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2.1 Der Evolutionismus des 19. Jahrhunderts aus der Sicht der Gegenwart

Bachofen und andere Evolutionisten hatten ausgezeichnete Kenntnisse über die überlieferten Werke der Antike. In der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts war es Pflicht, die antiken Schriftsteller zu kennen und ihre Werke im Original gelesen zu haben. Der Entwicklungsgedanke, d.h. die Herausbildung neuer Formen aus bereits bestehenden, ist alt. Die antiken Autoren Hesiod und Lukrez hatten z.B. die Vorstellung, daß die Geschichte der Menschheit zyklisch verlaufe. In der antiken Wissenschaft wurde ,,Geschichte`` als zyklische Wiederkehr des Gleichen gesehen, in der alle Epochen vergehen und zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren. Sie setzten Entwicklung und Fortschritt gleich. Ihnen fehlten aber keinesfalls lineare Entwicklungsschemata, wie z.B. das Organismus-Modell in der Kultur- und Gesellschaftsanalyse, das verschiedene Konzepte von kultureller Entwicklung vorsah. Diese Thematik sollte im Zeitalter der Aufklärung erneut aktuell werden.2.3

Der Fortschrittsgedanke war auch im Mittelalter bekannt, und die Vergangenheit wurde in Epochen gedacht. Vom islamischen Gelehrten Ibn Khaldun (1332-1406) stammt die Theorie des Kreislaufes, des Wachstums und Vergehens von Kulturen.2.4 Das christliche Geschichtsbild des Mittelalters in Europa war auf die Bibel konzentriert, und deren Autoritäten verbanden damit den Glauben an die Wiederkehr Christi am Ende der Welt. Die Geschichte der Menschheit war nach christlicher Auffassung allein die des Übels und der Sünde.2.5 Die christliche Kirche hat während des Mittelalters verstanden die Frau als minderwertiges Geschöpf darzustellen, z.B. bezieht sich Thomas von Aquin auf Aristoteles und schreibt über die Frau folgendes: es ist ,,ein mißbildeter Mann, eine entartete Varietät des Mannes``. Am Ende des Mittelalters erreicht die Verachtung der Frau in den Hexenverfolgungen und -verbrennungen ihren Höhepunkt. Über die Frauenfeindlichkeit schreibt Ute Gerhard folgendes: ,,Der durch Hexenwahn, Teufelsglauben und grausame Folterpraxis verfinsterte Rechtshimmel klärte sich auch über den Frauen auf, seitdem mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts die Hexenprozesse abnahmen.``2.6

Zu Beginn der Neuzeit, mit den ersten intensiveren Kontakten zu ,,Primitiven``, kam es zur Unterscheidung zwischen vernunftbegabten, d.h. Christen, und nicht vernunftbegabten Menschen. Mit dieser Einteilung schufen sich die Europäer ihre Abgrenzung vom Rest der Welt; aber diese Festlegung verhinderte zunächst, daß - mit wenigen Ausnahmen - Entwicklungstheorien aufgestellt werden konnten. Giovanni Battista Vico (1668-1744) entwarf in seinem Werk: ,,Grundzüge einer neuen Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der Völker`` (1725) eine zyklische Entwicklungstheorie, die zur Begründung der Völkerpsychologie und zur neueren, idealistischen Geschichtsphilosophie führte.2.7 Die Bibel wurde als Ausgangspunkt gesehen, und daraus geschlossen, daß es schon zu Beginn der Menschheitsgeschichte ,,entwickelte`` Gesellschaften gab, die später nach der Vertreibung aus dem Paradies eine Degeneration erfuhren. Der Geschichtsverlauf der sogenannten ,,Naturvölker`` - im Sinne des 19. Jahrhunderts - wurde als eine Entwicklung zum Positiven gesehen, der als Fortschritt zu interpretieren sei.2.8 Diese frühen Theorien über den Gesellschaftswandel sprachen den Jäger- und Sammlergesellschaften jegliche Entwicklungsfähigkeit ab.2.9

