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2.1.5.1 Pandektenwissenschaft

Pandektenwissenschaft ist die Methode, mit der sich die deutschen Juristen des 19. Jahrhunderts den Texten des römischen Rechts näherten. Grundlage war die Naturrechtslehre, die das Recht als eine Art von juristischer ,,Mathematik`` betrachtet hatte.2.106

Die deutschen Romanisten weigerten sich, den Weg des römischen Rechts zurückzuverfolgen, wie es die Kommentatoren und Juristen der niederländischen Schule taten, sondern sie wollten durch den erneuerten Humanismus in den Texten die inneren theoretischen Strukturen aufdecken. Friedrich Karl von Savigny (1779-1861) stellte fest, daß Donellus der einzige der frühen Rechtsgelehrten war, der eine klare Vorstellung hatte, was die wissenschaftliche Beherrschung des römischen Rechts ausmacht: nämlich die tatsächliche Sachherrschaft, die bestimmte Willenserklärungen seitens des Besitzers verlangte. Dies führte bei Savigny zum Ergebnis, daß das grundlegende Prinzip des Besitzers eine Äußerung des menschlichen Willens darstelle. Er faßte die Besitz betreffenden Texte des römischen Rechts zusammen und begründete mit seinem Buch ,,Recht zum Besitz`` seinen Ruhm als Rechtsgelehrter.2.107

Savigny hoffte, die von den Pandekten abgeleiteten wissenschaftlichen Begriffe für die Lösung der Probleme seiner Zeit einsetzen zu können. Das große Problem in den deutschen Ländern zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Lage der Bauern, vor allem die auf ihnen ruhenden Lasten aus den Überresten des Feudalsystems. Nach ,,Gemeinem Recht`` hatten die deutschen Bauern die Rechtsstellung der coloni des römischen Rechts. Nach klassischem römischen Recht wurde die Bezeichnung coloni für freie Bauern und Pächter verwendet, die jedoch keine Sicherheit beim Besitz des bewirtschafteten Landes hatten. Diese Rechtsstellung des colonus wurde später im römischen Recht geändert. Den Bauern wurde die Bindung ans Land auferlegt und dies führte wiederum zur mittelalterlichen Leibeigenschaft. Savigny wies nach, daß der Begriff des Colonats das Ergebnis der Niederlage des römischen Rechts war, und deshalb auch kein Vorbild für die leibeigenen Bauern des 19. Jahrhunderts sein konnte. Das reine römische Recht hatte das Vorbild eines freien Bauerntums - wie die Plebejer in der Frühzeit der römischen Republik Gleichberechtigung mit den Patrizieren verlangten - so sollten auch die deutschen Bauern unbeschränktes Eigentum an Grund und Boden erhalten. Nach der Vorstellung von Savigny käme es dadurch zur Verbesserung ihrer Lage, wenn das reine römische Recht der klassischen Zeit wieder Geltung erlangen würde.2.108

Donellus hat gezeigt, daß es im reinen römischen Recht kein geteiltes Eigentum gab, wie aber konnte man das dominium directum (eigentliches Eigentum) des Lehensherrn und das dominium utile (nutzbares Eigentum) des Vasallen und ihre jeweiligen Rechte qualifizieren? Antworten wurden darauf gesucht: der römische Begriff der Dienstbarkeit, d.h. dingliche Belastung eines Grundstückes, dient zur Beschreibung der Rechte der Lehensherrn und Vasallen. Die Dienstbarkeit ist entweder persönlicher oder dinglicher Natur. Die wichtigste persönliche Dienstbarkeit war der Nießbrauch; dieser diente lange Zeit für das Recht des Vasallen, in der Besonderheit, daß der Vasall vererbliches Recht hatte. Will man Vasallen als eigentliche Eigentümer ansehen, so muß das beim Lehensherrn verbleibende Recht nur noch mit einer Grunddienstbarkeit, etwa mit dem Wegegeld, vergleichbar sein, und dieses Recht konnte durch Verjährung erlöschen.2.109

Die Suche nach dem gereinigten römischen Recht zur Problemlösung in den deutschen Ländern hatte bei den Richtern und Praktikern wenig Erfolg. Letztere wollten nach streng juristischen Argumenten die Befreiung der Bauern von den Lasten des Lehenssystems erreichen. Erst im Gefolge der Revolution von 1848 wurde die Bauernbefreiung durch Gesetzgebung vollendet. Savigny sah keinen Widerspruch zwischen historischen Studien und Pandektenwissenschaft; beide beleuchten zwei Seiten derselben Erscheinung. Seine Nachfolger widmeten sich der Pandektenwissenschaft weniger historisch und bewegten sich eher in die Richtung einer Wissenschaft des positiven Rechts. Um 1850 wird ein römisches Recht gefordert, daß die materialistischen Wertvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft zum Ausdruck bringen sollte. Gleichzeitig setzte die nachdrückliche Forderung nach Kodifizierung ein; 1861 trat das kodifizierte Handelsrecht für ganz Deutschland in Kraft, das auf den Handelsbräuchen beruhte und nicht auf römischem Recht.2.110

