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Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werden Antworten auf folgende Fragen gesucht: Warum gibt es überhaupt matrilineare und uxorilokale Gesellschaften, wenn doch in allen Gesellschaften die Männer die wichtigsten politischen Entscheidungspositionen innehaben? Gleichzeitig habe ich mir die Frage gestellt: Wie konnte Ende des 19. Jahrhunderts von einer Mehrzahl der für die Ethnologie so bedeutenden Autoren Theorien aufgestellt werden, die den matrilinearen Gesellschaften eine Vorstufe für die ,,zivilisierten`` patrilinear-organisierten Gesellschaften zuwiesen? Die Grundkonzepte der ,,klassischen`` Evolutionisten gleichen sich auf erstaunliche Weise in allen entscheidenden Punkten, vor allem aber beim Durchlaufen von verschiedenen Gesellschaftsstadien mit unterschiedlichen Rechts-, Besitz- und Herrschaftsstrukturen. Die Auseinandersetzung mit den Evolutionstheorien des 19. Jahrhunderts und den einzelnen Autoren werden in den ersten beiden Kapiteln behandelt, teilweise die späteren Fehlinterpretationen erläutert, und es wird auf Hintergründe eingegangen, die zu ihren Vorstellungen geführt haben könnten.

Als Methode für die Beantwortung dieser Fragen standen archäologische Befunde, historische Quellen, Oraltraditionen, Linguistik, Feldforschungsberichte mit unterschiedlichen Ansätzen und Fragestellungen, Reiseberichte von Abenteurern, Kolonialbeamten, Missionaren, aber auch die Lebensgeschichte von Mary Jemison, eine anglo-amerikanische Frau, die in die irokesische Gesellschaft adoptiert wurde, zur Verfügung.

Die Mytheninterpretationen von Johann Jakob Bachofen in seinem Werk ,,Das Mutterrecht`` (1861) führten zu den Fragestellungen für das vorliegende 1. Kapitel: ,,Familialisierung von sozialen Beziehungen``. Seine Vorstellungen der ,,Gynaikokratie`` und die Auswirkungen auf die von den Frauen ,,beherrschten`` Männer, die in der ,,amazonischen Ausartung`` des Mutterrechts, in ihrer Verzweiflung das alte System stürzten und endlich die zivilisierte, männlich-dominierte Welt schufen, mit allen Konsequenzen für die ab nun ,,beherrschten`` Frauen. Diese Annahmen galt es zu hinterfragen und dies wurde mit einigem Aufwand versucht.

In der amerikanischen Literatur finden sich zahlreiche Hinweise - z.B. Kathleen Gough (1975): ,,The Origin of the Family`` - über die Familialisierung, die aber im Gegensatz zu den Evolutionisten davon ausgehen, daß die Familialisierung bereits vor der biologischen Evolution zum Homo sapiens abgeschlossen und gleichzeitig die Voraussetzung für die ,,Menschwerdung`` war. Es werden in diesem Zusammenhang folgende Fragen erörtert: Wie verlief die biologische Evolution der Hominiden und welche Bedeutung hatte dabei die Familialisierung? Es wird begründet, daß die Familialisierung der Sozialbeziehungen die wesentlichste soziale Veränderung darstellte. Die Rekonstruktion der Sozialbeziehungen vor 70.000 Jahren stößt dabei aber auf erhebliche Schwierigkeiten. Es muß ausschließlich von theoretischen Grundannahmen ausgegangen werden; es gab mit einiger Sicherheit keine wie immer geartete ,,Herrschaft``. Segmentäre Gesellschaften sind bis heute überwiegend egalitäre Gesellschaften, d.h. es wird entweder ein Konsens gefunden oder es findet eine Segmentierung der Gesellschaft statt, oder eine Form von Migration.

