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2.1.2 Grundlagen des klassischen ethnologischen Evolutionismus

Für die Evolutionisten waren ähnliche Kuturelemente zunächst der sichere Beweis dafür, daß alle Kulturen denselben Entwicklungsgesetzen unterliegen, trotzdem konnte niemand die Diffusion von Ideen und Dingen grundsätzlich bezweifeln. E.B. Tylor diskutierte in seinen Schriften den Widerspruch von Theorie und Wirklichkeit, zwischen endogamen Kulturwandel und der Notwendigkeit die kulturelle Diffusion anerkennen zu müssen. Die Widersprüche wurden aber von den Evolutionisten des 19. Jahrhunderts nicht ausdiskutiert, sondern eher verdrängt.2.27

Die theoretischen Grundlagen der klassischen ethnologischen Evolutionisten waren nicht einheitlich. Den Evolutionisten ging es vor allem um die chronologische Ordnung der Gesellschaftsentwicklung von der Menschwerdung bis zu den ersten Hochkulturen aus dem Blickwinkel von gesellschaftlichen (kulturellen) Entwicklungsstadien. Es wurden Gesetze der Abfolge aufgestellt, ohne auch nur das Forschungsproblem zu sehen, daß es sich bei diesen ,,Gesetzen`` nur um höchst intuitive, empirisch kaum begründbare Spekulationen handeln konnte. Die Autoren mußten nur bereit sein, jede dieser Theorien auf zumeist zweifelhafte Quellen aufzubauen, und jenes Material, das nicht ins vorgefaßte Schema paßte, einfach als nicht relevant abzutun.2.28

Darwins Werk ,,On the Origin of Species`` (1859) war aber nicht - wie vermutet werden könnte - ausschlaggebend für die Formulierungen in den ersten Publikationen der ethnologischen Evolutionisten.2.29 Drei Jahre vor Darwins Buch erschien eine Serie von Vorlesungen des Schweizers Johann Jakob Bachofen zum Thema ,,Das Mutterrecht`` (1856) in Stuttgart. Bachofen stützte sich vor allem auf griechische und römische Quellen und interpretierte diese.

Tylor war der erste, der die methodischen Schwächen sah und der den Wert der ethnologischen Quellen diskutierte. Sein später allgemein akzeptierter Schluß, daß jede menschliche Geschichte eine Bewegung sei, brachte die hitzige Kontroverse erstmals auf ein wissenschaftliches Niveau. Tylor verwendete für seine Forschungen folgende Quellen:

1.
antike Schriftsteller: Herodot, Strabo, Lucretius;
2.
spanische Chronisten: Oviedo, Garcilaso de la Vega, Sarmiento;
3.
frühe Berichte von Jesuiten und Missionaren: wie die von Charleroix, Colden, Lafitau und Dobrizhoffer;
4.
Erzählungen von großen Entdeckern: wie Columbus, Cook und vielen anderen, die in den Publikationen der ,,Hakluyt Society`` zugänglich waren.2.30

Der Grundgedanke der Evolutionisten war, daß alles, was einfacher, primitiver, brutaler, abstruser, grausamer oder einfach unverständlicher für sie anmutete, entsprechend alt zu sein hat. Sie übernahmen das prähistorische ,,Dreiperiodensystem`` als historische Basis für die materielle Kultur. Tylors Vorschlag dazu war, eine chronologische Ordnung mit Hilfe von ,,survivals`` zu gewinnen. Als Survival bezeichnet er Reste aus einer früheren Gesellschaftsphase, die in der Gegenwart keinen wirklichen Sinn mehr besitzen, aber trotzdem in der Tradition verankert sind.

Die Hauptthesen Tylors waren: (1) der Evolutionismus, (2) die Doktrin des Animismus, (3) die Theorie der Adhäsion und (4) das Konzept des Survivals. Tylors ,,Research into the Early History of Mankind and Development of Civilization`` erschien 1865 und stellte eine Vorarbeit für sein Hauptwerk ,,Primitive Culture`` (1871) dar. 1881 publizierte er sein populärstes Buch mit dem Titel ,,Anthropology``; danach folgten keine weiteren Bücher, aber viele Artikel. Sein bedeutendster ist ,,On a Method of Investigating the Development of Institutions; Applied to the Laws of Marriage and Descent``, der 1889 im Journal of the Royal Anthropological Institute abgedruckt wurde.2.31 Tylor veranschaulichte seine Auffassung über die Institutionen der Menschheit, die sich überall in bestimmten Reihenfolgen im Sinne von geologischen Schichten ohne Verzweigungsmöglichkeiten überlagerten. Noch heute spielt die Vorstellung der Überschichtung zeitlich früherer Gesellschaften durch spätere in der ethnologischen Theorienbildung häufig eine wichtigere Rolle als die Selektionslehre von Darwin.2.32

