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2.1.3 Evolutionstheorien und ihre Fehlinterpretationen

Bei der kritischen Auseinandersetzung mit den evolutionistischen Theorien spielt die Frage, ob ihre Vertreter ausschließlich an eine ,,unilineare Evolution`` dachten, oder ob sie auch an Diffusion von Kulturelementen und Verzweigungen innerhalb der Evolution gedacht hatten, eine wichtige Rolle. Julian Steward prägte den Begriff der ,,multilinearen Evolution``, obwohl er sich selbst nicht wirklich von der Vorstellung einer unilinearen Evolution gelöst hatte.

Das Postulat der unilinearen Evolution des 19. Jahrhunderts bezeichnet Marvin Harris als einen Mythos, da die Evolutionisten systematisch falsch interpretiert worden seien. Marvin Harris schreibt z.B. zu Spencer:


11 When we turn to Spencer, there is not the remotest resemblance between his view of evolution and the unilinear stereotype. Indeed, despite Spencer's strong conviction concerning the lawfulness of sociocultural change, he was actually more ,,multilinear than either Julian Steward or Karl Wittfogel``.2.38
Marvin Harris zitiert weiters Robert Carneiro (1967), der in diesem Zusammenhang über Spencer folgendes festhält:

11 Thus Spencer was not only not a unilinear evolutionist, he was not even a linear evolutionist
$\ldots$ he saw evolution as a process of successive branchings in which increased heterogeneity goes hand in hand with increased complexity.2.39

Die Annahme, daß die evolutionären Zustände als fixe Sequenzen zu sehen seien, die jede Gesellschaft durchlaufen müsse, wie dies Julian Steward2.40 (1955) in ,,Theory of Culture Change`` als die ,,klassische evolutionäre Formulierung`` des ,,unilinearen Evolutionismus`` bezeichnete, war in erster Linie Morgans Standpunkt. Dennoch war Morgan bewußt, daß es Unterschiede zwischen Gesellschaften in derselben Periode in der östlichen und westlichen Hemisphäre unzweifelhaft gegeben hat. Gleichzeitig warnt er aber davor, diese Unterschiede überzubewerten. Morgans Hauptinteresse an der Geschichte galt eben eher den Gemeinsamkeiten als den Unterschieden.2.41

Zu der Unterstellung, daß alle Evolutionisten nur von einer unilinearen Evolution ausgegangen seien, gehöre - so Marvin Harris - auch der Mythos, daß sie jegliche Diffusion leugneten. Vor allem die deutschsprachigen und britischen diffusionistischen Schulen unterlagen diesem Mißverständnis von Diffusion versus unabhängigen Erfindungen. Durch sie wuchs die Fehlinterpretation, daß die Evolutionisten des 19. Jahrhunderts die Bedeutung der Diffusion abgelehnt hätten. Die Theorien der Vertreter der Wiener Schule (Adolf Bastian, Wilhelm Schmidt und Fritz Graebner) somit deren Trennung von unabhängigen Erfindungen (invention) und Diffusion sei aus zwei Gründen falsch, wie Marvin Harris schreibt:


11 First, it does not accurately reflect the position of the evolutionists, none of whom proposed, as a matter of principle, that similarities had developed more frequently from independent invention than from diffusion. And the dichotomy is also logically and empirically false, because it rests on the unsupportable notion that independent invention and diffusion are fundamentally different processes.2.42

Nach Lowie ist die Unterscheidung zwischen unabhängigen Erfindungen und Diffusion bzw. welche davon bedeutender seien, völlig unwichtig. Weder das eine noch das andere erklärt irgend etwas, sondern beide sind Bezeichnungen für einen einzelnen Prozeß der Veränderung. Die Frage lautet vielmehr: Was erreichen wir, wenn wir uns selbst sagen, daß zwei Gesellschaften ähnlich sind, weil sie Kontakte zueinander haben oder hatten? Denn wenn alle Gesellschaften zueinander direkte oder indirekte Beziehungen mit allen anderen gehabt hätten, dann müßten heute alle Gesellschaften gleich sein, was aber in keiner Weise zutrifft. Außerdem müssen Ähnlichkeiten nicht unbedingt durch Kontakte entstehen.2.43

Die Unterscheidung zwischen unilinearer und multilinearer Evolution sowie unabhängigen Erfindungen und Diffusion sollte in Beziehung zu einem weiteren Mißverständnis gesehen werden, nämlich zwischen paralleler und konvergenter (zusammenlaufender) Evolution. Die Definition im Sinne von Marvin Harris: Bei der parallelen Evolution evolvieren Gesellschaften von ähnlichen Ausgangspunkten und Bedingungen unabhängig voneinander. In der konvergenten Evolution evolvieren Gesellschaften durch unterschiedliche Stufen und Wege zu einem ähnlichen Zustand.2.44 Den Boas-Anhängern z.B. galt die konvergente Evolution als Ausnahme akzeptabel. Hingegen war die Annahme einer parallelen Evolution extrem selten und wurde - in Verbindung mit der angeblichen unilinearen Evolution - mit Tylor, Morgan oder Spencer identifiziert.2.45 Morgan schloß explizit Diffusion als einen Mechanismus mit ein, bei welchem die Einheit von sozio-kultureller Evolution möglich gemacht werde. Weder Tylor noch Morgan nahmen an, daß die Geschichte aller Gesellschaften auf eine identische Serie von Transformationen zurückzuführen sei. Unterschiedliche Wege der Evolution wurden ebenfalls erkannt, aber beide, Morgan und Tylor glaubten, daß ,,... in the long run, parallelism and convergence acted to insure a substantial degree of global uniformity.``2.46

Lowie schreibt 1937, daß Gesellschaften (cultures) zu komplex sind, als daß man sie auf eine chronologische Abfolge (formulae) reduzieren könnte; ihre Entwicklung ist hauptsächlich divergent, nicht parallel. Die einzige historische Trennlinie ist diejenige, die Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft trennt.2.47 Lowie gebrauche jedoch die Unterscheidung nicht konsistent, so jedenfalls die Kritik von Marvin Harris.

Leslie White (1900-1975) als Neo-Evolutionist vertrat im Gegensatz zu den Kulturrelativisten die Auffassung, daß es jeden gesunden Menschenverstand widerspreche, wenn man leugne, daß eine Gesellschaft einer anderen überlegen sein könne. Er führt das Beispiel der Maya Mesoamerikas an, die eindeutig höher standen als die Feuerländer und ebenfalls sei die alphabetische Lautschrift eine Verbesserung (Vereinfachung) gegenüber der Rebus- oder Silbenschrift. Weiters meint er, daß eine Gesellschaft auf einer höheren Stufe anzusiedeln sei, wenn die Sicherung der Existenz des einzelnen Menschen besser gewährleistet sei. Gleichzeitig entwarf er für die Berechnung der Entwicklungshöhe einer Gesellschaft eine mathematische Formel, aber bislang wurde nicht einmal ansatzweise versucht, ein zuverlässiges Zahlenwerk in die Formel einzusetzen, denn der Fülle der Wechselwirkungen könnte es niemals gerecht werden.2.48 Auch Leslie White hat sich als Neo-Evolutionist nicht von gesellschaftlichen Wertungen - ausgehend von der eigenen Gesellschaft - lösen können und hat damit die Fehler der Evolutionisten weitergeführt.


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Isabella Andrej
1999-03-04