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2.2 Das Mutterrecht von Bachofen

Johann Jakob Bachofen (1815-1887) war der älteste Sohn einer angesehenen Basler Patrizierfamilie. Er studierte in Berlin und Göttingen Altertumswissenschaften und Jurisprudenz und erhielt 1841 eine Professur für römisches Recht an der Universität Basel, die er nach drei Jahren wieder zurücklegte, weil eine Zeitung den Vorwurf erhob, nicht seine wissenschaftlichen Leistungen, sondern seine Familie hätte ihm die Professur verschafft. Das Amt eines Richters am Kriminalgericht in Basel übte er 21 Jahre (1845-1866) aus. 1859 veröffentlichte Bachofen die Schrift ,,Die Gräbersymbolik der Alten``. Mit diesem Werk verdarb er sich seinen wissenschaftlichen Ruf und seine Kollegen bezeichneten es als ,,höheren Blödsinn``. Unbeirrt und finanziell unabhängig arbeitete Bachofen weiter und veröffentlichte 1861 das schwer lesbare Riesenwerk ,,Das Mutterrecht``. Es wurde ebenfalls verständnislos aufgenommen und Bachofen von der Wissenschaft ausgeschlossen. 1865 heirateten Johann Jakob Bachofen und die 30 Jahre jüngere Basler Patriziertochter Louise Elisabeth Burckhardt.2.126

In der Gräbersymbolik versuchte Bachofen eine Erklärung über die mythologischen und symbolischen Darstellungen von Leben, Tod und Licht auf die Ängste und Hoffnungen der damaligen Menschen, d.h. ihre Vorstellungen darüber aus der Mythologie (Religion, Philosophie und Symbolik) zu erschließen. Er konnte aber nicht sehen, daß auch seine Deutungen der antiken Religion und Mythologie nicht wertfrei waren und seine eigenen Ideen über Religiösität und Romantik in sie einflossen; besonders beim ,,Mutterrecht`` werden die Vorurteile seiner Zeit besonders deutlich. Durch die Arbeiten am Werk der Gräbersymbolik stieß Bachofen auf die Schilderungen Plutarchs über die ägyptische Mythologie von Isis und Osiris. Dieser Mythos veranlaßte ihn 1861 ,,Das Mutterrecht`` zu veröffentlichen. Von der Isis-Osiris-Schilderung ausgehend erweiterte Bachofen die Mutterrechtsthematik auf die gesamte Antike im Sinne eines weltgeschichtlichen Nacheinander vom Weiblich-Stofflichen zum Männlich-Geistigen, daß also die Menschheit zunächst vom weiblich-stofflichen Prinzip ausgeht und durch das männlich-geistige Prinzip überwunden und abgelöst wird.2.127

Was verstand nun Bachofen unter dem ,,Mutterrecht``? Für ihn stellt das ,,Mutterrecht`` eine geschichtliche Erscheinung einer Kulturperiode dar, die als eine fremde Gesittung der ursprünglichen Kultur betracht werden kann, die dem Weltalter ein selbständiges Gepräge gibt. Er nennt ,,Mutterrecht`` das Prinzip des ,,gynaikokratischen`` (frauenherrschaftlichen) Zeit- und Weltalters. Das wichtigste Merkmal der Gesinnung, die in der Gynaikotratie zum Tragen kommt, sei der ,,Religionscharakter des Weibes``, und damit die religiöse Weihe des Muttertums.2.128


11 Es gibt nur einen einzigen mächtigen Hebel aller Zivilisation, die Religion. Jede Hebung, jede Senkung des menschlichen Daseins entspringt aus einer Bewegung, die auf diesem höchsten Gebiete ihren Ursprung nimmt. [...]
Zu allen Zeiten hat das Weib durch die Richtung seines Geistes auf das Übernatürliche, Göttliche, der Gesetzmäßigkeit sich Entziehende, Wunderbare den größten Einfluß auf das männliche Geschlecht, die Bildung und Gesittung der Völker ausgeübt.2.129