Weiters wird die Frage der Universalität der Kernfamilie gestellt und auf einzelne Definitionen zur ,,Kernfamilie`` eingegangen. George Peter Murdock hatte bereits in seinem Werk ,,Social Structure`` (1949) die Kernfamilie als universelle Institution der menschlichen Gesellschaft nachgewiesen, was aber für manche Autoren - wie z.B. vom Soziologen Rolf Eickelpasch (1974) - nicht als allgemein gültig angesehen wird, sondern es werden erneut Ausnahmen wie z.B. bei matrilinearen Gesellschaften gesucht und auch - nach seiner Interpretation - gefunden. Der Soziologe Eickelpasch nimmt tatsächlich an, daß die ,,matrilineare Familienorganisation`` eine einseitige Solidarität bilde; dazu kann nur festgestellt werden, daß hier einige Mißverständnisse vorliegen. Denn die Kernfamilie selbst ist weder patrilinear noch matrilinear, denn sie wird fast ausschließlich zwischen nicht-verwandten Personen geschlossen, die Kinder dieser Kernfamilie stammen ausschließlich von den Eltern ab, zu welcher Abstammungsgruppe sie insgesamt gehören, wird durch die Gesellschaftsnormen geregelt. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und ihre Aufgaben und Verpflichtungen innerhalb der Kernfamilie sind dabei ein wesentlicher Faktor.

Die Annahme, daß Frauen immer unter einer männlichen Dominanz litten, wird an weiteren Beispielen hinterfragt. In der Literatur wurden häufig der Geschlechtsdimorphismus und die Versorgung der abhängigen Kleinkinder als Ursache für die Unterordnung der Frauen genannt. Diese Annahmen konnten widerlegt werden, denn der Geschlechtsdimorphismus ist beim Menschen kein wesentliches Merkmal, entscheidend ist hingegen die Art der Sozialisierung, z.B. die Anerziehung von aggressivem Verhalten gegenüber Nicht-Mitgliedern einer Gesellschaft. Wesentlich ist aber auch die Bewertung der Tätigkeit im Bezug auf das Geschlecht. Nach Sally Slocum (1975) sei die Überbewertung der Jagd dafür verantwortlich. Denn es steht außer Frage, daß die Mehrheit der rezenten Jäger- und Sammlergesellschaften vorwiegend von der Sammeltätigkeit (mit Ausnahme der Arktis) der Frauen leben und dennoch gilt Fleisch als Delikatesse und wird deshalb mehrheitlich höher bewertet, gerade weil es seltener auf dem Speiseplan steht. Am Beispiel der !Kung Bushmen werden die Beziehungen der Geschlechter zwischen den traditionellen Jägern und Sammlern und den bereits seßhaften Teilen der Gesellschaft dargestellt. Hier gilt aber, daß die !Kung Bushmen eine der wenigen Gesellschaften sind, bei denen dieser Übergang beschrieben wurde und deshalb kann nicht angenommen werden, daß der soziale Wandel immer so ausgesehen haben muß. Es konnte aber gezeigt werden, daß ,,Herrschaft`` innerhalb einer nomadisierenden Gesellschaft, die von jagen und sammeln lebt, niemals existieren kann, weder zwischen den Geschlechtern noch zwischen Männern und Männern oder zwischen Frauen und Frauen. Beide Geschlechter sind aufeinander angewiesen, um das Überleben ihrer Nachkommen zu sichern.

Die Veränderungen in der Sozialorganisation traten erst ein, als die Notwendigkeit für das Überleben von einzelnen Gruppen bestand. Nicht weil sie einen höheren Gesellschaftszustand erreichten, sondern aus Mangel an Nahrung. Deshalb gibt es gleichzeitig und nebeneinander Gesellschaften, die jagen und sammeln und andere, die wiederum nur mehr saisonale Wanderungen unternehmen, bis hin zu einem permanenten Wohnort in Dörfern oder Städten. Grundsätzlich kann angenommen werden, daß ein gesellschaftlicher Wandel nur dann einsetzt, wenn die Bedürfnisse durch die vorhandenen Möglichkeiten nicht mehr gedeckt werden können, und dies gilt bis heute. Menschen, die sich an einem permanenten Wohnort ansiedeln, sind gezwungen, neue Konfliktlösungsstrategien zu entwickeln, um das Zusammenleben zu bewältigen. ,,Herrschaft`` ist aber dabei nicht das Mittel zum Zweck, sondern Konsensfindung, d.h. es müssen politische Strukturen entstehen, die zur Konfliktvermeidung beitragen. Solange die Konfliktlösung durch Segmentierung möglich ist, kann es grundsätzlich innerhalb der Gesellschaft keine Herrschaft geben. Gibt es keinen gemeinsamen Nenner, so wird sich vom Dorf eine Gruppe abspalten und ihre eigenen Wege gehen. Ein permanenter Wohnort bedeutet aber auch geschlechtliche Arbeitsteilung. Frauen sind nicht mehr Partnerinnen auf den gemeinsamen Wanderungen der Kernfamilie, sondern sie werden sich vermehrt im oder um das Haus aufhalten. Dadurch können ihre Kinder besser versorgt werden und haben größere Überlebenschancen.

