zu können.3.107

In Namias Vorwort wird Mrs. Jemison als nicht nur eine historische Person beschrieben, sondern daß ihre Nachkommen sie bis heute kennen, häufig sogar ihren Namen, Degiwene's (ausgesprochen De-kee-wa'nis), in der Bedeutung von ,,two falling voices`` oder ,,two-voices-falling``. Noch heute leben zahlreiche direkte Nachkommen von Mrs. Jemison, vor allem im westlichen Bundesstaat New York und im südlichen Kanada. Für diese Verwandten und andere in Reservaten lebende Indianer bleibt sie eine reale Person, vor allem deshalb, weil es möglich gewesen wäre, daß Weiße und Indianer friedlich nebeneinander wohnen hätten können. Namias interviewte den Seneca-Künstler G. Peter Jemison, danach liegt die Bedeutung ihrer Lebensgeschichte vor allem darin, daß Mrs. Jemison die Seneca-Seite der Revolution erzählt, denn sie sprach beide Sprachen fließend und ihre Erzählung ist deshalb so wichtig, weil das typisch indianische Leben häufig als grausam, brutal und unmenschlich dargestellt wurde. Sie aber zeigt uns, daß sie dem Seneca-Leben den Vorzug gab, obwohl ihr freigestellt wurde wieder in die amerikanische ,,weiße`` Gesellschaft zurückzukehren, aber: ,,Finally, though `her life was difficult,' and there were things with which she disagreed, `she chose to stay.'3.108


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Isabella Andrej
1999-03-04