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2.1.4 Die Evolution des Rechts

In diesem Abschnitt wird vor allem auf die, von den klassischen Evolutionisten angenommene gesellschaftliche Abfolge: von der mutterrechtlichen über die vaterrechtliche zur modernen monogamen Gesellschaftsorganisation eingegangen. Ausführlich sollen die Fragen diskutiert werden, warum gerade die mutterrechtlich organisierten Gesellschaften am Anfang der Menschheitsgeschichte gestanden haben sollen, und warum das Interesse der Autoren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem auf die rechtliche Stellung der Frau gerichtet war? Folgende Gründe könnten dafür ausschlaggebend gewesen sein:

1.
Die Stellung der Frau in der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts war extrem ungünstig; dies galt auch für die meisten übrigen Länder Europas und auch für die USA. Nirgends waren die verheirateten Frauen in der westlichen Welt ihren Ehemännern gleichgestellt, häufig - wie z.B. in England verloren sie nach der Eheschließung überhaupt alle Rechte; sie waren keine Rechtsperson mehr;
2.
erste Anzeichen einer beginnenden Frauenbewegung: Solidarisierung der Frauen gegen ihre Schlechterstellung; das wiederum könnte zur Folge gehabt haben, daß
3.
es Männer - vor allem die Männer des Bürgertums - wegen ihrer gesellschaftlichen Normen, am meisten getroffen hat. Arbeiterinnen verdienten zwar schlechter als ihre Männer, aber sie waren nicht im selben Ausmaß den sozialen Unterschieden des Geschlechts unterworfen wie die Bürgerfrauen. Wohl deshalb haben bürgerliche Männer sich in ihrer bisher unangetasteten Überlegenheit bedroht gefühlt.
4.
Bachofen glaubte mit seinem ,,Mutterrecht`` den Beweis zu liefern, daß es in ferner Vergangenheit Gesellschaften gegeben habe, in denen die Frauen statusmäßig über den Männern gestanden hätten. Sofern es solche noch geben sollte, so würden sie in Regionen leben, die von Europa weit entfernt lägen. Allein die Vorstellung einer solchen ,,mutterrechtlichen`` Gesellschaft muß für die Zeitgenossen erschreckend gewesen sein. Bachofens ,,Mutterrecht`` wurde von seinen wissenschaftlichen Zeitgenossen abgelehnt. Obwohl er diese Kulturstufe negativ belegte, erschien ihnen seine Theorie als irreales Hirngespinst. Die feministischen und auch marxistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts sahen dagegen in Bachofens Theorie gerade den Ansatzpunkt für eine Neubewertung: für sie war die patriarchale Ordnung schlecht und die Gesellschaft sollte wieder zu ihren Ursprüngen, der mutterrechtlich-organisierten Ordnung, zurückkehren.

Bachofen, Morgan, McLennan, wie auch Maine hatten eine juristische Ausbildung genossen; deshalb vermuten wir, daß das römische Recht und seine Entwicklung zugleich den Ausgangspunkt ihrer evolutionistischen Gesellschaftstheorien darstellte. Zum Unterschied des schriftlich festgehaltenen und weiterentwickelten, damit den komplexeren Gesellschaftsformen im römischen Reich ständig angepaßten Form des römischen Rechts, wollten beide, Maine und Bachofen, eine ähnliche Entwicklung in der Gesellschaftsorganisation bei den schriftlosen Völkern rekonstruieren. Hier aber lag die Schwierigkeit. Bachofen verwendete ausnahmslos Mythen, die ihm quasi als historische Quellen dienten, zur Beweisführung seiner Theorie der Gesellschaftsentwicklung. Er verkannte aber den Unterschied zwischen schriftlich fixierten Gesetzestexten, die nur einen einzigen Bereich der Gesellschaft abdecken und den wesentlich vielfältigeren Mythen, die nicht nur die Gesellschafts- und Weltordnung erklären, sondern darüber hinaus einem ständigen Wandel und Anpassungsdruck der religiösen, sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Wirklichkeiten der Vergangenheit auf die Gegenwart übertragen. Wir kennen heute nur wenige Formen der einzelnen Mythen, die die Zeit überlebt und irgendwann aufgeschrieben wurden. Und diese Verschriftlichung der Mythen wurde häufig nicht von jenen durchgeführt, die sich diese Mythen mündlich erzählten, sondern sind erst viel später von den Griechen und Römern interpretiert, verändert und aufgeschrieben worden.

Bachofen hat die Bedeutung der mythischen Tradition für seine Untersuchung zum ,,Mutterrecht`` immer wieder betont. Nach seiner Meinung erscheinen die mythischen Überlieferungen als getreuer Ausdruck des Geschehens jener lang vergangenen Zeiten,


11... in welchen die geschichtliche Entwicklung der alten Welt ihre Grundlagen hat, als die Manifestation der ursprünglichen Denkweise, als unmittelbare historische Offenbarung, folglich als wahre, durch hohe Zuverlässigkeit ausgezeichnete Geschichtsquelle.2.49
Aber Marianne Weber schreibt dazu, daß zu den wirklichen Urzuständen der Menschen keine einzige Quelle zurückreiche. Sie bezweifelt, daß alle Völker die gleiche Entwicklung durchlaufen haben, denn auch die heutigen ,,primitiven`` Völker haben bereits eine wechselvolle Entwicklung hinter sich. Wenn nun die Geschlechterbeziehungen rekonstruiert werden sollen, so bleiben - nach Marianne Weber - Ähnlichkeiten immer problematisch.2.50

Lewis Henry Morgan war Rechtsanwalt, Eisenbahnspekulant und Politiker. Er setzte sich vor allem für die Rechte der Indianer ein. Seine auf Kumulation technologischer Fortschritte beruhenden Evolutionsreihen von drei Wirtschafts- und Gesellschaftsformen (Dreiperiodensystem: Wildheit - Barbarei - Zivilisation) verband er mit der Entwicklung der Familie, ausgehend von Promiskuität über matrilineare und patrilineare Polygamie zur Monogamie, sowie der Entstehung des Staates, vom Verwandtschaftsprinzip (societas) zum Territorial- und Eigentumsprinziup (civitas). Morgan ist der Entdecker der klassifikatorischen Verwandtschaftsterminologie. Sein Einfluß auf Marx und Engels ist nicht zu übersehen und in der Folge wurde er zum ,,Klassiker`` der marxistischen Ethnologie.2.51


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Isabella Andrej
1999-03-04