Für Bachofen ist der kosmische Träger des Muttertums die Erde; die elterliche Gynaikokratie steht mit dem Mond in Verbindung und das Vaterprinzip ist bestimmt durch die Sonne. Das Mutterrecht ruht auf der ,,stofflichen Natur`` der Frau. Bachofen sieht in der Mutter die ,,Stellvertreterin der Urmutter``. Die Urmutter erscheint als ,,Trägerin des Friedens`` und nach seinen Vortellungen ruhen Fruchtbarkeit und Recht im ,,mütterlichen Stoffe``. Bachofen denkt sich die Stufenfolge der Zustände, die jede Gesellschaft durchlaufen muß, als eine vorbestimmte Ordnung: vom Hetärismus zur demetrisch geordneten Gynaikokratie, die bestimmt wird vom Mutterrecht. Es folgt alsdann der Fortschritt vom Mutterrecht zum Vatersystem, das durch weiteren langsamen Fortschritt der Menschheit sich endlich mit einer ehelichen Gesinnung verbindet.2.130

Die Überwindung des Hetärismus war die Folge des Widerstands der Frau gegen den sexuellen Mißbrauch des Mannes, dem sie schutzlos ausgesetzt war. Bachofen verstand seine Mytheninterpretationen als Fortschritt von der mütterlichen zur väterlichen Auffassung des Menschen im Sinne des wichtigsten Wendepunktes in der Geschichte der Geschlechterbeziehungen, als Übergang von der demetrischen Lebensstufe mit dem aphroditisch-hetärischen Prinzip des gebärenden Muttertums zum Paternitätssystem, also als Wechsel eines Grundprinzips und damit einer Überwindung des früheren Standpunkts.2.131

Nach seiner Vorstellung ging die Entwicklung von der Sumpfvegetation, dem Prototyp des ehelosen Muttertums, verbunden mit der tiefsten Religionsstufe, dem reinen Tellurismus, aus. Auf dieser tiefsten Stufe stünden - nach Bachofen - die Massageten, Masynoiken, Nasamonen und die aethiopischen Auser, aber auch die Araber.2.132 Die Erhebung zum Vaterrecht beendet diesen Zustand und führt in der Folge zum metaphysischen Recht, das einer höheren Religionsstufe entsprechen sollte; Bachofen nennt es das Ende ,,der düsteren Zeit der Blutrache, wo jeder Mord einen neuen erzeugt...``.2.133 Im Abschnitt über die Aeschylische Darstellung schreibt Bachofen:


11 Aber die Rechtfertigung ruht in dem Mutterrecht, in Nemesis-Erinnys' Urgesetz, das mit einem höheren, dem apollinischen Lichtrecht, in Kampf tritt und zuletzt ihm weicht. Was die Mutter für sich geltend macht, ist ganz den Verhältnissen des stofflichen Lebens entnommen; die mütterliche Blutrache, die sie übt, gehört dem Recht der mütterlichen Geburt, die in der Erde Muttertum ihr großes Vorbild findet. Von diesem Standpunkt aus hat Klytaemnestra nicht nur das Recht, sondern die heilige Pflicht, ihrer Tochter Blut zu rächen. Ist der Mörder überdies der Vater, so obliegt ihr jenes Gebot mit doppelter Gewalt. Statt ihre Sünde zu mehren, rechtfertigt dies ihre Tat zwiefach, wie Agamemnon doppelt schuldig erscheint.
Es ist das blutigste aller Rechte, dies stoffliche Mutterrecht. Es gebeut die Rache selbst da, wo höhere Gesichtspunkte sie als Verbrechen erscheinen lassen. Wo Apollon sühnt und von aller Schuld freispricht, da wütet Nemesis-Erinnys unabwendbar, stets nach Blut dürstend. Darum bedient sich des Geschlechtes Dämon der Weiber, um den Wechselmord stets zu erneuern. Nicht ist Klytaemnestra Agamemnons Gemahlin, sie gleicht ihr nur, in ihrer Weibesgestalt lebt der Dämon der Pleistheniden, der schon in dem hoffenden Schoß blutlechzende Gier weidet (v. 1475-1504).2.134