Die eigentlichen Vorläufer der klassischen Evolutionisten des 19. Jahrhunderts waren aber die schottischen Gelehrten der Aufklärung. Ihnen wurde erstmals durch die Auswirkungen der ,,Industriellen Revolution`` und der kolonialen Expansion der Europäer bewußt, daß die gesellschaftlichen Zustände unablässig großen Veränderungen unterworfen sind. Adam Ferguson (1723-1816) schuf mit seiner dreiteiligen Periodisierung der Menschheitsgeschichte - die Epochen der Wildheit (savagery), der Barbarei (barbarism) und der Zivilisation (civilization) - die Grundlage für die Stufentheorie der Evolutionisten. Fast gleichzeitig entstanden die ebenfalls einflußreichen Stufentheorien von Immanuel Kant (1724-1804), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Antoine Condorcet (1743-1794).2.10

Henry Lewis Morgan übernahm - wie später viele andere - das Dreiperiodensystem und unterlegte ihm folgende Erklärung:


11 Schließlich ist noch zu bemerken, daß die Kultur der Menschheit überall ziemlich den gleichen Weg durchlaufen hat, daß die menschlichen Bedürfnisse unter ähnlichen Bedingungen ziemlich dieselben gewesen sind, und daß die Wirkungen der geistigen Tätigkeit kraft der Übereinstimmung des Gehirns aller Menschenrassen gleichförmig gewesen sind. Doch ist dies nur ein Teil der Erklärung jener Gleichförmigkeit in den Resultaten. Die Keime der hauptsächlichsten Institutionen und Künste des Lebens entwickelten sich zu einer Zeit, wo die Menschen noch Wilde waren. In sehr großem Umfang ist die Erfahrung der nachfolgenden Perioden der Barbarei und Zivilisation auf die Weiterentwicklung dieser ursprünglichen Auffassungen verwandt worden. Überall wo auf verschiedenen Kontinenten ein Zusammenhang zwischen einer gegenwärtigen Institution und einem gemeinsamen Keim sich auffinden läßt, kann man auf die Herkunft der betreffenden Völker selbst von einem gemeinsamen ursprünglichen Grundstamm schließen.2.11

Der Evolutionsgedanke wurde im 19. Jahrhundert weiterentwickelt und bildete die Grundlage zahlreicher neuer Wissenschaftsdisziplinen: Die Ethnologie, Völkerkunde, Kulturanthropologie, Sozialanthropologie, etc., wie auch immer die Bezeichnung für die Wissenschaft vom Menschen und seinen geistigen und gesellschaftlichen Leistungen lautet, war geboren. Die wichtigsten Vertreter und damit Begründer dieser Wissenschaftsdisziplin waren: Lewis Henry Morgan (1818-1881), Henry Sumner Maine (1822-1888), Edward Burnett Tylor (1832-1917); Herbert Spencer (1820-1906) mit seiner soziologischen Evolutionstheorie, die einen tiefgreifenden Einfluß auf die Sozialanthropologie ausübte; und nicht zuletzt Johann Jakob Bachofen (1815-1887).

Die evolutionistischen Theorien fanden aber nicht nur Anerkennung, sondern lösten als kritische Gegenbewegung zum Evolutionismus in den USA den Kulturrelativismus aus, z.B. Franz Boas (1858-1942) und Robert Henry Lowie (1883-1957).2.12 Die Kulturrelativisten lehnten jede Frage nach dem Maßstab zur Bewertung von Gesellschaften auf einer evolutionistischen Werteskala entschieden ab.2.13

Die Struktur- und Funktionalisten stellten alle Vermutungen des klassischen Evolutionismus in Frage. Radcliffe-Brown z.B. verurteilte die diffusionistischen Rekonstruktionsversuche und Behauptungen der Evolutionisten über die Ursprünge von Institutionen und forderte vergleichende soziologische Untersuchungen.

Die Schüler von Boas - Goldenweiser, Kroeber und Lowie - griffen den Evolutionsgedanken wieder auf und forderten eine Weiterentwicklung der Evolutionstheorie. Diesem Gedanken wurde ab Mitte des 20. Jahrhunderts in der amerikanischen cultural Anthropology erneut Aufmerksamkeit geschenkt. Leslie White (1900-1975) stellte die Behauptung auf, daß der Fortschritt einer Gesellschaft vom Energieverbrauch pro-Kopf abhängig sei. Seine Theorie besagt, daß Neuerungen im technologischen Bereich entsprechende Entwicklungen in allen anderen Bereichen einer Gesellschaft mit sich bringen müssen.2.14 Diese Schlußfolgerung stellt aber ebenfalls eine Wertung dar und der Blickwinkel der Betrachtung geht eindeutig von der westlichen Industriegesellschaft aus.