Im 2. Kapitel wird dem Recht entscheidende Bedeutung gewidmet. Am Beginn stehen die ethnologischen Evolutionisten des 19. Jahrhunderts, die mehrheitlich eine juristische Ausbildung (Bachofen, Morgan, McLennan, Maine) hatten und ihre Vorstellungen auf andere Gesellschaften übertrugen, um ihre eigene Position zu bestätigen. Die europäische Rechtsgeschichte wird als wesentlich für die evolutionistischen Interpretationen angesehen, dabei vor allem das römische Recht, das mit dem Code civil die Grundlage für ein frauenfeindliches Rechtssystem in Europa schuf. Teilweise sollten die problematischen evolutionistischen Annahmen - in bezug auf die Stellung der Frau in der Vergangenheit - im 20. Jahrhundert wieder aufgenommen werden. Bachofens Mytheninterpretationen verleitete unter anderem einige Autorinnen, Teile seiner Darstellungen für ihre Zwecke zu benutzen, um das ,,Goldene Zeitalter`` der Frauen wiederzufinden. Dazu kann aber nur festgestellt werden, daß diese Autorinnen verabsäumt haben, sich mit einer Gesellschaftstheorie der Ethnologie auseinanderzusetzen. Unbestritten bleibt, daß das verschriftlichte Recht, insbesondere das Familienrecht in Europa, gravierende Auswirkungen auf die Stellung der Frau innerhalb der Familie und als Rechtsperson hatte.

Die Evolutionisten trafen nun auf segmentäre Gesellschaften, die sie nach ihren juristischen Kriterien klassifizierten und bewerteten. Männer mußten feststellen, daß es auch andere Möglichkeiten des Zusammenlebens von Kernfamilien gibt, d.h. Frauen hatten bestimmte Rechte, die ausschließlich den männlichen Evolutionisten in ihrem Gesellschaftssystem zustanden. Daraus schlossen sie, daß Frauen über den Männern stehen, letztendlich sie ,,beherrschen`` mußten. Die Vorstellung, daß es Gesellschaftssysteme geben könnte, wo es weder einen ``Herrscher``, ,,König`` oder ,,Papst``, etc. gibt, war und ist teilweise bis heute noch immer ein Verständnisproblem.

Es fällt auf, daß der Titel des Buches von Bachofen nicht heißt ,,Herrschaft der Frauen``, sondern ,,Das Mutterrecht`` - also der Rechtsaspekt im Vordergrund steht. Bachofen und die anderen oben genannten Evolutionisten waren ausgebildete Juristen, die nicht von der heute anerkannten Rechtsethnologie ausgingen, sondern die unter anderem im römischen Recht geschult waren. Nach dem römischen Recht - bzw. dem Code civil - kommt der Frau in der Gesellschaft eine sehr untergeordnete Rechtsstellung zu. Genau deshalb war dieses Recht auch im 19. Jahrhundert dafür ,,funktional``, um die damals in Europa übliche rechtliche Minderstellung der Frau zu ,,kodifizieren``. Aufgrund ihrer juristischen Weltsicht erschien den Evolutionisten offenbar die Gleichstellung von Mann und Frau in segmentären Gesellschaften wie eine ,,Herrschaft`` von Frauen.

Im folgenden 3. Kapitel wird auf Theorien zur Entstehung von unilinearer Abstammung in Verbindung mit bevorzugter Maritalresidenz eingegangen. Das Gewohnheitsrecht ist grundsätzlich flexibel und bildet die Grundlage für das Zusammenleben von Menschen. In Jäger- und Sammlergesellschaften gibt es weder Patrilinearität noch Matrilinearität - es müssen im wesentlichen die Exogamieregeln eingehalten werden -, aber es gibt kaum strikt einzuhaltende Heiratsvorschriften, von einem ,,Wohnort`` kann bei einer ständig wandernden Gruppe ohnehin nicht gesprochen werden, folglich kann es auch keine Residenzregeln geben. Wir finden überall dagegen hohe Mobilität zwischen den Gruppen und daher wechselnde soziale Zusammensetzungen.