Uwe Wesel faßt Bachofens Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit wie folgt zusammen: (1) Hetarismus: Mißbrauch der Frauen durch die Männer; die Frauen leisten Widerstand gegen die Männer mittels Krieg; dies führt in der Folge zum (2) Amazonentum: ein unstetes Leben, deshalb wurde es wieder aufgegeben, es entstand daraus (3) die geordnete Gynaikokratie: damit verbunden Seßhaftigkeit in von den Frauen gegründeten Städten mit dem eigentlichen Mutterrecht und der Institution der Ehe. Die Frau lebte mit einem Mann; es herrschten die Frauen sowohl im Staat, als auch in der Ehe und dieser Gesellschaftszustand sei von den griechischen Historikern in Lykien beschrieben worden. Allmählich wird aber die Vorherrschaft der Frauen zurückgedrängt, zuerst im Staat und in der Folge in der Familie und der Übergang zum (4) Patriarchat eingeleitet; dieser geistige Prozeß war mit einer kulturellen Entwicklung verbunden, nämlich mit dem Übergang vom Weiblich-Stofflichen zum Männlich-Geistigen. Als extremste Form des Patriarchats versteht Bachofen die römische Paternität, also die unumschränkte Herrschaft des pater familias über die gesamte familia (Männer, Frauen, Kinder, Sklaven, Tiere) in Verbindung mit der römischen Staatsidee und ihrem männlichen Imperium.2.135

Ein weiteres Beispiel für den Kampf zwischen stofflichem und geistigem Recht findet sich in der Vorliebe der Frauen für grausame und barbarische Gewohnheiten, die Plutarch im Leben des Solon c.12 aus Anlaß der Kylonischen Unruhen beschreibt.


11 Epimenides kam zur Sühne der durch große Verbrechen entweihten Stadt aus Kreta nach Attika herüber. Die Einrichtungen, welche er traf, werden als eine Anbahnung der Solonischen Gesetzgebung geschildert. Seine Maßregeln gingen namentlich auch auf die Begräbnisse; er schaffte die grausamen und barbarischen Gewohnheiten ab, denen namentlich die Weiber ergeben waren. Medeische Taten berichtet die Überlieferung mehr als eine. Hippodamia und Nuceria morden ihrer Männer Liebeskinder. Blutszenen, wie die der lemnischen Weiber, knüpfen sich an Iodamas Kult. Um Eriphyles Halsschmuck opfert Kallirrhoe ihren Gemahl Alkmaeon (Plut. Parall.33. Etymol.magn. Pausan. 8, 24, 9. und 10, 20,2. Nonn. Dion. 42, 209 ff.).2.136

Selten aber doch zweifelt auch Bachofen an der Richtigkeit seiner genannten Quellen und gibt hier im Anschluß zu bedenken:


11 Die Geschichtlichkeit dieser einzelnen Ereignisse will ich dahingestellt sein lassen. Aber das ist nicht aus der Erinnerung des Menschengeschlechts geschwunden, daß die Zeit der Weiberherrschaft Erfahrungen der blutigsten Art über die Erde herausgeführt hat.2.137

Auch Bachofen gibt zu, daß es mehre Versionen ein und desselben Mythos gibt und schreibt über Lykien, daß jede Untersuchung über das Mutterrecht vom lykischen Volk ausgehen muß, da es über sie die bestimmtesten auch an Inhalt reichsten Zeugnisse gibt. Er bezieht sich zunächst auf die Aufzeichnungen der Athener in wörtlicher Übertragung, um für alles Folgende eine sichere Grundlage zu gewinnen. Bachofens Quellen sind dafür unter anderem Herodot, der über die Lykier folgendes schreibt:


11Sitten sind zum Teil kretisch, zum Teil karisch. Jedoch eine sonderbare Gewohnheit haben sie, die sonst kein anderes Volk hat: sie benennen sich nach der Mutter und nicht nach dem Vater. Denn wenn man einen Lykier fragt, wer er sei, so wird er sein Geschlecht von Mutterseite angeben und seiner Mutter Mütter herzählen, und wenn eine Bürgerin mit einem Sklaven sich verbindet, so gelten die Kinder für edelgeboren; wenn aber ein Bürger, und wäre es der vornehmste, eine Ausländerin oder ein Kebsweib nimmt, so sind die Kinder unehrlich.2.138

Bachofen findet dieses Zitat vor allem deswegen merkwürdig, weil die Namensgebung nach der Mutter erfolgt, und zwar in Verbindung mit der rechtlichen Stellung durch die Geburt steht, folglich sich als Teil einer in allen ihren Folgen durchgeführten Grundanschauung darstellt. Eine weitere Quelle für Bachofen ist Nicolaus Damascenus:


11Lykier erweisen den Weibern mehr Ehre als den Männern; sie nennen sich nach der Mutter und vererben ihre Hinterlassenschaft auf die Töchter nicht auf die Söhne.2.139
Der Vergleich zwischen Mutterrecht und Vaterrecht ist bei Bachofen ein wesentlicher Aspekt seiner Darstellung. Die beiden nachfolgenden Zitate stellen das Vaterrecht dem Mutterrecht gegenüber:

11System des Vaterrechts heißt es von der Mutter mulier familiae suae et caput et finis est. Das ist: so viel Kinder das Weib auch geboren haben mag, es gründet keine Familie, es wird nicht fortgesetzt, sein Dasein ist ein rein persönliches. In dem Mutterrecht gilt dasselbe von dem Manne.2.140

Bachofen findet seine Vorstellung vom Zusammenhang von Mutterrecht, der Institution der Ehe und des Ackerbaus, die die Grundprinzipien dieser Gesellschaftsorganisation darstellen, durch Plutarch bestätigt:


11 Das Prinzip des Ackerbaus ist das der geordneten Geschlechtsverbindung. Beiden gehört das Mutterrecht. Wie das Korn des Ackerfeldes aus der durch die Pflugschar geöffneten Furche ans Tageslicht tritt, so das Kind aus dem mütterlichen sporium; denn sporium nannten die Sabiner das weibliche Saatfeld, den `kepos (Garten, weibliche Scham)', woher spurii, die Gesäten, von `speiro (ich säe)'.2.141

Danach beherrscht das stoffliche Recht der Gynaikokratie den Ackerbau und die Ehe. Das Prinzip des Ackerbaus ist nach Bachofen die geordnete Geschlechterverbindung: Mutterrecht, Ehe und das Verbot außerehelichen Geschlechtsverkehrs stehen in engster Verbindung. Das matrimonium bezeichnet er als ,,Mutterehe``, die auf der Grundidee des Mutterrechts ruht, deshalb kann zunächst nur von einer materfamilias [Familienmutter] gesprochen werden. Nach dem Mutterrecht, gibt es wohl einen pater, aber keinen paterfamilias, dies sei ein erst später verwendeter Begriff. familia ist nach Bachofen ein rein physischer Begriff, und darum gilt er zunächst nur für die Mutter, die eine physische Tatsache sei; wohingegen der Vates stets nur eine juristische Fiktion darstelle. Daraus folgt nach Bachofen, daß der Mutter das Recht auf Adoption von Kindern   nicht zustehen kann. ,,In der Odysse (1,215) sagt Telemachus `Die Mutter sagt zwar, daß ich von ihm bin; ich aber weiß es nicht. Hat doch noch keiner je seine Abkunft selber genau gekannt!'(Schadewaldt).2.142


11 Die uterini galten mithin als näher verwandt und inniger befreundet als die consanguinei, ganz im Sinne des auf Naturwahrheit gegründeten Mutterrechts. matrimonium erscheint als ein Ausdruck höherer Liebe und entspricht so dem kretischen Ausdruck `liebes Mutterland', von welchem Plato in einer bald anzuführenden Stelle sagt, er enthalte einen ganz besonderen Grad von Anhänglichkeit, wie er in der Bezeichnung `Vaterland' nicht liege.2.143

Bachofen bezieht sich im Kapitel über Ägypten auf Welcker, der den Zusammenhang der Danaiden und der Bluthochzeit der Töchter des Danaos in der ,,Aeschylischen Triologie Prometheus`` (Darmstadt, 1824) hervorgehoben hat. Danach schließt die Gynaikokratie ein, daß sich die Frau selbst ihren Mann auswählt.


11 Die Herrschaft des Weibes beginnt mit ihrer eigenen Wahl. Die Frau wirbt, nicht der Mann. Die Frau gibt sich zur Ehe, sie schließt den Vertrag, sie wird weder von dem Vater noch von den Agnaten dem Manne gegeben. Dafür spricht, wie bemerkt, schon die innere Konsequenz. Dasselbe fordert aber auch das Vermögensrecht der Gynaikokratie. Wir haben oben gesehen, daß nach dem Mutterrecht nur die Tochter das Vermögen erbt, während der männliche Sprosse davon ausgeschlossen bleibt. Die Frau hat also eine Dos ohne Zutun des Vaters oder der Brüder, und dadurch wird sie in den Stand gesetzt, unabhängig von ihnen, ganz selbständig, eine Ehe abzuschließen. Daß diese Konsequenz richtig ist, das beweist Herodots Nachricht von den Frauen Lydiens: ,,Die jungen Töchter der Lyder verkaufen sich alle und sammeln sich ihre Aussteuer, bis sie in die Ehe treten. So statten sie sich selbst aus``.2.144