Das Survival-Konzept blieb beim Studium religiöser und sozialer Faktoren in der Ethnologie als methodisches Verfahren ohne Wirkung, weil der Nachweis kaum zu erbringen war. In der Ur- und Frühgeschichte wurde deshalb das Survival nur auf die materielle Kultur bezogen und entwickelte sich zum wichtigsten Instrument der ,,typologischen Methode``. Die eigentliche Schwierigkeit bei der evolutionistischen Interpretation lag bei den religiösen und sozialen Faktoren, die ebenfalls unter dem Aspekt der Entwicklung gedeutet wurden. Es gibt aber für eine historische Zuordnung keine objektiven Kriterien. Häufig waren die vielen, oft widersprechenden ,,Entwicklungsstufen``, die Ergebnisse rein subjektiver Werturteile, die sich bei Tylor auf die viktorianische Moral als letztendlicher Bewertungsmaßstab stützten. Tylor hatte selbst ausdrücklich davor gewarnt und doch konnte er die eigenen persönlichen Wertvorstellungen nicht gänzlich bei seinen Arbeiten ausschließen. Besonders verwerflich waren für die Evolutionisten die Vorstellungen von Kannibalismus und Kopfjagd, die sie als sehr frühes Gesellschaftselement sahen, obwohl sie erst in viel jüngeren Phasen auftraten.2.33

Die ,,reine Kultur`` entsprach dem unilinearen Entwicklungsmodell Morgans, denn ,,Mischkulturen`` enthielten nach seiner Ansicht zusätzliche nichtdeutbare Elemente, d.h. sie seien ,,durch äußere Einflüsse`` verfälscht worden.2.34 Eine weitere Schwäche des Evolutionismus war die Neigung zur Betonung der vermeintlichen Unterentwicklung, die naive Vorstellung, daß die europäische Kultur in allem überlegen sei. Die Europäer glaubten, den rechtmäßigen Anspruch auf alle Kontinente und Bewohner zu haben, den außereuropäischen Völkern galt nur Verachtung, Bevormundung und/oder herablassendes Mitleid. Der Begriff des ,,edlen Wilden`` war für die Evolutionisten völlig wirklichkeitsfremd und unlogisch.2.35

Die Suche nach den Ursprüngen und Entwicklungslinien in allen gesellschaftlichen Bereichen - wie Religion, Mythen, Sprache, Kunst, Recht, Heirat, Feuer, Technik, etc. - standen im Mittelpunkt ihrer Forschung. Von den Ursprüngen über die einzelnen Stufen hinweg hätten sich aufeinanderfolgend matrilineare und patrilineare Abstammungsgruppen gebildet, bis sich endlich die monogame Familie entwickelte. Ähnliches galt für die Weltbilder, die sich von Magie über Religion zur Wissenschaft wandelten. Dabei wurde Magie als nicht-ethischer Aberglaube verstanden und führte zur Trennung zwischen Magie und Religion. Die Anfänge jeder Gesellschaft wurden als primitiv, niedrig, wild, barbarisch, roh, unzivilisiert usw. verstanden; deshalb wurden sie als ,,Menschen im Zustand der Natur`` bezeichnet, deren Verhalten von Naturzwängen, nicht aber von gesellschaftlichen Institutionen geregelt wurden. Erst nach Überwindung dieser unwürdigen Gesellschaftszustände führte der Weg der Entwicklung zur abendländischen Zivilisation, mit den technischen Errungenschaften und der ,,einen`` religiösen Wahrheit, dem Christentum. Die gesellschaftliche Entwicklung wurde als ,,geplanter`` Vorgang verstanden, der zwangsläufig zum Ziel der europäischen Hochkultur führen müsse.2.36

Den klassischen Evolutionisten ging es, so Raum, eher um die Vorstellung des Fortschritts als um die gesellschaftliche Evolution der Menschheit. Der allgemeine Fortschritt im Sinne der Erlangung immer höherer Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung muß jedoch von der Tatsache der Vervollkommnung (advance) einzelner Kulturelemente unterschieden werden: das Verhältnis der biologischen zur gesellschaftlichen Evolution, das Verhältnis von Geschichte und Evolution waren die wichtigsten Fragen, die der Evolutionsgedanke aufwarf.2.37


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Isabella Andrej
1999-03-04