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3.2 Veränderungen in der Sozialorganisation durch Kriegführung

Bereits Bachofen erkannte, daß die Art der Kriegführung einen entscheidenen Einfluß auf die soziale Stellung der Frau hatte. Wesentlich erschien ihm - und das ist beachtenswert - der Effekt der Kriegführung über weite räumliche Distanzen, welche zum Teil eine größere zeitliche Abwesenheit der wehrfähigen Männer bedingte. Aus dieser geschlechtsspezifischen Trennung resultiere, so Bachofen, die Notwendigkeit sowohl der autonomen Organisation des Alltags seitens der Frauen als auch teilweise die Übernahme von Funktionen der Selbstverteidigung. Der Mythos der kämpfenden ,,Amazonen`` ließ sich so für Bachofen auf eine reale gesellschaftliche Gegebenheit beziehen, und deshalb war für ihn nicht nur die Gynaikokratie, sondern auch das Amazonentum eine durchaus plausible historische Realität.


11und Beutezüge führen die Männer in weite Entfernungen und entziehen sie auf längere Zeit dem Hause und der Familie. Solchem Leben ist des Weibes Herrschaft eine Notwendigkeit. Die Mutter pflegt die Kinder, besorgt das Feld, regiert das Haus und der Diener Schar, verteidigt auch, wenn es die Not erfordert, mit gewaffneter Hand Heimat und häuslichen Herd, wie denn die Lykierinnen bewaffnet zur Ernte ausziehen. Besitz und Übung der Herrschaft, verbunden mit der Tüchtigkeit in Führung der Waffen, steigern in dem Weibe das Bewußtsein seiner Würde und Macht. Hoch ragt es über den Mann hervor, und in der körperlichen Schönheit, durch die sich namentlich die Lemnerin auszeichnet (Schol. Apoll. Rh. 1,867.) spiegelt sich der Glanz ihrer Stellung. [...] Nach der einen wie nach der andern Erklärung erscheinen die Männer in einer Stellung, welche bei der Frau das Bewußtsein der höhern Macht und der Überlegenheit an geistiger und körperlicher Vollendung immer mehr zum Bewußtsein bringen mußte.3.33
Diesem Aspekt der Kriegführung sind nun auch verschiedene Ethnologen nachgegangen.

Keith F. Otterbein und Charlotte Swanson Otterbein (1965)3.34 weisen darauf hin, daß Blutrache, Fehde- und Kriegführung bereits in den ersten anthropologischen Theorien eine bedeutende Stellung eingenommen haben. Das Interesse an der Jurisprudence war Ausgangspunkt vieler Evolutionisten wie z.B. Richard Cherry (1890), der argumentiert hatte, daß das Recht durch eine Serie von Zuständen evolviert: von der Fehdeführung ohne Entschädigung, gefolgt vom Zustand, in welchem Blutgeld bezahlt werden konnte. Sein Ansatz ging davon aus, daß je höher die politische Komplexität einer Gesellschaft sei, desto seltener würden Fehden ausgetragen.3.35

Otterbein und Otterbein haben von 50 Gesellschaften aus den Human Relation Area Files (HRAF) und dem ,,Ethnographic Atlas`` anhand einer Cross-Cultural Untersuchung drei Hypothesen getestet. Ihre drei-Punkte-Skala beinhaltete die Häufigkeit der Fehdeführung: (1) regelmäßig, (2) gelegentlich, (3) abwesend oder selten (Kriegführung ist selten gegen Nachbarn gerichtet). Gesellschaften mit regelmäßig vorhandener Fehdeführung erwarten bei Totschlag eines Mitglieds, daß die Verwandten des Getöteten Blutrache üben. Entweder wird derjenige, der die Tat ausgeführt hat oder irgendein Mitglied seiner Verwandtschaftsgruppe getötet. Bei unregelmäßiger Fehdeführung wird manchmal eine Entschädigung akzeptiert. Ist Fehdeführung überhaupt abwesend, dann besitzt diese Gesellschaft ein formal gerichtliches Verfahren zur Bestrafung des Angreifers und Totschlag ist kaum vorhanden. Die Fehdeführung kann durch zwei politische Faktoren kontrolliert werden: (1) durch das Vorhandensein gerichtlicher Autoritäten, die eine höhere Stellung einnehmen, als die lokale Gemeinschaft; oder (2) das Vorhandensein von Kriegführung.3.36