Die Bestätigung dafür liefert ein von Pausanias (3,12,2) erhaltene Version des Danaidenmythos: Danaos verkündet, um seine durch Mord befleckten Töchter zu verheiraten, daß er keine Sponsalien und keine Brautgabe verlange, seine Töchter werden aber selbst wählen, wer ihnen am besten gefalle. Da nur wenige bereit waren, sich der Wahl zu stellen, veranlaßte der Vater eine Änderung des Systems: der Sieger im Wettkampf des Schnellaufs hat die Wahl der Braut. In den unterschiedlichen Versionen dieses Mythos geht immer wieder die Abscheu vor der erzwungenen Verbindung als Angelpunkt des ganzen Ereignisses hervor. Der erzwungene Ehebund ist es, den die Mädchen als Verletzung ihres höchsten Rechtes betrachten, dem sie selbst den Tod vorziehen würden und den sie, da er nun doch auferlegt wird, durch die Bluthochzeit rächen. Die freie Wahl wird als Grundgesetz gesehen, der in der Religion selbst begründeten Gynaikokratie. Die frevelnden Aegyptiaden müssen deshalb ermordet werden. Die Danaiden haben die heilige Pflicht, ihre Freiheit und Herrschaft im Haus, durch den Mord des eigenen, ihnen aufgezwungenen Gatten zu rächen. Nach dem Standpunkt der Gynaikokratie durften Frauen nicht Selbstmord begehen. Sie mußten handeln und damit das Recht der Gynaikokratie durch Mord aufrechterhalten. Im Selbstmord hätten die Männer gesiegt, aber sie mußten unterliegen. Bachofen sieht in den Danaiden die Heldengröße der Amazonen, die lieber blutig und grausam als mild und liebreich heißen wollen.2.145

Bachofen behandelt im ,,Mutterrecht`` die sogenannte ,,amazonische Ausartung``: darunter versteht er, daß die Frauen selbst durch ihre kriegerischen Feldzüge gegen die Männer zum Untergang des Mutterrechts beigetragen und dadurch dem Vaterrecht zu seiner heutigen Stellung verholfen hätten.

Im Bienenstaat sieht Bachofen - wie auch andere Autoren - die Grundlage und das Vorbild für die Gynaikokratie. Bereits im antiken Athen wurde der Biene vielfach eine hohe Stellung in der Entwicklung des Menschengeschlechts eingeräumt. Bachofen zitiert Virgil:


11 Das Bienenleben zeigt uns die Gynaikokratie in ihrer klarsten und reinsten Gestalt. Jeder Stock hat eine Königin. Sie ist die Mutter des ganzen Stammes. Neben ihr steht eine Mehrzahl männlicher Drohnen. Diese sind zu keinem anderen Geschäfte bestimmt als zu dem der Befruchtung. Sie arbeiten nicht und werden darum, wenn sie die Bestimmung ihrer Existenz erfüllt haben, von den weiblichen Arbeitsbienen getötet. So stammen alle Glieder des Stocks von Einer Mutter, aber von einer größeren Anzahl Väter. An diese knüpft sie keine Liebe, kein Band der Anhänglichkeit. Die Drohnen werden von ihren eigenen Kindern aus dem Stock geworfen oder in der sogenannten Drohnenschlacht erstochen. Durch die Befruchtung der Mutter haben sie ihren Beruf erfüllt und werden nun dem Untergang geweiht. Gegenüber der Königin ist das Verhältnis der Bienen ebenso innig als lose und feindlich gegenüber den vielen Vätern. Zauberähnliche Anhänglichkeit verbindet sie mit dem Wesen, dem sie ihre Entstehung verdanken, und welche allein die Gesellschaft zusammenhält. Keine fremde Biene wird geduldet, es müssen alle Kinder und Enkel derselben Mutter sein. Ist die Königin tot, so lösen sich alle Bande der Ordnung. Es wird nicht mehr gearbeitet. Jede Biene sucht für sich ihre Nahrung, bis sie zu Grunde geht. Die Honigwaben werden geplündert und alles rastlos Gebaute zerstört. Daher verteidigen die Bienen bis zum äußersten die Mutterkönigin, welche sich auch durch größere Gestalt von dem Volke unterscheidet. Virgil (Georg. 4, 154-218), wie die übrigen alten Schriftsteller, sprechen von einem rex, während genauere Naturbeobachtung das Muttertum der regina wie das männliche Geschlecht der Drohnen dargetan hat. Die Königin ist die Mutter des Stocks. Sie hat kein anderes Geschäft als nur das, zu gebären. Sie legt ein Ei nach dem andern in die dazu bestimmten Zellen. Die daraus hervorgehenden Bienen werden keine Mütter, sie führen ein jungfräuliches, durchaus nur der Arbeit und dem Erwerbe gewidmetes Leben. Durch diese Eigenschaften ist der Bienenschwarm das vollständigste Vorbild der ersten menschlichen, auf der Gynaikokratie des Muttertums beruhenden Vereinigung, wie wir sie in den Zuständen der genannten Völker finden.2.146

