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2.1.5.2 Der Einfluß der deutschen Rechtswissenschaft auf andere Länder

Die deutsche Rechtswissenschaft im europäischen Rechtsdenken entwickelte sich zur beherrschenden Größe. Richtig ist, daß der Code civil Vorbild für jene Völker wurde, die das Privatrecht kodifizieren wollten; dies gilt für die Niederlande, Belgien, Italien und Spanien. Die deutsche Rechtswissenschaft wurde auf dem Gebiet, im Sinne der Auslegung des Rechts, als Wissenschaft führend: wie die Juristen im 12. Jahrhundert nach Italien, im 16. Jahrhundert nach Frankreich und im 17. Jahrhundert in die Niederlande kamen, so strömten jetzt die Studenten an die großen Rechtsfakultäten Deutschands (darunter waren auch einige englische Juristen). Auch die exegetische Schule der Interpretation des Code civil in Frankreich stand unter dem Einfluß der Pandektisten. Zur Zeit Napoleons hat der Code civil auch im Rheinland gegolten und war bis Ende des 19. Jahrhunderts in Kraft. Die deutschen Juristen schrieben Erläuterungen, die teilweise ins Französische übersetzt wurden. Das italienische bürgerliche Gesetzbuch erschien kurz vor der Einigung Italiens im Jahre 1865 und hatte die Pandektenwissenschaft als Vorbild. In England des 19. Jahrhunderts wurde die Debatte zwischen Befürwortern einer Rechtsreform mit Mitteln der Gesetzgebung und deren Gegnern, die weiterhin mit den Begriffen der römischen Rechtswissenschaft verhaftet waren, geführt. Grund dafür war, daß das römische Recht als Lehrfach eine bedeutende Rolle bei der Reform der englischen Juristenausbildung im 19. Jahrhundert spielte. Oxford und Cambridge hielten am römischen Recht fest, die Rechtsschulen in London stellten die Arbeit ein. Bereits im 18. Jahrhundert ist an den alten Universitäten der Unterricht vom englischen Recht eingeführt worden; die Kommentare von Blackstone zum englischen Recht nach dem ,,System der Institutionen`` waren das Ergebnis.2.115

Vor dem 19. Jahrhundert gab es keinen Rechtsunterricht in England, der mit irgendeinem anderen westeuropäischen Land vergleichbar gewesen wäre. Es kam zur Gründung des University College in London durch die Unterstützung des Rechtshistorikers Jeremy Bentham (1748-1832), Lehrstühle sowohl für englisches Recht als auch für jurisprudence (Rechtstheorie) wurden eingerichtet. John Austin (ein Schüler Benthams) erhielt 1826 den Lehrstuhl für Rechtstheorie und reiste sofort nach Bonn, um sich für die Aufgabe vorzubereiten. Auf der Suche nach einer allgemeinen Theorie des Rechts kam er zur Überzeugung, daß das römische Recht, so wie es in Deutschland gelehrt wurde, richtig für ihn sei. Er fand die systematische Struktur sowie eine streng durchgeführte Analyse der allgemeinen Rechtsbegriffe in den Werken von Savigny, dessen ``Recht des Besitzes``, er als ein Meisterwerk bewunderte und als das perfekteste aller juristischen Bücher, gemeinsam mit Thibauts ,,System des Pandektenrechts`` bezeichnete. Der Unterschied dieser beiden Werke und Bücher über das englische Recht war auffallend:


11 Wenn man sich vom Studium des englischen Rechts dem Studium des römischen Rechts zuwendet, entkommt man der Herrschaft von Chaos und Finsternis und befindet sich im Vergleich dazu im Reich von Ordnung und Licht.2.116

Austin übernahm die Rechtstheorie von Bentham, jedoch bei der Analyse der Rechtsbegriffe lehnte er sich an die Theorien der deutschen Pandektisten an. Im Jahr 1845 veröffentlichte Nathaniel Lindley, später Lord Lindley, sein Buch mit dem Titel: ,,Introduction to the study of Jurisprudence``, eine Übersetzung des allgemeinen Teils von Thibauts ,,System des Pandektenrechts``, anschließend schrieb er 1859 einen Beitrag im ,,Law Magazine`` über das römische Recht:


11 Es ist offensichtlich, daß seine Definitionen und Kategorien, seine Denkweise und die innere Verbindung seiner einzelnen Teile für uns unvergleichlich wichtiger sind als das Detail seiner konkreten Regeln. Das bleibende Verdienst des römischen Rechts ist es, daß es das Produkt eines Volkes ist, das gerade zu diesem Zweck in die Geschichte eingetreten ist, und zwar zu einer Zeit, da die Begabungen einzelner Völker für besondere Aufgaben deutlicher zutage traten und klarer voneinander unterscheidbar waren, als das heute der Fall ist. Daher können wir nicht mehr darauf verzichten, uns von den Römern Recht lehren zu lassen, wie wir auch nicht darauf verzichten können, uns von den Griechen in der Kunst unterrichten zu lassen.2.117