Van Velzen und van Wetering (1960) übernahmen den funktionalistischen Ansatz von Hoebel (1954) und fanden eine Bestätigung ihrer Hypothese, daß nämlich Gesellschaften mit fraternalen Interessengruppen häufiger zur Fehdeführung neigen als diejenigen, die keine fraternalen Interessengruppen bilden. Ausschlaggeben sei dabei vor allem, daß Gesellschaften die häufig Kriege führten durch eine größere innere Zusammengehörigkeit (internal cohesion) gekennzeichnet waren und weniger häufig interne Fehdeführung übten, als Gesellschaften mit friedlichen nach außen gerichteten Beziehungen. Sie testeten ihre Hypothese anhand des World Ethnographic Sample von Murdock (1957) und kamen zu folgendem Ergebnis: (1) Fraternale Interessengruppen bilden eine geschlossene Gruppe, die aus allen männlichen Verwandten besteht und sie reagieren aggressiv, wenn die Interessen ihrer Mitglieder gefährdet sind. Fraternale Interessengruppen entstehen durch die bevorzugte Virilokalität, dabei leben alle verwandten Männer im selben Dorf und unterstützen sich gegenseitig. Weiters sind die Ehen häufig auch polygyn, dadurch entsteht die Situation, daß erwachsene unverheiratete Halbbrüder, die durch das verzögerte Heiratsalter bei polygynen Ehen in unmittelbarer Nähe wohnen immer wieder Konflikte untereinander austragen. (2) Gesellschaften ohne fraternale Interessengruppen sind weniger aggressiv und eher friedliebend. Sie folgen uxorilokalen Residenzregeln, d.h. Männer derselben Abstammungsgruppe leben in unterschiedlichen Dörfern, können nicht auf unmittelbare Hilfe ihrer männlichen Verwandten zählen und die männlichen Verwandtschaftsverbindungen reichen über mehrere Dörfer hinaus.3.37

Dabei beziehen sich Otterbein und Otterbein auf ein Zitat von Gouldner und Peterson (1962), die annehmen, daß:


11patrilocal societies a man lives surrounded by male kinsmen who help him in work or war and to whom, in turn, he is similarly obligated. If he is married to one woman, the claims of his family of procreation may compete more strongly with those of his family of orientation. Married to several, his affective bonds with each are likely to be less intense and the demands that each can impose on him somewhat weaker. This would seem all the more probable as the wives mutually compete on behalf of either their children or themselves.3.38

In einer alphabetischen Auflistung von 50 Gesellschaften nach Häufigkeit von Fehdeführung und Krieg stellten Otterbein und Otterbein am Beispiel der matrilinear und bevorzugt uxorilokal organisierten Bemba folgendes fest: Fehdeführung ist abwesend, aber Kriegführung kontinuierlich vertreten.3.39

Otterbein und Otterbein haben in ihrer Studie aufgezeigt, daß ein evolutionistischer oder funktionalistischer Ansatz für die Erklärung mancher Probleme unzulänglich und eine Kombination von weiteren Ansätzen erforderlich ist. Sie wählten den internen gesellschaftlichen Beziehungsansatz zur Erklärung für das Vorhandensein von Fehdeführung und überprüften ihre Hypothese anhand statistischer Auswertungen.

William Tulio Divale und Marvin Harris (1976) stellten eine Hypothese über die Funktion von Kriegführung in Band- und Dorfgesellschaften auf. Sie analysierten 562 lokale Band- und Dorfgesellschaften, und konnten die folgende Hypothese betätigt finden: Kriegführung und selektive weibliche Kindestötung werden als wichtigste Punkte für die Regulierung des Bevölkerungswachstums bei Abwesenheit von Alternativen gesehen.3.40 Die Methoden der Bevölkerungskontrolle bei begrenzten Nahrungsressourcen werden von Marvin Harris ausführlich in seinem Buch ,,Kulturanthropologie`` erklärt. Dabei wird darauf hingewiesen, daß Frauen, die an Mangelernährung leiden, weniger fruchtbar sind. Bei einem Nahrungsentzug im Sinne von Hunger reduziere sich die Fruchtbarkeit um 50 %.3.41 Harris unterscheidet zwischen indirekter Abtreibung (Arbeitsbelastung, unzureichende Ernährung der Frau) und direkter Abtreibung (Schwangerschaftsabbruch) sowie zwischen indirekter und direkter Kindestötung. Gleichgültige Behandlung und Vernachlässigung von Kleinkindern (vor allem im Krankheitsfall) und unzureichende Ernährung werden dabei zur indirekten Kindestötung gezählt. Die Tötung von Neugeborenen, die von der Gesellschaft noch nicht als Mitglieder anerkannt sind, zählen zur direkten Kindestötung. Eine andere Methode wären verlängerte Stillzeiten, die bei begrenzter Nahrung zu Geburtsintervallen von drei oder mehr Jahren führen können. Meist wird die verlängerte Stillzeit mit anderen Methoden kombiniert, um die Personenanzahl einer Gruppe stabil zu halten.3.42