Als weiteren Beleg für die Richtigkeit seiner Analogie zitiert Bachofen zusätzlich Aristoteles der die Biene höher stellt als die Menschen jener Zeit, ,,weil das große Naturgesetz in ihnen viel vollkommener und fester zum Ausdruck gelange als bei den Menschen selbst...``2.147 Die Verherrlichung der Bienenkönigin findet Bachofen auch in der indischen Sitte, die bei Hochzeiten die Genitalien der Braut mit Honig bestreichen.2.148 Weiters heißt in Deutschland die Honigblume Melisse, das Mutterkraut, das bei weiblichen Geschlechtskrankheiten als besonders heilkräftig galt. Nach Bachofen gehören Honig und Milch zum Muttertum, der Wein aber dem männlichen dionysischen Naturprinzip an.2.149

Erstaunlich ist, daß der Bienenstock als eine großartige soziale Organisation interpretiert wird, trotz der Drohnenschlacht. Gleichzeitig wird die Amazonenherrschaft als das überhaupt widerwärtigste dargestellt. Weder den antiken Autoren noch Bachofen wurde offenbar der Widerspruch aus der Analogie bewußt, warum die Bienenkönigin das Idealbild des Mutterrechts repräsentieren könne - problematisch ebenso die Arbeitsbienen, die immer nur als fleißige und emsige Insekten bezeichnet werden, obwohl sie sofort nach der Befruchtung der Königin jede einzelne Drohne töten. Niemals wird bei den Bienen von derselben Blutrünstigkeit gesprochen, die den Frauen in der amazonischen ,,Ausartung`` des Mutterrechts geradezu aufgezwängt wurde. Bis heute werden die Bienen als soziale Insekten bezeichnet, warum eigentlich? Eine Möglichkeit der Interpretation könnte sein, daß die Arbeitsbienen geschlechtslose Wesen sind und nicht zur Fortpflanzung des Stocks dienen. Deshalb ist es ihnen erlaubt, die Drohnen nach der Befruchtung der Königin zu töten, damit das Überleben des Bienenstocks gesichert wird und die gesammelte Nahrung nicht mit den Drohnen geteilt werden muß. Die überflüssig gewordenen Drohnen fallen also dem Wohl der Gemeinschaft der weiblichen Bienen zum Opfer.

Die Gynaikokratie der Bienen unterscheidet sich von derjenigen der Amazonen dadurch, daß sie keinen Bellerophon kennt, der die Gynaikokratie bekämpft und schließlich besiegt. Bachofens Haltung zur Figur des Bellerophon zeigt allerdings - wie anscheinend der Amazonenmythos selbst - eine gewisse Ambivalenz. Einerseits tritt Bellerophon als Bekämpfter und Besieger der Amazonen hervor, andererseits weicht er vor dem Anblick der Weiblichkeit zurück und kann dieser die Anerkennung nicht versagen, sodaß das lykische Mutterrecht geradezu auf ihn, als dessen Begründer, zurückgeführt werden kann. Bachofen schreibt zum Amazonentum,


11 ... diese höchste Ausartung des Weiberrechts, wird durch den Sisyphussprößling, den korinthischen Helden, vernichtet. Die männerfeindlichen, männertötenden, kriegerischen Jungfrauen erliegen. Aber das höhere Recht des der Ehe und seiner geschlechtlichen Bestimmung wiedergegebenen Weibes geht siegreich aus dem Kampfe hervor. Nur die amazonische Ausartung der weiblichen Herrschaft, nicht das Mutterrecht selbst findet seinen Untergang. Dieses ruht auf der stofflichen Natur der Frau. In den mitgeteilten Mythen wird das Weib der Erde gleichgestellt. [..] Die männlich zeugende Kraft räumt dem empfangenden und gebärenden Stoffe das höhere Recht ein. Was die Erde, aller Dinge Mutter, gegenüber Poseidon, das ist das irdische, sterbliche Weib gegenüber Bellerophon. ,,Ge (Erde)`` und ,,Gyne (Frau)`` oder Gaia erscheinen als einander gleichgeordnet. Die Frau vertritt die Stelle der Erde und setzt der Erde Urmuttertum unter den Sterblichen fort.2.150