Da das römische Recht bei der Gestaltung von vertraglichen Abmachungen große Freiheiten ließ und sich nicht mit den komplizierten juristischen Instrumentarien des modernen Handelsverkehrs beschäftigte - worauf Max Weber hinwies - wie Rentenbrief, Inhaberpapiere, Aktie, Wechsel, Handelsgesellschaft, Hypothek (Kapitalanlagen), welche im römischen Recht nicht vorhanden waren. Die Romanisten konzentrierten sich auf die Arbeit am Inhalt des bürgerlichen Gesetzbuches. Das römische Recht mußte von den Elementen gereinigt werdem, die an eine nichtindustrielle Gesellschaft erinnern, in der es entstanden war und sich an eine am Handel und Industrie orientierte Gesellschaft anpassen. Die Romanisten machten die Pandektenwissenschaft zur Basis der materiellen Regeln des neuen Gesetzbuchs und behaupteten so, daß das Gesetz unpolitisch, unparteiisch sei, und sie selbst als Vertreter dieses Rechts über alle Politik erhaben wären.2.111

Nach Jhering beruht das römische Recht, nicht wie die Naturrechtler behaupteten, auf moralischen Prinzipien, sondern auf ökonomischen Notwendigkeiten. Das Leitprinzip sei ,,Selbstsucht``. Für ihn war die ideale Grundlage der Rechtsentwicklung eine langsame und beständige Entwicklung des Rechts, um ein mögliches Gleichgewicht zwischen bewahrenden und fortschrittlichen Kräften zu schaffen. Als Beispiele für Völker mit diesem Gleichgewicht sieht Jhering das antike Rom sowie auch England. ,,Der Charakter eines fortschrittlichen Volkes, wie es die Römer gewesen waren, beruhte gerade auf der Fähigkeit, sich fremde Ideen und Institutionen zu eigenen zu machen. [$\ldots$] Daraus zog Jhering den Schluß, daß sich die Fortschrittlichkeit eines Rechts nicht am Maße seiner Anpassung an den Nationalcharakter erweise, sondern an der `Universalität'. 1857 gründete Jhering die `Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts'``. Im 1. Heft verkündet er das Motto: ,,Durch das römische Recht über das römische Recht hinaus``. Ein weiterer Aufsatz beschäftigte sich mit der Lehre von der culpa in contrahendo, d.h. der Lehre von der Haftung für Pflichtverletzungen beim Abschluß eines Vertrages, für den Fall, daß der Vertrag nicht wirksam zustande kommt.2.112

Windscheid veröffentliche 1856 sein Buch mit dem Titel: ,,Die Actio des römisches Rechts``. Nach ,,Savigny war die römischen Actio noch dasselbe, was sie schon für Donellus gewesen war, d.h. Klagen waren das auf dem Prinzip der Gerechtigkeit basierende Mittel zur Durchsetzung von subjektiven Rechten, die auch schon unabhängig von den Klagen bestanden``. Demgegenüber führte Windscheid den Beiweis, daß der Prätor als Repräsentant des römischen Staates immer dann Klagebefugnis gewährte, wenn dies aus rechtspolitischen Gründen sinnvoll war, ohne auf das subjektive Recht Rücksicht zu nehmen. Die modernen Pandektisten gaben keine Erklärung, welcher politischen Theorie sie anhingen. Die Rechtswissenschaft, die sie im römischen Recht entdeckt hatten, wie sie glaubten, offenbarte ein höchst individualistisches Recht, das den Spielraum für Vertragsfreiheit ohne jede Rücksicht auf Ungleichgewicht beim Aushandeln der Vertragsbedingungen vergrößerte, bot damit dem Privateigentum den größtmöglichen Schutz und verringerte gleichzeitig die Verantwortlichkeit der Unternehmer für Schäden, die sie anderen Menschen durch ihre Geschäfte zufügen könnten auf ein Minimum.2.113

Die Errungenschaften der Rechtswissenschaft wurden von Windscheid im ,,Lehrbuch des Pandektenrechts`` (zwischen 1862 und 1870) zusammengefaßt. Dieses Werk hatte großen Einfluß auf den Inhalt des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) von 1900. Das System des BGB unterliegt nicht der strengen Ordnung der juristischen Institutionen, sondern war von früheren Systemen beeinflußt, insbesondere dem geometrischen System des christlichen Naturrechts, das mit seinem Fortschreiten vom Generellen zum Besonderen auf Pufendorf und Domat zurückgeht. Die Betonung liegt auf dem Rechtsgeschäft, das im wesentlichen mit dem Begriff des negotiom bei Althusius identisch ist und jede Willenserklärung umfaßt, mit der jemand eine Äußerung seiner rechtlichen Lage bewirken will.2.114


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Isabella Andrej
1999-03-04