Wie oben bei den !Kung Bushmen schon angedeutet, ändert sich dies mit dem Übergang zum Garten-/Bodenbau und damit zur Seßhaftigkeit grundlegend: Nun spielen Abstammungs- bzw. Verwandtschafts- und Residenzregeln eine wesentlich bedeutendere Rolle. Im Regelfall gibt es nach diesem Übergang noch kein ,,Privateigentum`` an Grund und Boden, sondern Nutzungsrechte von Verwandtschaftsgruppen. Dasselbe gilt für die Viehherden bei den Viehzüchtern. Folglich kann das Erbrecht nicht die Bedeutung haben, die ihm die Evolutionisten zuschrieben. Dennoch verlassen Bodenbauern nicht freiwillig das Land, in das sie viel Arbeit investiert haben. Trotzdem finden wir auch bei Bodenbauern immer wieder größere Migrationsbewegungen (wie z.B. die ,,Völkerwanderung`` in Europa vom 3. Jahrhundert v.Chr. an). Die Ursachen dafür können vielfältig sein: klimatische Veränderungen, Bevölkerungszuwachs, kriegerische Auseinandersetzungen, etc.

William Tulio Divale geht in seinem Artikel: ,,An Explanation for Matrilocal Residence`` (1975) von der Hypothese aus, daß zwischen Migration, externaler Kriegführung und dem Übergang zur matrilokalen Residenz ein unmittelbarer Zusammenhang bestehe. Er unterzieht seine Hypothese einer statistischen Überprüfung und konnte den ,,Beweis`` liefern, daß die bisher angenommenen Ursachen für das Vorkommen von matrilinearen Gesellschaften nicht relevant sind. Bisher wurde angenommen, daß klimatische Bedingungen, die Art des Bodenbaus und der Anteil der Frauen an der Produktion der Nahrungsmittel ausschlaggebend für die Entstehung eines matrilinearen Gesellschaftssystems wären. Der theoretische Ansatz von Divale bildet die Grundlage für die Betrachtung der nachfolgenden empirischen Beispiele, die im Hinblick auf Migration, Art der Kriegführung und Übernahme von matrilinearer Deszendenz und uxorilokaler Residenz erörtert werden. Am Beispiel der irokesischen Stämme, die auch in der Statistik von Divale angeführt werden, konnte die Hypothese bestätigt werden. Je flexibler und anpassungsfähiger eine Gesellschaft auf Konflikte reagiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit des Überlebens ihrer eigenen Traditionen und ihrer Unabhängigkeit, in Verbindung mit militärischer Überlegenheit. Die alte Ordnung der irokesischen Stämme verschwand erst durch die aufgezwungene Übersiedlung in Reservate, die einen unmittelbaren Bruch mit ihren bisherigen Lebensgewohnheiten mit sich brachte.

Nach dem Ansatz von Divale erfolgt der entscheidende Wandel zunächst nicht zur Matrilinearität, sondern zur Uxorilokalität. Wenn dies so sein sollte, stellen sich zwei Fragen: Warum erfolgt aus den von ihm genannten Faktoren der Übergang von Patrilokalität zur Uxorilokalität? In welchem Zusammenhang steht dieser Übergang mit dem Vorkommen oder Nicht-Vorkommen von Matrilinearität? Sein Ansatz bietet folgende Erklärung: (1) Kriegerische Ereignisse oder andere Ursachen zwingen eine größere Gruppe zur Migration in eine fremde Umgebung. (2) Das neue besetzte Territorium ist häufig nicht ganz ,,menschenleer`` - trotz dünner Besiedlung -, sondern muß erobert und verteidigt werden, dabei bilden sich zeitlich ausgedehnte Krieger-Camps und Kriegszüge in etwas weiter entferntere Gebiete etc., insgesamt also eine zeitlich relativ lange Abwesenheit der Männer/Krieger, während dessen die Frauen eine Wohn- und Produktionsgemeinschaft bilden, die auch ohne einen Gutteil der Männer auskommt. Nur die tapferen Krieger sind abwesend. In dieser Übergangsphase erscheint es so, als hätten nur die Lineages der Frauen einen direkten Bezug und Anspruch auf Grund und Boden (Uxorilokalität). Weiters besteht wegen der Unsicherheit über die Rückkehr der Männer das Problem, über welchen Elternteil das Kind ,,verwandtschaftlich`` definiert wird. Aus dieser Problemlage heraus erfolgt, so jedenfalls Divale, der Übergang zur Matrilinearität. Sofern dies zutrifft, ergeben sich für die ,,Theorie matrilinearer Gesellschaften`` zwei wesentliche Konsequenzen:

1.
Matrilinearität ist nichts Ursprüngliches, sondern das Resultat eines sekundären Anpassungsprozesses, welcher den Übergang zur Uxorilokalität nachgefolgt ist. Das Primäre wäre die Uxorilokalität gewesen, d.h. die Bildung von einer Wohn- und Produktionsgemeinschaft von Frauen bei gleichzeitiger Abwesenheit eines Großteils der Männer.
2.
Matrilinearität ist keine Form von wie immer gearteter ,,Herrschaft von Frauen``, sondern eine Anpassung an neue Umstände, die dann auch auf der Seite der Männer zu einer dauerhaften Umstellung der Organisation ihrer Kriegführung führte: Da die Bewohner der umliegenden Dörfer direkte Verwandte (z.B. Brüder) sind, darf es bzw. sollte es keine kriegerischen Konflikte geben; die Kriegführung verlagert sich gegen weiter entfernt residierende Feinde - Divale nennt dies ,,externale Kriegführung`` - dies wiederum bedingt zeitlich längere Abwesenheit der Männer, was umgekehrt die solidarische Wohn- und Produktionsgemeinschaften der Frauen immer wieder herstellt.

Die nachfolgenden Kapiteln 4 und 5 widmen sich den Regionalgebieten Afrika und Südostasien, wobei jeweils eine lokale Einschränkung stattfindet: in Afrika werden vier matrilineare Gesellschaften innerhalb des sogenannten ,,matrilinearen Gürtels`` als empirische Beispiele gewählt, und für Südostasien ausschließlich die Minangkabau auf Sumatra. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß für Südostasien noch zahlreiche weitere matrilineare Gesellschaften als Vergleich genannt werden könnten, aber es erschien mir wesentlich, nicht nur einen Überblick von matrilinearen Gesellschaftssystemen zu geben, sondern tiefer in die Vergangenheit einzudringen, um überhaupt über die heutige Situation etwas aussagen zu können. Gerade im Zusammenhang mit Migrationsbewegungen in der Vergangenheit war ein historischer Rückblick notwendig.

Im 4. Kapitel wird ein historischer Überblick über die Migrationsbewegungen der bantu-sprachigen Bevölkerung in Afrika gegeben, soweit es die vorhandenen Quellen zulassen. Daran anschließend wird versucht, auf die Entstehungsgeschichte einzelner Chiefdoms einzugehen. Im 16. und 17. Jahrhundert führten kriegerische Auseinandersetzungen zur Bildung von zentralisierten politischen Einheiten. Als zentrales Thema wird dabei der Zusammenhang zwischen Migration, Kriegführung und die Übernahme von Uxorilokalität betrachtet, sowie der heutige Übergang zur Patrilokalität und Patrilinearität. Jan Vansina (1992) unterscheidet in seinem Aufsatz mit dem Titel ,,Population Movements and Emergence of New Socio-political Forms in Afrika`` zwischen vier Arten der Nahrungsproduktion, die einzelne Gruppen immer wieder zu Wanderungen zwangen. Hingegen zählt er zu den ungewöhnlichen Wanderungsbewegungen: Expansion, Diaspora, Massenmigration, Band-Migration und Elite-Migration. Diese unterschiedlichen Wanderungsbewegungen von Gruppen sind ausschlaggebend für die Rekonstruktion der Vergangenheit. Über die Elite-Migration wird z.B. vor allem in Oraltraditionen berichtet, hingegen werden durch die Massenmigration zahlreiche Nebeneffekte ausgelöst: während der Wanderung werden unterschiedliche Gruppen integriert, entweder freiwillig oder militärisch unterworfen, oder einzelne Bevölkerungsgruppen fliehen vor der Übermacht. Insgesamt löst jede Massenmigration einen Schneeballeffekt aus, der zur Neuansiedlung und Reorganisation innerhalb eines geographischen Raumes führt.