Bachofen schreibt selbst, daß der Beweis der Existenz der amazonischen ,,Staaten`` nicht erbracht werden kann, denn es bleiben immer Zweifel an den historischen Wahrheiten. Die von ihm betrachteten Mythen stoßen immer wieder auf Gegensätze, die aber meist nicht als solche erkannt wurden. So heißt es z.B. über die Bekämpfung der Amazonen im Zusammenhang mit den überlieferten Traditionen:


11 Durch die Lichtmächte wird das amazonische Mondprinzip vernichtet, die Frau ihrer natürlichen Bestimmung wiedergegeben, und dem geistigen Vaterrechte für alle Zeiten die Herrschaft über das stoffliche Muttertum erworben. Die größte Übertreibung führt zu dem gänzlichen Sturze. Nur in Verbindung mit dem Mutterrechte und der damit vereinigten Kriegsübung  (Herod.4, 26, besonders Athen. 13, 10. 83. Diodor. 2, 34, 5f.) wird das Amazonentum Asiens und Afrikas eine begreifliche Erscheinung; denn trotz aller Verschönerung, mit der Sage und Kunst um die Wette es ausgeschmückt haben, ist die historische Grundlage der alten Nachrichten, die Strabo (II, 504. 505) mit so nichtigen Gründen anficht, nicht zu bezweifeln. Man hat geleugnet, wo es sich darum handelte, zu verstehen. Darin liegt die Schwäche heutiger Forschung: sie bemüht sich weniger um die antike als um die moderne Idee, bringt Erklärungen, die mehr der heutigen als der alten Welt entsprechen, und endet so notwendig in Zweifel, Verwirrung und trostlosem Nihilismus. Amazonischer Staaten   Existenz zu beweisen ist unmöglich. Aber das bringt die Natur der Historie überhaupt mit sich. Keine einzige geschichtliche Überlieferung ist je bewiesen worden. Wir horchen allein dem Gerüchte. Traditionen solcher Art anfechten heißt [...] wider Jahrtausende streiten; sie nach dem Stande der heutigen Welt beurteilen, mit Alcaeus `nicht den Löwen nach der Klaue malen, sondern den Himmel und die ganze Welt nach Docht und Lampe verändern.'2.151

Immer wieder wird in den antiken Schriften die Herrschaft des Weibes im Haus als das größte Übel angesehen. Aristoteles schreibt zum Beispiel:


11männliche Geschlecht ist mehr geeignet zu herrschen, als das weibliche. Es ist ein Unterschied zwischen den Tugenden des Mannes und jenen der Frau, zwischen der männlichen und weiblichen Tapferkeit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit. Die männliche Tapferkeit ist zum Führen, die weibliche zum Folgen geeignet, und so ist es auch mit den anderen.2.152

Diese nüchterne Formulierung des Aristoteles wurde von den zeitgenössischen Griechen kaum bezweifelt. Sie steht in merkwürdigem Kontrast zu den Materialien Bachofens zu den ,,gynaikokratischen`` Formen der Sozialorganisation bei den Kretern und Lykiern. Bachofens Einstellung zur ,,Gynaikokratie`` blieb allerdings durchgängig ambivalent: einerseits finden sich bei ihm sehr viele negative Formulierungen zu den ,,Grausamkeiten`` mutterrechtlicher Gesellschaften. Andererseits verstand er sich selbst als Entdecker2.153 einer universalen Stufe in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Diese Ambivalenz setzt sich bis heute fort.

Die Widersprüchlichkeit in Bachofens Werk und die auf 1000 Seiten dargestellte Mutterrechtsidee läßt jeden, der es will, auch seine eigenen Vorstellungen verwirklicht sehen, so kam auch ein Gemisch aus Utopie und Göttinnenkult, das bis heute in den Köpfen mancher herumgeistert, zustande.



 
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Isabella Andrej
1999-03-04