Unter Kriegführung verstehen Divale und Harris alle organisierten Formen von Totschlag zwischen Gruppen von zwei oder mehr Personen, inklusive Fehden und Überfälle. Nach ihrer Untersuchung wurde der ethnologische Beweis für die Existenz institutionalisierter männlicher Vorherrschaft durch die asymmetrische Häufigkeit von bestimmten geschlechtsbezogenen gesellschaftlichen Regeln erbracht. Davon sind einige Aspekte sehr gut bekannt, andere hingegen weniger oder nur als Einzelphänomene. Divale und Harris beziehen sich auf Murdocks Klassifikation von 1967, und zählen zu den bekanntesten Teilen dieses männlich zentrierten Komplexes: (a) postmaritale Wohnortbestimmung sowie (b) entsprechende Abstammungsideologien. Von den von Murdock genannten 1.179 Gesellschaften bevorzugen drei Viertel entweder patrilokale oder virilokale, nur ein Zehntel matrilokale oder uxorilokale Residenzregeln. Die beiden Autoren sehen die bevorzugte Maritalresidenz in enger Verbindung mit der Kontrolle über die natürlichen Ressourcen, dem Besitz und der Arbeitskraft; daraus ergibt sich die ungleiche Verteilung der Abstammungsregeln, d.h. Patrilinearität entwickelt sich fünf Mal häufiger als Matrilinearität. Die Interpretation der statistisch nachgewiesenen ungleichen Verteilung von geschlechtsspezifischen Residenz- und Abstammungsregeln bevorzugen vor allem die männliche Seite. Zwei wesentliche Faktoren könnten dafür ausschlaggebend sein: (1) matrilineare Gesellschaften sind wesentlich häufiger mit avunkulokaler als mit uxorilokaler Maritalresidenz kombiniert; (2) bei patrilokaler Residenz gibt es hingegen keine Form, die der Avunkulokalität entsprechen würde. Amitalokalität wäre die Opposition zu Avunkulokalität, die aber nirgends vorkommt. Amitalokalität, wenn sie bestünde, würde bedeuten, daß die Maritalresidenz eher bei der Schwester des Vaters der Frau (wife's father's sister) wäre als im Falle der Avunkulokalität, wo der Wohnort des Ehepaares beim Bruder der Mutter des Ehemannes (husband's mother's brother) gewählt wird.3.43

Warum sich Gesellschaften mit matrilinearer Deszendenz wesentlich häufiger für die Avunkulokalität und Patrilokalität entscheiden (mehr als die Hälfte (58 %) der matrilinear organisierten Gesellschaften entscheiden sich für diese beiden Formen der Maritalresidenz), kann durch folgende Theorie erklärt werden: (1) In matrilinearen Gesellschaften dominieren nicht seltener als in patrilinearen Gesellschaften die Männer die Verteilung der Familienressourcen. (2) Weiters tendieren matrilineare Gesellschaften dazu, daß sie sich mit patrilinearen Systemen verbinden und langsam wieder zur Gesellschaftsorganisation von Patrilokalität und Patrilinearität zurückkehren; Avunkulokalität wird dabei als Übergangsphase zur Patrilokalität gesehen.3.44 Im Gegensatz dazu gibt es keinen Beweis für einen Übergang von der Matrilinearität über eine patrilokale Phase zur Matrilokalität.3.45

Patrilokalität ist eine über Generationen hinweggehende Objektivierung von männlich zentrierten Interessengruppen und Patrilinearität ist eine Verwandtschaftsideologie, um Solidaritäten zwischen männlichen Personen zu schaffen. Die Wohnortregel bestimmt, welches Geschlecht die vorherrschende Rolle in der Produktion spielt.3.46