Die Zeit des klassischen ethnologischen Evolutionismus kann heute zwischen 1860 und 1890 angesetzt werden. Die Anthropologie zweigte sich als Wissenschaft von der Geschichte ab und durch die Verknüpfung mit den Theorien des Evolutionismus entstand die cultural Anthropology.2.15 Die Schriften von Tylor, Morgan und Spencer lassen sich nach Sol Tax in ,,Die historische evolutionistische Schule`` einordnen.2.16 Der bestimmende Gedanke war der Glaube an den Fortschritt sowie an die Perfektionierung des Menschen (1760er Jahre), aber kombiniert mit dem neueren biokulturellen Evolutionismus (1860er Jahre). Ab 1860 fanden folgende Veränderungen statt, im wesentlichen bedingt durch exaktere Dokumentationsformen. Archäologische Reste aus der Ur- und Frühzeit fanden dabei besondere Beachtung, um Beweise für die Richtigkeit der neuen Theorien zu erbringen: (1) Die Ausgrabungen neolithisch-bronzezeitlicher Pfahlbauten in der Schweiz von F. Keller (1853/54) und des Neandertales 1854. (2) Durch die archäologischen Funde in Frankreich gelang der Nachweis für Menschen und Pflanzen im Pleistozän; Werkzeuge im Paläolithikum und der Fauna bei Abbeville, von Boucher de Perthes, der 1936 die paläolithische Steinindustrie im Tal der Sonne untersuchte. (3) Neben der Archäologie waren die Arbeiten des Geologen Charles Lyell und die Untersuchungsergebnisse der Früh- und Urgeschichte von Bedeutung. Sie ermöglichten durch ihre zeitliche Tiefe die Erfassung der menschlichen Evolution, aber auch vieler biologischer Arten.2.17

Charles Lyell wurde mit seinem Werk ,,Antiquity of Man`` (1863) zum Mitbegründer der modernen anthropologischen Theorie. Er verband die vorhandenen geologischen, archäologischen, linguistischen und ethnologischen Beweise zeitgenössischer Artifakte und ausgestorbener Tiere, deren Evolution zu den modernen Arten führten und stützte sich auf die Hypothese der Transformation, die tausende Jahre dazu benötigt hatte. Lyell schloß daraus, daß es bis zur Entstehung der modernen Menschheit unglaubliche Veränderungen gegeben haben muß.


11 If the earliest men had been as intelligent as modern Englishmen, we should now be finding:
$\ldots$ lines of buried railways or electric telegraphs, from which the best engineers of our day might gain invaluable hints; astronomical instruments and microscopes of more advanced construction than any known in Europe, and other indications of perfection in the arts and sciences, such as the nineteenth century has not yet witnessed. $\ldots$ Vainly should we be straining our imaginations to guess the possible uses and meaning of such relics, - machines, perhaps, for navigating the air or exploring the depths of the ocean, or for calculating arithmetical problems, beyond the wants or even the conception of living mathematicans.2.18
Nach Lyells Ansicht hatte die Menschheit in der geologischen Zeit der antiken Zivilisationen Ägyptens und Mesopotamiens einen höheren Stand erreicht als die Steinzeitmenschen und zeitgenössischen ,,Primitiven``, die nach seiner Meinung einem Degenerationsprozeß unterworfen sein mußten.2.19

Die Wissenschaft erhielt wertvolle Informationen über die antiken Bedingungen der Menschheit, die aber bei vielen zeitgenössischen ,,primitiven`` Gruppen - wie sie bemerkten - fehlten. Viele Autoren des 18. Jahrhunderts nutzten vorwiegend die Griechen und Römer der Antike als Quellen, und glaubten an ein Drei-Zeitalter-System in Form von Stein-Bronze-Eisen Abschnitten in der Technologie.2.20



 
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Isabella Andrej
1999-03-04