Auf charakteristische Institutionen einzelner matrilinearer Gesellschaften wird im nachfolgenden Abschnitt eingegangen: welche Bedeutung sie innerhalb der Gesellschaft besitzen und warum sie gerade unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen entstanden? Es werden die Masken- und Geheimbund-Traditionen beschrieben - als Beispiel dient der nyau-Geheimbund der Männer - und auf die elaborierten Initiationsriten für Mädchen im Pubertätsalter eingegangen.

Die Informationen über die Masken- und Geheimbundtraditionen im südlichen Afrika beruhen auf den Darstellungen von Gerhard Kubik: ,,NYAU. - Maskenbünde im südlichen Malawi``, und ,,Makisi Nyau Mapiko - Maskentraditionen im bantu-sprachigen Afrika``. Wertvoll waren aber auch die Filmdokumente, die in den Lehrveranstaltungen gezeigten wurden. Der Ablauf der öffentlichen Auftritte von Maskenfiguren, ihr Aussehen und die Tanzbewegungen wurden mittels Video-Filmen gezeigt, ebenso wie die Reaktionen des Publikums, wie Frauen auf einzelne Masken reagierten und die akustische Begleitung. Diese Verbindung der schriftlichen, bildlichen und akustischen Ausführungen waren gerade in diesem Bereich eine wertvolle Ergänzung. Insgesamt haben die Geheimbünde der Männer zugleich soziale, erzieherische, gemeinschaftsbildende und religiöse Funktionen innerhalb der Gesellschaft zu erfüllen.

Als Beispiele für die Betrachtung von gesellschaftlichen Variationsmöglichkeiten innerhalb der Traditionen wurde die (1) Maravi-Nachfolgebevölkerung mit dem heutigen Siedlungsgebiet in Malawi, Ostzambia, nördliche und zentrale Moçambique; (2) die Lunda-Bevölkerung, den heutigen -Luvale in der Nordwestprovinz Zambias, (3) die Zigua- und Ngulu-Bevölkerung von Ost-Tanzania und zuletzt (4) die Bemba-Bevölkerung im nördlichen Hochplateau von Nord-Rhodesien (Zambia) herangezogen.

Der traditionellen Erziehung von Mädchen wird bei den genannten Gesellschaften besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Merkwürdig erscheint in diesem Zusammenhang, daß sie gerade dazu dienen, den Mädchen ihre zukünftige Stellung als Ehefrau zu vermitteln, d.h. sie auf eine dem Ehemann untergeordnete Situation vorzubereiten. Frauen erreichen erst einen höheren Status, wenn sie in einer aufrechten Ehe leben und Kinder in die Welt setzen. Die uxorilokale Residenz stärkt aber insgesamt das Selbstbewußtsein der Frauen, sie können jederzeit auf die Unterstützung von ihren matrilinearen Verwandten zählen. Ehemänner leben von ihrer matrilinearen Abstammungsgruppe getrennt, müssen mit nicht-verwandten Männern kooperieren und versuchen einen Ersatz für ihre Verwandtschaftsgruppe - z.B. in Masken- und Geheimbünden - zu finden. Daraus entstehen männliche Solidaritätsgruppen, die in öffentlichen Auftritten ihre Zusammengehörigkeit stärken.

Die Sozialorganisation der Bemba-Bevölkerung weist dabei die markantesten Unterschiede auf: es fehlen Maskentraditionen, die Angehörigen der aristokratischen Lineage haben ein Anrecht auf Statuspositionen, nicht nur Männer, sondern auch Frauen (als ,,Headwomen`` mit einem territorialen Einflußgebiet), die Feldforschungsergebnisse beziehen sich auf die 1930er Jahre.

Bei der Bemba-Bevölkerung als typischer Ranggesellschaft konnte die von William Tulio Divale aufgestellte Theorie am deutlichsten bestätigt werden. Es heißt in den Oraltraditionen, daß sie von ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet in Belgisch-Kongo Mitte des 18. Jahrhunderts den Lualaba-Fluß überquerten und in ihr heutiges Siedlungsgebiet gelangten. Ihre kriegerischen Traditionen sollen sich erst mit ihrer nachfolgenden Expansion entwickelt haben, als sie die dort ansässige Bevölkerung verdrängten oder integrierten.