Divale und Harris machen weiters die Verteilung der Eheformen für die männliche Vormachtstellung verantwortlich: Polygynie kommt 141 Mal öfter vor als Polyandrie; daraus schlossen sie, daß Polyandrie, zumindest in der Theorie, für diejenigen Gesellschaften besser geeignet sei, die keine andere Form zur Regulierung des Bevölkerungswachstums haben (und deshalb auf weibliche Kindestötung angewiesen sind).3.47 Eine weitverbreitete ehebezogene Institution ist der Brautpreis3.48, der in 57 % der Gesellschaften nach den Ausführungen des Ethnographischen Atlas üblich ist. Die logische Opposition zum Brautpreis wäre der Bräutigamspreis, der ebensowenig existiert wie die Amitalokalität, vielmehr tritt die Mitgift häufig gemeinsam mit dem Brautpreis auf. Nach Goody und Tambiah wird der Brautpreis an die Brautfamilie als Ausgleich für den Verlust einer wertvollen Arbeitskraft und der Reproduktion gezahlt.3.49 Die Mitgift wird von der Brautfamilie an die Familie des Bräutigams bezahlt und dient vor allem als Kompensation für die Kosten, die der Bräutigam oder seine Familie trägt zur Finanzierung des Unterhalts der angeblich ökonomisch teuren Frau oder als Zahlung für die politischen, ökonomischen oder ethnischen Allianzen, die für die Brautfamilie wertvoll sind. In den untersuchten Fällen zahlen 83 % einen Brautpreis oder eine Mitgift und diese sind mit patrilokalen und patrilinearen Systemen verbunden.3.50 Beide, der Brautpreis und die Mitgift, verstärken die Verbindung zwischen der Familie der Braut und der Familie des Bräutigams und damit wird die Trennung des Ehepaares erschwert.

Im Unterschied dazu schließen matrilineare Gesellschaften keinen permanenten Transfer von produktiven und reproduktiven Leistungen der Männer von einer Gemeinschaftseinheit zur anderen ein; die Ehen sind weniger stabil und können ohne größere Rituale wieder gelöst werden. Die angeheirateten Männer gehen nicht in die Hausgemeinschaft der Frauen über und geben auch nicht die Kontrolle über ihre durch Geburt bestimmten Haushaltsangelegenheiten, wie die über ihre Schwester(n), auf. Dadurch wird weiters erklärt, warum 15 % der matrilokalen und uxorilokalen Gesellschaften weiterhin den Brautpreis leisten. Die männliche Vormachtstellung wird durch die weitverbreitete asymmetrische geschlechtliche Arbeitsteilung noch zusätzlich vergrößert. Frauen erledigen meist die gesamte Familienarbeit (Hausarbeit), wohingegen die Männer nur zeitweise Jagen oder Kriegführen.3.51

Problematisch ist bei Divale und Harris, daß sie zwischen Band- und Dorfgesellschaften und zwischen Fehde- und Kriegführung nicht unterscheiden. Unter Bandgesellschaften verstehen wir nomadisierende Gruppen, die keinen festen Wohnort besitzen und in unserem Verständnis zu Jägern und Sammlern gezählt werden; Dorfgesellschaften wechseln ihren Wohnort nur dann, wenn es zwingende Gründe dafür gibt. Das Austragen von Konflikten ist für eine Dorfgesellschaften zwingend notwendig, aber Mitglieder einer Jäger- und Sammlergesellschaft reagieren auf Konflikte vor allem mit Wanderungen. Wie wir später noch am Beispiel der irokesischen Stämme sehen werden, sind bei ihnen beide Formen vorhanden: die Männer sind vorwiegend nomadisierende Gruppen, bedingt durch Jagd und Kriegführung, die Frauen aber eher seßhaft (Sommer- bzw. Winterquartier) mit wenigen Ausnahmen.

Das Jagen mit Waffen wird als Universalität der Männer angesehen und damit verstärkt sich gleichzeitig die männliche Vorherrschaft, da sie auch mit politischen Institutionen bei zumindest teilweise seßhaften Gesellschaften verbunden ist. Nach Divale und Harris gibt es in Band- und Dorfgesellschaften häufig als politische Institution ,,Headmanship``, ,,Headwomanship`` hingegen - im analogen Sinne - ebensoselten wie Polyandrie. Die Institution des ,,big man`` entsteht als Zwischenstufe in der Evolution zu Chiefdoms, aber nirgends sehen wir eine vergleichbare Institution einer ,,big woman``. In den Händen der Frauen liegt in den seltensten Fällen die Verteilung der Familienressourcen, auch wenn Frauen die Kontrolle über den ökonomischen Prozeß ausüben, so bleibt trotzdem ihr Status niedriger, als der der Männer.3.52 Zentral für die geschlechtsspezifische Verteilung von ,,Macht`` in segmentären Gesellschaften ist fast überall das Monopol der Männer über ihre Waffen und damit verbunden der Kriegführung und der Jagd.3.53 In einigen segmentären Gesellschaften ist es sogar den Frauen strengstens untersagt, überhaupt Waffen zu berühren. Das betrifft sowohl den Wettkampf mit Waffen, als auch ohne Waffen, z.B. konkurrenzierende Sportaktivitäten wie Ringen, Pferderennen, oder das Duell und andere Formen des individuellen Kampfes zum Messen der Stärke des einzelnen. Frauen beteiligen sich äußerst selten bei Sportveranstaltungen innerhalb der eigenen Gruppe und es gibt überhaupt keinen Beweis, daß sie sich irgendwo und irgendwann mit Männer gemessen hätten.3.54