Die deutsche Rechtswissenschaft übte ihren Einfluß in verschiedenen Bereichen auf das englische Fallrecht (case law) aus. Bei Fragen, wie z.B. der Rechtsfähigkeit von juristischen Personen, der Lehre vom Besitz mit seinen objektiven und subjektiven Elementen und der Notwendigkeit eines Konsenses, d.h. einer Willensübereinstimmung im Vertragsrecht, spiegelte das englische Recht Mitte des 19. Jahrhunderts die Lehren der Pandektisten wider, die als universell gültige Begriffe einer allgmeinen Rechtstheorie angesehen wurden.2.118

In der zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand in England eine neue, auf dem römischen Recht aufbauende und von den Pandektisten beeinflußte, Theorie. Danach bildet sich das Recht ohne Notwendigkeit von Gesetzgebung aus sich selbst heraus. Sir Henry Sumner Maine (1822-1888) hat diese Theorie in seinem Buch ,,Ancient Law. - Seine Verbindung zur Geschichte der frühen Gesellschaft und sein Verhältnis zu modernen Lehren`` (1861) zusammengefaßt.2.119

Der britische Kolonialbeamte Maine versuchte mit seinem ,,Ancient Law`` (Antikes Recht) die Ursprünge und die unterschiedlichen rechtlichen Konzepte in der Tradition von Adam Ferguson (1723-1816) und Charles de Montesquieu (1689-1755) zu erklären. Beide, Bachofen und Maine, postulierten in ihren Werken, daß die europäische Familie das Resultat der evolutionären Modifikation sei, die von den antiken Verwandtschaftsformen ausgegangen waren.2.120 Maine gilt heute als Begründer der vergleichenden Rechtswissenschaft. Er arbeitete den Unterschied zwischen frühen ,,niederen`` Gesellschaften, in denen persönliche Verwandtschaftsbindungen die wesentliche Grundlage des Zusammenhalts darstellten (Status-Gesellschaften) und den späteren ,,höher stehenden`` Gesellschaftsformen, wo der Zusammenhalt auf unpersönlichen Bindungen im Territorialstaat gründete (Vertrags-Gesellschaft), heraus. Die allgemeine Evolution des Rechts sei eine stetige Entwicklung vom Status-Recht im Verwandtschaftsverband zum Vertrags-Recht im Territorialverband, wie Maine in seinem Werk feststellte. Die Unterscheidung zwischen societas als frühes und civitas als späteres Entwicklungsstadium findet sich auch bei weiteren Evolutionisten, wie z.B. bei Morgan.2.121

Der schottische Jurist und Evolutionist John Ferguson McLennan (1827-1881) beschäftigte sich mit den wesentlichen Themen der Anthropologie: Heiratsregeln, Inzest, Frauenraub, prägte die Begriffe ,,Exogamie`` und ,,Endogamie``. Nach Justin Stagl postulierte McLennan gegen die von H.S. Maine vertretene Lehre von der patriarchalen Familie als Keimzelle des Staates eine Entwicklungsreihe der menschlichen Familie von der Gruppenpromiskuität über matriarchale Polyandrie und patriarchale Polygynie zur Monogamie.2.122 McLennan2.123 beschreibt in seinem Hauptwerk ,,Primitive Marriage. - An Inquiry into the Origin of the Form of Capture in Marriage Ceremonies``, sowohl bestimmte Regeln des Frauenraubs, als auch Regeln gegen Ehen zwischen Mitgliedern desselben Stammes. Als Anwalt war er wenig erfolgreich, nicht sprachgewandt und wandte sich gegen die Konventionen des Rechtsberufes. Er stand dem Recht insgesamt sehr kritisch gegenüber:


11would perhaps be difficult to determine which class of human directory laws has been, on the whole productive of the greatest amount of human misery.2.124

Bachofen (1861) und Morgan (1884) prägten den Begriff ,,Mutterrecht`` und postulieren einen universellen ,,mutterrechtlichen`` Zustand von frühen Gesellschaften. Zur Beweisführung verwendete Bachofen ausschließlich Mythen, um seine Vorstellungen über die Gesellschaftsentwicklung darzustellen: während der Vorherrschaft des Mutterrechts sei die Sozialordnung in erster Linie auf der Mutter begündet gewesen; sie unterlag dem weiblichen Prinzip in Verbindung mit Muttergottheiten, deren religiöse Bedeutung vor allem in der Fruchtbarkeit lag. Unabhängig von Bachofen waren auch John Ferguson McLennan und Lewis Henry Morgan zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Durch die Idee des Mutterrechts wurde erstmals der allgemeine Glaube an die Ursprünglichkeit und Naturgegenheit der monogamen, patriarchalischen Familie erschüttert.2.125


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Isabella Andrej
1999-03-04