Allen matrilinearen Gesellschaften ist gemeinsam, daß sie sich besonders durch ihre Anpassungsfähigkeit auszeichnen. Am Beispiel der Bemba wird dies nachgewiesen: grundsätzlich folgen sie einer unilinearen Abstammung, bilden also matrilineare Abstammungsgruppen mit der Ausnahme der Adoption. Die Möglichkeit der Adoption von neuen Mitgliedern in eine Abstammungsgruppe wird von matrilinearen Gesellschaften immer wieder genutzt, z.B. um den Fortbestand von Lineages zu sichern; dies hat unter anderem auch damit zu tun, daß die externale Kriegführung die Zahl der ehefähigen Männer drastisch reduzieren kann (siehe dazu die Beispiele der irokesischen Stämme). Bei der Bemba-Bevölkerung wird eine zusätzliche Kooperationsgruppe gebildet, die auf einer bilateralen Basis beruht. Diese Kooperationsgruppenbildung erhält vor allem bei der Dorfsegmentierung einen hohen Stellenwert und dürfte aus diesem Grunde auch für alle anderen matrilinearen Gesellschaften gelten, zumindest solange die Möglichkeit der Dorfsegmentierung besteht.

Gemeinsam ist allen genannten matrilinearen Gesellschaften, daß sie heute bzw. bis vor nicht allzu langer Zeit uxorilokal und matrilinear organisiert waren und zur Zeit der Feldforschungsaufzeichnungen von der Subsistenzwirtschaft mit Brandrodungsfeldbau lebten. In ihren Konfliktlösungsstrategien zwischen den Geschlechtern, zwischen Männern und Männern, Frauen und Frauen haben sie unterschiedliche Traditionen entwickelt. Als markantes Merkmal gilt, daß matrilineare Gesellschaften aggressives Handeln fast ausschließlich nach außen richten, aggressives Verhalten innerhalb einer Dorfgemeinschaft wenig schätzen und ein harmonisches Zusammenleben angestrebt wird. Das Verhalten von Maskenfiguren während der öffentlichen Auftritte steht dazu im Gegensatz: in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen werden impulsive, aber auch aggressive Tendenzen sichtbar. Dies könnte eine Form von Aggressivitätsbewältigung von Männern sein.

Im letzten Kapitel werden am Beispiel von Sumatra die frühen Einflüsse durch Handelsbeziehungen zwischen Indien und China in einem historischen Überblick zusammengefaßt. Die geographische Lage Sumatras und der damit verbundene Güter- und Ideenaustausch, der über Jahrhunderte stattfand, bevor die ersten Europäer in die Region kamen, waren wesentlich für die entstehende Minangkabau-Identität. Das Entstehen und der Zerfall von religiösen, politischen und handelsorientierten Zentren war immer mit Migrationsbewegungen verbunden. Es wird aufgrund von Inschriften, verschriftlichten Oraltraditionen und Mythen angenommen, daß von einer Minangkabau-Identität erst ab dem 14./15. Jahrhundert gesprochen werden kann und dies dürfte mit dem Zerfall des lange Zeit bedeutendsten Chiefdoms auf Sumatra zusammengefallen sein, nämlich Srivijaya. Obwohl alle Voraussetzungen für die Bildung eines neuen Zentrums bestanden - ähnlich wie bei den nördlich siedelnden Batak-Bevölkerungsgruppen - wurde im Hochland kein politisches, religiöses Zentrum gebildet. Daraus wird geschlossen, daß für die Minangkabau keine ,,Notwendigkeit`` für eine Zentrumsbildung bestand: (1) das Kernland der Minangkabau gilt als typisches Rückzugsgebiet, hatte also kaum mit Überfällen zu rechnen und war hervorragend für den Naßreisanbau geeignet; (2) die Küstenorte waren für die Handelsbeziehungen wesentlich, aber kaum geeignet für das Entstehen eines politischen, religiösen Zentrums, da die klimatischen Bedingungen äußerst ungünstig waren, wie auch der Mangel an ausreichenden Anbauflächen für Reis, die zur Versorgung eines Zentrums notwendig gewesen wären; (3) aber auch die ungeschützte Lage an der Küste dürfte für den Rückzug verantwortlich sein, denn Raubzüge, Überfälle und Zerstörung von Zentren war eine übliche Form von militärischer Überlegenheit. Daraus wird gefolgert, daß die späteren Minangkabau aus der Geschichte ihre Konsequenzen gezogen haben und ein sicheres Rückzugsgebiet als neues Siedlungsgebiet eroberten und gleichzeitig über Handelswege (Fußwege und Flüsse) einen Zugang zu den Küsten hatten.