Die materielle, häusliche, politische und militärische Unterordnung der Frauen ist zusätzlich mit den rituellen und ideologischen Sphären gekoppelt und gemeinsam führt dies zu einer sukzessiven Minderstellung der Frauen. Menstruierende Frauen werden als unrein angesehen und der weitverbreitete Glaube, daß das Menstruationsblut auch andere, die mit diesen Frauen in Berührung kommen, verunreinigt, führt zu weiteren Diskriminierungen. Die Bevorzugung der männlichen Kinder in segmentären Gesellschaften (nicht nur in diesen) verstärkt noch zusätzlich die männliche Vormachtstellung. Nach Simmons (1937) werden Knaben bei 66 % der Fälle bevorzugt und dies wiederum ist häufig damit verbunden, daß das erstgeborene Kind männlich sein muß.3.55 Wo liegen nun die Ursachen dieses Wunsches nach männlichen Nachkommen? Eine Untersuchung von 160 Band- und Dorfgesellschaften hat ergeben, daß die Austragung von schwerwiegenden Konflikten zwischen einzelnen Gruppen weiterhin durch Kriegführung gelöst werden, auch wenn sie Kontakte zu staatlichen Institutionen haben. Im Alter von 14 Jahren und jünger ist die Geschlechterverteilung nach Divale3.56 (1972) bei Jäger- und Sammlergesellschaften 128 Knaben zu 100 Mädchen, die durchschnittliche Zahl bei den Neugeboren liegt bei 105,5 männlichen und 100 weiblichen Babies.3.57

Die häufigste Erklärung für die Vormachtstellung der Männer war bisher immer wieder der Geschlechtsdimorphismus. Diese Hypthothese erklärt aber nur einen kleinen Bereich des Gesamtkomplexes. Damit könnte vielleicht noch die männliche Vormacht im häuslichen, politischen, religiösen, ökonomischen und militärischen Bereich erklärt werden, aber nicht die Bevorzugung männlicher Nachkommen. Denn gerade bei Polygynie müßten eigentlich mehr Frauen im reproduktionsfähigen Alter vorhanden sein und für Jäger- und Sammlergesellschaften konnte bewiesen werden, daß Frauen wesentlich produktiver sind.3.58

Gesellschaften mit vorwiegend polygynen Ehen müßten eigentlich ein Interesse an vielen weiblichen Nachkommen haben, doch gerade hier tritt weibliche Kindestötung häufiger auf. Wo immer vorindustrielle Kriegführung vorkommt, erwarten wir, daß die stärksten und aggressivsten Krieger eine bevorzugte Stellung innerhalb einer Gesellschaft besitzen. Männliche Kinder werden trainiert, impulsiv und aggressiv zu sein, um durch ihre überlegene Muskelkraft das individuelle und das Gruppenüberleben zu sichern. Hier wird sichtbar, daß selbst dann, wenn manche Mädchen körperlich sogar geeigneter für die Kriegführung als manche Knaben wären, durch das körperliche Training das exklusive Vorrecht der Männer und das Monopol über die Waffen schon in der Kindheit anerzogen werden. Dabei liegt der Vorteil darin, daß das Geschlecht als prinzipielle Verstärkung für kämpfende und aggressive Vorstellungen genutzt wird. Dies inkludiert zwar später auch ein riskanteres Leben, hatte aber wahrscheinlich den Vorteil, daß die Knaben und jungen Krieger besser versorgt wurden (Nahrung und Unterkunft). Wenn kriegerisches und aggressives Verhalten das Ideal der Männer ist und sie dafür mit Frauen belohnt werden, dann müssen Frauen von Kindheit an zur Passivität erzogen werden. Bei einer Vernachlässigung von weiblichen Kindern und einer bevorzugten polygynen Familienorganisation wird zusätzlich die Nachfrage nach Frauen verstärkt. Dadurch wird ein positives Feedback mit der männliche Aggressivität und Angriffslust erreicht; das wiederum fördert den ,,Kampf um Frauen``. Innerhalb der Gesellschaft werden diverse Strategien entwickelt, um Frauen zur Passivität zu erziehen, wie z.B. Initiationsschulen, wo sie auf ihr zukünftiges Eheleben vorbereitet werden, aber auch öffentliche Maskenauftritte, um Frauen einzuschüchtern und/oder durch männliche religiöse Spezialisten.3.59

Nach Divale und Harris hilft die Hypothese der Verbindung von Kriegführung mit den verschiedenen Aspekten der männlichen Vormachtstellung wenig, um die Entwicklung zur Matrilokalität zu erklären, sondern es sollte vielmehr die Frage gestellt werden, warum auch in matrilinearen und matrilokalen Systemen Männer dominieren. Dabei sei nicht der geschlechtsspezifische Dimorphismus ausschlaggebend, sondern die Kriegführung selbst, die das direkte Produkt für die durch Geschlecht bestimmte Aggressivität darstelle. Nach Divale und Harris ist Kriegführung in Band- und Dorfgesellschaften eine Erklärungsvariante für die Vormacht der Männer und gleichzeitig ist der Krieg Teil einer Möglichkeit des menschlichen Systems der Bevölkerungskontrolle.3.60

Divale und Harris vermuten, daß die weibliche Kindestötung ein übliches Mittel zur Geburtenkontrolle war, weil keine andere Form bekannt gewesen sei. Für das Paläolithikum wurde ein extrem niedriges Bevölkerungswachstum von 0,00015 % pro Jahr berechnet und für das Neolithikum ungefähr ein jährliches Wachstum von 0.036 % für den Großteil der Menschheit geschätzt.3.61 Von den Bushmen wird berichtet, daß sie ihre Wachstumsrate von 0,5 % durch eine Verlängerung der Stillzeit aufrechterhalten konnten. Unter dieser Annahme würde sich die Bevölkerung alle 139 Jahre verdoppeln: das würde bedeuten, daß wir heute - ausgehend von den letzten 10.000 Jahren - eine Weltbevölkerung von 279(= 604.463.000.000.000.000.000.000) hätten. Die verlängerte Stillzeit der Mütter kann also nicht als ausschließlicher Faktor für eine Bevölkerungskontrolle angesehen werden, denn die Geburtsintervalle werden für Bandgesellschaften zwischen vier und fünf Jahren angesetzt und für Dorfgesellschaften auf ungefähr 18 Monate geschätzt.3.62 Es muß vielmehr davon ausgegangen werden, daß bei einer Bevölkerung mit einer Lebenserwartung von durchschnittlich 47 Jahren, die Bevölkerung konstant bleibt, wenn nur ein Drittel der weiblichen Kinder das Reproduktionsalter erreichten, und wenn jede dieser Frauen durchschnittlich nur drei Lebendgeburten hatte. Würden sie vier Lebendgeburten und davon die Hälfte weibliche haben, käme es alle 33 Jahre zur Verdoppelung der Bevölkerung.3.63 Danach ist die effektivste Form der Bevölkerungskontrolle die Reduktion der weiblichen Nachkommen.3.64

Die Möglichkeit der Abtreibung bestand und war weit verbreitet, sie verkürzte aber zusätzlich die Lebenserwartung der erwachsenen Frauen. Die Mädchentötung stand in Verbindung mit zwei Vorteilen:

(1)
Die männlichen Babies konnten besser versorgt werden und wurden damit selektiv bis zum Erwachsenenalter betreut.
(2)
Der Tod von Babies ,,kostet`` wesentlich weniger - emotionell, strukturell und im ökonomischen Sinne - als der Tod der Mutter.3.65

Mein Eindruck dazu ist, daß Mädchen nach der Geburt - in der Regel von den ,,helfenden Frauen`` (ohne Wissen der geschwächten Mutter) - relativ willkürlich getötet wurden, während bei den männlichen Nachkommen die ,,Selektion`` erst später einsetzt und über Muskelkraft, psychische Faktoren wie Tapferkeit in kriegerischen Auseinandersetzungen und - damit verbunden - über soziale Wertschätzung verläuft.