Ungeklärt bleibt bei der Minangkabau-Bevölkerung wann sich ihre matrilineare Gesellschaftsorganisation entwickelte und seit wann es ihr traditionelles adat-Haus gibt. Denn in der Literatur wurden kaum Hinweise gefunden, welche Bedeutung die Kriegführung hatte. Es wird auf die Frage eingegangen, warum bei der Minangkabau-Bevölkerung im Hochland bis heute das matrilineare System - Uxorilokalität, matrilineare adat-Rechtstraditionen (Vererbung von Grund und Boden über die weibliche Linie), das traditionelle adat-Haus als Einheit einer matrilinearen Sublineage unter einem Dach - besteht, obwohl der Islam übernommen wurde. Die Minangkabau haben eine Rechtstradition entwickelt, die sowohl die matrilinearen adat-Rechtstraditionen als auch teilweise das islamische Recht einschließt. In der Geschichte der Minangkabau haben die Holländer als Kolonialmacht ebenso wie der Islam und die heutigen Bildungschancen in den Großstädten ihre Spuren hinterlassen, aber dennoch verändern sich die Traditionen im Hochland weniger rasch, als vermutet werden könnte. Die Bevölkerung lebt im Hochland weiterhin vom Reisanbau, heute vermehrt in Kernfamilien in einzelnen Häusern, die aber nach uxorilokalen Residenzmustern nebeneinander bestehen. Insgesamt scheint die Anpassungsfähigkeit an neue Situationen bei den Minangkabau einzigartig zu sein. Gerade an diesem Beispiel wird gezeigt, daß die Residenzregel der bestimmende Faktor für die Beibehaltung ihres Sozialsystems ist. Es wird auf die heutige Bedeutung der Migration eingegangen, die als Ersatz für die früher übliche Dorfsegmentierung angesehen wird.

In allen matrilinearen Gesellschaften besteht eine für Männer unsichere Situation, Scheidungen sind häufig und Männer sind auf ihre eigene Abstammungsgruppe angewiesen und müssen meist mit den Männern der Abstammungsgruppe der Frau kooperieren. Wie jede einzelne Gesellschaft mit dieser Situation umgeht, wird an den hier vorgestellten empirischen Beispielen gezeigt. Gleichzeitig wird vermutet, daß gerade die Anpassungsfähigkeit von matrilinearen Gesellschaften dazu beiträgt, daß sie sich unter bestimmten Umständen wieder zur patrilinearen Sozialorganisation reorganisieren.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, daß die Forschungsausrichtung bei den Spezialisten zu afrikanischen Regionen bzw. zu den Gesellschaften Indonesiens teilweise doch sehr unterschiedlich gelagert ist. Dies hatte für mich unter anderem zur Folge, daß der angestrebte Vergleich zwischen den gewählten matrilinearen Gesellschaften nur sehr beschränkt möglich war. So fehlen z.B. für die Minangkabau offenbar Untersuchungen zu Initiationsriten - insbesondere für Mädchen, welche etwa bei den Bemba in Afrika eine große Bedeutung haben. Ebenso fehlen für die Minangkabau Studien zur Kriegführung vor der Kolonialzeit, wogegen z.B. ihren Handelsbeziehungen reichlich Raum gewidmet wird. Es ist überhaupt bedauerlich, daß der in der Ethnologie so oft gepriesene ,,ganzheitliche Ansatz`` in der praktischen Forschung kaum realisiert wird. Dies machte meine Untersuchung, welche ja auf matrilineare Gesellschaften abzielte, viel schwieriger, als ich ursprünglich angenommen hatte. Ich hoffe dennoch einige wesentliche Besonderheiten matrilinearer Gesellschaften herausgearbeitet zu haben, die als Ausgangsmaterial für weitere Untersuchungen dienen könnten.

[]Familialisierung von sozialen Beziehungen [Kapitel 1:]


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Isabella Andrej
1999-03-04