Divale und Harris stellen hier aber gleichzeitig die Frage, warum wurden die Knaben bevorzugt und zur Aggressivität und Tapferkeit erzogen, wenn sie später während eines Kampfes sterben sollten? Sie glauben, daß die im Kampf gefallenen Männer weniger ,,teuer``, die emotionelle Bindung schwächer und strukturell einfacher zu verkraften waren als der Tod der Mütter. Die Männer, die während eines Kriegszuges starben, stehen außerhalb der Gemeinschaft, da sie mit dem Feind in Kontakt gekommen waren. Jene Band- und Dorfgesellschaften, die ihren Bevölkerungsstand nicht stabil halten konnten, litten Hunger und waren Kankheiten eher ausgesetzt. Aggressive Krieger waren ihren Nachbarn überlegen, deshalb war Kriegführung die effektivste Methode für die Unterstützung materieller und ideologischer Restriktionen bei der Aufziehung weiblicher Babies, denn auch allein durch die gefallenen Krieger wäre der Bevölkerungsanstieg nicht verhindert worden.3.66

Aus den bisher zitierten Möglichkeiten der Bevölkerungskontrolle geht hervor, daß Teile beider Geschlechter zu unterschiedlichen Zeiten nicht eines natürlichen Todes starben: die weibliche Kindestötung fand, wie schon erwähnt, völlig willkürlich nach der Geburt statt, d.h. die Entscheidung wurde ausschließlich nach dem Geschlecht getroffen; bei den männlichen Nachkommen entscheidet der kräftigere Körperbau, die anerzogene Aggressivität und Tapferkeit, Gesundheit im Zusammenhang mit der Überwindung von Krankheiten und Überleben nach Verletzungen als Folge der Kriegführung. Das Überleben der männlichen Nachkommen im Erwachsenenalter hängt vor allem von jedem einzelnen Individuum selbst ab. Erfolgreiche Krieger und Jäger haben größere Überlebenschancen und erhalten mehrere Frauen, die ihre gemeinsamen Kinder gebären.

Nach Marianne Weber ist schon in der ältesten Zeit die Jagd und der Krieg eine Domäne des Mannes. Mit der Veränderung zur seßhaften Lebensform und einem Bevölkerungswachstum verengt sich der Nahrungsspielraum, dadurch werde der Mann gezwungen immer mehr Zeit für den Bodenbau aufzuwenden. Die Kriegsbereitschaft sei aber mit einer regelmäßigen Arbeit des Mannes unvereinbar.3.67 Marianne Weber bezieht sich auf die irokesischen Männer, die den größten Teil des Jahres durch Kriegführung und Jagd abwesend waren und sich kaum am Bodenbau beteiligten. Auch bei ihnen dürfte die Kombination von Kriegführung und weibliche Kindestötung ein Mittel der Begrenzung des Bevölkerungswachstums gewesen sein. Aus der Lebensgeschichte von Mary Jemison geht hervor, daß ihr erstes Kind - ein Mädchen - ,,tot`` geboren wurde, wobei wir vermuten, daß auch in diesem Fall die ,,helfenden`` Frauen für den Tod des Mädchens verantwortlich waren und die Seneca auf diese Art das Bevölkerungswachstum kontrollierten.

Divale und Harris führen noch weiters an, daß die Ursachen für die Kriegführung keine wesentliche Bedeutung für ihre Theorie hätten, vielmehr käme es darauf an, warum Kriege gewünscht werden sowie auf die Intensität und Häufigkeit der Kriegführung. Dazu werden zwei Faktoren angeführt:

1.
Im Falle von Bandgesellschaften mit hohem Proteinkonsum, aber wenig fett- und kohlehydratehaltiger Nahrung verlassen sich die Mitglieder eher auf den Geburten-Abstands-Effekt durch verlängerte Stillzeiten als auf den männlichen Vormachtskomplex im Krieg.
2.
Band- und Dorfgesellschaften mit hohem Kalorienkonsum, aber wening proteinhaltiger Nahrung, können sich nicht auf verlängerte Stillzeiten verlassen, um die Bevölkerungsanzahl stabil zu halten, sondern werden eher am Kriegführungskomplex festhalten.3.68

Nach der Studie von Leo W. Simmons3.69 sei Kriegführung signifikant mit vielen Variablen dörflicher Hortikultur- und Ackerbaugesellschaften verbunden:

1.
Die Zunahme von Kriegführung korreliert mit Ackerbau und permanenter Seßhaftigkeit, Haltbarkeit und Widerstandsfähigkeit der Unterkünfte, verbunden mit Getreidekost und Verarbeitung von Metallen und Töpferei.
2.
Die Häufigkeit der Kriegführung sei aber auch mit den Variablen des männlichen Vormachtkomplexes verbunden und korreliert signifikant mit patrilokaler Residenz, patrilinearer Abstammung, Polygynie, Heirat durch Raub, Brautpreis, ehelichen sexuellen Einschränkungen für die Frau, Eigentumsrecht an Frauen, männlichen Gemeinschaften, männlichen age grades und Männerhäusern. Ein weiteres signifikantes Merkmal nach Simmons ist die Abnahme der Kriegführung in Gesellschaften, bei denen Polyandrie vorherrscht.3.70

Divale und Harris kritisieren an der Studie von Simmons, daß seine Theorie bereits bei einer Analyse auf einer mehr als Zwei-Punkte-Skala zusammenbrach. Simmons Hypothese, welche ungetestet blieb, weicht von der Theorie von Divale und Harris ab. Deren Theorie besagt, daß jeder plötzliche Wechsel von High-Quality-Protein und kalorienarmer Nahrung zu niedriger proteinhaltiger und kalorienreicher Diät einen sofortigen Bevölkerungsanstieg auslösen würde, der wiederum weibliches Infantizid und Intensivierung der Kriegführung zur Folge haben müßte. Am Beispiel der Yanomamö Amazoniens zeigen Divale und Harris, daß die Intensivierung des Anbaus von Bananen und angelegte Gärten das stärkehaltige Kalorienangebot um 2 % bis 3 % pro Jahr erhöhte, und dadurch einen Bevölkerungsanstieg im Hauptdorf zur Folge hatte.3.71 Dieser Anstieg dürfte sich nachteilig auf die unsichere Tierproteinökologie (fragile animal-protein ecology), die typisch für die zwischen dem Fluß lebenden Menschen des Amazonasgebietes ist, ausgewirkt haben.3.72

Die Praxis der weiblichen Kindestötung führt zur Geschlechtsverteilung von Knaben im Verhältnis zu Mädchen von 148 : 100 für elf Yanomamö Dörfer mit intensiven Kriegführungszonen, gleichzeitig entwickelte sich ein ausgeprägter männlicher Vormachtstellungskomplex. Aber im peripher gelegenen zwölften Dorf lag die jugendliche Geschlechtsverteilung nur bei 118 : 100 und Kriegführung kam seltener vor. Dieser Unterschied fällt noch markanter im folgenden Beispiel aus: die peripheren Karohi-teri haben eine Geschlechtsverteilung von 77 : 100, die kriegführenden Ihirubi-teri hingegen eine Verteilung von 260 : 100.3.73

Daraus geht abschließend hervor, daß mit der Intensivierung des Bodenbaus und Plantagenbaus meist zusammengeschlossene Gruppen gegen jeden, um bereits gerodete Gärten, sowie um den Besitz der proportional abnehmenden Anzahl der Frauen und der Protein-Ressourcen, kämpfen.3.74

Gleichzeitig wird festgehalten, daß der männliche Vormachtstellungskomplex keinen direkten biologischen Zusammenhang mit einer vorprogrammierten Aggression aufweist. Die zusammenhänge Kette, die von John Whiting etabliert wurde, stellt eine enge Verbindung von Proteindefizit mit verlängerter Betreuung und besonderem Training zur Aggression der Männer, z.B. durch Initiationsriten, dar.3.75

Patricia Draper hat bei den !Kung Bushmen festgestellt, daß es selten zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen !Kung Gruppen kommt. Ebenso fehlt die Kriegführung zwischen den !Kung Bushmen und der bantu-sprachigen Bevölkerung. Die Abwesenheit von Kriegführung erlaubt den !Kung-Frauen eine von den Männern unabhängige Bewegungsfreiheit. Wären in dieser Gesellschaft Fremdattacken üblich, würde sich die Sozialorganisation im Anschluß sehr rasch verändern sowohl in den politischen Führungsstrukturen als auch bei den Verhältnissen zwischen den Geschlechtern.3.76

Die Theorie von Divale und Harris fordert den Freudschen Ödipus-Komplex als unabhängige Variable zur Erklärung von Konflikten zwischen Generationen und Geschlechterrollen geradezu heraus, wie sie selbst abschließend einräumen. Sie behaupten, daß der von Siegmund Freud im Ödipus-Komplex unterstellte Konflikt zwischen den Generationen keineswegs universelle Gültigkeit hat, denn der ,,male supremacist complex`` setzt eine grundsätzliche Solidargemeinschaft der Männer voraus, welche überdies durch die Kriegführung verstärkt wird. Man kann jedoch mit den Autoren davon ausgehen, daß dies eigentlich nur auf einen Teil der bekannten segmentären Gesellschaften zutrifft, nämlich auf die patrilinearen und patrilokalen Gesellschaften; es stellt sich daher die Frage, wie sich der Sachverhalt in matrilinearen Gesellschaften darstellt?3.77



 
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Isabella Andrej
1999-03-04